Die "ursprüng­li­che Rein­heit" in "natür­li­chem Mine­ral­was­ser"

Ein Wider­ruf einer staat­li­chen Aner­ken­nung als "natür­li­ches Mine­ral­was­ser" auf­grund von vor­han­de­nen, aber für die mensch­li­che Gesund­heit unschäd­li­chen Ver­un­rei­ni­gun­gen durch Abbau­pro­duk­te (Meta­bo­li­ten) von Pflan­zen­schutz­mit­teln, kann nicht dar­auf gestützt wer­den, dass nach dem Gebot der "ursprüng­li­chen Rein­heit" in der Mine­ral- und Tafel­was­ser­ver­ord­nung (MTVO) abso­lut kei­ne Schad­stof­fe ent­hal­ten sein dür­fen, denn danach ist nur eine nor­ma­ti­ve Rein­heit gefor­dert. Die Gren­ze zwi­schen aner­ken­nungs­fä­hi­gem und nicht aner­ken­nungs­fä­hi­gem Mine­ral­was­ser unter dem Gesichts­punkt von Ver­un­rei­ni­gun­gen muss wegen ihrer Aus­wir­kun­gen auf die Berufs­frei­heit in der Ver­ord­nung selbst fest­ge­legt wer­den. Ein her­an­ge­zo­ge­ner "Ori­en­tie­rungs­wert" für Pflan­zen­schutz­mit­tel und Arz­nei­mit­tel von 0,05 µg/​l in einer behör­den­in­ter­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift ersetzt die gebo­te­ne nor­ma­ti­ve Rege­lung nicht.

Die "ursprüng­li­che Rein­heit" in "natür­li­chem Mine­ral­was­ser"

Mit die­ser Begrün­dung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg in meh­re­ren Fäl­len die Beru­fun­gen des Lan­des Baden-Würt­tem­berg (Beklag­ter) gegen Urtei­le des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart zurück­ge­wie­sen, das meh­re­re Wider­ru­fe staat­li­cher Aner­ken­nun­gen auf­ge­ho­ben hat­te. Die Klä­ge­rin­nen ver­trei­ben gewerb­lich Mine­ral­was­ser. Im Brun­nen­was­ser ihrer Quel­len wur­den Meta­bo­li­ten von Pflan­zen­schutz­mit­teln fest­ge­stellt, die nicht gesund­heits­schäd­lich sind. Das Regie­rungs­prä­si­di­um Stutt­gart wider­rief die für die Quel­len erteil­ten amt­li­chen Aner­ken­nun­gen und Nut­zungs­ge­neh­mi­gun­gen, weil die Anfor­de­run­gen der MTVO an die "ursprüng­li­che Rein­heit" eines natür­li­chen Mine­ral­was­sers nicht mehr erfüllt sei­en. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hob die Wider­ru­fe auf. Es sei zwei­fel­haft, ob das deut­sche Recht mit einer ein­schlä­gi­gen EU-Richt­li­nie ver­ein­bar sei. Jeden­falls habe die Behör­de ihr Ermes­sen rechts­wid­rig aus­ge­übt, weil sie nicht erwo­gen habe, ein in die­ser Richt­li­nie gere­gel­tes Ver­fah­ren zur Fest­le­gung von Grenz­wer­ten durch die EU-Kom­mis­si­on anzu­stren­gen.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg zwar die Urtei­le des Ver­wal­tungs­ge­richts Stutt­gart im Ergeb­nis bestä­tigt, aber ande­re Grün­de ange­führt: Nach sei­ner Auf­fas­sung sei­en schon die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für einen Wider­ruf nicht erfüllt. Die fest­ge­stell­ten Ver­un­rei­ni­gun­gen berech­tig­ten aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den nicht dazu, die Aner­ken­nung als "natür­li­ches Mine­ral­was­ser" abzu­leh­nen, so dass auch ein Wider­ruf aus­schei­de. Die Ableh­nung der staat­li­chen Aner­ken­nung als "natür­li­ches Mine­ral­was­ser" wegen Nicht­be­ach­tung bestimm­ter Qua­li­täts­an­for­de­run­gen grei­fe in die Berufs­frei­heit von Mine­ral­was­ser­un­ter­neh­men ein. Das sei nur durch oder auf­grund eines Geset­zes zuläs­sig. Dar­an feh­le es. Die MTVO for­de­re, wovon auch der Beklag­te aus­ge­he, kei­ne abso­lu­te Abwe­sen­heit von Schad­stof­fen, son­dern nur eine nor­ma­ti­ve Rein­heit. Das sei auch ver­fas­sungs­recht­lich gebo­ten. Denn Gesund­heits- und Ver­brau­cher­schutz oder der Schutz eines fai­ren uni­ons­wei­ten Han­dels könn­ten ein Gebot abso­lu­ter tat­säch­li­cher Rein­heit als Grund für den Ein­griff in die Berufs­frei­heit nicht recht­fer­ti­gen. Die Gren­ze zwi­schen aner­ken­nungs­fä­hi­gem und nicht aner­ken­nungs­fä­hi­gem Mine­ral­was­ser unter dem Gesichts­punkt von Ver­un­rei­ni­gun­gen müs­se wegen ihrer Aus­wir­kun­gen auf die Berufs­frei­heit in der Ver­ord­nung selbst fest­legt wer­den. Das sei nicht der Fall. Der vom Beklag­ten her­an­ge­zo­ge­ne "Ori­en­tie­rungs­wert" für Pflan­zen­schutz­mit­tel und Arz­nei­mit­tel von 0,05 µg/​l sei nur in einer behör­den­in­ter­nen Ver­wal­tungs­vor­schrift fest­ge­legt. Das erset­ze die gebo­te­ne nor­ma­ti­ve Rege­lung nicht. Auch auf eine ein­schlä­gi­ge EU-Richt­li­nie kön­ne inso­weit nicht zu Las­ten der Mine­ral­was­ser­un­ter­neh­men zurück­ge­grif­fen wer­den.

Schließ­lich feh­le es auch an der wei­te­ren Vor­aus­set­zung für einen Wider­ruf, dass ohne den Wider­ruf das öffent­li­che Inter­es­se gefähr­det wäre. Dies erfor­de­re einen dro­hen­den Scha­den für den Staat, die All­ge­mein­heit oder wich­ti­ge Gemein­schafts­gü­ter. Das sei hier nicht der Fall, weil Gesund­heits- und Ver­brau­cher­schutz oder der Schutz eines fai­ren Han­dels die abso­lu­te Rein­heit eines "natür­li­chen Mine­ral­was­sers" nicht erfor­der­ten.

Dar­auf, ob der Wider­ruf aus den vom VG genann­ten Grün­den ermes­sens­feh­ler­haft sei, kom­me es folg­lich nicht an. Es spre­che aller­dings vie­les dafür, dass das vom VG bezeich­ne­te Ver­fah­ren zur Fest­le­gung von Grenz­wer­ten durch die EU-Kom­mis­si­on nur bei grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten in Fra­ge kom­me.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urtei­le vom 20. Juni 2013 – 9 S 2883/​11, 9 S 2884/​11, 9 S 2885/​11, 9 S 2886/​11 und 9 S 2887/​11