Über­zeu­gungs­bil­dung zum Vor­lie­gen einer Kata­log­tat bei Auf­klä­rungs­hil­fe

Zu der Straf­zu­mes­sungs­tat­sa­che, ob die von einem Täter geleis­te­te Auf­klä­rungs­hil­fe sich auf eine Kata­log­tat im Sin­ne des § 46b Abs. 1 S. 1 StGB i.V.m. § 100 a Abs. 2 StPO bezieht, hat sich das erken­nen­de Gericht eine eige­ne Über­zeu­gung zu bil­den. Die Fest­stel­lung, dass die mit der Bezug­s­tat der Auf­klä­rungs­hil­fe befasst gewe­se­nen Instan­zen (k)eine Kata­log­tat ange­nom­men haben, reicht nicht aus.

Über­zeu­gungs­bil­dung zum Vor­lie­gen einer Kata­log­tat bei Auf­klä­rungs­hil­fe

In dem hier vom Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg ent­schie­de­nen Fall hat sich das Land­ge­richt nur hin­sicht­lich der Anlas­s­tat im Sin­ne des § 46b Abs. 1 S. 1 StGB (Bege­hung einer mit im Min­dest­maß erhöh­ten Frei­heits­stra­fe bedroh­ten Tat durch den sein Wis­sen frei­wil­lig offen­ba­ren­den Ange­klag­ten, näm­lich § 249 StGB mit gegen­über § 38 Abs. 2 2.Mod. StGB erhöh­ter Straf­rah­men-Unter­gren­ze) eine eige­ne Über­zeu­gung ver­schafft, nicht hin­ge­gen dazu, ob die­je­ni­ge Tat, zu deren Auf­de­ckung der Ange­klag­te wesent­lich bei­getra­gen hat, eine Kata­log­tat im Sin­ne des § 46b Abs. 1 S. 1 Nr. 1 StGB i.V.m. § 100 a Abs. 2 StPO dar­stellt. Zur Fra­ge einer Kata­log­tat hat es ledig­lich fest­ge­stellt, wie die mit dem Ver­fah­ren gegen den Zeu­gen R. befasst gewe­se­nen Ermitt­lungs­be­hör­den bzw. Gerich­te des Tat bewer­tet haben. Damit erwei­sen sich die zu § 46b Abs. 1 StGB getrof­fe­nen tatrich­ter­li­chen Bewer­tun­gen als feh­ler­haft ange­setzt und die tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen als lücken­haft.

Für die Ein­stu­fung als Kata­log­tat nach § 100 a Abs. 2 StPO ist die Ein-schät­zung des über die Anlaß­tat des Auf­klä­rungs­hel­fers erken­nen­den Gerichts maß­geb­lich 1. Folg­lich hat die­ses Gericht auf Grund eige­ner Über­zeu­gungs­bil­dung Fest­stel­lun­gen zu dem Vor­lie­gen einer Kata­log­tat zu tref­fen.

Wort­laut und ‑sinn des durch Art. 1 Nr. 2 43.StrRÄndG vom 29. Juli 2009 2 ein­ge­führ­ten und nach Art. 4 die­ses Geset­zes am 1. Sep­tem­ber 2009 in Kraft getre­te­nen § 46b StGB sind offen gefasst. Sie las­sen eine Aus­le­gung sowohl dahin, dass die Ein­schät­zung des mit der Anlas­s­tat befass­ten Gerich­tes, als auch dahin, dass die Sicht des für die poten­ti­el­le Kata­log­tat zustän­di­gen Gerichts maß­geb­lich ist, zu.

Die sys­te­ma­ti­sche Betrach­tung spricht für die Maß­geb­lich­keit der Ein­schät­zung des mit der Anlas­s­tat befass­ten Gerichts. Das Vor­lie­gen der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Kata­log­tat ist eine Straf­zu­mes­sungs­tat­sa­che für die Rechts­fol­gen­be­mes­sung hin­sicht­lich der Anlas­s­tat; Straf­zu­mes­sungs­tat­sa­chen sind all­ge­mein durch das über die abzu­ur­tei­len­de Tat erken­nen­de Gericht selb­stän­dig fest­zu­stel­len. Für ein ande­res tat­säch­li­ches Merk­mal des § 46b Abs. 1 S. 1 Nr. 1 StGB, näm­lich den Auf­klä­rungs­er­folg, ist aner­kannt, dass die Sicht des über die Anlas­s­tat erken­nen­den Gerichts maß­geb­lich ist 3. Eine unter­schied­li­che Bewer­tungs­zu­wei­sung hin­sicht­lich der gleich­ran­gi­gen Tat­be­stands­merk­ma­le des Vor­lie­gens einer Kata­log­tat einer­seits und des Erfol­ges zu ihrer Auf­klä­rung ande­rer­seits wäre sys­tem­wid­rig.

Auch der his­to­ri­sche Gesetz­ge­ber ist von einer Ein­schät­zungs­zu­stän­dig­keit des über die Anlas­s­tat erken­nen­den Gerich­tes aus­ge­gan­gen. Der Regie­rungs­ent­wurf eines „Geset­zes zur Ände­rung des StGB – Straf­zu­mes­sung bei Auf­klä­rungs- und Prä­ven­tiv­hil­fe“ führt an, zur „Über­zeu­gung des Gerichts“ müss­ten bestimm­te iden­ti­fi­zier­ba­re Per­so­nen hin­rei­chend ver­däch­tig sein, gegen die „ein­schlä­gi­gen Straf­ge­set­ze“ ver­sto­ßen zu haben 4; dass das Gericht, auf des­sen Über­zeu­gung der Ent­wurf abstellt, das über die Tat des Auf­klä­rungs­hel­fers erken­nen­de ist, wird bestä­tigt durch das Bemer­ken, eine Ankla­ge oder gar Ver­ur­tei­lung der durch den Auf­klä­rungs­hel­fer behaup­te­ten Per­son sei nicht vor­aus­ge­setzt (Regie­rungs­ent­wurf, a.a.O.). Die­sen Tei­len der Regie­rungs­be­grün­dung sind die gesetz­ge­ben­den Orga­ne im Ver­lau­fe des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens nicht ent­ge­gen­ge­tre­ten.

Die teleo­lo­gi­sche Aus­le­gung bleibt uner­gie­big. Die Errei­chung der mit § 46b StGB bezweck­ten Tat­auf­klä­rung 5 hängt nicht davon ab, wel­ches Gericht die zur Bemes­sung der Stra­fe für den Auf­klä­rungs­hel­fer bedeut­sa­men Tat­sa­chen fest­stellt. Für eine Zuwei­sung an das über die poten­ti­el­le Kata­log­tat erken­nen­de Gericht spricht des­sen grö­ße­re Sach­nä­he; für eine Zuwei­sung an das über die Anlas­s­tat erken­nen­de Gericht strei­tet die Funk­ti­on der Kata­log­tat als Straf­zu­mes­sungs­tat­sa­che bezüg­lich des Auf­klä­rungs­hel­fers. Die Zuwei­sung an das letzt­ge­nann­te Gericht hat nicht zur Fol­ge, dass des­sen Ver­fah­ren durch das Erfor­der­nis streng­be­weis­lich basier­ter Fest­stel­lun­gen zur Fra­ge der Kata­log­tat eines Drit­ten über Gebühr belas­tet und ver­län­gert wird; inso­weit sind die von der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung zur Fest­stel­lung eines Auf­klä­rungs­er­fol­ges im Sin­ne des § 31 BtMG ent­wi­ckel­ten Ver­ein­fa­chun­gen 6 über­nehm­bar.

Nach allem sind die Ein­schät­zung des die Anwen­dung des § 46b StGB prü­fen­den Gerich­tes und des­sen eige­ne Über­zeu­gung vom Vor­lie­gen der tat­säch­li­chen Vor­aus­set­zun­gen einer Kata­log­tat maß­geb­lich.

Han­sea­ti­sches Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 14. März 2011 – 2 – 62/​10 (REV), 2 – 62/​10 (REV) – 1 Ss 186/​10

  1. vgl. Kin­zig in Schönke/​Schröder, StGB, 28. Aufl., § 46b Rdn. 7; Peglau in wis­tra 2009, 409, 410[]
  2. BGBl I, 2288[]
  3. zu § 46b StGB: BGH in StV 2011, 74; Fischer, a.a.O., § 46b Rdn. 15; zu § 31 BtMG, dem § 46b StGB nach­ge­bil­det ist: BGH in NStZ 2003, 162[]
  4. BT-Drs. 16/​6268, S. 12[]
  5. hier­zu vgl. Wol­ters in SK-StPO, § 46b Rdn. 2 m.w.N.[]
  6. hier­zu vgl. Wol­ters, a.a.O., Rdn. 18 m.w.N.[]