Schuß ins Knie – in Not­wehr

Der Ange­klag­te, der in Ver­tei­di­gungs­ab­sicht han­del­te, durf­te die­sen Angriff mit dem Mit­tel abweh­ren, das einen unmit­tel­ba­ren Erfolg ver­sprach. Nach all­ge­mei­nen not­wehr­recht­li­chen Grund­sät­zen ist der Ange­grif­fe­ne berech­tigt, das­je­ni­ge Abwehr­mit­tel zu wäh­len, das eine sofor­ti­ge und end­gül­ti­ge Besei­ti­gung der Gefahr gewähr­leis­tet; der Ange­grif­fe­ne muss sich nicht mit der Anwen­dung weni­ger gefähr­li­cher Ver­tei­di­gungs­mit­tel begnü­gen, wenn deren Abwehr­wir­kung zwei­fel­haft ist.

Schuß ins Knie – in Not­wehr

Ange­sichts der Ver­fol­gung durch drei Angrei­fer, von denen einer ihn bereits kör­per­lich ver­letzt hat­te, ist der Schüt­ze nicht gehal­ten, zunächst mit der Waf­fe zu dro­hen oder einen Warn­schuss abzu­ge­ben, zumal sich das gesam­te Gesche­hen in weni­ger als einer Minu­te abspiel­te 1.

Unter den gege­be­nen Umstän­den waren daher die nach unten gerich­te­ten Schüs­se auf einen der Angrei­fer durch Not­wehr gerecht­fer­tigt. Dies gilt auch für den Schuss auf einen wei­te­ren Angrei­fer, der zum Zeit­punkt der Schuss­ab­ga­be auf ihn den Angriff auf den Ange­klag­ten nicht erkenn­bar abge­bro­chen hat­te.

Hin­sicht­lich eines wei­te­ren Angrei­fers, der uner­kannt vom Schüt­zen sei­nen Angriff been­det hat­te, bil­lig­te es der Bun­des­ge­richts­hof, dem Schüt­zen in ana­lo­ger Anwen­dung des § 16 StGB einen Erlaub­nis­tat­be­standsirr­tum zug­zu­il­li­gen. Die­ser Irr­tum über die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Not­wehr führt zum Aus­schluss des Kör­per­ver­let­zungs­vor­sat­zes 2. Auch eine fahr­läs­si­ge Kör­per­ver­let­zung ver­neint der Bun­des­ge­richts­hof, soweit der Schüt­ze den Irr­tum in der kon­kre­ten Situa­ti­on nicht ver­mei­den konn­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juli 2015 – 4 StR 561/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 27.09.2012 – 4 StR 197/​12, NStZ-RR 2013, 139 ff.; Fischer, StGB, 62. Aufl., § 32 Rn. 33a mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 21.08.2013 – 1 StR 449/​13, NStZ 2014, 30 f.; Urteil vom 27.09.2012 – 4 StR 197/​12, NStZ-RR 2013, 139 ff. mwN[]