Anfor­de­run­gen an die Tat­bschrei­bung in einem Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen

Der Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka rich­tet sich nach dem Aus­lie­fe­rungs­ver­trag vom 20.06.1978 zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka 1 i.V.m. den Zusatz­ver­trä­gen zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka vom 21.10.1986 2 und vom 18.04.2006 3 – im wei­te­ren als " US-Aus­lV" bezeich­net – sowie dem Abkom­men zwi­schen der Euro­päi­schen Uni­on und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka über Aus­lie­fe­rung vom 25.06.2003 4 – im wei­te­ren als "EU-US-Abkom­men" bezeich­net 5.

Anfor­de­run­gen an die Tat­bschrei­bung in einem Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen

An die Umschrei­bung der dem Ver­folg­ten vor­ge­wor­fe­nen Straf­ta­ten im Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen bestehen hohe Anfor­de­run­gen. Aus den Aus­lie­fe­rungs­un­ter­la­gen muss sich danach erge­ben, wer die Tat wann, wo und unter wel­chen nähe­ren Gege­ben­hei­ten began­gen hat, denn nur dann ist die Ein­hal­tung des Grund­sat­zes der Spe­zia­li­tät gesi­chert und gewähr­leis­tet, dass der Ver­folg­te nur wegen der Tat oder der Taten ver­folgt wer­den darf, wegen derer die Aus­lie­fe­rung bewil­ligt wor­den ist 6. Aller­dings dür­fen nicht die glei­chen stren­gen Maß­stä­be wie im deut­schen Recht ange­legt wer­den. Das wür­de näm­lich den Beson­der­hei­ten des Aus­lie­fe­rungs­rechts, in wel­chem unter­schied­li­che Rechts­ord­nun­gen auf­ein­an­der tref­fen, nicht genü­gend Rech­nung tra­gen. Das prü­fen­de Gericht hat viel­mehr die Beson­der­hei­ten des Rechts des ersu­chen­den Staa­tes in sei­ne Erwä­gun­gen mit ein­zu­be­zie­hen 7. Eine Ein­schrän­kung die­ser Anfor­de­run­gen ist vor allem dann ver­an­lasst, wenn dem Ver­folg­ten nicht die Bege­hung einer ein­zel­nen Straf­tat zur Last liegt, son­dern ihm über län­ge­re Zeit andau­ern­de teil­wei­se auch orga­ni­siert durch­ge­führ­te Seri­en­straf­ta­ten vor­ge­wor­fen wer­den. Inso­weit reicht es nach Ansicht des Senats aus, wenn sich aus dem Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen neben den in Betracht kom­men­den Tat­zei­ten und Tatört­lich­kei­ten eine hin­rei­chen­de Schil­de­rung der Struk­tu­ren der Orga­ni­sa­ti­on, der Art und des Umfangs der Ein­bin­dung des Ver­folg­ten in die­se sowie eine nähe­re Schil­de­rung des Ablaufs der Seri­en­straf­ta­ten nebst Umfang und des ins­ge­samt ange­rich­te­tem Min­dest­scha­dens der began­ge­nen Straf­ta­ten ergibt. Die Aus­lie­fe­rungs­un­ter­la­gen müs­sen dabei jedoch so kon­kre­ti­siert sein, dass sie einen zurei­chen­den Rück­schluss auf das dem Ver­folg­ten vor­ge­wor­fe­ne Gesche­hen ermög­li­chen, so dass die­ses von ande­ren Tat­vor­wür­fen abgrenz­bar ist. Wei­ter ist erfor­der­lich, dass für den Ver­folg­ten Art und Aus­maß der gegen ihn erho­be­nen Vor­wür­fe hin­rei­chend deut­lich erkenn­bar wird, so dass er sich hier­auf ein­rich­ten und hier­ge­gen ver­tei­di­gen kann 8. Inso­weit kann es auch dar­auf ankom­men, ob dem ersu­chen­den Staat eine wei­te­re Kon­kre­ti­sie­rung des Tat­vor­wurfs auch unter Berück­sich­ti­gung sei­nes inner­staat­li­chen Rechts mög­lich ist und ob und wie er sich hier­zu äußert.

Die­se Anfor­de­run­gen sah das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he im vor­lie­gen­den Fall als erfüllt an. In dem Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen wer­fen die Jus­tiz­be­hör­den der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka dem Ver­folg­ten hier­in vor, Mit­glied einer kri­mi­nel­len Orga­ni­sa­ti­on mit unge­fähr 4000 Mit­glie­dern gewe­sen zu sein, wel­che unter ande­rem unter Benut­zung der im Gerichts­be­zirk von New Jer­sey regis­trier­ten Inter­net­platt­form „shadow­crew“ mit min­des­tens 1,5 Mil­lio­nen gestoh­le­nen Kre­dit­kar­ten­num­mern gehan­delt und hier­durch Kre­dit­kar­ten­un­ter­neh­men, Finanz­in­sti­tu­te und Inha­ber von Kre­dit­kar­ten um über vier Mil­lio­nen USD geschä­digt habe, ohne dass das Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen bzw. die dort bei­gefüg­ten Doku­men­te eine nähe­re Beschrei­bung aller Ein­zel­ta­ten ent­hält. Die Aus­lie­fe­rungs­un­ter­la­gen beschrän­ken sich inso­weit auf eine nähe­re Beschrei­bung der nach Straf­tat­be­stän­den des US-ame­ri­ka­ni­schen Rechts und nicht nach Tat­hand­lun­gen auf­ge­bau­ten zehn Ankla­ge­vor­wür­fe der Ankla­ge der Bun­desan­kla­ge­ju­ry an das Bun­des­be­zirks­ge­richt der Ver­ei­nig­ten Staa­ten für den Gerichts­be­zirk New York-Ost vom 26.04.2012 und schil­dern ein­ge­hend – inso­weit nimmt der Senat auf die Aus­lie­fe­rungs­un­ter­la­gen Bezug – die von 2002 bis 2012 andau­ern­de Ein­bin­dung des Ver­folg­ten in die kri­mi­nel­le Orga­ni­sa­ti­on und die Moda­li­tä­ten der Vor­ge­hens­wei­se der Mit­glie­der der­sel­ben, wobei auch ver­schie­de­ne vom Ver­folg­ten selbst vor­ge­nom­men Hand­lun­gen inner­halb von „shadow­crew“ im Ein­zel­nen dar­ge­legt wer­den. Danach habe der Ver­folg­te etwa mit ande­ren Mit­glie­dern der Orga­ni­sa­ti­on im Hin­blick auf den Dieb­stahl, den Kauf, Ver­kauf und Han­del von Infor­ma­tio­nen zu gestoh­le­nen Kre­dit- und Debit­kar­ten­kon­ten kom­mu­ni­ziert und dabei elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­tho­den wie bei­spiels­wei­se E‑Mail, Instant Mes­sen­ger („IM“) und wei­te­re Chat-Platt­for­men im Inter­net ein­ge­setzt. Von den betrü­ge­ri­schen Machen­schaf­ten sei­en sowohl Ban­ken, wie bei­spiels­wei­se Citi­bank, JPMor­gen Cha­se, Teacher‘s Federal Credit Uni­on und Bank of Ame­ri­ca, als auch Zah­lungs­sys­te­me für Debit- und Kre­dit­kar­ten, wie bei­spiels­wei­se Visa, Mas­ter­card, Dis­co­ver und Ame­ri­can Express, betrof­fen gewe­sen. Bei dem unter den Deck­na­men … han­deln­den Ver­folg­ten habe es sich dabei um ein über­aus pro­duk­ti­ves Mit­glied von „shadow­crew“ gehan­delt, wel­ches etwa in der Zeit von 16.10.2002 bis 04.05.2004 etwa 3.594 Kre­dit- und Debit­kar­ten­num­mern von Opfern auf der gan­zen Welt, dar­un­ter auch im öst­li­chen Gerichts­be­zirk von New York, zum An- bzw. Ver­kauf auf sei­nem E‑Mail-Kon­to gespei­chert gehabt habe. Als zusätz­li­ches Bei­spiel – wei­te­re fin­den sich in den vor­lie­gen­den Aus­lie­fe­rungs­un­ter­la­gen – wird u.a. ange­führt, dass im Febru­ar 2011 die Fide­li­ty Infor­ma­ti­ons Ser­vices (FIS), eines der welt­weit größ­ten Zah­lungs­sys­te­me, Opfer eines Netz­werk­an­griffs von Hackern gewor­den sei, wobei zwi­schen dem 26.02.2011 und 28.02.2011 die Kon­to­stän­de von 21 Kon­ten geän­dert und tau­sen­de von betrü­ge­ri­schen Abhe­bun­gen auf der gan­zen Welt vor­ge­nom­men wor­den sei­en und der Ver­folg­te um den 27.02.2011 eines der betrü­ge­ri­schen Kon­ten wäh­rend einer Online-Unter­hal­tung an eine ande­re Per­son zur Durch­füh­rung betrü­ge­ri­scher Trans­ak­tio­nen über­mit­telt habe, wor­auf­hin von die­sem Kon­to bei drei ver­schie­de­nen Gele­gen­hei­ten eine Mil­li­on USD abge­ho­ben wor­den sei­en.

Bei die­ser Sach­la­ge sieht der Senat – auch wenn im Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen nicht alle der Orga­ni­sa­ti­on zure­chen­ba­ren Tat­hand­lun­gen im Ein­zel­nen auf­ge­führt wer­den – den Grund­satz der Spe­zia­li­tät als gewahrt an, denn es ist ersicht­lich, dass sich das Aus­lie­fe­rungs­er­su­chen nur auf sol­che Taten bezieht, wel­che der Ver­folg­te im besag­ten Zeit­raum im Zusam­men­hang mit der kri­mi­nel­len Platt­form „shadow­crew“ ent­we­der selbst began­gen hat oder wel­che durch Drit­te durch­ge­führt wur­den und ihm von der Jus­tiz­be­hör­den der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka zuge­rech­net wer­den. Inso­weit war auch zu berück­sich­ti­gen, dass dem ersu­chen­den Staat eine wei­te­re Kon­kre­ti­sie­rung der Tat­vor­wür­fe nicht mög­lich ist. Auf die vom Senat mit Beschluss vom 25.07.2012 erbe­te­ne Kon­kre­ti­sie­rung der Tat­vor­wür­fe haben die Jus­tiz­be­hör­den der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka mit der der Note des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums vom 10.09.2012 bei­gefüg­ten Erklä­rung des stell­ver­tre­ten­de US-Bun­des­an­walts A. vom Bezirks­ge­richts der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, Öst­li­cher Gerichts­be­zirk von New York, vom 30.08.2012 erneut ein­ge­hend die für sie maß­geb­li­chen recht­li­chen und tat­säch­li­chen Gesichts­punk­te des Ankla­ge­vor­wurfs bezüg­lich der zehn Ankla­ge­punk­te dar­ge­legt und näher erläu­tert. Die­se Prä­zi­sie­rung ist vom Senat im Rah­men des mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka geschlos­se­nen Aus­lie­fe­rungs­ver­trags vom 20.06.1978 1 i.V.m. den Zusatz­ver­trä­gen vom 21.10.1986 2 und vom 18.04.2006 3 unter Berück­sich­ti­gung der unter­schied­li­chen Rechts­sys­te­me als aus­rei­chend hin­zu­neh­men, auch wenn die Erklä­rung inner­staat­li­chen Anfor­de­run­gen an die Kon­kret­heit von Tat­be­schrei­bun­gen nicht genügt und eine Indi­vi­dua­li­sie­rung von Ein­zel­ta­ten etwa im Hin­blick auf wei­te­re Tat­be­tei­lig­te, indi­vi­du­el­le Tat­hand­lun­gen, kon­kret Geschä­dig­te und im ein­zel­nen ein­ge­tre­te­ne Schä­den nicht ermög­licht. Dabei hat der Senat auch bedacht, dass ansons­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Gewäh­rung ver­trag­lich ver­ein­bar­ter Rechts­hil­fe im Aus­lie­fe­rungs­ver­kehr bei unter Zuhil­fe­nah­me moder­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel began­ge­nen ban­den­mä­ßig oder sonst orga­ni­sier­ten Mas­se­de­lik­ten nicht mehr bzw. kaum noch mög­lich wäre.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 8. Novem­ber 2012 – 1 AK 19/​12

  1. BGBl. 1980 II S. 646, 1300[][]
  2. BGBl. 1988 II S. 1087; 1993 II S. 846[][]
  3. BGBl. 2007 II S. 1618, 1637; 2010 II S. 829[][]
  4. ABl. EU Nr. L 181/​27 vom 19.07.2003; BGBl. 2007 II S. 1618, 1643; 2010 II S. 829[]
  5. vgl. hier­zu Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 5. Aufl. 2012, Aus­lV D‑USA, Rn. 1 ff.; Jaco­by in: Grützner/​Pötz/​Kreß, Inter­na­tio­na­ler Rechts­hil­fe­ver­kehr in Straf­sa­chen, 3. Aufl., 24. Lie­fe­rung 2011, Band 3 II V 10, Rn. 4 ff.; Rie­gel FPR 2010, 502[]
  6. vgl. OLG Stutt­gart NStZ-RR 2003, 276; Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, a.a.O., IRG § 10 Rn. 3; BVerfG, Beschluss vom 28.07.2008, 2 BvR 1347/​08[]
  7. BGHSt 27, 168 für das Merk­mal der bei­der­sei­ti­gen Straf­bar­keit[]
  8. vgl. hier­zu OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 10.06.2011 – 1 AK 23/​11; zur Ein­schrän­kung der Anfor­de­run­gen an eine Tat­be­schrei­bung bei einer Mehr­zahl gleich­ge­la­ger­ter oder ähn­li­cher Straf­ta­ten auch im deut­schen Recht vgl. Mey­er-Goß­ner, StPO, 55. Auf­la­ge 2012, § 264 Rn. 7b[]