Ein­schu­lung eines Kann-Kin­des beruht auf päd­ago­gi­sche Wer­tung der Schu­le

Ob die Ent­wick­lung eines Kin­des aus­rei­chend und genü­gend gefes­tigt ist, um den schu­li­schen Anfor­de­run­gen genü­gen zu kön­nen, beruht auf einer umfas­sen­den päd­ago­gi­schen Wer­tung und ist daher Ange­le­gen­heit der Schu­le, der dabei ein gericht­lich nur ein­ge­schränkt über­prüf­ba­rer Bewer­tungs­spiel­raum zusteht.

Ein­schu­lung eines Kann-Kin­des beruht auf päd­ago­gi­sche Wer­tung der Schu­le

Die Antrag­stel­le­rin hat in dem hier vom Nie­der­säch­si­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall kei­nen Anspruch, gemäß § 64 Abs. 1 Satz 2 NSchG als soge­nann­tes „Kann-Kind“ in die Schu­le auf­ge­nom­men zu wer­den. Nach die­ser Bestim­mung kön­nen auf Antrag der Erzie­hungs­be­rech­tig­ten auch noch nicht schul­pflich­ti­ge Kin­der in die Schu­le auf­ge­nom­men wer­den, wenn sie die für den Schul­be­such erfor­der­li­che kör­per­li­che und geis­ti­ge Schul­fä­hig­keit besit­zen und in ihrem sozia­len Ver­hal­ten aus­rei­chend ent­wi­ckelt sind. Die Ent­schei­dung, in wel­chem Maße die Ent­wick­lung eines Kin­des aus­rei­chend und genü­gend gefes­tigt ist, um den schu­li­schen Anfor­de­run­gen genü­gen zu kön­nen und eine Über­for­de­rung aus­zu­schlie­ßen, beruht auf einer umfas­sen­den päd­ago­gi­schen Wer­tung und ist daher Ange­le­gen­heit der Schu­le. Sie kann – wor­auf bereits das Ver­wal­tungs­ge­richt [1]zu Recht hin­ge­wie­sen hat – weder durch die sub­jek­ti­ve Auf­fas­sung der Eltern oder ande­rer außer­schu­li­scher Stel­len noch durch eine ander­wei­ti­ge Wer­tung des Gerichts ersetzt wer­den. Bei der päd­ago­gi­schen Wür­di­gung sind die Ergeb­nis­se der Schul­ein­gangs­un­ter­su­chung sowie gege­be­nen­falls eines Pro­be­un­ter­richts aus­zu­wer­ten.

Beob­ach­tun­gen und Erfah­run­gen von Erzie­hungs­be­rech­tig­ten sowie etwai­gen Stel­lung­nah­men ande­rer kommt nur inso­weit Bedeu­tung zu, als sie von dem Schul­lei­ter bei der nach päd­ago­gi­schen und schul­fach­li­chen Maß­stä­ben zu tref­fen­den Fest­stel­lung des Ent­wick­lungs­stan­des des Kin­des zu beach­ten sind [2]. Die zu tref­fen­de päd­ago­gi­sche Bewer­tung ent­zieht sich mit­hin einer Über­prü­fung nach allein recht­li­chen Kri­te­ri­en. Der Schu­le steht viel­mehr wie auch sonst bei Wert­be­ur­tei­lun­gen im päd­ago­gi­schen Bereich ein gericht­lich nur ein­ge­schränkt über­prüf­ba­rer Bewer­tungs­spiel­raum zu. Die Prü­fungs­kom­pe­tenz der Ver­wal­tungs­ge­rich­te beschränkt sich mit­hin im Wesent­li­chen dar­auf zu über­prü­fen, ob von einer rich­ti­gen und voll­stän­di­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge aus­ge­gan­gen wor­den ist und kei­ne sach­frem­den Erwä­gun­gen ange­stellt wor­den sind [3].

Nach die­sen Kri­te­ri­en hat das Ver­wal­tungs­ge­richt das Begeh­ren des Antrag­stel­lers man­gels hin­rei­chen­der Schul­rei­fe zu Recht abge­lehnt. So hat aus­weis­lich des Ver­merks der Schul­lei­te­rin der Grund­schu­le E. vom 18. Mai 2011 bereits der Kin­der­gar­ten F. in einem Gespräch aus­ge­führt, er habe den Vater des Antrag­stel­lers in Gesprä­chen dar­auf hin­ge­wie­sen, dass bei die­sem noch Defi­zi­te im fein­mo­to­ri­schen Bereich, in der Belast­bar­keit, im Auf­ga­ben­ver­ständ­nis und der Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit zu beob­ach­ten sei­en. Daher kön­ne der Ver­bleib im Kin­der­gar­ten für den Antrag­stel­ler eine Hil­fe sein. Die Lehr­kraft G., die den Antrag­stel­ler seit August 2010 bis zu sei­nem Aus­schei­den aus dem Kin­der­gar­ten mit zwei Wochen­stun­den im Kin­der­gar­ten geför­dert hat, hat in ihren Stel­lung­nah­men unter ande­rem dar­auf hin­ge­wie­sen, dass der Antrag­stel­ler sich in den För­der­stun­den als ein wenig belast­ba­res und oft unru­hi­ges Kind gezeigt habe, das häu­fig müde wir­ke, den Kopf auf den Tisch lege und sich die Augen rei­be. Er fin­de kei­ne Ruhe, zap­pe­le her­um und sei nicht in der Lage, über einen län­ge­ren Zeit­raum kon­zen­triert zu arbei­ten, wobei er sich leicht durch äuße­re Ein­flüs­se ablen­ken las­se. Beim Erzäh­len benö­ti­ge er sprach­li­che und gedank­li­che Unter­stüt­zung, da sei­ne Sät­ze oft unvoll­stän­dig sei­en. Auch die Schul­lei­te­rin der Grund­schu­le E. kam im Rah­men einer Hos­pi­ta­ti­on im Kin­der­gar­ten unter ande­rem zu dem Ergeb­nis, dass bei dem Antrag­stel­ler, der mit sehr lei­ser, etwas ver­wa­sche­ner Aus­spra­che spre­che, noch Defi­zi­te in der Gram­ma­tik bestün­den und die Rück­sicht­nah­me auf ande­re Kin­der nicht immer erkenn­bar sei. Damit in Über­ein­klang steht die Aus­sa­ge der den Antrag­stel­ler behan­deln­den Logo­pä­din, wonach die­ser zwar einen ange­mes­se­nen Wort­schatz, aber noch Defi­zi­te in der Gram­ma­tik habe. Auch der Kin­der­arzt Dr. H. plä­dier­te in einem wei­te­ren Tele­fo­nat der Schul­lei­te­rin vom sel­ben Tage die­ser gegen­über mit Blick auf die Erlan­gung der erfor­der­li­chen Schul­rei­fe für einen Ver­bleib im Kin­der­gar­ten. Eben die­ses Ergeb­nis hat die am 13. April 2011 durch­ge­führ­te Schul­ein­gangs­un­ter­su­chung des Antrag­stel­lers sei­tens der Ärz­tin Dr. I. vom Gesund­heits­amt des Land­krei­ses J. erbracht.

Im Ergeb­nis ver­mag das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt daher unter Beach­tung des der Antrags­geg­ne­rin ein­zu­räu­men­den päd­ago­gi­schen Bewer­tungs­spiel­raums Bewer­tungs­feh­ler nicht fest­zu­stel­len. Das Beschwer­de­vor­brin­gen des Antrag­stel­lers recht­fer­tigt kei­ne ande­re Ent­schei­dung.

Soweit der Antrag­stel­ler vor­trägt, bereits die Schul­ein­gangs­un­ter­su­chung habe „unbe­strit­ten“ sei­ne Schul­rei­fe erge­ben, trifft es zwar zu, dass die Schul­ärz­tin Dr. I. in dem Vor­druck vom 13. April 2011 neben der Rubrik „von der Ein­schu­lung des noch nicht schul­pflich­ti­gen Kin­des wird abge­ra­ten“ auch die Rubrik „Ein­schu­lung emp­foh­len“ ange­kreuzt hat. Die­se letz­te Emp­feh­lung beruht aber – wor­auf bereits zu Recht das Ver­wal­tungs­ge­richt hin­ge­wie­sen hat – erkenn­bar auf einem Ver­se­hen der Schul­ärz­tin.

Soweit der Antrag­stel­ler auf die eides­statt­li­che Ver­si­che­rung der Lehr­kraft K. vom 30. August 2011, die aus den Nie­der­lan­den stammt und dem Antrag­stel­ler wäh­rend sei­nes zeit­wei­li­gen Aus­schei­dens aus dem Kin­der­gar­ten bis Mit­te Sep­tem­ber die­sen Jah­res wochen­täg­lich drei Zeit­stun­den pri­va­ten Ein­zel­un­ter­richt erteilt hat, ver­weist, wonach die­ser sich im Ein­zel­un­ter­richt 30 Minu­ten unun­ter­bro­chen kon­zen­trie­ren kön­ne, eine rasche Auf­fas­sungs­ga­be besit­ze, über eine gute Fein­mo­to­rik ver­fü­ge, Arbeits­an­wei­sun­gen pro­blem­los ver­ste­hen und das Gelern­te ein­wand­frei auch am Fol­ge­tag anwen­den und umset­zen kön­ne, sodass er „unbe­dingt schul­reif“ sei, ver­kennt er, dass die­se Stel­lung­nah­me einer Drit­ten eben­so wenig wie die Ein­schät­zung eines Eltern­teils die auf umfang­rei­cher päd­ago­gi­scher Erfah­rung beru­hen­de Ein­schät­zung der Antrags­geg­ne­rin nicht infra­ge zu stel­len ver­mag. Ins­be­son­de­re die Situa­ti­on im Ein­zel­un­ter­richt ist mit der in einem Klas­sen­ver­band nicht ver­gleich­bar, zumal – wor­auf die Schul­lei­te­rin den Vater des Antrag­stel­lers zu Recht hin­ge­wie­sen hat – die für die Schul­rei­fe eben­falls erfor­der­li­che Sozi­al­kom­pe­tenz nur in der Grup­pe erwor­ben wer­den kann und der Pri­vat­un­ter­richt in einer Ein­zel­be­treu­ung nicht die Unter­richts­si­tua­ti­on in der Schu­le wider­spie­gelt.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 23. Sep­tem­ber 2011 – 2 ME 263/​11

  1. VG Osna­brück
    Beschluss vom 18.08.2011 – 1 B 20/​11[]
  2. Brockmann/​Littmann/​Schippmann, NSchG, Stand: Febru­ar 2011, § 64 Anm. 2.3[]
  3. Nds. OVG, Beschl. v. 20.9.2011 – 2 ME 249/​11[]