Ver­trags­ärzt­li­che Ver­sor­gung ohne Gesprächs­psy­cho­the­ra­peu­ten

Es besteht wei­ter­hin kein Zugang von Gesprächs­psy­cho­the­ra­peu­ten zur ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung, ent­schied jetzt das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in zwei bei ihm anhän­gi­gen Rechts­strei­ten.

Ver­trags­ärzt­li­che Ver­sor­gung ohne Gesprächs­psy­cho­the­ra­peu­ten

Zwei The­ra­peu­ten, die sich in den 1980ger Jah­ren in dem The­ra­pie­ver­fah­ren "Gesprächspsycho­therapie" wei­ter­ge­bil­det haben, sind am 28. Okto­ber 2009 vor dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt mit ihrem Begeh­ren erfolg­los geblie­ben, als Gesprächs­psy­cho­the­ra­peu­ten die Ver­si­cher­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen behan­deln zu dür­fen. Der Beschluss des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses (GBA) vom 24. April 2008, die Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie (GT) nicht als geeig­ne­tes psy­cho­the­ra­peu­ti­sches Behand­lungs­ver­fah­ren in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung anzu­er­ken­nen, ver­letzt die Rech­te der The­ra­peu­ten nicht.

Kei­ne Ein­tra­gung in das Arzt­re­gis­ter

Im dem ers­ten, gegen die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung Baden-Würt­tem­berg gerich­te­ten Ver­fah­ren kann der kla­gen­de Kin­der- und Jugend­li­chen­psy­cho­the­ra­peut nach dem Urteil des Bun­des­so­zi­al­ge­richts nicht in das bei der beklag­ten Kas­sen­ärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung Baden-Würt­tem­berg geführ­te Arzt­re­gis­ter ein­ge­tra­gen wer­den, um spä­ter auf der Basis die­ser Ein­tra­gung eine Zulas­sung zur ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung zu erhal­ten. Er ist nicht Psy­cho­lo­ge son­dern Sozi­al­päd­ago­ge mit Fach­hoch­schul­ab­schluss und als Kin­der- und Jugend­li­chen­psy­cho­the­ra­peut appro­biert. Sei­ne Fach­kun­de in der Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie kann er nur über­gangs­recht­lich nach den bis Ende 1998 – vor Inkraft­tre­ten des Psy­cho­the­ra­peu­ten­ge­set­zes am 1. Janu­ar 1999 – gel­ten­den Vor­schrif­ten erwor­ben haben. Die Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie zähl­te damals nicht zu den Behand­lungs­ver­fah­ren, die im Rah­men der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ange­bo­ten wer­den durf­ten und für die sich The­ra­peu­ten qua­li­fi­zie­ren konn­ten. Eine – unter­stellt – posi­ti­ve Ent­schei­dung des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses zum Ver­fah­ren der Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie im Jah­re 2009 wür­de dar­an nichts ändern. Im Übri­gen hat sich der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss mit der Eig­nung der Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie bei der Behand­lung von Kin­dern und Jugend­li­chen nicht befasst und auch nicht befas­sen müs­sen. Inso­weit hat­te der wis­sen­schaft­liche Bei­rat Psy­cho­the­ra­pie, ein fach­kun­dig besetz­tes Bera­tungs­gre­mi­um auf Bun­des­ebe­ne, kei­ne posi­ti­ve Emp­feh­lung abge­ge­ben, und auch die Prü­fung der Eig­nung der Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie für die Behand­lung von Erwach­se­nen durch den Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss hat kei­ne Hin­wei­se auf eine ent­spre­chen­de Eig­nung im Rah­men der Behand­lung von Kin­dern erbracht.

Kein gene­rel­ler Anspruch auf gesprächs­psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung für Ver­si­cher­te

Auch das Begeh­ren der im zwei­ten Ver­fah­ren gegen die kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung Hes­sen kla­gen­den Psy­cho­the­ra­peu­tin, Ver­si­cher­te ge­sprächspsychotherapeutisch behan­deln zu dür­fen, ist vor dem Bun­des­so­zi­al­ge­richt ohne Erfolg geblie­ben. Unab­hän­gig von den auch in die­sem Fall bestehen­den über­gangs­recht­li­chen Fra­gen steht dem Begeh­ren der Klä­ge­rin jeden­falls auch der Beschluss des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses vom 24. April 2008 ent­ge­gen, für die Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie kei­ne posi­ti­ve Emp­feh­lung abzu­ge­ben. Die­ser Beschluss steht mit § 92 Abs 6a SGB V im Ein­klang und ver­letzt auch das Grund­recht der Klä­ge­rin auf Schutz ihrer Berufs­aus­übungs­frei­heit (Art 12 Abs 1 GG) nicht. Der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss hat berück­sich­ti­gen dür­fen, dass die Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie nach den vor­lie­gen­den Stu­di­en allein für die Behand­lung affek­ti­ver Stö­run­gen (Depres­si­on) geeig­net ist und auch inso­weit nur, wenn die be­troffenen Pati­en­ten nicht zugleich an ande­ren Stö­run­gen lei­den (Komor­bi­di­tät). The­ra­peu­ten, die nur für die­ses Ver­fah­ren qua­li­fi­ziert sind und des­halb die Mehr­zahl der Pati­en­ten nicht adäquat ver­sor­gen kön­nen, müs­sen nicht zur ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung zuge­las­sen wer­den.

Evtl. indi­vi­du­el­ler Anspruch eines Ver­si­cher­ten

Nicht ent­schie­den dage­gen hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt, ob Ver­si­cher­te, für deren Behand­lung wegen einer Depres­si­on ohne Vor­lie­gen wei­te­rer psy­chi­scher Erkran­kun­gen auch nach der Beur­tei­lung des Gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses die Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie ein geeig­ne­tes und wirt­schaft­li­ches Behand­lungs­ver­fah­ren sein kann, nach § 27 Abs 1 in Ver­bin­dung mit § 28 Abs 3 SGB V einen An­spruch auf Ver­sor­gung mit die­sem Ver­fah­ren haben. Der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss hat sei­ne Ent­schei­dung gegen die Gesprächs­psy­cho­the­ra­pie vor allem auf den Aspekt der feh­len­den Ver­sorgungsrelevanz im Gesamt­sys­tem der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung gestützt. Das ist nicht zu be­anstanden, kann aber zur Fol­ge haben, dass der indi­vi­du­al­recht­li­che Behand­lungs­an­spruch der Ver­sicherten in beson­ders gela­ger­ten Fäl­len in die­sem Sys­tem nicht mehr erfüllt wer­den kann. Dann steht den Ver­si­cher­ten der Weg offen, sich nach vor­he­ri­ger Anfra­ge an die Kran­ken­kas­se die gesprächs­psychotherapeutische Behand­lung selbst zu beschaf­fen und sich die Kos­ten nach § 13 Abs 3 SGB V erstat­ten zu las­sen.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urtei­le vom 28. Okto­ber 2009 – B 6 KA 45/​08 R (S. ./​. KÄV Baden-Würt­tem­berg) und B 6 KA 11/​09 R (C.-D. ./​. KÄV Hes­sen)