Nume­rus clau­sus für (Medizin-)Studenten aus ande­ren EU-Län­dern?

Das Uni­ons­recht steht nach einem heu­te ver­kün­de­ten Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on der Beschrän­kung der Ein­schrei­bung von nicht­an­säs­si­gen Stu­die­ren­den für Stu­di­en­gän­ge an Uni­ver­si­tä­ten im Bereich des Gesund­heits­we­sens grund­sätz­lich ent­ge­gen. Eine sol­che Beschrän­kung ist jedoch mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar, wenn sie im Hin­blick auf das Ziel des Schut­zes der öffent­li­chen Gesund­heit gerecht­fer­tigt ist.

Nume­rus clau­sus für (Medizin-)Studenten aus ande­ren EU-Län­dern?

Hin­ter­grund die­ser Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten ist die Situa­ti­on an den Hoch­schu­len in der Wal­lo­nie: Seit meh­re­ren Jah­ren ver­zeich­net die Fran­zö­si­sche Gemein­schaft Bel­gi­ens eine deut­li­che Zunah­me der Zahl der Stu­die­ren­den aus ande­ren Mit­glied­staa­ten, beson­ders aus Frank­reich, die sich an Ein­rich­tun­gen ihres Hoch­schul­bil­dungs­sys­tems ein­schrei­ben, und zwar ins­be­son­de­re für neun medi­zi­ni­sche und para­me­di­zi­ni­sche Stu­di­en­gän­ge. Es han­delt sich um Stu­di­en­gän­ge, die zu den aka­de­mi­schen Gra­den Bache­lor in Heil­gym­nas­tik und Reha­bi­li­ta­ti­on, Bache­lor in Vete­ri­när­me­di­zin, Heb­am­me-Bache­lor, Bache­lor in Ergo­the­ra­pie, Bache­lor in Logo­pä­die, Bache­lor in Podo­lo­gie-Podo­the­ra­pie, Bache­lor in Heil­gym­nas­tik, Bache­lor in Audio­lo­gie, spe­zia­li­sier­te® Erzieher(in) in psy­cho-erzie­he­ri­scher Beglei­tung füh­ren.

Die Fran­zö­si­sche Gemein­schaft war der Ansicht, dass die Zahl sol­cher Stu­die­ren­der in den genann­ten Stu­di­en­gän­gen zu hoch gewor­den sei, und erließ daher das Dekret vom 16. Juni 2006, wonach die Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len ver­pflich­tet sind, die Zahl der als nicht in Bel­gi­en ansäs­sig ange­se­he­nen Stu­die­ren­den, die sich zum ers­ten Mal für einen die­ser neun Stu­di­en­gän­ge ein­schrei­ben kön­nen, zu beschrän­ken. Die Gesamt­zahl nicht­an­säs­si­ger Stu­die­ren­der ist seit­dem je Hoch­schul­ein­rich­tung und Stu­di­en­gang grund­sätz­lich auf 30 % aller Ein­schrei­bun­gen des vor­an­ge­gan­ge­nen aka­de­mi­schen Jahrs begrenzt. Im Rah­men die­ses für sie vor­ge­se­he­nen pro­zen­tua­len Anteils wer­den die nicht­an­säs­si­gen Stu­die­ren­den, die ein­ge­schrie­ben wer­den, durch Aus­lo­sung ermit­telt.

Vor die­sem Hin­ter­grund legt der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof Bel­gi­ens, bei dem Kla­gen auf Nich­tig­erklä­rung die­ses Dekrets anhän­gig sind, dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen mit meh­re­ren Fra­gen vor. Im Wege eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof ent­schei­det nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist sodann Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt in sei­nem heu­ti­gen Urteil zunächst fest, dass die strei­ti­ge Rege­lung eine Ungleich­be­hand­lung zwi­schen ansäs­si­gen und nicht­an­säs­si­gen Stu­die­ren­den bewirkt. Eine sol­che Ungleich­be­hand­lung ist eine mit­tel­ba­re Dis­kri­mi­nie­rung aus Grün­den der Staats­an­ge­hö­rig­keit, die ver­bo­ten ist, sofern sie nicht objek­tiv gerecht­fer­tigt ist.
Ange­sichts der Moda­li­tä­ten der Finan­zie­rung des Hoch­schul­bil­dungs­sys­tems der Fran­zö­si­schen Gemein­schaft Bel­gi­ens kann die Sor­ge vor einer über­mä­ßi­gen Belas­tung zur Finan­zie­rung des Hoch­schul­un­ter­richts die­se Ungleich­be­hand­lung zwi­schen ansäs­si­gen und nicht­an­säs­si­gen Stu­die­ren­den nicht recht­fer­ti­gen.

Nach der Recht­spre­chung des EuGH kann eine mit­tel­bar auf der Staats­an­ge­hö­rig­keit beru­hen­de Ungleich­be­hand­lung jedoch durch das Ziel der Auf­recht­erhal­tung einer qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen, aus­ge­wo­ge­nen und all­ge­mein zugäng­li­chen medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung gerecht­fer­tigt sein, wenn es zur Errei­chung eines hohen Niveaus des Gesund­heits­schut­zes bei­trägt. Somit ist zu prü­fen, ob die strei­ti­ge Rege­lung geeig­net ist, die Errei­chung die­ses Ziels zu gewähr­leis­ten, und ob sie nicht über das hin­aus­geht, was zu des­sen Errei­chung erfor­der­lich ist. Es ist jedoch, so der Euro­päi­sche Gerichts­hof, letzt­lich Sache des natio­na­len Gerichts, das allein für die Beur­tei­lung des Sach­ver­halts des Rechts­streits sowie für die Aus­le­gung des natio­na­len Rechts zustän­dig ist, zu bestim­men, ob und inwie­weit eine sol­che Rege­lung die­sen Anfor­de­run­gen ent­spricht.

Für die­se Prü­fung gibt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dem vor­le­gen­den Ver­fas­sugns­ge­richts­hof Bel­gi­ens kla­re Vor­ga­ben:

  1. Als Ers­tes wird der vor­le­gen­de Ver­fas­sungs­ge­richts­hof daher zu prü­fen haben, ob der Schutz der öffent­li­chen Gesund­heit wirk­lich gefähr­det ist. Dabei kann nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen wer­den, dass eine etwai­ge Ver­rin­ge­rung der Qua­li­tät der Aus­bil­dung des künf­ti­gen medi­zi­ni­schen Per­so­nals letzt­lich die Qua­li­tät der Ver­sor­gung in dem betrof­fe­nen Gebiet beein­träch­tigt.
    Auch ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass eine etwai­ge Begren­zung der Gesamt­zahl der Stu­die­ren­den in den betref­fen­den Stu­di­en­gän­gen einen ent­spre­chen­den Rück­gang der Zahl der Absol­ven­ten zur Fol­ge hat, die für die Gewähr­leis­tung der Gesund­heits­ver­sor­gung in dem betrof­fe­nen Gebiet letzt­lich zur Ver­fü­gung ste­hen, was sich dann auf das Niveau des Schut­zes der öffent­li­chen Gesund­heit aus­wir­ken könn­te.

    Bei der Prü­fung die­ser Gefah­ren hat das vor­le­gen­de Gericht, so der EuGH wei­ter, zunächst zu berück­sich­ti­gen, dass zwi­schen der Aus­bil­dung des künf­ti­gen medi­zi­ni­schen Per­so­nals und dem Ziel der Auf­recht­erhal­tung einer qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen, aus­ge­wo­ge­nen und all­ge­mein zugäng­li­chen medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung nur ein mit­tel­ba­rer Zusam­men­hang besteht, der weni­ger kau­sal ist als der Zusam­men­hang zwi­schen dem Ziel der öffent­li­chen Gesund­heit und der Tätig­keit des bereits auf dem Markt ver­füg­ba­ren medi­zi­ni­schen Per­so­nals.

    In die­sem Zusam­men­hang obliegt der Nach­weis, dass sol­che Gefah­ren tat­säch­lich bestehen, den zustän­di­gen natio­na­len Stel­len. Anhand einer sol­chen objek­ti­ven, ein­ge­hen­den und auf Zah­len­an­ga­ben gestütz­ten Unter­su­chung muss sich mit­tels zuver­läs­si­ger, über­ein­stim­men­der und beweis­kräf­ti­ger Daten nach­wei­sen las­sen, dass die öffent­li­che Gesund­heit tat­säch­lich gefähr­det ist.

  2. Als Zwei­tes wird der vor­le­gen­de Ver­fas­sungs­ge­richts­hof nach dem Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs, sofern er den Schutz der öffent­li­chen Gesund­heit für tat­säch­lich gefähr­det hält, zu prü­fen haben, ob in Anbe­tracht der Anga­ben der zustän­di­gen Stel­len die strei­ti­ge Rege­lung als geeig­net ange­se­hen wer­den kann, die Errei­chung des Ziels des Schut­zes der öffent­li­chen Gesund­heit zu gewähr­leis­ten. In die­sem Zusam­men­hang ist es u. a. zu bewer­ten, ob eine Begren­zung der Zahl der nicht­an­säs­si­gen Stu­die­ren­den tat­säch­lich geeig­net ist, die Zahl der Absol­ven­ten zu erhö­hen, die für die Gewähr­leis­tung der Gesund­heits­ver­sor­gung in der Fran­zö­si­schen Gemein­schaft letzt­lich zur Ver­fü­gung ste­hen.
  3. Als Drit­tes hat sodann der bel­gi­sche Ver­fas­sungs­ge­richts­hof zu beur­tei­len, ob das ange­führ­te im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­de Ziel nicht durch weni­ger ein­schrän­ken­de Maß­nah­men erreicht wer­den könn­te, mit denen für Stu­die­ren­de, die ihr Stu­di­um in der Fran­zö­si­schen Gemein­schaft absol­vie­ren, ein Anreiz geschaf­fen wür­de, nach Abschluss des Stu­di­ums dort zu blei­ben, oder für außer­halb der Fran­zö­si­schen Gemein­schaft aus­ge­bil­de­te Berufs­an­ge­hö­ri­ge ein Anreiz, sich dort nie­der­zu­las­sen.
    Eben­so ist es Sache des vor­le­gen­den Gerichts, zu prü­fen, ob die zustän­di­gen Stel­len die Errei­chung die­ses Ziels ange­mes­sen mit den sich aus dem Uni­ons­recht erge­ben­den Erfor­der­nis­sen in Ein­klang gebracht haben, ins­be­son­de­re mit dem den Stu­die­ren­den aus ande­ren Mit­glied­staa­ten zuste­hen­den Recht auf Zugang zum Hoch­schul­un­ter­richt, das zum Kern­be­reich des Grund­sat­zes der Frei­zü­gig­keit der Stu­die­ren­den gehört. Von einem Mit­glied­staat ein­ge­führ­te Ein­schrän­kun­gen des Zugangs zu die­sem Unter­richt müs­sen daher auf das beschränkt sein, was zur Errei­chung der ver­folg­ten Zie­le erfor­der­lich ist, und müs­sen den genann­ten Stu­die­ren­den einen aus­rei­chend wei­ten Zugang zum Hoch­schul­un­ter­richt las­sen.
  4. Und schließ­lich, so der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, ist es Sache des vor­le­gen­den bel­gi­schen Ver­fas­sungs­ge­richts­hofs nach­zu­prü­fen, ob das Ver­fah­ren zur Aus­wahl der nicht­an­säs­si­gen Stu­die­ren­den allein in der Aus­lo­sung besteht und, falls dem so sein soll­te, ob die­se Aus­wahl­me­tho­de, bei der nicht die Kapa­zi­tä­ten der betrof­fe­nen Kan­di­da­ten zugrun­de gelegt wer­den, son­dern der Zufall den Aus­schlag gibt, zur Errei­chung der ver­folg­ten Zie­le erfor­der­lich ist.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 13. April 2010 – C‑73/​08 (Nico­las Bres­sol u. a., Céli­ne Cha­verot u. a. /​Gou­ver­ne­ment de la Com­mu­n­au­té françai­se)