Betrieb­li­che Ent­gelt­grund­sät­ze – und die Erhö­hung des Mindestlohns

Allein die Zah­lung des gesetz­li­chen Min­dest­lohns bedingt kei­ne Ände­rung mit­be­stimm­ter Entlohnungsgrundsätze.

Betrieb­li­che Ent­gelt­grund­sät­ze – und die Erhö­hung des Mindestlohns

Die Arbeit­ge­be­rin ist nicht ver­pflich­tet, die gemein­sam mit dem Betriebs­rat gestal­te­te betrieb­li­che Ver­gü­tungs­ord­nung allein auf­grund einer erfolg­ten Erhö­hung des gesetz­li­chen Min­dest­lohns anzupassen.Das ergab für das Bun­des­ar­beits­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall die Aus­le­gung der getrof­fe­nen Fest­le­gun­gen1.

Im vor­lie­gen­den Fall betreibt die nicht tarif­ge­bun­de­ne Arbeit­ge­be­rin Ein­rich­tun­gen für psy­chisch erkrank­te Men­schen. Sie beschäf­tigt zu die­sem Zweck über­wie­gend Sozi­al­ar­bei­ter. In ihrem Betrieb ist der antrag­stel­len­de Betriebs­rat gewählt. Mit ihm ver­ein­bar­te sie am 22.02.2018 eine „Regelungsabrede/​Betriebsvereinbarung zur Ent­gelt­ord­nung und zu sons­ti­gen Arbeits­be­din­gun­gen 2018“ (ReBe). Die­se ent­hält ua. in ihrem Teil A „Rege­lun­gen zum Ent­gelt für Neu­ein­stel­lun­gen“. § 2 ReBe legt die „Ein­grup­pie­rung in Ent­gelt­grup­pen (EG)“ fest, wel­che in der Anla­ge 1 zur ReBe als „Ent­gelt­grup­pen­sche­ma“ näher gere­gelt ist. § 3 ReBe bestimmt tätig­keits­dau­er­ab­hän­gi­ge Stu­fen inner­halb der ein­zel­nen Ent­gelt­grup­pen. § 4 Abs. 1 ReBe sieht vor, dass sich die „Höhe des Tabel­len­ent­gelts der Arbeitnehmer*innen (Grund­ver­gü­tung) ein­schließ­lich der pro­zen­tua­len Abstän­de der ein­zel­nen Beträ­ge … aus der Anla­ge 2“ zur ReBe ergibt. In der Anla­ge 2a zur ReBe (Refe­renz­ta­bel­le 2018) sind für alle 13 Ent­gelt­grup­pen und den jeweils für die­se gel­ten­den sechs Stu­fen Pro­zent­zah­len ange­ge­ben. Für die Stu­fe 1 in der EG 9 – der die Sozi­al­ar­bei­ter zuge­ord­net sind – ist der Wert „100,00“ aus­ge­wie­sen. In den wei­te­ren Stu­fen die­ser, den letz­ten bei­den Stu­fen der EG 8 und in allen Stu­fen der höhe­ren Ent­gelt­grup­pen stei­gen die Pro­zent­zah­len über „100,00“ suk­zes­si­ve an; in den (ande­ren) Stu­fen der Ent­gelt­grup­pen 1 bis 8 sind nied­ri­ge­re Wer­te aus­ge­wie­sen. Die Pro­zent­zahl für die Stu­fen 1 und 2 der EG 2 und für alle Stu­fen der EG 1 beläuft sich auf 54,48. Die Anla­ge 2b zur ReBe (Ver­gü­tungs­ta­bel­le 2018) weist in zah­len­mä­ßi­ger Höhe die Monats- und Stun­den­ver­gü­tun­gen der jewei­li­gen Ent­gelt­grup­pe und Stu­fe aus. Bei EG 9 Stu­fe 1 ist eine Stun­den­ver­gü­tung iHv. 16,33 € ange­führt. Bei EG 1 Stu­fe 1 bis 6 sowie bei EG 2 Stu­fe 1 und 2 ist jeweils eine Stun­den­ver­gü­tung iHv. 8,90 € – was 54,48 % von 16,33 € ent­spricht – ange­ge­ben; bei der EG 2 beträgt sie 9,04 € in Stu­fe 3, 9,25 € in Stu­fe 4 und 9,45 € in Stu­fe 5. Dane­ben regelt § 5 ReBe ua. pro­zent­be­zo­ge­ne Zeit­zu­schlä­ge für Arbeit an Sams­ta­gen, Sonn- und Fei­er­ta­gen sowie bestimm­ten Vor­fest­ta­gen. Ab dem 1.01.2019 zahl­te die Arbeit­ge­be­rin den in EG 1 und EG 2 Stu­fe 1 bis 3 ein­grup­pier­ten Beschäf­tig­ten den ab die­sem Zeit­punkt von 8,84 € auf 9,19 € erhöh­ten gesetz­li­chen Min­dest­lohn je Zeitstunde.

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Das Bun­des­ar­beits­ge­richt ver­nein­te einen ent­spre­chen­den Anpas­sungs­an­spruch des Betriebs­rats: Weder Wort­sinn noch Sys­te­ma­tik oder Sinn und Zweck der ein­schlä­gi­gen Rege­lun­gen von § 4 Abs. 1 ReBe und ihrer Anla­gen 2a und 2b deu­ten dar­auf hin, dass die Betriebs­par­tei­en einen dyna­mi­sier­ten Mecha­nis­mus der „Ver­gü­tungs­ab­stands­an­pas­sung“ in Abhän­gig­keit von der gesetz­li­chen Min­dest­lohn­hö­he ver­ein­bart haben. Mit der Refe­renz­ta­bel­le 2018 haben sie – in Umset­zung der Mit­be­stim­mung des Betriebs­rats bei der Auf­stel­lung von Ent­loh­nungs­grund­sät­zen nach § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG – aus­ge­hend von der EG 9 Stu­fe 1 („100, 00“) bestimm­te Pro­zent­zah­len ent­gelt­grup­pen­be­zo­gen (ver­ti­kal) und stu­fen­be­zo­gen (hori­zon­tal) aus­ge­wie­sen. Damit sind, wie bei einer Gestal­tung von betrieb­li­chen Ent­loh­nungs­grund­sät­zen nicht unty­pisch, pro­zen­tua­le Abstän­de zu einem sog. Eck­lohn fest­ge­legt. In der Ver­gü­tungs­ta­bel­le 2018 sind dem­ge­gen­über – ent­spre­chend den fest­ge­leg­ten Ent­gelt­ab­stän­den – ent­gelt­grup­pen- und stu­fen­be­zo­ge­ne (Grund-)Stundenentgelte in einer bestimm­ten Höhe ange­ge­ben. Ob die Betriebs­par­tei­en – wofür § 4 Abs. 1 ReBe spre­chen könn­te – damit auch die nicht der zwin­gen­den Mit­be­stim­mung des § 87 Abs. 1 Nr. 10 BetrVG unter­lie­gen­de Ent­gelt­hö­he gere­gelt haben, kann eben­so dahin­ste­hen wie die Fra­ge, ob eine sol­che Fest­le­gung der Rege­lungs­sper­re des § 77 Abs. 3 Satz 1 BetrVG unter­lä­ge. Selbst wenn die Ver­gü­tungs­ta­bel­le 2018 nur zu Klar­stel­lungs­zwe­cken for­mu­liert wur­de, ergä­be sich kein dem Ver­ständ­nis des Betriebs­rats ent­spre­chen­der Rege­lungs­in­halt der ReBe.

Die Betriebs­par­tei­en haben für den Fall einer Erhö­hung des gesetz­li­chen Min­dest­lohns kei­ne – wie auch immer gear­te­te – nomi­nel­le, den pro­zen­tua­len Vor­ga­ben in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 ent­spre­chen­de Anpas­sung der die­sen über­stei­gen­den Tabel­len­ent­gel­te ver­ein­bart. Ein den streit­be­fan­ge­nen Maß­ga­ben ent­spre­chen­der Rege­lungs­in­halt von § 4 Abs. 1 ReBe und den Anla­gen 2a und 2b zur ReBe könn­te in Betracht zu zie­hen sein, sofern die kon­kre­te Fest­le­gung der nied­rigs­ten Stun­den­ver­gü­tung in der Ver­gü­tungs­ta­bel­le 2018 dem im Zeit­punkt des Abschlus­ses der ReBe gel­ten­den Min­dest­stun­den­lohn ent­sprä­che und zudem aus­ge­hend vom jewei­li­gen Min­dest­lohn in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 die pro­zen­tua­len Abstän­de ledig­lich umrech­nend-dekla­ra­to­risch aus­ge­wie­sen wor­den wären. Gegen ein sol­ches Rege­lungs­ver­ständ­nis spricht aber zum einen, dass am 22.02.2018 der Min­dest­lohn je Zeit­stun­de 8, 84 Euro betrug, wäh­rend das Tabel­len­ent­gelt der Anla­ge 2b zur ReBe bereits eine Stun­den­ver­gü­tung iHv. min­des­tens 8, 90 Euro aus­weist. Zum ande­ren sind alle pro­zen­tua­len Wer­te in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 an der Höhe des „Eck­lohns“ und damit der Stu­fe 1 der EG 9 aus­ge­rich­tet. Das zeigt, dass die Betriebs­par­tei­en die Ver­gü­tung weder mit den pro­zen­tua­len Abstän­den in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 noch mit den nomi­nell ver­fass­ten Anga­ben in der Ver­gü­tungs­ta­bel­le 2018 in eine – wie auch immer gear­te­te – Abhän­gig­keit von der Min­dest­lohn­hö­he gestellt haben.

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Das Gebot der geset­zes­kon­for­men Aus­le­gung zwingt nicht zu einem gegen­tei­li­gen Ver­ständ­nis. Die Rege­lun­gen des Min­dest­lohn­ge­set­zes (MiLoG) tan­gie­ren die Rege­lungs­be­fug­nis­se der Betriebs­par­tei­en nicht. Der Min­dest­lohn­an­spruch aus § 1 Abs. 1 MiLoG ist ein gesetz­li­cher Anspruch, der eigen­stän­dig neben den arbeits- oder tarif­ver­trag­li­chen Ent­gelt­an­spruch tritt. § 3 MiLoG führt bei Unter­schrei­ten des gesetz­li­chen Min­dest­lohns zu einem Dif­fe­renz­an­spruch2. Das gilt auch bei einem in einer Betriebs­ver­ein­ba­rung fest­ge­leg­ten Ent­gelt, das den gesetz­li­chen Min­dest­lohn unter­schrei­tet. Eine ent­spre­chen­de Rege­lung ist nicht im Hin­blick auf das MiLoG unwirk­sam3.

Die Betriebs­par­tei­en haben für den Fall einer Erhö­hung des gesetz­li­chen Min­dest­lohns kei­ne – wie auch immer gear­te­te – nomi­nel­le, den pro­zen­tua­len Vor­ga­ben in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 ent­spre­chen­de Anpas­sung der die­sen über­stei­gen­den Tabel­len­ent­gel­te ver­ein­bart. Ein den streit­be­fan­ge­nen Maß­ga­ben ent­spre­chen­der Rege­lungs­in­halt von § 4 Abs. 1 ReBe und den Anla­gen 2a und 2b zur ReBe könn­te in Betracht zu zie­hen sein, sofern die kon­kre­te Fest­le­gung der nied­rigs­ten Stun­den­ver­gü­tung in der Ver­gü­tungs­ta­bel­le 2018 dem im Zeit­punkt des Abschlus­ses der ReBe gel­ten­den Min­dest­stun­den­lohn ent­sprä­che und zudem aus­ge­hend vom jewei­li­gen Min­dest­lohn in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 die pro­zen­tua­len Abstän­de ledig­lich umrech­nend-dekla­ra­to­risch aus­ge­wie­sen wor­den wären. Gegen ein sol­ches Rege­lungs­ver­ständ­nis spricht aber zum einen, dass am 22.02.2018 der Min­dest­lohn je Zeit­stun­de 8, 84 Euro betrug, wäh­rend das Tabel­len­ent­gelt der Anla­ge 2b zur ReBe bereits eine Stun­den­ver­gü­tung iHv. min­des­tens 8, 90 Euro aus­weist. Zum ande­ren sind alle pro­zen­tua­len Wer­te in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 an der Höhe des „Eck­lohns“ und damit der Stu­fe 1 der EG 9 aus­ge­rich­tet. Das zeigt, dass die Betriebs­par­tei­en die Ver­gü­tung weder mit den pro­zen­tua­len Abstän­den in der Refe­renz­ta­bel­le 2018 noch mit den nomi­nell ver­fass­ten Anga­ben in der Ver­gü­tungs­ta­bel­le 2018 in eine – wie auch immer gear­te­te – Abhän­gig­keit von der Min­dest­lohn­hö­he gestellt haben.

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Das Gebot der geset­zes­kon­for­men Aus­le­gung zwingt nicht zu einem gegen­tei­li­gen Ver­ständ­nis. Die Rege­lun­gen des Min­dest­lohn­ge­set­zes (MiLoG) tan­gie­ren die Rege­lungs­be­fug­nis­se der Betriebs­par­tei­en nicht. Der Min­dest­lohn­an­spruch aus § 1 Abs. 1 MiLoG ist ein gesetz­li­cher Anspruch, der eigen­stän­dig neben den arbeits- oder tarif­ver­trag­li­chen Ent­gelt­an­spruch tritt. § 3 MiLoG führt bei Unter­schrei­ten des gesetz­li­chen Min­dest­lohns zu einem Dif­fe­renz­an­spruch2. Das gilt auch bei einem in einer Betriebs­ver­ein­ba­rung fest­ge­leg­ten Ent­gelt, das den gesetz­li­chen Min­dest­lohn unter­schrei­tet. Eine ent­spre­chen­de Rege­lung ist nicht im Hin­blick auf das MiLoG unwirk­sam3.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 27. April 2021 – 1 ABR 21/​20

  1. vgl. allg. zur Aus­le­gung von Betriebs­ver­ein­ba­run­gen zB BAG 13.10.2015 – 1 AZR 853/​13, Rn. 22, BAGE 153, 46[]
  2. grds. BAG 25.05.2016 – 5 AZR 135/​16, Rn. 22, BAGE 155, 202; seit­her st. Rspr., sh. etwa BAG 17.01.2018 – 5 AZR 69/​17, Rn. 12[][]
  3. vgl. zum Tarif­ver­trag BAG 26.06.2018 – 1 ABR 37/​16, Rn. 65, BAGE 163, 108[][]