Das psych­ia­tri­sche Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten im Betreuungsverfahren

Ent­schließt sich das Gericht im Rah­men sei­ner Amts­er­mitt­lungs­pflicht in einem Betreu­ungs­ver­fah­ren zur Ein­ho­lung eines psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens und will es die­ses Gut­ach­ten als Tat­sa­chen­grund­la­ge für sei­ne Ent­schei­dung her­an­zie­hen, muss es den Betrof­fe­nen grund­sätz­lich auch dann per­sön­lich anhö­ren, wenn es im Ergeb­nis des Ver­fah­rens von der (erst­ma­li­gen) Bestel­lung eines Betreu­ers abse­hen oder eine bestehen­de Betreu­ung auf­he­ben will1.

Das psych­ia­tri­sche Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten im Betreuungsverfahren

Zwar ord­net § 278 Abs. 1 Satz 1 FamFG eine per­sön­li­che Anhö­rung nur vor der Bestel­lung eines Betreu­ers für den Betrof­fe­nen an. Damit ist aber nicht die Aus­sa­ge ver­bun­den, dass es einer per­sön­li­chen Anhö­rung dann, wenn es nicht zur Betreu­er­be­stel­lung kommt, grund­sätz­lich nicht bedarf. Sieht das Gericht in sol­chen Fäl­len, in denen es im Ergeb­nis eine Betreu­er­be­stel­lung ableh­nen will, von vorn­her­ein von einer per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen ab, ver­kürzt es damit sei­ne Ermitt­lungs­pflicht in einer Wei­se, die mit dem durch das Betreu­ungs­recht gewähr­leis­te­ten Erwach­se­nen­schutz nicht zu ver­ein­ba­ren ist. Denn die per­sön­li­che Anhö­rung dient nicht nur der Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs, son­dern hat vor allem den Zweck, dem Gericht einen unmit­tel­ba­ren Ein­druck von dem Betrof­fe­nen zu ver­schaf­fen. Ihr kommt damit auch in den Fäl­len, in denen sie nicht durch Gesetz vor­ge­schrie­ben ist, eine zen­tra­le Stel­lung im Rah­men der gemäß § 26 FamFG in einem Betreu­ungs­ver­fah­ren von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Ermitt­lun­gen zu2.

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Über Art und Umfang die­ser Ermitt­lun­gen ent­schei­det zwar grund­sätz­lich der Tatrich­ter nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen. Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt hat jedoch unter ande­rem nach­zu­prü­fen, ob das Beschwer­de­ge­richt die Gren­zen sei­nes Ermes­sens ein­ge­hal­ten hat, fer­ner, ob es von zutref­fen­den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen aus­ge­gan­gen ist3.

Auch nach die­sen ein­ge­schränk­ten Maß­stä­ben hielt im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die inso­weit nicht wei­ter begrün­de­te Ent­schei­dung des Beschwer­de­ge­richts, von einer per­sön­li­chen Anhö­rung der Betrof­fe­nen abzu­se­hen, der recht­li­chen Nach­prü­fung nicht stand:

Das Beschwer­de­ge­richt hat im Beschwer­de­ver­fah­ren wie es mit Blick auf § 26 FamFG auch recht­lich gebo­ten war die Ein­ho­lung eines wei­te­ren Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ange­ord­net, um ins­be­son­de­re die Wider­sprü­che zwi­schen dem von der Betrof­fe­nen und ihrem Sohn vor­ge­leg­ten Pri­vat­gut­ach­ten vom 10.01.2020 und dem im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren ein­ge­hol­ten Gerichts­gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen W. vom 18.12.2019 auf­zu­klä­ren. Ent­schließt sich das Gericht im Rah­men sei­ner Amts­er­mitt­lungs­pflicht nach § 26 FamFG in einem betreu­ungs­recht­li­chen Ver­fah­ren zur Ein­ho­lung eines psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens und will es die­ses Gut­ach­ten als Tat­sa­chen­grund­la­ge für sei­ne Ent­schei­dung her­an­zie­hen, muss es den Betrof­fe­nen grund­sätz­lich auch dann per­sön­lich anhö­ren, wenn die Ein­ho­lung des Gut­ach­tens nicht spe­zi­al­ge­setz­lich vor­ge­schrie­ben gewe­sen ist4. Erst die per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen und der dadurch von ihm gewon­ne­ne Ein­druck ver­set­zen das Gericht in die Lage, sei­ne Kon­troll­funk­ti­on gegen­über dem Gut­ach­ter sach­ge­recht aus­zu­üben5. Es ergibt sich kei­ne grund­le­gend ande­re Beur­tei­lung, wenn das Gericht nach Vor­la­ge des schrift­li­chen Gut­ach­tens die Ent­schei­dung tref­fen will, eine Betreu­ung nicht anzu­ord­nen oder eine bestehen­de Betreu­ung auf­zu­he­ben. Denn zur kri­ti­schen Wür­di­gung des ein­ge­hol­ten Gut­ach­tens zu der es auch gehört, die Wer­tun­gen des Sach­ver­stän­di­gen anhand eines vom Gericht selbst gewon­ne­nen per­sön­li­chen Ein­drucks von dem Betrof­fe­nen nach­zu­voll­zie­hen ist das Gericht unab­hän­gig vom Ver­fah­rens­er­geb­nis verpflichtet.

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Im vor­lie­gen­den Fall hat das Beschwer­de­ge­richt sei­ne Ent­schei­dung tra­gend auf die Ein­schät­zung des im Beschwer­de­ver­fah­ren beauf­trag­ten Sach­ver­stän­di­gen B. gestützt, nach der das „schlech­te­re kogni­ti­ve Funk­ti­ons­ni­veau“ der Betrof­fe­nen im Zeit­punkt der Unter­su­chung durch den vom Amts­ge­richt beauf­trag­ten Sach­ver­stän­di­gen W. im Dezem­ber 2019 nicht (allein) Aus­druck einer fort­schrei­ten­den demen­zi­el­len Ent­wick­lung gewe­sen, son­dern auch durch über­la­gern­de Antei­le einer hirn­or­ga­nisch beding­ten und inso­weit nur tem­po­rä­ren Ver­schlech­te­rung ihrer kogni­ti­ven Leis­tungs­fä­hig­keit wäh­rend des Auf­ent­halts im Pfle­ge­heim in H. beein­flusst wor­den sei. Eine Anhö­rung der Betrof­fe­nen, deren Ergeb­nis es ermög­li­chen könn­te, die­sen Befund des Sach­ver­stän­di­gen auf der Grund­la­ge eines von einer Gerichts­per­son gewon­ne­nen per­sön­li­chen Ein­drucks von der Betrof­fe­nen nach­voll­zieh­bar wür­di­gen zu kön­nen, hat im Lau­fe des Ver­fah­rens nicht statt­ge­fun­den. Die am 27.06.2019 durch das Amts­ge­richt durch­ge­führ­te Anhö­rung der Betrof­fe­nen im einst­wei­li­gen Anord­nungs­ver­fah­ren fand zu einem Zeit­punkt statt, als sich die Betrof­fe­ne noch im Pfle­ge­heim in H. auf­hielt und ver­mit­tel­te dem Betreu­ungs­rich­ter aus­weis­lich sei­nes Abschluss­ver­merks den Ein­druck, dass die Betrof­fe­ne merk­ba­re geis­ti­ge Ein­schrän­kun­gen zu über­spie­len ver­su­che und zur Rege­lung ihrer Ange­le­gen­hei­ten nicht mehr in Lage sei. Die im Haupt­sa­che­ver­fah­ren am 10.02.2020 von dem Bezirks­no­tar bei dem Amts­ge­richt S. als Rechts­hil­fe­ge­richt durch­ge­führ­te Anhö­rung hat sich offen­bar im Wesent­li­chen dar­auf beschränkt, von der Betrof­fe­nen eine Aus­fer­ti­gung der nota­ri­el­len Voll­macht vom 24.10.2019 ent­ge­gen­zu­neh­men. Hier­von geht ersicht­lich auch das Beschwer­de­ge­richt aus, wenn es im Tat­be­stand sei­ner Ent­schei­dung aus­führt, dass das Amts­ge­richt S. die vom Betreu­ungs­ge­richt „ange­ord­ne­te Anhö­rung der Betrof­fe­nen“ mit der Begrün­dung „abge­lehnt“ habe, es bedür­fe kei­ner Betreuerbestellung.

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Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung kann daher kei­nen Bestand haben. Sie ist gemäß § 74 Abs. 5 FamFG auf­zu­he­ben und die Sache ist nach § 74 Abs. 6 Satz 2 FamFG an das Land­ge­richt zurückzuverweisen.

Für das wei­te­re Ver­fah­ren weist der Bun­des­ge­richts­hof dar­auf hin, dass das Gericht in Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit den recht­zei­ti­gen und nicht miss­bräuch­li­chen Antrag eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf münd­li­che Erläu­te­rung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens (§ 30 FamFG iVm §§ 402, 397 ZPO) zwar durch­aus ableh­nen darf, wenn eine münd­li­che Erör­te­rung des Gut­ach­tens kei­nen zusätz­li­chen Erkennt­nis­ge­winn ver­spre­chen wür­de6 und wenn das Gericht die Ermitt­lung der Tat­sa­chen nicht im Wesent­li­chen dem Sach­ver­stän­di­gen über­las­sen hat7. Das Gericht ist nicht ver­pflich­tet, Beweis­an­trä­ge zu berück­sich­ti­gen, wenn es die ange­bo­te­nen Bewei­se nach dem sons­ti­gen Ermitt­lungs­er­geb­nis nicht für sach­dien­lich oder aus Rechts­grün­den für uner­heb­lich hält8.

Im vor­lie­gen­den Fall gab es indes­sen kei­ne aus­rei­chen­de Tat­sa­chen­grund­la­ge, auf die das Beschwer­de­ge­richt sei­ne Erkennt­nis­se zum Nicht­vor­lie­gen der medi­zi­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen einer Betreu­ung und zur Beacht­lich­keit eines der Ein­rich­tung einer Betreu­ung ent­ge­gen­ste­hen­den frei­en Wil­lens unab­hän­gig vom schrift­li­chen Gut­ach­ten des Sach­ver­stän­di­gen B. und des­sen Unter­su­chung der Betrof­fe­nen hät­te stüt­zen kön­nen. Zwar haben sich sowohl die Pri­vat­gut­ach­te­rin als auch der Ver­fah­rens­pfle­ger und die vor­läu­fi­ge Berufs­be­treue­rin nach Akten­la­ge dahin­ge­hend geäu­ßert, dass die Betrof­fe­ne kei­ne Betreu­ung benö­ti­ge. Da das Gericht aber man­gels Anhö­rung kei­nen per­sön­li­chen Ein­druck von der Betrof­fe­nen gewon­nen hat, hat es bis­lang eine für das Betreu­ungs­ver­fah­ren zen­tra­le und im vor­lie­gen­den Fall unver­zicht­ba­re Erkennt­nis­quel­le nicht genutzt.

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Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. April 2021 – XII ZB 527/​20

  1. Fort­füh­rung der BGH, Beschlüs­se vom 15.01.2020 – XII ZB 438/​19 NJWRR 2020, 321; und vom 18.10.2017 – XII ZB 198/​16 FamRZ 2018, 124[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 06.09.2017 – XII ZB 180/​17 FamRZ 2017, 1962 Rn. 6 mwN; und vom 29.01.2014 – XII ZB 519/​13 FamRZ 2014, 652 Rn. 15 mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 06.09.2017 – XII ZB 180/​17, FamRZ 2017, 1962 Rn. 8; und vom 29.01.2014 – XII ZB 519/​13, FamRZ 2014, 652 Rn. 16 mwN[]
  4. vgl. zum Auf­he­bungs­ver­fah­ren: BGH, Beschlüs­se vom 15.01.2020 – XII ZB 438/​19 NJWRR 2020, 321 Rn. 5 mwN; und vom 24.08.2016 – XII ZB 531/​15 FamRZ 2016, 1922 Rn. 8 mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.10.2017 – XII ZB 198/​16 FamRZ 2018, 124 Rn. 9; und vom 24.08.2016 – XII ZB 531/​15 FamRZ 2016, 1922 Rn. 8[]
  6. vgl. OLG Mün­chen FamRZ 2015, 689, 691[]
  7. vgl. BVerfG FamRZ 2001, 1285, 1286[]
  8. BVerfG FamRZ 1989, 31, 33[]

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