Der ver­spä­te­te Haus­halts­ent­wurf

Den Haus­halts­ent­wurf 2012 so recht­zei­tig in das Par­la­ment ein­zu­brin­gen, dass der Haus­halts­plan vor Beginn des Haus­halts­jah­res durch das Haus­halts­ge­setz fest­ge­stellt wer­den kann (Vor­he­rig­keits­ge­bot), ist kei­ne Soll­vor­schrift, son­dern eine zwin­gen­de Ver­pflich­tung, die von der Lan­des­re­gie­rung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len ver­letzt wor­den ist. Die Nicht­ein­hal­tung die­ser Ter­min­vor­ga­be ist nicht durch Erschwer­nis­se und Ver­zö­ge­run­gen des streit­ge­gen­ständ­li­chen Haus­halts­auf­stel­lungs­ver­fah­rens gerecht­fer­tigt.

Der ver­spä­te­te Haus­halts­ent­wurf

So die Ent­schei­dung des Ver­fas­sungs­ge­richts­ho­fes für das Land Nord­rhein-West­fa­len in dem hier vor­lie­gen­den Fall eines Organ­streits der Frak­ti­on DIE LINKE im Land­tag Nord­rhein-West­fa­len der 15. Wahl­pe­ri­ode gegen die Lan­des­re­gie­rung und den Finanz­mi­nis­ter wegen Unter­las­sens einer recht­zei­ti­gen Vor­la­ge des Haus­halts­ent­wurfs 2012. Nach dem soge­nann­ten Vor­he­rig­keits­prin­zip der Lan­des­ver­fas­sung wird der Haus­halts­plan vor Beginn des Haus­halts­jah­res durch das Haus­halts­ge­setz fest­ge­stellt. Das Ver­fah­ren betrifft den ers­ten Haus­halts­ent­wurf für das Haus­halts­jahr 2012, der im März 2012 in zwei­ter Lesung im Par­la­ment geschei­tert ist. Er wur­de am 21. Dezem­ber 2011 im Land­tag in ers­ter Lesung bera­ten.

Mit dem bereits Anfang Dezem­ber 2011 ein­ge­lei­te­ten Ver­fah­ren macht die Antrag­stel­le­rin gel­tend, die Antrags­geg­ner hät­ten den Haus­halts­ent­wurf dem Land­tag ent­ge­gen den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht so recht­zei­tig vor­ge­legt, dass der Haus­halts­plan noch vor Beginn des Haus­halts­jah­res 2012 durch das Haus­halts­ge­setz habe fest­ge­stellt wer­den kön­nen. Dadurch hät­ten sie das par­la­men­ta­ri­sche Bud­get­recht des Land­tags ver­letzt. Die­se Rechts­ver­let­zung kön­ne die Antrag­stel­le­rin in Pro­zess­stand­schaft für den Land­tag wei­ter­hin gel­tend machen, auch wenn sie im zwi­schen­zeit­lich neu­ge­wähl­ten 16. Land­tag nicht mehr ver­tre­ten sei. Sie ist der Auf­fas­sung, das Vor­he­rig­keits­ge­bot ste­he nicht unter einem "Bemü­hens­vor­be­halt", son­dern ent­hal­te eine strik­te Regel.

Die Antrags­geg­ner hal­ten den Antrag für unzu­läs­sig, soweit er sich gegen den Finanz­mi­nis­ter rich­tet. Im Übri­gen sei der Antrag unbe­grün­det. Das Vor­he­rig­keits­prin­zip sei ledig­lich eine Soll­vor­schrift, von der in zuläs­si­ger Wei­se abge­wi­chen wor­den sei. Das Ver­fah­ren der Auf­stel­lung des streit­ge­gen­ständ­li­chen Haus­halts­ent­wurfs sei in mehr­fa­cher Hin­sicht erschwert gewe­sen.

Die­ser Ansicht ist der Ver­fas­sungs­ge­richts­ho­fes für das Land Nord­rhein-West­fa­len in sei­nem heu­te ver­kün­de­ten Urteil nicht gefolgt. In sei­ner Urteils­be­grün­dung ver­weist der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof auf Art. 81 Abs. 3 Satz 1 der Lan­des­ver­fas­sung. Hier­nach wer­de der Haus­halts­plan vor Beginn des Haus­halts­jah­res durch das Haus­halts­ge­setz fest­ge­stellt. Die­ses soge­nann­te Vor­he­rig­keits­ge­bot sei kei­ne blo­ße Soll­vor­schrift; es begrün­de viel­mehr eine zwin­gen­de Ver­pflich­tung. Für die Lan­des­re­gie­rung fol­ge dar­aus die Pflicht, den Haus­halts­ent­wurf so recht­zei­tig in das Par­la­ment ein­zu­brin­gen, dass die­se Ter­min­vor­ga­be ein­ge­hal­ten wer­den kön­ne. Eine Nicht­ein­hal­tung der Ter­min­vor­ga­be kön­ne allen­falls dann ver­fas­sungs­recht­lich gerecht­fer­tigt sein, wenn die zeit­ge­rech­te Mit­wir­kung von Lan­des­re­gie­rung oder Par­la­ment infol­ge eines unab­wend­ba­ren oder jeden­falls von der Ver­fas­sung in Kauf genom­me­nen Ereig­nis­ses objek­tiv unmög­lich gewe­sen sei, etwa weil ein betei­lig­tes Ver­fas­sungs­or­gan vor­über­ge­hend sei­ne Hand­lungs­fä­hig­keit ver­lo­ren habe.

Gemes­sen dar­an habe die Lan­des­re­gie­rung ihre Pflicht zur recht­zei­ti­gen Vor­la­ge des Haus­halts­ge­setz­ent­wurfs ver­letzt, indem sie die­sen so spät in das Par­la­ment ein­ge­bracht habe, dass er dort nur noch am 21. Dezem­ber 2011 in ers­ter Lesung habe bera­ten wer­den kön­nen. Die von der Lan­des­re­gie­rung gel­tend gemach­ten Erschwer­nis­se und Ver­zö­ge­run­gen des streit­ge­gen­ständ­li­chen Haus­halts­auf­stel­lungs­ver­fah­rens sei­en kei­ne objek­ti­ven, zwin­gen­den Hin­de­rungs­grün­de, die das Unter­blei­ben einer recht­zei­ti­gen Haus­halts­vor­la­ge hät­ten recht­fer­ti­gen kön­nen.

Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 30. Okto­ber 2012 – VerfGH 12/​11