Lohn­steu­er­klas­se ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner

Zwar hält der Bun­des­fi­nanz­hof an sei­ner Auf­fas­sung fest, dass die Beschrän­kung des Rechts auf Wahl der Zusam­men­ver­an­la­gung auf Ehe­gat­ten ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den ist [1]. Da ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner dem­zu­fol­ge man­gels eines ent­spre­chen­den Ver­an­la­gungs­wahl­rechts gemäß der Geset­zes­sys­te­ma­tik nach der Grund­ta­bel­le ver­steu­ert wer­den, sind sie –solan­ge die für das Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren not­wen­di­ge Zuord­nung zu einer Lohn­steu­er­klas­se in § 38b Abs. 1 EStG nicht durch eine Rege­lung des Gesetz­ge­bers erfolgt– in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 38b Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 Buchst. a EStG wie Ledi­ge in die Lohn­steu­er­klas­se I ein­zu­rei­hen [2].

Lohn­steu­er­klas­se ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner

An der Rich­tig­keit der Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs bestehen jedoch wegen des offe­nen Aus­gangs der beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt anhän­gi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den [3] ernst­li­che Zwei­fel i.S. des § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO [4]. Dem­entspre­chend hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits in einem Ver­fah­ren gegen einen Ein­kom­men­steu­er­be­scheid, durch den ein Steu­er­pflich­ti­ger ent­ge­gen sei­nem Antrag nicht zusam­men mit sei­nem gleich­ge­schlecht­li­chen Lebens­part­ner, son­dern ein­zeln zur Ein­kom­men­steu­er ver­an­lagt wor­den ist, vor­läu­fi­gen Rechts­schutz gewährt [5]. Für ein Ver­fah­ren betref­fend die Ableh­nung der Ände­rung der Steu­er­klas­se eines ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ners von I in III bedeu­tet dies, dass gleich­falls vor­läu­fi­ger Rechts­schutz zu gewäh­ren ist.

Eine AdV ist auch nicht aus Grün­den des öffent­li­chen Inter­es­ses abzu­leh­nen.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist ein Antrag auf AdV, der mit ernst­li­chen Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer dem ange­foch­te­nen Steu­er­be­scheid zugrun­de lie­gen­den Geset­zes­vor­schrift begrün­det wird, abzu­leh­nen, wenn nach den Umstän­den des Ein­zel­fal­les dem Inter­es­se des Antrag­stel­lers an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes nicht der Vor­rang vor dem öffent­li­chen Inter­es­se am Voll­zug des Geset­zes zukommt [6]. Es ist eine Inter­es­sen­ab­wä­gung zwi­schen den indi­vi­du­el­len Inter­es­sen des Steu­er­pflich­ti­gen und dem öffent­li­chen Inter­es­se erfor­der­lich [7]. Das Gewicht der ernst­li­chen Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der betrof­fe­nen Vor­schrift ist bei die­ser Abwä­gung nicht von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung [8].

In sei­ner Ent­schei­dung betref­fend die Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes im Hin­blick auf die abge­lehn­te Zusam­men­ver­an­la­gung ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner im Rah­men ihrer Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung hat sich der BFH inso­weit davon lei­ten las­sen, dass das BVerfG in sei­nem zum Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er­recht ergan­ge­nen Beschluss vom 21. Juli 2010 [9] die als ver­fas­sungs­wid­rig beur­teil­ten Rege­lun­gen man­gels Gefähr­dung der geord­ne­ten Finanz- und Haus­halts­pla­nung durch die rück­wir­ken­de Bes­ser­stel­lung ein­ge­tra­ge­ner Lebens­part­ner in allen offe­nen Fäl­len –ohne dem Gesetz­ge­ber eine Über­gangs­frist zur Nach­bes­se­rung mit befris­te­ter Fort­gel­tung ein­zu­räu­men– für nicht mehr anwend­bar erklärt hat und eine hier­von abwei­chen­de Beur­tei­lung der haus­halts­recht­li­chen Aus­wir­kun­gen der Ungleich­be­hand­lung im Bereich der Ein­kom­men­steu­er nicht ersicht­lich war [10].

Da Gegen­stand der anhän­gi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den aus­schließ­lich die Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Ungleich­be­hand­lung von ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern und Ehe­gat­ten im Rah­men der Ein­kom­men­steu­er­ver­an­la­gung im Hin­blick auf das Ver­an­la­gungs­wahl­recht der §§ 26, 26b EStG ist, hat eine Ent­schei­dung des BVerfG für die hier rele­van­te Fra­ge der Ungleich­be­hand­lung von ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern und Ehe­gat­ten im Rah­men des Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens durch die unter­schied­li­che Steu­er­klas­sen­ein­rei­hung in § 38b EStG zunächst kei­ne unmit­tel­ba­re Aus­wir­kung. Im Fal­le einer Ent­schei­dung zu Guns­ten von ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern durch das BVerfG wäre der Gesetz­ge­ber aus Grün­den der Fol­ge­rich­tig­keit frei­lich gehal­ten, für die gesetz­lich gere­gel­te Steu­er­klas­sen­ein­tei­lung im Rah­men des Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­rens als beson­de­res Vor­aus­zah­lungs­ver­fah­ren [11] die ent­spre­chen­den Kon­se­quen­zen zu zie­hen.

Auch wenn im Erfolgs­fal­le der beim BVerfG anhän­gi­gen Ver­fas­sungs­be­schwer­den eine Gleich­stel­lung der ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner im Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren durch Ände­rung des § 38b EStG allen­falls mit Wir­kung für den dann lau­fen­den Lohn­zah­lungs­zeit­raum mög­lich ist, weil sich eine Ände­rung für bereits ver­gan­ge­ne Lohn­zah­lungs­zeit­räu­me tat­säch­lich nicht mehr aus­wir­ken kann, besteht gleich­wohl kein Grund, die AdV für das Jahr 2012 aus Grün­den des öffent­li­chen Inter­es­ses abzu­leh­nen. Inso­weit kommt es ent­schei­dend dar­auf an, dass es sich bei dem Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren zwar um ein recht­lich selb­stän­di­ges Ver­fah­ren han­delt, die­ses jedoch gegen­über dem Ver­an­la­gungs­ver­fah­ren nur ein vor­läu­fi­ges Ver­fah­ren dar­stellt. Eine im Lohn­steu­er­ab­zugs­ver­fah­ren zu viel erho­be­ne und des­halb zu erstat­ten­de Lohn­steu­er kann spä­tes­tens im Rah­men des Ver­an­la­gungs­ver­fah­rens ange­rech­net und ggf. aus­ge­zahlt wer­den. Dass unter haus­häl­te­ri­schen Gesichts­punk­ten der Durch­füh­rung des Lohn­steu­er­ab­zugs unter Zugrun­de­le­gung der Steu­er­klas­se I der Vor­rang vor dem Inter­es­se des Antrag­stel­lers an der Gewäh­rung vor­läu­fi­gen Rechts­schut­zes ein­zu­räu­men wäre, ist nicht ersicht­lich.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. Dezem­ber 2012 – III B 89/​12

  1. vgl. aus­führ­lich BFH, Beschluss vom 05.03.2012 – III B 6/​12, BFH/​NV 2012, 1144, unter II.02.b[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 19.10.2006 – III R 29/​06, BFH/​NV 2007, 663[]
  3. BVerfG – 2 BvR 909/​06, 2 BvR 1981/​06 und 2 BvR 288/​07[]
  4. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 1144, unter II.2.c[]
  5. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 1144[]
  6. vgl. BFH, Beschluss vom 01.04.2010 – II B 168/​09, BFHE 228, 149, BStBl II 2010, 558, m.w.N.[]
  7. vgl. BFH, Beschluss vom 25.08.2009 – VI B 69/​09, BFHE 226, 85, BStBl II 2009, 826, m.w.N.[]
  8. vgl. BFH, Beschluss in BFHE 228, 149, BStBl II 2010, 558[]
  9. BVerfG, Beschluss vom 21.07.2010 – 1 BvR 611/​07, 1 BvR 2464/​07, BVerfGE 126, 400, BGBl I 2010, 1295[]
  10. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 1144, unter II.3.b[]
  11. BFH, Urteil vom 13.01.2011 – VI R 64/​09, BFH/​NV 2011, 753[]