Kin­des­un­ter­halt – und die Höhe des erziel­ba­ren Net­to­ein­kom­mens

Wel­ches berei­nig­te Net­to­ein­kom­men ist von einem nicht gesund­heit­lich ein­ge­schränkt Arbeits­fä­hi­gen mitt­le­ren Alters ohne for­mel­le Berufs­qua­li­fi­ka­ti­on erziel­bar? Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le legt hier für das Jahr 2014 aus einer mög­li­chen Tätig­keit als Bau­hel­fer rund 1.280 € zugrun­de 1.

Kin­des­un­ter­halt – und die Höhe des erziel­ba­ren Net­to­ein­kom­mens

Der Vater ist sei­nen min­der­jäh­ri­gen unver­hei­ra­te­ten Kin­dern gemäß § 1603 Abs. 2 Satz 1 BGB gestei­gert unter­halts­ver­pflich­tet, muß also in jeder ihm mög­li­chen und zumut­ba­ren Art und Wei­se zu deren (Min­dest-) Unter­halt bei­tra­gen. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung ist dabei für sei­ne Leis­tungs­fä­hig­keit nicht allein auf die tat­säch­li­chen, son­dern viel­mehr auch auf erziel­ba­re Ein­künf­te abzu­stel­len, soweit sei­ne Erwerbs­be­mü­hun­gen nicht aus­rei­chend sind und für ihn eine hin­rei­chend rea­le Beschäf­ti­gungs­mög­lich­keit besteht 2.

Der Unter­halts­pflich­ti­ge trägt die vol­le Dar­le­gungs- und Beweis­last für eine gel­tend gemach­te voll­stän­di­ge oder teil­wei­se Leis­tungs­un­fä­hig­keit; die­se ihm oblie­gen­de Dar­le­gungs- und Beweis­last erstreckt sich aus­drück­lich auch auf ein behaup­te­tes Feh­len einer ent­spre­chen­den rea­len Beschäf­ti­gungs­chan­ce 3. Dabei sind an die Fest­stel­lung, daß für einen Unter­halts­schuld­ner kei­ne rea­le Beschäf­ti­gungs­chan­ce besteht, stren­ge Maß­stä­be anzu­le­gen. Es bestehen selbst in Zei­ten hoher Arbeits­lo­sig­keit und für unge­lern­te Kräf­te regel­mä­ßig auch kei­ne Erfah­rungs­sät­ze etwa dahin, daß ein gesun­der Arbeit­neh­mer im mitt­le­ren Erwerbs­al­tern nicht – ggf. auch erst­ma­lig – in eine voll­schich­ti­ge Tätig­keit zu ver­mit­teln wäre 4. Ohne Rück­griffs­mög­lich­keit auf einen der­ar­ti­gen Erfah­rungs­satz kann das Feh­len rea­ler Erwerbs­mög­lich­kei­ten für eine Voll­zeit­tä­gig­keit aller­dings nur durch den Nach­weis geführt wer­den, daß der Unter­halts­pflich­ti­ge sich hin­rei­chend um eine Erwerbs­tä­tig­keit bemüht hat 5.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist im hier vom OLG Cel­le ent­schie­de­nen Fall für den Vater, bei dem es sich um einen gesun­den Arbeit­neh­mer im mitt­le­ren Erwerbs­al­ter han­delt, in jedem Fall von der rea­len Mög­lich­keit der Auf­nah­me einer abhän­gi­gen Voll­zeit­be­schäf­ti­gung aus­zu­ge­hen. Offen bleibt inso­fern allen­falls noch, wel­che Art von Tätig­keit dabei für den kon­kre­ten Vater zugrun­de gelegt wer­den kann.

Unter den Umstän­den des Streit­fal­les ist jeden­falls von der Mög­lich­keit einer Tätig­keit als Gebäu­de­rei­ni­ger aus­zu­ge­hen. Dies wür­de unter Berück­sich­ti­gung der in den jeweils für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ten Tarif­ver­trä­gen gere­gel­ten Stun­den­löh­ne bereits jeden­falls zu einem für den Kin­des­un­ter­halt maß­geb­li­chen monat­li­chen Net­to­ein­kom­men des Vaters von 1.031,75 € im Jahr 2012 (Stun­den­lohn 8,82 €), von 1.055,03 € im Jahr 2013 (Stun­den­lohn 9,00 €) sowie von 1.087,94 € im Jahr 2014 (Stun­den­lohn 9,31 €) füh­ren.

Unter den Umstän­den des Streit­fal­les ist es aller­dings auch durch­aus gerecht­fer­tigt, von einer mög­li­chen Tätig­keit als Hel­fer im Bau­haupt­ge­wer­be aus­zu­ge­hen. Gesichts­punk­te, die der Aus­übung einer der­ar­ti­gen Tätig­keit durch den Vater ent­ge­gen­ste­hen könn­ten, sind weder vor­ge­tra­gen noch ersicht­lich; er ver­fügt sogar – wie in ent­spre­chen­den Stel­len­an­ge­bo­ten teil­wei­se im Hin­blick auf den Ein­satz an wech­seln­den Bau­stel­len erwünscht – über eine Fahr­erlaub­nis. Das Ober­lan­des­ge­richt hat sich schließ­lich – nicht zuletzt bereits anläß­lich frü­he­rer Ver­fah­ren – durch Recher­chen im Inter­net davon über­zeu­gen kön­nen, daß auch in Han­no­ver und dem ent­spre­chen­den Umfeld durch­aus Voll­zeit­stel­len als Bau­hel­fer ange­bo­ten wer­den.

Auch im Bereich des Bau­haupt­ge­wer­bes besteht für die gesam­te ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Zeit ein für all­ge­mein­ver­bind­lich erklär­ter Lohn­ta­rif­ver­trag 6. Die­ser sieht für die – auch für Hel­fer maß­geb­li­che – Lohn­grup­pe 1 Min­dest­löh­ne von 11,05 € (2012 und 2013) bzw. 11,10 € (2014) vor. Auf der Grund­la­ge die­ser Stun­den­löh­ne ergibt sich bei Berück­sich­ti­gung der für den Vater maß­geb­li­chen steu­er- und sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Abzü­ge sowie pau­scha­lier­ter berufs­be­ding­ter Auf­wen­dun­gen sogar ein für den Kin­des­un­ter­halt maß­geb­li­ches monat­li­ches Net­to­ein­kom­men von 1.260,36 € im Jahr 2012, von 1.270 € im Jahr 2013 und von 1.279,99 € im Jahr 2014.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 22. August 2014 – 10 UF 180/​14

  1. Fort­füh­rung OLG Cel­le, Beschluss vom 20.03.2013 – 10 UF 33/​13 , Fam­RZ 2013, 1752 ff. = NJW-RR 2013, 838 ff.[]
  2. vgl. zuletzt etwa BGH – Beschluss vom 22.01.2014 – XII ZB 185/​12 , Fam­RZ 2014, 637 ff. = MDR 2014, 347 ff. = NJW 2014, 932 ff. 9] m.w.N.[]
  3. BGH a.a.O. [Tz 11] m.w.N.[]
  4. BGH a.a.O. [Tz 13] m.w.N.[]
  5. BGH a.a.O. [Tz 17] m.w.N.[]
  6. Tarif­ver­trag zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne im Bau­ge­wer­be im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vom 28.04.2011 i.V.m. Ach­te Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen im Bau­ge­wer­be vom 24.10.2011 – BAnz.2011, 3865 ff; Tarif­ver­trag zur Rege­lung der Min­dest­löh­ne im Bau­ge­wer­be im Gebiet der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vom 03.05.2013 i.V.m. Neun­te Ver­ord­nung über zwin­gen­de Arbeits­be­din­gun­gen im Bau­ge­wer­be vom 16.10.2013 – BAnz.2013, AT 18.10.2013 V1[]