Gemein­sa­mer Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men

Betriebs­rats­fä­hi­ge Orga­ni­sa­ti­ons­ein­hei­ten im Sin­ne von § 18 Abs. 2 BetrVG lie­gen ua. dann vor, wenn es sich bei den Ein­rich­tun­gen um Betrie­be im Sin­ne von § 1 Abs. 1 BetrVG han­delt.

Gemein­sa­mer Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men

Ein Betrieb im Sin­ne von § 1 Abs. 1 Satz 1 BetrVG ist eine orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit, inner­halb derer der Arbeit­ge­ber zusam­men mit den von ihm beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mern bestimm­te arbeits­tech­ni­sche Zwe­cke fort­ge­setzt ver­folgt 1. Ein Betrieb kann auch von meh­re­ren Arbeit­ge­bern als gemein­sa­mer Betrieb geführt wer­den. Davon geht das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz in sei­nem § 1 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 2 in der seit 28.07.2001 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Reform des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes vom 23.07.2001 aus.

Nach das Bun­des­ar­beits­ge­richts­recht­spre­chung vor dem Inkraft­tre­ten von § 1 BetrVG in der jet­zi­gen Fas­sung war von einem gemein­sa­men Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men aus­zu­ge­hen, wenn die in einer Betriebs­stät­te vor­han­de­nen mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Betriebs­mit­tel für einen ein­heit­li­chen arbeits­tech­ni­schen Zweck zusam­men­ge­fasst, geord­net und gezielt ein­ge­setzt wur­den und der Ein­satz der mensch­li­chen Arbeits­kraft von einem ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rat gesteu­ert wur­de. Dazu muss­ten sich die betei­lig­ten Unter­neh­men zumin­dest kon­klu­dent zu einer gemein­sa­men Füh­rung recht­lich ver­bun­den haben. Die­se ein­heit­li­che Lei­tung muss­te sich auf die wesent­li­chen Funk­tio­nen eines Arbeit­ge­bers in sozia­len und per­so­nel­len Ange­le­gen­hei­ten erstre­cken. Eine ledig­lich unter­neh­me­ri­sche Zusam­men­ar­beit genüg­te dage­gen nicht. Viel­mehr muss­ten die Funk­tio­nen des Arbeit­ge­bers in den sozia­len und per­so­nel­len Ange­le­gen­hei­ten des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes insti­tu­tio­nell ein­heit­lich für die betei­lig­ten Unter­neh­men wahr­ge­nom­men wer­den 2. Für die Fra­ge, ob der Kern der Arbeit­ge­ber­funk­tio­nen in sozia­len und per­so­nel­len Ange­le­gen­hei­ten von der­sel­ben insti­tu­tio­na­li­sier­ten Lei­tung aus­ge­übt wird, war vor allem ent­schei­dend, ob ein arbeit­ge­ber­über­grei­fen­der Per­so­nal­ein­satz prak­ti­ziert wird, der cha­rak­te­ris­tisch für den nor­ma­len Betriebs­ab­lauf ist 3. Dar­an hat sich durch das Betriebs­ver­fas­sungs­re­form­ge­setz vom 23.07.2001 nichts geän­dert. Die von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze gel­ten wei­ter 4.

Nach § 1 Abs. 2 BetrVG in der seit dem 28.07.2001 gel­ten­den Fas­sung des Geset­zes zur Reform des Betriebs­ver­fas­sungs­ge­set­zes vom 23.07.2001 wird ein gemein­sa­mer Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men ver­mu­tet, wenn zur Ver­fol­gung arbeits­tech­ni­scher Zwe­cke die Betriebs­mit­tel sowie die Arbeit­neh­mer von den Unter­neh­men gemein­sam ein­ge­setzt wer­den (Nr. 1) oder wenn die Spal­tung eines Unter­neh­mens zur Fol­ge hat, dass von einem Betrieb ein oder meh­re­re Betriebs­tei­le einem an der Spal­tung betei­lig­ten Unter­neh­men zuge­ord­net wer­den, ohne dass sich dabei die Orga­ni­sa­ti­on des betrof­fe­nen Betriebs wesent­lich ändert (Nr. 2). In die­ser Vor­schrift hat der Gesetz­ge­ber den Begriff des gemein­sa­men Betriebs meh­re­rer Unter­neh­men nicht eigen­stän­dig defi­niert, son­dern unter Zugrun­de­le­gung des von der Recht­spre­chung ent­wi­ckel­ten Begriffs gere­gelt, dass unter den genann­ten Vor­aus­set­zun­gen ein gemein­sa­mer Betrieb meh­re­rer Unter­neh­men – wider­leg­bar – ver­mu­tet wird. Die Ver­mu­tungs­tat­be­stän­de die­nen dem Zweck, Betriebs­rä­ten und Wahl­vor­stän­den den in der Pra­xis oft schwer zu erbrin­gen­den Nach­weis einer Füh­rungs­ver­ein­ba­rung zu erspa­ren 5. Die von der Recht­spre­chung zum Gemein­schafts­be­trieb ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze gel­ten daher auch nach dem Inkraft­tre­ten des Betriebs­ver­fas­sungs­re­form­ge­set­zes wei­ter, wobei das Bestehen eines ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rats unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 1 Abs. 2 BetrVG ver­mu­tet wird. Grei­fen die Ver­mu­tungs­tat­be­stän­de nicht ein, besteht den­noch ein gemein­sa­mer Betrieb, wenn sich meh­re­re Unter­neh­men – aus­drück­lich oder kon­klu­dent, zur Füh­rung eines gemein­sa­men Betriebs recht­lich ver­bun­den haben 6.

Bei den Begrif­fen des Betriebs und des gemein­sa­men Betriebs meh­re­rer Unter­neh­men han­delt es sich um unbe­stimm­te Rechts­be­grif­fe. Bei der Beur­tei­lung, ob Unter­neh­men einen gemein­sa­men Betrieb bil­den, steht dem Gericht der Tat­sa­chen­in­stanz ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zu.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 13. Febru­ar 2013 – 7 ABR 36/​11

  1. vgl. für die st. Rspr. BAG 9.12.2009 – 7 ABR 38/​08, Rn. 22, AP BetrVG 1972 § 4 Nr.19 = EzA BetrVG 2001 § 1 Nr. 8; 13.08.2008 – 7 ABR 21/​07, Rn. 18 mwN, NZA-RR 2009, 255[]
  2. vgl. BAG 13.08.2008 – 7 ABR 21/​07, Rn.19 mwN, NZA-RR 2009, 255[]
  3. vgl. BAG 22.06.2005 – 7 ABR 57/​04, zu B II 1 der Grün­de mwN, AP BetrVG 1972 § 1 Gemein­sa­mer Betrieb Nr. 23 = EzA BetrVG 2001 § 1 Nr. 4; 24.01.1996 – 7 ABR 10/​95, zu B 3 b bb der Grün­de mwN, BAGE 82, 112[]
  4. vgl. zuletzt BAG 18.01.2012 – 7 ABR 72/​10, Rn. 25 mwN, AP BetrVG 1972 § 1 Gemein­sa­mer Betrieb Nr. 33 = EzA BetrVG 2001 § 1 Nr. 9[]
  5. vgl. BT-Drucks. 14/​5741 S. 33[]
  6. vgl. BAG 17.08.2005 – 7 ABR 62/​04, zu B III 2 der Grün­de mwN[]
  7. BAG 13.03.2013 – 7 ABR 47/​11, Rn. 24 ff. mwN[]