Der Pfle­ge­bei­trag in der Erb­schaft­steu­er

Die Höhe der beim Pfle­ge­frei­be­trag zu berück­sich­ti­gen­den Pfle­ge­leis­tun­gen kann nach Ansicht des Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richts ent­spre­chend den Sät­zen der Pfle­ge­ver­si­che­rung (§ 36 SGB XI) berech­net wer­den.

Der Pfle­ge­bei­trag in der Erb­schaft­steu­er

Gem. § 13 Abs. 1 Nr. 9 ErbStG bleibt bei der Erb­schaft­steu­er steu­er­frei ein steu­er­pflich­ti­ger Erwerb bis zu 20.000,- €, der Per­so­nen anfällt, die dem Erb­las­ser unent­gelt­lich oder gegen unzu­rei­chen­des Ent­gelt Pfle­ge oder Unter­halt gewährt haben, soweit das zuge­wen­de­te als ange­mes­se­nes Ent­gelt anzu­se­hen ist.

Bei § 13 Abs. 1 Nr. 9 ErbStG han­delt es sich nach all­ge­mei­ner Lite­ra­tur­auf­fas­sung [1] und Recht­spre­chung [2] um einen Frei­be­trag, nicht – trotz des inso­weit miss­ver­ständ­li­chen Wort­lauts – um eine Frei­gren­ze, aber auch nicht um einen Pausch­be­trag, wie die Klä­ge­rin offen­sicht­lich meint. Letz­te­res ergibt ein­deu­tig aus dem Wort­laut, wonach ein Erwerb „bis zu“ 20.000,- € steu­er­frei bleibt. Dies bedeu­tet, dass bei Pfle­ge­leis­tun­gen gerin­ge­ren Umfangs auch nur ein gerin­ge­rer Frei­be­trag ent­spre­chend dem Wert der erbrach­ten Pfle­ge­leis­tung anzu­set­zen ist [3]; es ist nicht so, dass der Steu­er­pflich­ti­ge, wenn er dem Grun­de nach Pfle­ge­leis­tun­gen erbracht hat, dann immer einen Betrag von 20.000,- € abzie­hen kann. Der Steu­er­pflich­ti­ge hat infol­ge­des­sen nach all­ge­mei­nen Beweis­last­grund­sät­zen den Umfang und den Wert der von ihm erbrach­ten Pfle­ge­leis­tun­gen nach­zu­wei­sen.

Die Berück­sich­ti­gung eines Frei­be­tra­ges nach § 13 Abs.1 Nr. 9 ErbStG ist auch nicht des­halb von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, weil der Klä­ger als Vater des Erb­las­sers zum Kreis der gem. § 1601 BGB gesetz­lich Unter­halts-ver­pflich­te­ten gehört. Rich­tig ist dar­an, dass der Ansatz eines Frei­be­tra­ges dann nicht in Betracht kommt, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge im kon­kre­ten Fall kraft Geset­zes ver­pflich­tet ist, Unter­halts- bzw. Pfle­ge­leis­tun­gen zu erbrin­gen bzw. die Kos­ten dafür zu über­neh­men (R 44 Abs. 1 Satz 2 Erb­schaft­steu­er­richt­li­ni­en). § 13 Abs. 1 Nr. 9 ErbStG soll ein frei­wil­li­ges finan­zi­el­les und/​oder ideel­les Opfer hono­rie­ren, dass der Erbe zuguns­ten des Erb­las­sers erbracht hat. Ein sol­ches Opfer erbringt nicht, wer ohne­hin schon kraft Geset­zes ver­pflich­tet ist, für die Kos­ten der Pfle­ge auf­zu­kom­men. Gera­de aus die­ser Zweck­set­zung der Norm her­aus ergibt sich aber auch, dass der Klä­ger im Streit­fall den Frei­be­trag nach § 13 Abs. 1 Nr. 9 ErbStG bean­spru­chen kann, weil die Inan­spruch­nah­me des gesetz­lich Unter­halts­ver­pflich­te­ten immer die feh­len­de Leis­tungs­fä­hig­keit des Unter­halts­be­rech­tig­ten vor­aus­setzt, wie sich aus § 1602 Abs. 2 BGB ergibt [4]. A wäre aber ange­sichts sei­nes nicht uner­heb­li­chen Ver­mö­gens durch­aus in der Lage gewe­sen, die Kos­ten der Beauf­tra­gung eines Pfle­ge­diens­tes zu tra­gen; vor die­sem Hin­ter­grund war der Klä­ger nicht ver­pflich­tet gewe­sen, sei­nen Sohn im Hau­se zu pfle­gen.

Dabei kön­nen nur jene Pfle­ge­leis­tun­gen berück­sich­tigt wer­den, die der Klä­ger wäh­rend der Zeit der häus­li­chen Unter­brin­gung erbracht wur­den. „Pfle­ge und Unter­halt“ im Sin­ne des § 13 Abs. 1 Nr. 9 ErbStG sind nach Auf­fas­sung des Nie­der­säch­si­schen Finanz­ge­richts nur sol­che Leis­tun­gen, die zum Leis­tungs­ka­ta­log der Pfle­ge­ver­si­che­rung gehö­ren. Gemeint sind Leis­tun­gen wie Waschen, Essens­zu­be­rei­tung, Füt­tern, Hil­fe beim Stuhl­gang, Umla­gern im Bett, ein­fa­che medi­zi­ni­sche Hand­rei­chun­gen sowie Ruf­be­reit­schaft. Die­se Leis­tun­gen wer­den wäh­rend eines Kran­ken­haus­auf­ent­hal­tes jedoch schon von der medi­zi­ni­schen Ein­rich­tung erbracht.

Hin­sicht­lich des Betra­ges, mit denen die erbrach­ten Pfle­ge­leis­tun­gen in Ansatz zu brin­gen sind, ori­en­tiert sich das Nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt an den Sät­zen, die von der gesetz­li­chen Pfle­ge­ver­si­che­rung bei häus­li­cher Pfle­ge für Grund­pfle­ge und haus­wirt­schaft­li­che Ver­sor­gung gezahlt wer­den [5]. Nach § 36 Abs. 1 SGB XI haben Pfle­ge­be­dürf­ti­ge bei häus­li­cher Pfle­ge Anspruch auf Grund­pfle­ge und haus­wirt­schaft­li­che Ver­sor­gung als Sach­leis­tung (häus­li­che Pfle­ge­hil­fe). Der Anspruch auf häus­li­che Pfle­ge­hil­fe umfasst gem. § 36 Abs. 3 Nr. 3 SGB XI je Kalen­der­mo­nat in der Pfle­ge­stu­fe III 1.470,- € ab 1. Juli 2008 und 1.510,- € ab 1. Janu­ar 2010. Gem. § 36 Abs. 4 SGB XI kön­nen die Pfle­ge­kas­sen in beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len zur Ver­mei­dung von Här­ten Pfle­ge­be­dürf­ti­gen der Pfle­ge­stu­fe III wei­te­re Pfle­ge­ein­sät­ze bis zu einem Gesamt­wert von 1.918,- € monat­lich gewäh­ren, wenn ein außer­ge­wöhn­lich hoher Pfle­ge­auf­wand vor­liegt, der das übli­che Maß der Pfle­ge­stu­fe III weit über­steigt, bei­spiels­wei­se, wenn im End­sta­di­um von Krebs­er­kran­kun­gen regel­mä­ßig mehr­fach auch in der Nacht Hil­fe geleis­tet wer­den muss.

Nie­der­säch­si­sches Finanz­ge­richt, Urteil vom 20. April 2012 – 3 K 229/​11
[Revi­si­on ein­ge­legt zum BFH – II R 22/​12]

  1. Meincke, Kom­men­tar zum ErbStG, § 13 Rz. 39; Moench/​Weinmann, Kom­men­tar zum Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er­ge­setz, § 13 Rn. 63; Troll/​Gebel/​Jülicher, ErbStG, § 13 Rz. 106; Wilms/​Jochum, Kom­men­tar zum Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er­ge­setz, § 13 Rz 105[]
  2. BFH, Urteil vom 28.06.1995 – II R 80/​94, BStBl. II 1995, 784[]
  3. eben­so Meincke, Kom­men­tar zum ErbStG, § 13 Rn. 39; Moench/​Weinmann, Kom­men­tar zum Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er­ge­setz, § 13 Rn. 63[]
  4. eben­so Moench/​Weinmann, Kom­men­tar zum Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er­ge­setz, § 13 Rn. 63[]
  5. wohl eben­so Moench/​Weinmann, Kom­men­tar zum Erb­schaft- und Schen­kungsteu­er­ge­setz, § 13 Rn. 61[]