Kei­ne Bera­tungs­hil­fe bei aus­rei­chen­den Selbst­hil­fe­mög­lich­kei­ten

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen die Ver­sa­gung von Bera­tungs­hil­fe ohne Erfolg, da die Beschwer­de­füh­re­rin nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts über aus­rei­chen­de Selbst­hil­fe­mög­lich­kei­ten ver­füg­te.

Kei­ne Bera­tungs­hil­fe bei aus­rei­chen­den Selbst­hil­fe­mög­lich­kei­ten

Bei der jetzt vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de bezieht die Beschwer­de­füh­re­rin seit meh­re­ren Jah­ren Arbeits­lo­sen­geld II. Für die Zeit zwei­er mehr­wö­chi­ger Kli­nik­auf­ent­hal­te im Jah­re 2006 kürz­te ihr der Grund­si­che­rungs­trä­ger wegen der im Kran­ken­haus kos­ten­los erhal­te­nen Ver­pfle­gung die Regel­leis­tung jeweils um 35 %, woge­gen die Beschwer­de­füh­re­rin per­sön­lich nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren Kla­ge erhob. Das Sozi­al­ge­richt gab die­ser Kla­ge hin­sicht­lich des zwei­ten Kür­zungs­be­schei­des am 30. Mai 2007 statt; das Lan­des­so­zi­al­ge­richt ließ im Juli 2007 auf die Beschwer­de des Grund­si­che­rungs­trä­gers die Beru­fung zu. Im Okto­ber 2007 kürz­te der Grund­si­che­rungs­trä­ger im Hin­blick auf eine von der Beschwer­de­füh­re­rin ange­kün­dig­te Reha­bi­li­ta­ti­ons-Maß­nah­me erneut die Regel­leis­tung. Dem von der Beschwer­de­füh­re­rin wie­der­um per­sön­lich ein­ge­leg­ten Wider­spruch wur­de abge­hol­fen, weil sie die Maß­nah­me zunächst nicht antrat. Nach­dem sich die Beschwer­de­füh­re­rin sodann doch im Dezem­ber 2007 in die Reha­bi­li­ta­ti­ons-Maß­nah­me begab, kürz­te der Grund­si­che­rungs­trä­ger durch Bescheid vom Janu­ar 2008 für die­sen Zeit­raum die Regel­leis­tung erneut um 35%. Nun­mehr erhob der Rechts­an­walt der Beschwer­de­füh­re­rin Wider­spruch und stell­te nach­träg­lich einen Antrag auf Bera­tungs­hil­fe nach dem Bera­tungs­hil­fe­ge­setz. Der Antrag wur­de vom Amts­ge­richt Frei­sing mit der Begrün­dung zurück­ge­wie­sen, dass im Hin­blick auf das vor­an­ge­gan­ge­ne Par­al­lel­ver­fah­ren kei­ne Not­wen­dig­keit für die Hin­zu­zie­hung eines Rechts­an­walts bestand 1.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die hier­ge­gen erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de, mit der die Beschwer­de­füh­re­rin eine Ver­let­zung der Rechts­wahr­neh­mungs­gleich­heit rügt, nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Die Beschwer­de­füh­re­rin ist durch die Ableh­nung von Bera­tungs­hil­fe nicht in ihrem Grund­recht auf weit­ge­hen­de Anglei­chung der Situa­ti­on von Bemit­tel­ten und Unbe­mit­tel­ten im Bereich des Rechts­schut­zes ver­letzt:

Im Rah­men des grund­recht­lich garan­tier­ten Rechts­schut­zes ist der Unbe­mit­tel­te nur einem sol­chen Bemit­tel­ten gleich­zu­stel­len, der bei sei­ner Ent­schei­dung für die Inan­spruch­nah­me von Rechts­rat auch die hier­durch ent­ste­hen­den Kos­ten berück­sich­tigt und ver­nünf­tig abwägt 2. Zugleich steht Art. 3 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 3 GG auch einer Bes­ser­stel­lung des­je­ni­gen, der sei­ne Pro­zess­füh­rung nicht aus eige­nen Mit­teln bestrei­ten muss und daher von vor­ne­her­ein kein Kos­ten­ri­si­ko trägt, gegen­über dem Bemit­tel­ten, der sein Kos­ten­ri­si­ko wägen muss, ent­ge­gen 3. Dem­entspre­chend ist der Unbe­mit­tel­te nur einem sol­chen Bemit­tel­ten gleich­zu­stel­len, der bei sei­ner Ent­schei­dung für die Inan­spruch­nah­me von Rechts­rat auch die hier­durch ent­ste­hen­den Kos­ten berück­sich­tigt und ver­nünf­tig abwägt 4. Ein kos­ten­be­wuss­ter Recht­su­chen­der wird dabei ins­be­son­de­re prü­fen, inwie­weit er frem­de Hil­fe zur effek­ti­ven Aus­übung sei­ner Ver­fah­rens­rech­te braucht oder selbst dazu in der Lage ist. Die Fra­ge nach der Selbst­hil­fe mag ein­fach­recht­lich im Rah­men des Bera­tungs­hil­fe­ge­set­zes umstrit­ten sein 5. Unter ver­fas­sungs­recht­li­chen Gesichts­punk­ten ist aber kein Ver­stoß gegen das Gebot der Rechts­wahr­neh­mungs­gleich­heit erkenn­bar, wenn ein Bemit­tel­ter wegen aus­rei­chen­der Selbst­hil­fe­mög­lich­kei­ten die Ein­schal­tung eines Anwalts ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht in Betracht zie­hen wür­de 2.

Ob die Inan­spruch­nah­me anwalt­li­cher Hil­fe zur Bera­tung not­wen­dig ist oder der Recht­su­chen­de zumut­bar auf Selbst­hil­fe zu ver­wei­sen ist, hat das Fach­ge­richt unter Berück­sich­ti­gung der kon­kre­ten Umstän­de des Ein­zel­falls abzu­wä­gen. Ins­be­son­de­re kommt es dar­auf an, ob der dem Bera­tungs­an­lie­gen zugrun­de lie­gen­de Sach­ver­halt schwie­ri­ge Tat­sa­chen- oder Rechts­fra­gen auf­wirft und der Recht­su­chen­de über beson­de­re Rechts­kennt­nis­se ver­fügt 2. Die pau­scha­le Ver­wei­se auf die Bera­tungs­pflicht der Behör­de stellt kei­ne zumut­ba­re Selbst­hil­fe­mög­lich­keit dar, wenn Aus­gangs- und Wider­spruchs­be­hör­de iden­tisch sind 2.

Nach die­sen Grund­sät­zen ist die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung nach Ansicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Das Amts­ge­richt hat zutref­fend dar­auf abge­stellt, dass die Beschwer­de­füh­re­rin – unge­ach­tet der Schwie­rig­keit der Sach- und Rechts­la­ge ((vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.05.2009 – 1 BvR 1517/​08) – im kon­kre­ten Fall in der Lage war, den Wider­spruch per­sön­lich, das heißt ohne anwalt­li­che Hil­fe, ein­zu­le­gen.

Die Not­wen­dig­keit anwalt­li­cher Bera­tung kann aller­dings ver­fas­sungs­kon­form nicht stets und pau­schal mit der Ver­wei­sung auf ein Par­al­lel­ver­fah­ren ver­neint wer­den. Gera­de die Fra­ge, ob ein Par­al­lel­fall vor­liegt, kann bei Rechts­un­kun­di­gen den Bera­tungs­be­darf begrün­den.

Hier hat die Beschwer­de­füh­re­rin jedoch ohne Schwie­rig­kei­ten erkannt, dass es in dem Bescheid vom 23. Janu­ar 2008 um genau die glei­che recht­li­che und tat­säch­li­che Pro­ble­ma­tik ging, wie in drei wei­te­ren, zuvor ergan­ge­nen Beschei­den, in denen die Regel­leis­tung wegen eines Kli­nik­auf­ent­hal­tes gekürzt wor­den war, und dass das Sozi­al­ge­richt die betref­fen­de Rechts­fra­ge im Gerichts­be­scheid vom 30. Mai 2007 in einem gegen einen der Kür­zungs­be­schei­de gerich­te­ten Ver­fah­ren zu ihren Guns­ten ent­schie­den hat­te. Dass sie in der Lage war, ohne anwalt­li­che Hil­fe Wider­spruch ein­zu­le­gen, zeigt sich vor allem dar­in, dass sie gegen den zunächst erlas­se­nen Bescheid vom 22. Okto­ber 2007 über die Kür­zung der Regel­leis­tung im Zeit­raum vom 30. Okto­ber 2007 bis zum 30. Novem­ber 2007 per­sön­lich Wider­spruch ein­ge­legt und aus­drück­lich auf die bereits vor­lie­gen­de Ent­schei­dung des Sozi­al­ge­richts Bezug genom­men hat. Zudem hat sie sich schon in dem Ver­fah­ren vor dem Sozi­al­ge­richt selbst ver­tre­ten und dort sach­kun­dig auf Recht­spre­chung Bezug genom­men, die der Rechts­auf­fas­sung des Grund­si­che­rungs­trä­gers wider­sprach. Es leuch­tet des­halb nicht ein, war­um ihre Rechts­kennt­nis­se für die Ein­le­gung des Wider­spruchs gegen den Bescheid vom 23. Janu­ar 2008, der den Zeit­raum der Kür­zung gegen­über dem Bescheid vom 22. Okto­ber 2007 ledig­lich ver­schob, nicht aus­ge­reicht haben sol­len. Die Beschwer­de­füh­re­rin hat auch nichts Ent­spre­chen­des behaup­tet, son­dern die Not­wen­dig­keit anwalt­li­cher Bera­tung damit zu begrün­den ver­sucht, dass sie aus gesund­heit­li­chen Grün­den nicht in der Lage gewe­sen sei, den Wider­spruch per­sön­lich ein­zu­le­gen. Inso­weit ist ihr Vor­brin­gen jedoch unsub­stan­ti­iert, da sie inner­halb der Frist des § 93 Abs. 1 Satz 1 BVerfGG kei­ne ärzt­li­chen Unter­la­gen über ihre gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen im Janu­ar 2008 vor­ge­legt hat.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2010 – 1 BvR 1974/​08

  1. AG Frei­sing vom 15.05.2008 – 52 UR II 127/​08[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.05.2009 – 1 BvR 1517/​08[][][][]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom 18.11.2009 – 1 BvR 2455/​08[]
  4. vgl. BVerfGE 122, 39, 49; BVerfG, Beschluss vom 11.05.2009 – 1 BvR 1517/​08[]
  5. gene­rell ableh­nend Schor­eit, in: Schoreit/​Groß, Bera­tungs­hil­fe und Pro­zess­kos­ten­hil­fe, 9. Aufl. 2008, § 1 Rn. 52; für Berück­sich­ti­gung im Rah­mens eines all­ge­mei­nen Rechts­schutz­in­ter­es­ses: Kalthoe­n­er/Bütt­ner/W­ro­bel-Sachs, Pro­zess­kos­ten­hil­fe und Bera­tungs­hil­fe, 4. Aufl. 2005, Rn. 954, 960[]