Abge­häng­te Decken im Ober­ge­schoss sind "nicht aus­ge­bau­ter Dach­raum"

Abge­häng­te Decken im Ober­ge­schoss sind im Rah­men der Grund­stücks­be­wer­tung als "nicht aus­ge­bau­ter Dach­raum" anzu­se­hen und daher nur zu 1/​3 anzu­set­zen. Das gilt nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­fi­nanz­hofs auch dann, wenn die abge­häng­te Decke nicht begeh­bar ist.

Abge­häng­te Decken im Ober­ge­schoss sind "nicht aus­ge­bau­ter Dach­raum"

Ange­sichts der Tat­sa­che, dass das BewG kei­ne wei­te­ren Vor­ga­ben zur Ermitt­lung des Gebäu­de­werts ent­hält, hat die Bun­des­re­gie­rung bereits am 19. Sep­tem­ber 1966 mit Zustim­mung des Bun­des­ra­tes auf der Grund­la­ge des Art. 108 Abs. 6 GG in der dama­li­gen Fas­sung die BewR­Gr erlas­sen, wel­che das Bewer­tungs­recht betref­fen­de Zwei­fels- und Aus­le­gungs­fra­gen von all­ge­mei­ner Bedeu­tung behan­deln und pri­mär der ein­heit­li­chen Anwen­dung des Bewer­tungs­rechts durch die Finanz­be­hör­den die­nen. Nach Abschn. 37 Abs. 1 Satz 1 BewR­Gr ist der umbau­te Raum nach DIN 277 in der Fas­sung aus Novem­ber 1950 zu berech­nen, wozu aus­weis­lich des Sat­zes 5 der Vor­schrift im Ein­zel­nen auf die in Anla­ge 12 zu den BewR­Gr ent­hal­te­nen, aus der DIN 277 ent­nom­me­nen Zeich­nun­gen ver­wie­sen wird. Nach Abschn. 37 Abs. 1 Satz 2 BewR­Gr wer­den unter ande­rem "aus­ge­bau­te Dach­ge­schos­se" mit dem vol­len Raum­in­halt ange­setzt, wäh­rend nach Satz 3 der Vor­schrift "nicht aus­ge­bau­te Dach­räu­me" mit einem Drit­tel ihres Raum­in­halts berück­sich­tigt wer­den. Letz­te­res gilt nach Abschn. 37 Abs. 1 Satz 4 BewR­Gr auch dann, wenn die Decke über dem obers­ten Voll­ge­schoss nicht begeh­bar ist, wie dies nach den dor­ti­gen Aus­füh­run­gen "z.B." bei "unter­halb des Daches aufgehängte(n) Staub­de­cken" der Fall sein soll.

Der Bun­des­fi­nanz­hof ist zwar an die Wer­tun­gen in Abschn. 37 Abs. 1 BewR­Gr nicht gebun­den, weil er nur dem Gesetz unter­wor­fen ist (Art. 20 Abs. 3 und Art. 97 GG) und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten (Richt­li­ni­en, Erlas­se, Ver­fü­gun­gen) nur die nach­ge­ord­ne­ten Ver­wal­tungs­dienst­stel­len bin­den 1. Eine von den Gerich­ten zu beach­ten­de Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung besteht aller­dings als Aus­fluss von Art. 3 Abs. 1 GG aus­nahms­wei­se in dem Bereich der der Ver­wal­tung vom Gesetz ein­ge­räum­ten Ent­schei­dungs­frei­heit, also im Bereich des Ermes­sens, der Bil­lig­keit und der Typi­sie­rung oder Pau­scha­lie­rung 2. Damit wird der Bedeu­tung Rech­nung getra­gen, die den BewR­Gr für die Gewähr­leis­tung einer mög­lichst gleich­mä­ßi­gen Besteue­rung, für die Rechts­si­cher­heit sowie für die Prak­ti­ka­bi­li­tät des Bewer­tungs­ver­fah­rens zukommt 3.

Im Streit­fall steht der ein­schrän­ken­den Aus­le­gung des Abschn. 37 Abs. 1 BewR­Gr durch das Finanz­amt der Grund­satz der Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung ent­ge­gen. Die Ver­wal­tung hat in Abschnitt 37 Abs. 1 BewR­Gr eine die Berech­nung des umbau­ten Rau­mes betref­fen­de Typi­sie­rung vor­ge­nom­men, wel­che nach dem Grad der Raum­nutz­bar­keit dif­fe­ren­ziert und weder sach­fremd ist noch den ohne­hin nur kur­so­ri­schen Vor­ga­ben in §§ 85 ff. BewG wider­spricht. Der zwi­schen dem geneig­ten Dach des streit­be­fan­ge­nen Gebäu­des und den als Decken­ab­schluss vor­han­de­nen abge­häng­ten Decken in den Büro­räu­men des Ober­ge­schos­ses exis­tie­ren­de Raum stellt sich danach als "nicht aus­ge­bau­ter Dach­raum" im Sin­ne des Abschn. 37 Abs. 1 Satz 3 BewR­Gr dar.

Nach Abschn. 37 Abs. 1 Sät­ze 2 und 3 BewR­Gr kön­nen Dach­räu­me näm­lich nur ent­we­der "aus­ge­baut" im Sin­ne des Sat­zes 2 oder "nicht aus­ge­baut" im Sin­ne des Sat­zes 3 der Vor­schrift sein. Dabei setzt ein "aus­ge­bau­ter Dach­raum" –wie sich aus der Auf­zäh­lung in Satz 2 ergibt– Aus­bau­maß­nah­men in einem Umfang vor­aus, wel­che die Nut­zung des Dach­ge­schoss­rau­mes nach Art eines Voll­ge­schos­ses oder Kel­lers ermög­li­chen. Nur die­je­ni­gen Dach­ge­schoss­räu­me sind also voll­stän­dig in die Ermitt­lung des umbau­ten Rau­mes ein­zu­be­zie­hen, die gera­de durch ihren Aus­bau mit Blick auf die Nutz­bar­keit den ansons­ten voll anzu­set­zen­den Voll­ge­schoss- und Kel­ler­räu­men gleich­ste­hen, wäh­rend nicht aus­ge­bau­te Dach­ge­schos­se wegen ihrer den vor­ge­nann­ten Räum­lich­kei­ten nicht ver­gleich­ba­ren Nutz­bar­keit nur ver­min­dert ein­zu­be­zie­hen sind.

Die Auf­fas­sung des Finanz­am­tes, die abge­häng­te Decke die­ne ledig­lich der Auf­nah­me ver­klei­de­ter Ver­sor­gungs­lei­tun­gen und ihre Nicht­be­geh­bar­keit füh­re nicht zu einem dar­über lie­gen­den Dach­raum, wider­spricht den von der Finanz­ver­wal­tung selbst geschaf­fe­nen Vor­ga­ben des Abschn. 37 Abs. 1 Satz 4 BewR­Gr. Danach gel­ten die Aus­füh­run­gen in Satz 3 auch, wenn die Decke über dem obers­ten Voll­ge­schoss nicht begeh­bar ist, womit jede nicht begeh­ba­re Decke über dem obers­ten Voll­ge­schoss erfasst wird. Auf die Fra­ge, ob eine abge­häng­te Decke einer in Satz 4 bei­spiel­haft auf­ge­zähl­ten, unter­halb des Daches auf­ge­häng­ten Staub­de­cke ent­spricht, kommt es danach nicht an.

Dies ent­spricht auch den in Abschn. 37 Abs. 1 Satz 5 BewR­Gr in Bezug genom­me­nen Zeich­nun­gen nach der Anla­ge 12. Die­se ent­stam­men zwar DIN 277 aus Novem­ber 1950; da sie aber selbst als Anla­ge in die BewR­Gr auf­ge­nom­men wur­den, rich­tet sich die Ermitt­lung des umbau­ten Rau­mes allei­ne nach ihrem Inhalt 4, ohne dass spä­te­re Fas­sun­gen der vor­ge­nann­ten DIN-Vor­schrift Gegen­stand der BewR­Gr gewor­den sein könn­ten. Nach Abschn. 1.2 der Anla­ge 12 ist dabei der umbau­te Raum des nicht aus­ge­bau­ten Dach­rau­mes, der von den Flä­chen nach Abschn. 1.131 oder 1.132 und den Außen­flä­chen des Daches umschlos­sen wird, mit einem Drit­tel anzu­rech­nen. Bezo­gen auf den Streit­fall ist dies der Raum zwi­schen der Außen­flä­che des Daches und dem Boden über dem obers­ten Voll­ge­schoss, wel­cher durch die abge­häng­te Decke gebil­det wird.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 4. Febru­ar 2010 – II R 1/​09

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 07.11.1975 – III R 120/​74, BFHE 118, 59, BSt­Bl II 1976, 277; vom 13.12.2007 – IV R 92/​05, BFHE 220, 482, BSt­Bl II 2008, 583[]
  2. BFH, Urtei­le vom 26.04.1995 – XI R 81/​93, BFHE 178, 4, BSt­Bl II 1995, 754; vom 07.12.2005 – I R 123/​04, BFH/​NV 2006, 1097[]
  3. BFH, Urteil vom 26.06.1981 – III R 3/​79, BFHE 133, 437, BSt­Bl II 1981, 643[]
  4. vgl. Gürsching/​Stenger, Bewer­tungs­recht, § 85 BewG Rz 13[]