Der Ein­satz von Ost­ar­bei­tern

Nach § 1 Abs. 4 des Geset­zes über staat­li­che Aus­gleichs­leis­tun­gen für Ent­eig­nun­gen auf besat­zungs­recht­li­cher oder besat­zungs­ho­heit­li­cher Grund­la­ge, die nicht mehr rück­gän­gig gemacht wer­den kön­nen (Aus­gleichs­leis­tungs­ge­setz – Aus­glLeistG) 1, wer­den Leis­tun­gen nach die­sem Gesetz unter ande­rem nicht gewährt, wenn der Berech­tig­te oder der­je­ni­ge, von dem er das Recht ablei­tet oder das ent­eig­ne­te Unter­neh­men gegen Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit oder Rechts­staat­lich­keit ver­sto­ßen hat.

Der Ein­satz von Ost­ar­bei­tern

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts sind die Grund­sät­ze geklärt, die der Beant­wor­tung der Fra­ge zugrun­de zu legen sind, ob die Beschäf­ti­gung von Zwangs­ar­bei­tern, die unter die so genann­ten Ost­ar­bei­ter­er­las­se fie­len, mit einer Ver­let­zung der Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit und Rechts­staat­lich­keit ein­her­gin­gen 2.

Nach die­ser Recht­spre­chung wird ein Ver­stoß gegen die Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit oder Rechts­staat­lich­keit nicht dadurch aus­ge­schlos­sen, dass das Ver­hal­ten durch die unter der Herr­schaft des Natio­nal­so­zia­lis­mus gel­ten­den Geset­ze oder sol­che obrig­keits­recht­li­chen Anord­nun­gen oder Befeh­le, denen nach natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ideo­lo­gie Geset­zes­rang zuer­kannt wur­de, for­mal erlaubt oder von der Straf­ver­fol­gung aus­ge­nom­men war.

Spe­zi­ell eine Mit­wir­kung an der zwangs­wei­sen Rekru­tie­rung und Ver­schlep­pung aus­län­di­scher Arbei­ter auf der Grund­la­ge der Ost­ar­bei­ter­er­las­se ver­letzt regel­mä­ßig die Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit oder Rechts­staat­lich­keit. Hin­ge­gen kann aus der blo­ßen Anfor­de­rung von Zwangs­ar­bei­tern zum Ein­satz in Unter­neh­men und auch aus deren Beschäf­ti­gung in einem Rüs­tungs­be­trieb noch kein Ver­stoß her­ge­lei­tet wer­den.

Es gehört jedoch zu den bei der rich­ter­li­chen Beweis­wür­di­gung zu berück­sich­ti­gen­den all­ge­mein­kun­di­gen his­to­ri­schen Erkennt­nis­sen, dass die Mehr­heit der aus­län­di­schen Zwangs­ar­bei­ter, ins­be­son­de­re die soge­nann­ten Ost­ar­bei­ter, bei der Beschäf­ti­gung in deut­schen Unter­neh­men viel­fach unter men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen leben und arbei­ten muss­ten. Im zeit­his­to­ri­schen Schrift­tum ist aner­kannt, dass die Unter­neh­men bei der Behand­lung der aus­län­di­schen Zwangs­ar­bei­ter durch­aus Hand­lungs­spiel­räu­me hat­ten und dass jeden­falls ein Teil der Unter­neh­men die­se Hand­lungs­spiel­räu­me auch zuguns­ten der bei ihnen beschäf­tig­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen und Zwangs­ar­bei­ter nutz­ten.

Damit ist auch geklärt, dass die "blo­ße Befol­gung" der Ost­ar­bei­ter­er­las­se nicht zur Ent­las­tung im Hin­blick auf den Vor­wurf der Ver­let­zung der Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit und Rechts­staat­lich­keit die­nen kann und es einer tatrich­ter­li­chen Über­prü­fung bedarf, ob das Unter­neh­men die ihm zur Ver­fü­gung ste­hen­den Spiel­räu­me zu einer men­schen­wür­di­gen Behand­lung der aus­län­di­schen Zwangs­ar­bei­ter genutzt hat 3. Der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist nicht zu ent­neh­men, dass die posi­ti­ve Fest­stel­lung beson­ders nega­ti­ver Bedin­gun­gen Vor­aus­set­zung für eine Ver­let­zung der Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit und Rechts­staat­lich­keit ist 4.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 12. März 2014 – 5 B 48.2013 -

  1. in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 13.07.2004, BGBl I S. 1665; zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 21.03.2011, BGBl I S. 450[]
  2. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 28.02.2007 – 3 C 38.05, BVerw­GE 128, 155 Rn. 37, 43 f., 46 f., 57 f. und 61 sowie – 3 C 13.06 – ZOV 2007, 69 Rn. 30, 35 f., 38 f. und 44 f.; Beschluss vom 11.12 2012 – 5 B 78.12 4[]
  3. vgl. BVerwG, Beschluss vom 11.12 2012 a.a.O. Rn. 5[]
  4. vgl. BVerwG, Beschluss vom 21.07.2009 – 5 B 42.09 2[]