Ber­li­ner Grund­stü­cke und das „Rück­fall­ver­mö­gen“

Dem Land Ber­lin ste­hen kei­ne Ansprü­che gegen die Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­ga­ben (BImA) wegen sol­chen Grund­stü­cken zu, die vor 1945 vom ehe­ma­li­gen Staat Preu­ßen dem Deut­schen Reich unent­gelt­lich über­las­sen wor­den waren („Rück­fall­ver­mö­gen“) und die zum 1. Janu­ar 2005 vom Bund ins Eigen­tum der BImA gelangt sind. Für Ansprü­che auf Aus­kehr des Erlö­ses aus dem Ver­kauf von Rück­fall­ver­mö­gen durch den Bund vor 2005 ist die BImA nicht zustän­dig; der­ar­ti­ge Kla­gen muss Ber­lin direkt gegen den Bund rich­ten. Ins­ge­samt bean­sprucht das Land im frü­he­ren West­teil von Ber­lin gele­ge­ne Grund­stü­cke mit einer Gesamt­flä­che von etwa 6,8 Mio. qm im Gesamt­wert von über 200 Mio. € sowie Ver­äu­ße­rungs­er­lö­se in Höhe von über 55 Mio. €.

Ber­li­ner Grund­stü­cke und das „Rück­fall­ver­mö­gen“

Art. 134 GG bestimmt, dass Grund­stü­cke, die Kom­mu­nen oder (frü­he­re) Län­der dem Reich unent­gelt­lich über­las­sen hat­ten, auf Ver­lan­gen zurück­zu­ge­ben sind, sofern der Bund kei­nen Eigen­be­darf gel­tend macht. Das vor­ge­se­he­ne Aus­füh­rungs­ge­setz, das Reichs­ver­mö­gen­ge­setz wur­de 1961 erlas­sen; es sah in sei­nem § 5 für die Gel­tend­ma­chung sol­cher Rück­fall­an­sprü­che eine Frist von einem Jahr und für die Gel­tend­ma­chung von Eigen­be­darf des Bun­des dar­an anschlie­ßend ein wei­te­res Jahr vor. 

§ 5 Reichsvermögengesetz

Ver­mö­gens­rech­te des Deut­schen Reichs (§ 1), die ein Land oder eine Gemein­de (Gemein­de­ver­band) unmit­tel­bar oder durch einen Drit­ten dem Deut­schen Reich auf Grund eines Geset­zes, Ver­wal­tungs­ak­tes oder Rechts­ge­schäf­tes unent­gelt­lich zur Ver­fü­gung gestellt haben und auf wel­che die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 2 bis 4 nicht zutref­fen, ste­hen dem Rechts­trä­ger (Land, Gemein­de, Gemein­de­ver­band) zu, von dem oder für des­sen Rech­nung sie zur Ver­fü­gung gestellt wor­den sind. Der Anspruch auf Über­tra­gung eines Ver­mö­gens­rechts als Rück­fall­ver­mö­gen kann nur inner­halb eines Jah­res nach Inkraft­tre­ten die­ses Geset­zes gel­tend gemacht wer­den. Erlangt der Rück­fall­be­rech­tig­te erst nach dem Inkraft­tre­ten die­ses Geset­zes von sei­nem Rück­fall­recht Kennt­nis, so beginnt die Frist mit die­sem Zeitpunkt.

(2) Absatz 1 gilt nicht für Ver­mö­gens­rech­te an Gegen­stän­den, wel­che der Bund über­wie­gend und nicht nur vor­über­ge­hend unmit­tel­bar für eige­ne Ver­wal­tungs­auf­ga­ben benö­tigt und für wel­che der Bund sei­nen Bedarf gel­tend macht. Der Bund kann sich auf sei­nen Bedarf nur inner­halb eines Jah­res nach Gel­tend­ma­chung eines Rück­fall­rechts, min­des­tens aber bis zum Ablauf von drei Jah­ren nach Inkraft­tre­ten die­ses Geset­zes, beru­fen. Der Bund kann sich auf einen von ihm gel­tend gemach­ten Eigen­be­darf nicht mehr beru­fen, wenn der Ver­mö­gens­ge­gen­stand von ihm nicht inner­halb von zwei Jah­ren nach der Gel­tend­ma­chung des Bedarfs hier­für tat­säch­lich genutzt wird.

(3) bis (5) …

Das Reichs­ver­mö­gen­ge­setz galt frei­lich wäh­rend der Dau­er der alli­ier­ten Vor­be­halts­rech­te zunächst nicht in Ber­lin (West). Nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung wur­de es mit Wir­kung ab 3. Okto­ber 1990 in vol­lem Umfang auf das Land Ber­lin über­ge­lei­tet. Erst dadurch hat­te das Land Ber­lin die Mög­lich­keit, Ansprü­che für das im West­teil von Ber­lin bele­ge­ne Rück­fall­ver­mö­gen gegen­über dem Bund inner­halb eines Jah­res gel­tend zu machen. Die dafür gel­ten­de Aus­schluss­frist ende­te mit Ablauf des 2. Okto­ber 1991. Ber­lin hat­te dem Bund zwar schon 1956 eine Lis­te von Grund­stü­cken über­ge­ben, die es als Rück­fall­ver­mö­gen ansah. Die­se dien­te jedoch nur als Grund­la­ge für Ver­hand­lun­gen und erüb­rig­te nicht, danach noch strei­tig geblie­be­ne Ansprü­che nach dem Inkraft­tre­ten des Geset­zes am 3. Okto­ber 1990 gel­tend zu machen. Dies geschah jedoch erst nach Frist­ab­lauf im Juli 1993. Auf eine aus­drück­li­che oder zumin­dest kon­klu­den­te Anmel­dung nach dem 3. Okto­ber 1990 konn­te auch des­halb nicht ver­zich­tet wer­den, weil erst die Anmel­dung die Frist für die gegen­läu­fi­ge Pflicht des Bun­des in Lauf setz­te, etwai­gen Eigen­be­darf gel­tend zu machen.

Über die Fra­ge, zu wel­chem Zeit­punkt das Reichs­ver­mö­gen­ge­setz in Ber­lin (West) in Kraft getre­ten ist, hat­te zwi­schen den Par­tei­en Unklar­heit und Streit bestan­den, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit Beschluss vom 15. Janu­ar 2008 dahin ent­schie­den hat, dass das Gesetz in Ber­lin (West) seit dem 3. Okto­ber 1990 gilt. Im vor­lie­gen­den Pro­zess berief sich das Land Ber­lin dar­auf, es habe wegen der zunächst unkla­ren Rechts­la­ge erst frü­hes­tens durch die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts Kennt­nis von sei­nem Rück­fall­recht erlangt, so dass die Jah­res­frist erst ab dann zu lau­fen begon­nen habe. Dem ist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht gefolgt. Streit über Beginn und Dau­er einer gesetz­li­chen Aus­schluss­frist ver­mag die­se nicht außer Kraft zu set­zen. Abge­se­hen davon ist nicht ersicht­lich, war­um es für den Klä­ger unmög­lich oder unzu­mut­bar gewe­sen sein soll­te, wenigs­tens vor­sorg­lich den Rück­fall­an­spruch frist­ge­recht gel­tend zu machen.

Der Bun­des­ge­setz­ge­ber ver­stieß mit der Nor­mie­rung der gesetz­li­chen Aus­schluss­frist nicht gegen sei­ne Ver­pflich­tung, die gebo­te­ne Rück­sicht auf das Gesamt­in­ter­es­se des Bun­des­staa­tes und auf die Belan­ge der Län­der zu neh­men. Durch die Jah­res­frist für die Gel­tend­ma­chung des Rück­fall­rechts wird sicher­ge­stellt, dass die Rechts­ver­hält­nis­se in über­schau­ba­rer Frist geklärt wer­den und nicht vie­le Jah­re in der Schwe­be blei­ben. Das Land Ber­lin hat­te die Mög­lich­keit, sei­ne Ansprü­che recht­zei­tig gel­tend zu machen. Die Wei­ge­rung des Bun­des, die vom Klä­ger zu spät gel­tend gemach­ten Ansprü­che zu erfül­len, ver­letz­te auch nicht sei­ne aus dem Gebot der Bun­destreue abge­lei­te­te ver­fas­sungs­recht­li­che Pflicht, nicht auf die Durch­set­zung recht­li­cher Posi­tio­nen zu drin­gen, die ele­men­ta­re Inter­es­sen eines Lan­des schwer­wie­gend beein­träch­ti­gen. Denn mit Ablauf der Aus­schluss­frist waren die Ansprü­che des Lan­des Ber­lin auf das Rück­fall­ver­mö­gen kraft Geset­zes erlo­schen; sie stan­den und ste­hen nicht mehr zur Dis­po­si­ti­on des Bun­des. Die Ver­ein­bar­keit die­ser Geset­zes­la­ge mit dem Grund­satz der Bun­destreue hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bestätigt.

Mit ihrer Wei­ge­rung, die Ansprü­che Ber­lins auf das Rück­fall­ver­mö­gen zu erfül­len, ver­stieß die Bun­des­an­stalt für Immo­bi­li­en­auf­ga­ben schließ­lich nicht gegen den all­ge­mei­nen Rechts­grund­satz von Treu und Glau­ben. Es liegt weder ein Fall der unzu­läs­si­gen Rechts­aus­übung noch eine Ver­let­zung des Ver­bots wider­sprüch­li­chen Ver­hal­tens oder der Ver­pflich­tung vor, aus einem treu­wid­rig selbst her­bei­ge­führ­ten oder ver­hin­der­ten Ereig­nis Vor­tei­le zu zie­hen. Das Ver­hal­ten des Bun­des war nicht ursäch­lich dafür, dass das Land Ber­lin die gesetz­li­che Frist ver­säumt hat.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 11. Sep­tem­ber 2013 – 8 C 11.12