DIN-Nor­men – und der Bebau­ungs­plan

In Nie­der­sach­sen muss auf die DIN 4109 in der Bekannt­ma­chung eines Bebau­ungs­pla­nes nicht hin­ge­wie­sen wer­den, weil die­se im Nds.Ministerialblatt voll­stän­dig abge­druckt ist.

DIN-Nor­men – und der Bebau­ungs­plan

Nach § 83 Abs. 1 NBauO n.F. (inhalts­gleich mit § 96 Abs. 1 NBauO a.F.) kön­nen Regeln der Tech­nik als Tech­ni­sche Bau­be­stim­mun­gen im Nds. Minis­te­ri­al­blatt bekannt gemacht wer­den. Sie sind dann gemäß Abs. 2 ein­zu­hal­ten. Es kann dahin­ste­hen, ob die Regeln der Tech­nik als Tech­ni­sche Bau­be­stim­mun­gen Nor­men des öffent­li­chen Rechts wer­den. Vor­lie­gend kommt es ledig­lich auf die Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me für den Bür­ger an. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt 1 hat aus dem Rechts­staats­prin­zip abge­lei­tet, dass der Bür­ger ver­läss­lich und in zumut­ba­rer Wei­se die für ihn maß­geb­li­chen Vor­schrif­ten muss zur Kennt­nis neh­men kön­nen:

Wenn erst eine in den text­li­chen Fest­set­zun­gen des Bebau­ungs­plans in Bezug genom­me­ne DIN-Vor­schrift abschlie­ßend bestimmt, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen bau­li­che Anla­gen im Plan­ge­biet zuläs­sig sind, ist den dar­ge­leg­ten rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen an die Ver­kün­dung von Rechts­nor­men nicht allein dadurch genügt, dass die Gemein­de den Bebau­ungs­plan gemäß § 10 Abs. 3 Bau­GB bekannt macht. Sie muss viel­mehr sicher­stel­len, dass die Betrof­fe­nen auch von der DIN-Vor­schrift ver­läss­lich und in zumut­ba­rer Wei­se Kennt­nis erlan­gen kön­nen. Das kann sie dadurch bewir­ken, dass sie die in Bezug genom­me­ne DIN-Vor­schrift bei der Ver­wal­tungs­stel­le, bei der auch der Bebau­ungs­plan ein­ge­se­hen wer­den kann, zur Ein­sicht bereit hält und hier­auf in der Bebau­ungs­planu­r­kun­de hin­weist.

An die­ser Recht­spre­chung hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in sei­nem Beschluss vom 05.12 2013 2 fest­ge­hal­ten und damit die Recht­spre­chung des 3. Senats des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts 3 für die Bau­leit­pla­nung aus­drück­lich nicht über­nom­men:

  1. Die pla­nen­de Gemein­de muss für den Fall, dass eine Fest­set­zung des Bebau­ungs­plans auf eine DIN-Vor­schrift ver­weist und sich erst aus die­ser Vor­schrift ergibt, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ein Vor­ha­ben pla­nungs­recht­lich zuläs­sig ist, "sicher­stel­len", dass die Plan­be­trof­fe­nen auch vom Inhalt der DIN-Vor­schrift ver­läss­lich und in zumut­ba­rer Wei­se Kennt­nis erlan­gen kön­nen; Aus­nah­men für den Fall, dass sich der vom Bebau­ungs­plan betrof­fe­ne Per­so­nen­kreis signi­fi­kant anders zusam­men­setzt als der­je­ni­ge, der in einer Viel­zahl von Bebau­ungs­plä­nen plan­un­ter­wor­fen ist, schei­den schon aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit aus.
  2. Die Judi­ka­tur des 3. Senats des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, die, soweit es um die Erfül­lung des Publi­zi­täts­er­for­der­nis­ses geht, auf den kon­kre­ten Adres­sa­ten­kreis der Rege­lung abstellt, der typi­scher­wei­se von einer Rege­lung betrof­fen ist, ist auf Bebau­ungs­plä­ne nicht über­trag­bar.

Hin­weis und Bereit­hal­tung durch die Behör­de war hier nicht erfor­der­lich. Zwar mag nament­lich Nr. 5.1 Abs. 3 der text­li­chen Fest­set­zun­gen nur umge­setzt wer­den kön­nen, wenn der Plan­un­ter­wor­fe­ne im Zusam­men­hang mit einem Bau­an­trag die DIN 4109 anwen­det. Die Behör­de brauch­te aber nicht von sich aus sicher­zu­stel­len, dass der/​jeder Plan­un­ter­wor­fe­ne sich vom Inhalt die­ser DIN 4109 ver­läss­lich Kennt­nis ver­schaf­fen kann. Die­se ist in Nie­der­sach­sen durch das Sozi­al­mi­nis­te­ri­um so publi­ziert wor­den, dass jeder Plan­un­ter­wor­fe­ne eine zumut­ba­re Mög­lich­keit hat, sie voll­stän­dig zur Kennt­nis zu neh­men. Die Ur-Fas­sung der DIN 4109 wur­de ein­schließ­lich aller Bei­la­gen im vol­len Wort­laut im Nds­Min­Bl 1991, S. 259 ff. als Tech­ni­sche Bau­vor­schrift auf der Grund­la­ge von § 96 NBauO a. F. (ent­spricht § 83 NBauO 2012) ver­öf­fent­licht. Dass die­se Tech­ni­sche Bau­be­stim­mung damit all­ge­mein ver­bind­lich gewor­den ist, ist in die­sem Zusam­men­hang viel­leicht weni­ger von Belang als der Umstand, dass mit die­ser Publi­ka­ti­on jeder­mann die zumut­ba­re Mög­lich­keit offen steht, sich von ihrem Inhalt voll­stän­di­ge Kennt­nis zu ver­schaf­fen. Das­sel­be gilt für die ein­zi­ge seit­her, und zwar im Janu­ar 2001 bewirk­te Ände­rung der DIN 4109 (Ände­rungs­norm DIN 4109/A1:2001 – 01). Deren vol­ler Wort­laut wur­de im Nds. Minis­te­ri­al­blatt 2005, Sei­ten 940 ff. abge­druckt. Das Minis­te­ri­al­blatt ist eine zuver­läs­si­ge Quel­le für die abge­druck­ten Inhal­te. Es wird hin­rei­chend häu­fig in Biblio­the­ken kos­ten­frei bereit­ge­hal­ten; allein in Papier­form an über 30 Stand­or­ten in Nie­der­sach­sen; dazu tritt die elek­tro­ni­sche Ver­füg­bar­keit. Daher kann offen blei­ben, ob eine – schwie­ri­ge – Auf­find­bar­keit der DIN-Norm selbst im Inter­net für die Mög­lich­keit ver­läss­li­cher und zumut­ba­rer Kennt­nis­nah­me aus­reicht. Auch auf die Fra­ge, ob die Bezug­nah­men auf die DIN-Vor­schrift im Plan für des­sen Voll­zug wesent­lich sind, kommt es wegen der aus­rei­chen­den Mög­lich­keit der Kennt­nis­nah­me nicht an.

Es ist ein zumut­ba­rer Zugang, sich auf das Nie­der­säch­si­sche Minis­te­ri­al­blatt ein­zu­las­sen. Der in jedem Fall ein­zu­schal­ten­de Ent­wurfs­ver­fas­ser muss eine bestimm­te Qua­li­fi­ka­ti­on auf­wei­sen (§ 53 Abs. 3 ff. NBauO 2012, 58 Abs. 3 ff. NBauO a. F). Daher ist mit Sicher­heit zu erwar­ten, dass er die DIN 4109 fin­det und beherrscht.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 4. Dezem­ber 2014 – 1 KN 106/​12

  1. BVerwG, B. v. 29.07.2010 – 4 BN 21.10 –, BRS 76 Nr. 48[]
  2. BVerwG, Beschluss vom 05.12.2013 – 4 BN 48.13, ZfBR 2014, 158 = BauR 2014, 503 = UPR 2014, 148[]
  3. BVerwG, Urteil vom 27.06.2013 – 3 C 21.12 26[]