Kein Min­dest­lohn für Brief­dienst­leis­tun­gen

Vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­e­richt in Leip­zig war heu­te die Kla­ge gegen die Post­min­dest­lohn­ver­ord­nung erfolg­reich, das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat heu­te ent­schie­den, dass die am 1. Janu­ar 2008 in Kraft getre­te­ne Ver­ord­nung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Arbeit und Sozia­les über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen für die Bran­che Brief­dienst­leis­tun­gen (Post­min­dest­lohn­ver­ord­nung – BriefArbbV) 1 die Klä­ger in ihren Rech­ten ver­letzt. Mit die­ser Ver­ord­nung sind Min­dest­löh­ne für die Bran­che Brief­dienst­leis­tun­gen nach Maß­ga­be eines Tarif­ver­tra­ges für ver­bind­lich erklärt wor­den, den der von der Deut­sche Post AG domi­nier­te Arbeit­ge­ber­ver­band Post­diens­te e.V. und die Ver­ei­nig­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft "ver.di" im Novem­ber 2007 geschlos­sen haben. Die Brut­to-Min­dest­löh­ne betra­gen danach in den alten Bun­des­län­dern 8,40 € und in den neu­en Bun­des­län­dern 8 € und für Brief­zu­stel­ler 9,80 € bzw. 9 €.

Kein Min­dest­lohn für Brief­dienst­leis­tun­gen

Der Koali­ti­ons­aus­schuss der Regie­rungs­par­tei­en der sei­ner­zei­ti­gen gro­ßen Koali­ti­on einig­te sich am 18. Juni 2007 grund­sätz­lich unter ande­rem dar­auf, Min­dest­löh­ne durch Auf­nah­me wei­te­rer Bran­chen in das Arbeit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz zu ermög­li­chen. Am 24. August 2007 wur­de auf der Klau­sur­ta­gung der Bun­des­re­gie­rung in Mese­berg mit Blick auf das Aus­lau­fen des Mono­pols der Deut­schen Post AG für die Beför­de­rung von Stan­dard­brief­sen­dun­gen bis 50 g beschlos­sen, auch die Bran­che der Post­dienst­leis­tun­gen in das Gesetz ein­zu­be­zie­hen und damit den Weg für die Erstre­ckung eines reprä­sen­ta­ti­ven, d.h. von Tarif­part­nern, die min­des­tens die Hälf­te der Beschäf­tig­ten in der Bran­che ver­tre­ten, abge­schlos­se­nen Min­dest­lohn­ta­rif­ver­tra­ges frei­zu­ma­chen. Am 11. Sep­tem­ber 2007 bean­trag­ten der Arbeit­ge­ber­ver­band Post­diens­te e.V., dem nach den Urteils­fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg die Deut­sche Post AG und über­wie­gend von ihr gegrün­de­te oder ihr ange­schlos­se­nen Unter­neh­men ange­hö­ren, und ver.di beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les die Auf­nah­me der Bran­che Post­dienst­leis­tun­gen in das Gesetz und zugleich die All­ge­mein­ver­bind­li­cherklä­rung eines an die­sem Tag geschlos­se­nen Tarif­ver­tra­ges zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne in der Bran­che Post­diens­te. Der Gel­tungs­be­reich des Tarif­ver­tra­ges soll­te alle Betrie­be erfas­sen, die gewerbs- oder geschäfts­mä­ßig Brief­sen­dun­gen für Drit­te beför­dern, und zwar unab­hän­gig vom Anteil die­ser Tätig­keit an der Gesamt­tä­tig­keit des Betriebs.

Die gegen die Post­min­dest­lohn­ver­ord­nung kla­gen­den Arbeit­ge­ber, dar­un­ter die PIN Mail AG und die TNT Post Regio­ser­vice GmbH, erbrin­gen mit den von ihnen beschäf­tig­ten Zustel­lern Brief­dienst­leis­tun­gen. Sie sind Mit­glied in einem im Sep­tem­ber 2007 gegrün­de­ten Arbeit­ge­ber­ver­band. Die­ser und der eben­falls kla­gen­de Arbeit­ge­ber­ver­band, der BdKEP-Bun­des­ver­band der Kurier-Express-Post-Diens­te e.V., haben jeweils im Dezem­ber 2007 mit der bei­gela­de­nen Gewerk­schaft der Neu­en Brief- und Zustell­diens­te einen Tarif­ver­trag für das Gebiet der beklag­ten Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land abge­schlos­sen. Der dar­in ver­ein­bar­te Brut­tomin­dest­lohn liegt unter den in der strei­ti­gen Ver­ord­nung bestimm­ten Beträ­gen. Die Klä­ger begeh­ren die Fest­stel­lung, durch die Ver­ord­nung in ihren Grund­rech­ten der Koali­ti­ons­frei­heit bzw. der Berufs­frei­heit ver­letzt zu sein. Die Post­min­dest­lohn­ver­ord­nung sei von der Ermäch­ti­gungs­norm, dem Arbeit­neh­mer-End­sen­de­ge­setz, nicht gedeckt und nicht ver­fas­sungs­ge­mäß, weil sie ander­wei­ti­ge tarif­li­che Ent­gelt­ver­ein­ba­run­gen in der Brief­dienst­leis­tungs­bran­che ver­drän­ge.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin hat dem Fest­stel­lungs­be­geh­ren der Klä­ger mit Urteil vom 8. März 2008 statt­ge­ge­ben. Auf die Beru­fung der Beklag­ten wur­den die Kla­gen der Arbeit­ge­ber durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg , weil sie nicht zuläs­sig sei­en. Die Kla­ge des Arbeit­ge­ber­ver­ban­des sei zuläs­sig. Die BriefArbbV ver­let­ze den Arbeit­ge­ber­ver­band in sei­nem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG und sei ver­fah­rens­feh­ler­haft zustan­de gekom­men.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin hat statt­ge­ge­ben. Die hier­ge­gen von der Bun­des­re­pu­blik ein­ge­leg­te Beru­fung hat­te vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg nur teil­wei­se Erfolg, denn das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hielt die Kla­gen der Arbeit­ge­ber für unzu­läs­sig. Im Übri­gen – und damit auch in der Sache selbst – hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg das Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin jedoch bestä­tigt, die BriefArbbV ver­let­ze den Arbeit­ge­ber­ver­band in sei­nem Grund­recht aus Art. 9 Abs. 3 GG und sei ver­fah­rens­feh­ler­haft zustan­de gekom­men 2.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat im Revi­si­ons­ver­fah­ren das Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts auf­ge­ho­ben, soweit es die Kla­gen der Arbeit­ge­ber als unzu­läs­sig abge­wie­sen hat, und im Übri­gen die Revi­si­on der Beklag­ten zurück­ge­wie­sen. Damit hat­ten die Klä­ger mit ihrem Fest­stel­lungs­be­geh­ren ins­ge­samt Erfolg.

Auch die Fest­stel­lungs­kla­gen der Arbeit­ge­ber sind nach dem Urteil des Bun­des­ver­wal­tugns­ge­richts zuläs­sig. Das fest­stel­lungs­fä­hi­ge strei­ti­ge Rechts­ver­hält­nis zwi­schen der Beklag­ten und den Klä­gern fol­ge aus dem Mei­nungs­streit, ob die Klä­ger auf­grund der Post­min­dest­lohn­ver­ord­nung ver­pflich­tet sind, ihren Arbeit­neh­mern den dort fest­ge­setz­ten Min­dest­lohn zu bezah­len.

Die Kla­gen sei­en auch begrün­det. Die Post­min­dest­lohn­ver­ord­nung ver­let­ze die Rech­te der Klä­ger, weil die Beklag­te bei deren Erlass das gesetz­lich in § 1 Abs. 3a Satz 2 Arbeit­neh­mer-Ent­sen­de­ge­setz a.F. vor­ge­schrie­be­ne Betei­li­gungs­ver­fah­ren nicht ein­ge­hal­ten habe. Danach hat das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les vor Erlass der Rechts­ver­ord­nung den in deren Gel­tungs­be­reich fal­len­den Arbeit­ge­bern und Arbeit­neh­mern sowie den Par­tei­en des Tarif­ver­tra­ges Gele­gen­heit zur schrift­li­chen Stel­lung­nah­me zu geben. Dies sei nicht in dem vom Gesetz vor­ge­schrie­be­nen Maße gesche­hen. Damit sei­en die Betei­li­gungs­rech­te der Klä­ger ver­letzt wor­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 28. Janu­ar 2010 – 8 C 19.09

  1. Bun­des­an­zei­ger Nr. 242, S. 8410[]
  2. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 18.12.2008 – 1 B 13.08[]
  3. Bun­des­an­zei­ger vom 29.12.2007, Nr. 242 S. 8410[]