Gerichts­voll­zie­her mit Geld­be­darf

Ein Beam­ter, der dienst­lich anver­trau­tes Geld unbe­rech­tigt für pri­va­te Zwe­cke ver­wen­det, begeht ein so schwer­wie­gen­des Dienst­ver­ge­hen, dass die­ses Ver­hal­ten nach der stän­di­gen Recht­spre­chung der Dis­zi­pli­nar­ge­rich­te [1] regel­mä­ßig mit der Ent­fer­nung aus dem Dienst zu ahn­den ist. Ein sol­ches Fehl­ver­hal­ten im Kern­be­reich der dem Beam­ten oblie­gen­den Dienst­pflich­ten zer­stört regel­mä­ßig das für die Fort­dau­er des Beam­ten­ver­hält­nis­ses not­wen­di­ge Ver­trau­en in die Ehr­lich­keit und die Zuver­läs­sig­keit des Beam­ten. Der Dienst­herr ist auf die abso­lu­te Ehr­lich­keit und Zuver­läs­sig­keit sei­ner Bediens­te­ten im Umgang mit dienst­lich anver­trau­ten Gel­dern ange­wie­sen. Eine lücken­lo­se Kon­trol­le aller Bediens­te­ten ist nicht mög­lich und muss weit­ge­hend durch Ver­trau­en ersetzt wer­den.

Gerichts­voll­zie­her mit Geld­be­darf

Dies gilt erst recht für einen als Gerichts­voll­zie­her beschäf­tig­ten Beam­ten, dem als hoheit­lich han­deln­dem Organ der Zwangs­voll­stre­ckung [2] eine beson­ders ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be über­tra­gen ist, die er in wei­tem Umfang eigen­ver­ant­wort­lich und selb­stän­dig aus­übt, mit der Fol­ge, dass dem Dienst­herrn nur eine ver­gleichs­wei­se ein­ge­schränk­te Kon­trol­le sei­ner Tätig­keit mög­lich ist.

Dem Gerichts­voll­zie­her obliegt es nach §§ 753 Abs. 1, 754 ZPO, im Auf­trag, d.h. auf Antrag der Gläu­bi­ger, die Zwangs­voll­stre­ckung durch­zu­füh­ren, soweit die­se nicht den Gerich­ten zuge­wie­sen ist. Ent­spre­chend der Art der ihm über­tra­ge­nen Auf­ga­ben, die im Inter­es­se einer zweck­mä­ßi­gen und effek­ti­ven Erle­di­gung der Voll­stre­ckungs­auf­trä­ge eine gewis­se Fle­xi­bi­li­tät erfor­dern, ermög­li­chen die Vor­schrif­ten der Gerichts­voll­zie­her­ord­nung – GVO – und der Geschäfts­an­wei­sung für Gerichts­voll­zie­her – GVGA – dem Gerichts­voll­zie­her, sei­ne Tätig­keit weit­ge­hend eigen­ver­ant­wort­lich und selb­stän­dig aus­zu­üben [3]. Der Gerichts­voll­zie­her regelt sei­nen Geschäfts­be­trieb nach eige­nem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen, soweit hier­über kei­ne beson­de­ren Bestim­mun­gen bestehen (§ 45 Nr. 1 GVO), muss grund­sätz­lich an sei­nem Amts­sitz ein Geschäfts­zim­mer auf eige­ne Kos­ten hal­ten (§ 46 Nr. 1 Satz 1 GVO), ist ver­pflich­tet, Büro- und Schreib­hil­fen auf eige­ne Kos­ten zu beschäf­ti­gen, soweit es der Geschäfts­be­trieb erfor­dert (§ 49 GVO), kann grund­sätz­lich Zeit­punkt und Rei­hen­fol­ge der Erle­di­gung der Voll­stre­ckungs­auf­trä­ge bestim­men (§ 6 GVGA) und führt den Schrift­ver­kehr unter eige­nem Namen mit Amts­be­zeich­nung (§ 53 Nr. 1 GVO). Er han­delt bei der ihm zuge­wie­se­nen Zwangs­voll­stre­ckung selb­stän­dig (§ 58 Nr. 1 Satz 1 GVGA), wobei er zwar der Auf­sicht, aber nicht der unmit­tel­ba­ren Lei­tung des Gerichts unter­liegt (§ 58 Nr. 1 Satz 2 GVGA). Es ist die zen­tra­le Auf­ga­be des Gerichts­voll­zie­hers, im Auf­trag der Gläu­bi­ger die Zwangs­voll­stre­ckung in das beweg­li­che Ver­mö­gen der Schuld­ner vor­zu­neh­men (vgl. § 808 Abs. 1 ZPO). Gepfän­de­tes Geld hat er nach § 815 Abs. 1 ZPO an die Gläu­bi­ger abzu­lie­fern. Der Gerichts­voll­zie­her hat bezüg­lich des Voll­stre­ckungs­auf­trags gegen­über den Gläu­bi­gern die ihm kraft Geset­zes oblie­gen­de Pflicht, deren Ver­mö­gens­in­ter­es­sen wahr­zu­neh­men (sog. Ver­mö­gens­be­treu­ungs­pflicht) [4]. Wenn ein Gerichts­voll­zie­her gegen die­se Kern­pflich­ten ver­stößt, zer­stört er in der Regel die für die geord­ne­te Voll­stre­ckung unab­ding­ba­re Ver­trau­ens­grund­la­ge, wes­halb er im Regel­fall nicht mehr Beam­ter blei­ben kann.

Ver­wal­tungs­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 1. April 2010 – DL 13 K 1892/​09

  1. vgl. BVerwG, Urtei­le vom 20.10.2005 – 2 C 12.04, BVerw­GE 124, 252; und vom 05.10.1994 – 1 D 31/​94, BVerw­GE 103, 177; VGH B‑W, Urteil vom 13.12.2007 – DB S 168/​06[]
  2. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.04.1982 – 2 C 33/​80, NJW 83, 897; BGH, Beschluss vom 29.01.2009 – III ZR 115/​08, NJW 09, 1086; Baum­bach u.a., ZPO, 68. Auf­la­ge, § 753 Rn. 3[]
  3. vgl. BVerwG, Urteil vom 29.04.1982, a.a.O.; Bay. VGH, Beschluss vom 15.01.2009 – 3 ZB 08.818; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 15.06.2009 – 4 B 52.08[]
  4. vgl. Lenckner/​Perron in Schönke/​Schröder, StGB, 26. Auf­la­ge, § 266, Rn. 25; BGH, Urteil vom 20.10.1959 – 1 StR 446/​59, NJW 1960, 52; OLG Cel­le, Beschluss vom 03.04.1990 – 1 Ss 48/​90[]