Der Islam­si­che Staat – aus Sicht deut­scher Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den

Der Bun­des­ge­richts­hof hat im Rah­men sei­ner Ent­schei­dung über die Haft­be­schwer­de eines der Mön­chen­glad­ba­cher Isla­mis­ten­sze­ne ent­stam­men­den IS-Kämp­fers die vor­lie­gen­den Erkennt­nis­se über den Isla­mi­schen Staat zusam­men­fas­send dar­ge­stellt:

Der Islam­si­che Staat – aus Sicht deut­scher Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den

Der „Isla­mi­sche Staat im Irak und in Groß­sy­ri­en“ (ISIG) ist eine Orga­ni­sa­ti­on mit mili­tant­fun­da­men­ta­lis­ti­scher isla­mi­scher Aus­rich­tung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, einen das Gebiet des heu­ti­gen Irak und die his­to­ri­sche Regi­on „ash-Sham“ – die heu­ti­gen Staa­ten Syri­en, Liba­non und Jor­da­ni­en sowie Paläs­ti­na – umfas­sen­den und auf ihrer Ideo­lo­gie grün­den­den „Got­tes­staat“ zu errich­ten. Dazu will sie die schii­tisch domi­nier­te Regie­rung im Irak und das Régime des syri­schen Prä­si­den­ten Assad stür­zen. Zivi­le Opfer nimmt sie dabei in Kauf, weil sie jeden, der sich ihren Ansprü­chen ent­ge­gen­stellt, als „Feind des Islam“ begreift; die Tötung sol­cher „Fein­de“ oder ihre Ein­schüch­te­rung durch Gewalt­ak­te sieht die Ver­ei­ni­gung als legi­ti­mes Mit­tel des Kamp­fes an.

Die Orga­ni­sa­ti­on geht zurück auf die als „al-Qai­da im Irak (AQI)“ bekannt gewor­de­ne, von Abu Mus­ab al-Zar­qa­wi geführ­te Grup­pie­rung „Tan­zim Qa’i­dat al-Jihad fi Bilad ar-Rafi­dain“ („Orga­ni­sa­ti­on der Basis des Jihad im Zwei­strom­land“) und deren Vor­gän­ger­or­ga­ni­sa­tio­nen. Nach Leis­tung des Treu­eids auf Osa­ma bin Laden und des­sen „al-Qai­da“ ernann­te bin Laden al-Zar­qa­wi im Dezem­ber 2005 zu sei­nem Stell­ver­tre­ter im Irak.

Im Jahr 2006 schloss sich die Ver­ei­ni­gung mit ande­ren Grup­pie­run­gen unter der Dach­or­ga­ni­sa­ti­on „Schu­ra-Rat der Mud­scha­he­din im Irak“ zusam­men, aus der nach dem Tod al-Zar­qa­wis im Juni 2006 der „Isla­mi­sche Staat im Irak“ (ISI) her­vor­ging. Die­se Orga­ni­sa­ti­on ist für meh­re­re Tau­send Todes­op­fer bei Auto­bom­ben- und Selbst­mord­an­schlä­gen im Irak in den Jah­ren 2007 bis 2012 ver­ant­wort­lich. Im Früh­jahr 2010 über­nahm Abu Bakr al-Baghda­di die Füh­rung des ISI und griff ab dem Jahr 2012 – einem Auf­ruf des Anfüh­rers der al-Qai­da, al-Zawa­hi­ri, fol­gend – in den syri­schen Bür­ger­krieg ein, indem er Kämp­fer dort­hin ent­sand­te. Im Janu­ar 2012 hat­ten sich die in Syri­en agie­ren­den, über­wie­gend syri­schen Kämp­fer unter der Füh­rung des im Irak kampf­erprob­ten Syrers Muham­mad al-Jau­la­ni zu der ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung „Jab­hat an-Nus­ra li-Ahl ash-Sham“ (im Fol­gen­den: JaN) zusam­men­ge­schlos­sen, die von al-Baghda­di als dem ISI unter­ste­hen­de Regio­nal­or­ga­ni­sa­ti­on vor­ge­se­hen war. Um sei­nen Füh­rungs­an­spruch zu doku­men­tie­ren, ver­kün­de­te er im April 2013 den Zusam­men­schluss von ISI und JaN zur Orga­ni­sa­ti­on „Isla­mi­scher Staat Irak und Groß­sy­ri­en“. Al-Jau­la­ni lehn­te die­sen Zusam­men­schluss in der Fol­ge­zeit zwar ab und beton­te die Eigen­stän­dig­keit der JaN; gleich­wohl setz­te sich der von al-Baghda­di befeh­lig­te ISIG mit eige­nen Kämp­fern in Syri­en fest und erhielt als radi­ka­le­re Orga­ni­sa­ti­on viel­fach Zulauf von Mud­scha­he­din ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen, etwa der JaN. Nach­dem ein Schlich­tungs­ver­such der al-Qai­da-Füh­rung erfolg­los geblie­ben war, kam es Anfang des Jah­re 2014 zum Bruch al-Baghda­dis sowohl mit al-Qai­da als auch mit der JaN, der im April 2014 mit einer öffent­li­chen Los­sa­gung des ISIG vom al-Qai­da-Netz­werk bestä­tigt wur­de. Im Juni 2014 rief der offi­zi­el­le Spre­cher des ISIG das „Kali­fat“ aus und erklär­te al-Baghda­di zum „Kali­fen“, dem die Mus­li­me welt­weit Gehor­sam zu leis­ten hät­ten. Zugleich wur­de die Umbe­nen­nung des ISIG in „Isla­mi­scher Staat“ (im Fol­gen­den: IS) ver­kün­det.

Das genann­te Ziel der Errich­tung eines „Got­tes­staa­tes“ setzt der ISIG einer­seits durch offe­nen mili­tä­ri­schen Boden­kampf gegen die syri­sche Armee, aber auch gegen die oppo­si­tio­nel­le „Freie syri­sche Armee“ und ande­re kon­kur­rie­ren­de Rebel­len­grup­pen um. Ande­rer­seits führt er die bis­he­ri­ge Pra­xis von Spreng­stoff- und Selbst­mord­an­schlä­gen fort, ent­führt syri­sche Regie­rungs- oder Mili­tär­ver­ant­wort­li­che, aber auch Ange­hö­ri­ge inter­na­tio­na­ler Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und nimmt Erschie­ßun­gen und Ent­haup­tun­gen vor. Dane­ben zäh­len ver­mehrt auch Tei­le der Zivil­be­völ­ke­rung in den Ope­ra­ti­ons­ge­bie­ten des ISIG zu sei­nen Opfern, ins­be­son­de­re Kur­den und Ange­hö­ri­ge der ala­wi­ti­schen Min­der­heit, die ent­führt und getö­tet wer­den.

Die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur des ISIG ähnelt der ande­rer ter­ro­ris­ti­scher Ver­ei­ni­gun­gen: Dem Anfüh­rer („Emir“) steht ein Stell­ver­tre­ter zur Sei­te und er ver­fügt über einen Gro­ßen und einen Klei­nen Schu­ra-Rat als Bera­tungs­gre­mi­um. Inner­halb des von dem ISIG kon­trol­lier­ten Gebiet wachen isla­mi­sche Gerich­te über die Ein­hal­tung der Scha­ria. Wich­ti­ge Pos­ten inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on wer­den von „Minis­tern“ besetzt, etwa einem „Kriegs“ und einem „Pro­pa­gan­da-Minis­ter“. Es exis­tiert ein „Infor­ma­ti­ons­mi­nis­te­ri­um“, das über Ope­ra­tio­nen in Syri­en oder im Irak berich­tet oder Anschlags­be­ken­nun­gen ver­öf­fent­licht. Die­sem Minis­te­ri­um unter­ste­hen eine eige­ne Medi­en­pro­duk­ti­ons- sowie eine im März 2013 gegrün­de­te Medi­enstel­le, die die Ver­öf­fent­li­chung – auch über einen eige­nen Twit­ter­ka­nal und ein Inter­net­fo­rum – über­nimmt. Der ISIG ver­fügt über ein eige­nes Logo. Tau­sen­de Kämp­fer der Ver­ei­ni­gung sind in Kampf­ein­hei­ten auf­ge­teilt, deren mili­tä­ri­sche Füh­rer wie­der­um dem Kriegs­mi­nis­ter unter­ste­hen.

Der Bun­des­ge­richts­hof stuft die Mit­glied­schaft in der IS (ISIG) als straf­bar gemäß § 129a Abs. 1 Nr. 1 und 2, § 129b Abs. 1 Satz 1 und 2 StGB ein. Die nach § 129b Abs. 1 Satz 2 und 3 StGB erfor­der­li­che Ermäch­ti­gung zur straf­recht­li­chen Ver­fol­gung von Mit­glie­dern oder Unter­stüt­zern des ISIG lie­gen vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Febru­ar 2015 – StB 2/​15