Die Grund­er­werb­steu­er und die Ver­wer­tungs­be­fug­nis an Grund­stü­cken

Nach § 1 Abs. 2 GrEStG unter­lie­gen der Grund­er­werb­steu­er auch sol­che Rechts­vor­gän­ge, die es dem Erwer­ber ermög­li­chen, sich den Wert des Grund­stücks für eige­ne Rech­nung nutz­bar zu machen [1]. Ein­wir­kungs­mög­lich­kei­ten eines Gesell­schaf­ters auf Gesell­schafts­ebe­ne ohne kon­kre­ten Grund­stücks­be­zug rei­chen dafür nicht aus.

Die Grund­er­werb­steu­er und die Ver­wer­tungs­be­fug­nis an Grund­stü­cken

Der Rechts­vor­gang, auf dem die­se sog. Ver­wer­tungs­be­fug­nis beruht, kann sowohl pri­vat­recht­li­cher als auch öffent­lich-recht­li­cher Natur sein [2]. Ver­zich­tet ein Treu­ge­ber auf sei­nen Her­aus­ga­be­an­spruch gegen­über dem Treu­hän­der, kann dar­in die Ver­schaf­fung der Ver­wer­tungs­be­fug­nis zu sehen sein, wenn zuvor ein Treu­hand­ver­hält­nis bestand, auf­grund des­sen der Treu­ge­ber sich den Wert eines Grund­stücks jeder­zeit nutz­bar machen konn­te.

Ein­wir­kungs­mög­lich­kei­ten eines Gesell­schaf­ters auf Gesell­schafts­ebe­ne rei­chen für eine Ver­wer­tungs­be­fug­nis i.S. des § 1 Abs. 2 GrEStG nicht aus. Das folgt aus der Sys­te­ma­tik des Grund­er­werb­steu­er­rechts, das Gesamt­hands­ge­mein­schaf­ten und Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten als eige­ne Rechts­sub­jek­te behan­delt und Gesell­schaf­tern die im Eigen­tum der Gesell­schaft ste­hen­den Grund­stü­cke grund­er­werb­steu­er­recht­lich nur aus­nahms­wei­se zuord­net, wenn min­des­tens 95 % der Antei­le an der Gesell­schaft in einer Hand ver­ei­nigt sind (§ 1 Abs. 3 GrEStG) [3]. Selbst die Stel­lung als Allein­ge­sell­schaf­ter einer GmbH begrün­det kei­ne Ver­wer­tungs­be­fug­nis i.S. des § 1 Abs. 2 GrEStG. Die­ser kann zwar dar­auf hin­wir­ken, dass Grund­stü­cke ver­äu­ßert wer­den, und über den Gewinn der Gesell­schaft einen etwai­gen Mehr­erlös aus der Ver­äu­ße­rung an sich zie­hen. Er ist dafür jedoch auf sei­ne Mit­wir­kungs­rech­te in den Orga­nen der GmbH, deren Han­deln der GmbH zuzu­rech­nen ist, ange­wie­sen [4].

Aus­ge­hend von die­sen Über­le­gun­gen begrün­det im vor­lie­gen­den Fall der Ver­gleich zwi­schen der Klä­ge­rin und dem Bund, durch die der Bund auf etwai­ge Her­aus­ga­be- und Aus­gleichs­an­sprü­che gegen Zah­lung des ver­ein­bar­ten Betrags ver­zich­tet hat, kei­ne Ver­wer­tungs­be­fug­nis der Klä­ge­rin i.S. von § 1 Abs. 2 GrEStG. Weder das Berg­SiedlG noch die Rege­lun­gen des Gesell­schafts­ver­trags haben ein Treu­hand­ver­hält­nis begrün­det, das dem Bund als Treu­ge­ber ermög­licht hät­te, die im Eigen­tum der Klä­ge­rin ste­hen­den Grund­stü­cke für eige­ne Rech­nung zu ver­wer­ten.

Aus den Rege­lun­gen des Berg­SiedlG lässt sich ein sol­ches Treu­hand­ver­hält­nis nicht her­lei­ten. Danach ergab sich zwar, dass die Klä­ge­rin das Berg­manns­sied­lungs­ver­mö­gen für das Reich treu­hän­de­risch ver­wal­ten soll­te. Es fehlt jedoch an kon­kre­ten Aus­sa­gen dazu, wie die­se treu­hän­de­ri­sche Ver­wal­tung recht­lich aus­ge­stal­tet sein soll­te und wel­che Rech­te und wel­che Pflich­ten Treu­hän­der und Treu­ge­ber zustan­den. Aus der Fest­stel­lung der treu­hän­de­ri­schen Ver­wal­tung folgt nicht auto­ma­tisch ein jeder­zei­ti­ger Her­aus­ga­be­an­spruch des Bun­des in Bezug auf die ein­zel­nen im Eigen­tum der Klä­ge­rin befind­li­chen Grund­stü­cke. Nur mit­tels Gel­tend­ma­chung sol­cher Her­aus­ga­be­an­sprü­che hät­te sich der Bund jedoch einen etwai­gen Wert­zu­wachs der Grund­stü­cke jeder­zeit nutz­bar machen kön­nen. Dabei kann es letzt­lich dahin­ste­hen, wem –wirt­schaft­lich gese­hen– das Eigen­tum an dem gesam­ten Berg­manns­sied­lungs­ver­mö­gen zustand. Im Rah­men der Grund­er­werb­steu­er ist allein maß­geb­lich, dass sich die Ver­wer­tungs­be­fug­nis auf ein­zel­ne Grund­stü­cke bezieht. Dies lässt sich der gesetz­li­chen Rege­lung nicht ent­neh­men und folgt auch nicht aus der tat­säch­li­chen Durch­füh­rung der­sel­ben durch den Bund und die Klä­ge­rin. Nach den Fest­stel­lun­gen des FG hat die Klä­ge­rin wäh­rend der über Jahr­zehn­te gül­ti­gen gesetz­li­chen Rege­lung ohne Rück­spra­che mit dem Reich oder dem Bund Grund­stü­cke erwor­ben und ver­kauft. Das Reich und der Bund haben kei­ne Her­aus­ga­be­an­sprü­che gel­tend gemacht oder die Ver­wer­tung ein­zel­ner Grund­stü­cke zu ihren Guns­ten ver­langt. Selbst die gesell­schafts­ver­trag­li­chen Kon­troll­rech­te wur­den nicht wahr­ge­nom­men.

Ein Her­aus­ga­be­an­spruch an den ein­zel­nen, zum Berg­manns­sied­lungs­ver­mö­gen gehö­ren­den Grund­stü­cken folgt auch nicht aus dem Gesell­schafts­ver­trag der Klä­ge­rin in der im Streit­fall gel­ten­den Fas­sung. Danach wird dem Bund aus­drück­lich die Rol­le eines stil­len Gesell­schaf­ters, der das Berg­manns­sied­lungs­ver­mö­gen als stil­le Ein­la­ge geleis­tet hat, zuge­bil­ligt. Die­se gesell­schafts­recht­li­che Stel­lung begrün­det ledig­lich einen Anspruch auf einen Anteil am Liqui­da­ti­ons­er­lös bei Auf­lö­sung der Gesell­schaft, nicht jedoch einen Anspruch auf Über­eig­nung ein­zel­ner Grund­stü­cke aus dem Berg­manns­sied­lungs­ver­mö­gen oder gar die Aus­keh­rung des gesam­ten Berg­manns­sied­lungs­ver­mö­gens. Dem Bund stan­den nach den Rege­lun­gen des Gesell­schafts­ver­trags ledig­lich Auf­sichts­rech­te über sei­nen Ver­tre­ter im Ver­wal­tungs­rat zu. Damit konn­te der Bund kei­nen unmit­tel­ba­ren Ein­fluss auf die Geschäfts­füh­rung neh­men und die­se z.B. anwei­sen, bestimm­te Grund­stü­cke auf sei­ne Rech­nung außer­halb der übli­chen Geschäfts­tä­tig­keit der Gesell­schaft zu ver­wer­ten.

Aus dem Wort­laut des zwi­schen der Klä­ge­rin und dem Bund geschlos­se­nen Ver­gleichs lässt sich nichts ande­res her­lei­ten. Danach gin­gen die Betei­lig­ten selbst nicht davon aus, dass dem Bund als Treu­hän­der die Ver­wer­tungs­be­fug­nis an den ein­zel­nen Grund­stü­cken zustand. Die Abfin­dung wur­de viel­mehr für alle denk­ba­ren Ansprü­che im Zusam­men­hang mit der Treu­hand­schaft und dem Gesell­schafts­ver­hält­nis gezahlt. Sie bemaß sich nicht nach dem Wert ein­zel­ner Grund­stü­cke, son­dern nach dem Gesell­schafts­ver­mö­gen, des­sen Höhe zuvor im Rah­men einer Unter­neh­mens­be­wer­tung ermit­telt wor­den war.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 24. April 2013 – II R 32/​11

  1. BFH, Urtei­le vom 03.05.1973 – II R 37/​68, BFHE 109, 476, BStBl II 1973, 709; vom 27.07.1994 – II R 67/​91, BFH/​NV 1995, 269; und vom 01.03.2000 – II R 53/​98, BFHE 191, 416, BStBl II 2000, 357[]
  2. vgl. Fischer in Borut­tau, Grund­er­werb­steu­er­ge­setz, 17. Aufl., § 1 Rz 645[]
  3. vgl. Pahlke/​Franz, Grund­er­werb­steu­er­ge­setz, Kom­men­tar, 4. Aufl., § 1 Rz 247[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 191, 416, BStBl II 2000, 357; Fischer, a.a.O., § 1 Rz 760; Pahlke/​Franz, a.a.O., § 1 Rz 247[]