Ober­gren­ze für Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te

Die EU-Kom­mis­si­on darf den Mit­glieds­staa­ten kei­ne Ober­gren­ze für Treib­haus­gas­emis­sio­nen vor­schrei­ben. So hat jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bestä­tigt, dass die Kom­mis­si­on durch die Vor­ga­be einer Ober­gren­ze für die Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te Polens und Est­lands ihre Befug­nis­se über­schrit­ten hat.

Ober­gren­ze für Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat daher die Rechts­mit­tel der Kom­mis­si­on gegen die Urtei­le des Gerichts ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, mit denen ihre Ent­schei­dun­gen für nich­tig erklärt wur­den, zurück­ge­wie­sen.

Mit einer Richt­li­nie aus dem Jahr 2003 1 wur­de ein Sys­tem für den Han­del mit Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten in der Gemein­schaft ein­ge­führt, um den Ein­fluss von Treib­haus­gas­emis­sio­nen auf das Kli­ma zu ver­rin­gern. Nach der Richt­li­nie stell­ten die Mit­glied­staa­ten für jeden Fünf­jah­res­zeit­raum einen natio­na­len Zutei­lungs­plan (NZP) auf, aus dem her­vor­ging, wie vie­le Zer­ti­fi­ka­te sie ins­ge­samt für die­sen Zeit­raum zuzu­tei­len beab­sich­tig­ten und wie sie die Zer­ti­fi­ka­te zuzu­tei­len gedach­ten. Sol­che Plä­ne waren auf objek­ti­ve und trans­pa­ren­te Kri­te­ri­en zu stüt­zen, ein­schließ­lich der in der Richt­li­nie genann­ten Kri­te­ri­en, wobei die Bemer­kun­gen der Öffent­lich­keit ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen waren. Die Plä­ne muss­ten ver­öf­fent­licht und der Kom­mis­si­on und den übri­gen Mit­glied­staa­ten über­mit­telt wer­den. Die Kom­mis­si­on konn­te den NZP oder einen Teil davon ableh­nen, wenn er mit den Kri­te­ri­en der Richt­li­nie unver­ein­bar war. Nur dann, wenn die Ände­rungs­vor­schlä­ge von der Kom­mis­si­on akzep­tiert wor­den waren, konn­te der Mit­glied­staat über die Gesamt­zahl der Zer­ti­fi­ka­te ent­schei­den, die er für die­sen Zeit­raum zuteil­te, und das Ver­fah­ren für die Zutei­lung die­ser Zer­ti­fi­ka­te an die Betrei­ber der ein­zel­nen Anla­gen ein­lei­ten.

2006 über­mit­tel­ten Polen und Est­land der Kom­mis­si­on ihre natio­na­len Zutei­lungs­plä­ne für den Zeit­raum 2008 bis 2012. Mit zwei Ent­schei­dun­gen aus dem Jahr 2007 stell­te die Kom­mis­si­on die Unver­ein­bar­keit die­ser NZP mit meh­re­ren Kri­te­ri­en der Richt­li­nie fest und ent­schied, dass die jähr­li­chen Gesamt­men­gen der zuzu­tei­len­den Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te um 26,7 % (von 284,648332 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­di­oxid­ä­qui­va­lent auf 208,515395 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr) bzw. 47,8 % (von 24,375045 Mil­lio­nen Ton­nen Koh­len­di­oxid­ä­qui­va­lent auf 12,717058 Mil­lio­nen Ton­nen pro Jahr) gegen­über der Zahl von Emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten, deren Aus­ga­be die­se bei­den Mit­glied­staa­ten beab­sich­tigt hat­ten, her­ab­zu­set­zen sei­en.

Dar­auf­hin erho­ben zum einen Polen, unter­stützt durch Ungarn, Litau­en und die Slo­wa­kei, und zum ande­ren Est­land, unter­stützt durch Litau­en und die Slo­wa­kei, Kla­ge beim Gericht ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten (dem heu­ti­gen Gericht der Euro­päi­schen Uni­on) auf Nich­tig­erklä­rung der sie betref­fen­den Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on, die ihrer­seits durch das Ver­ei­nig­te König­reich unter­stützt wur­de. Das Gericht ers­ter Instanz der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten erklär­te dar­auf­hin die bei­den strei­ti­gen Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on für nich­tig 2. Das Euro­päi­sche Gericht ent­schied, dass die EU-Kom­mis­si­on mit dem Erlass die­ser Ent­schei­dun­gen ihre Befug­nis­se über­schrit­ten habe. Zudem habe die Kom­mis­si­on mit der an Polen gerich­te­ten Ent­schei­dung die Begrün­dungs­pflicht und mit der Est­land betref­fen­den Ent­schei­dung den Grund­satz der ord­nungs­ge­mä­ßen Ver­wal­tung ver­letzt.

Die Kom­mis­si­on hat beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die vor­lie­gen­den Rechts­mit­tel ein­ge­legt und begehrt die Auf­he­bung die­ser Urtei­le. Ein sol­ches auf Rechts­fra­gen beschränk­tes Rechts­mit­tel kann beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gegen ein Urteil oder einen Beschluss des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on ein­ge­legt wer­den. Das Rechts­mit­tel hat grund­sätz­lich kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung. Ist das Rechts­mit­tel zuläs­sig und begrün­det, hebt der Euro­päi­sche Gerichts­hof die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts auf. Ist die Rechts­sa­che zur Ent­schei­dung reif, kann der Euro­päi­sche Gerichts­hof den Rechts­streit selbst ent­schei­den. Andern­falls ver­weist er die Rechts­sa­che an das Euro­päi­sche Gericht zurück, das an die Rechts­mit­tel­ent­schei­dung des Gerichts­hofs gebun­den ist.

Wei­te­re ver­gleich­ba­re Ver­fah­ren sind noch beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on anhän­gig, dort haben auch die Tsche­chi­sche Repu­blik 3, Ungarn 4 und Rumä­ni­en 5 gegen die ihnen von der EU-Kom­mis­si­on auf­er­leg­ten Ober­gren­zen für Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te geklagt. Die­se vier Ver­fah­ren sind jedoch in Erwar­tung der Urtei­le des Euro­päi­schen Gerichts­hofs in den bei­den vor­lie­gen­den Rechts­sa­chen aus­ge­setzt wor­den.

Mit sei­nen jetzt ver­kün­de­ten Urtei­len weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on das Vor­brin­gen der Kom­mis­si­on zur Stüt­zung ihrer Rechts­mit­tel zurück und bestä­tigt die Urtei­le des erst­in­stanz­li­chen Euro­päi­schen Gerichts.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt fest, dass die Richt­li­nie weder für die Auf­stel­lung eines natio­na­len Zutei­lungs­plans noch für die Fest­set­zung der Gesamt­men­ge der zuzu­tei­len­den Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te eine spe­zi­el­le Metho­de vor­gibt. Sie sieht im Gegen­teil aus­drück­lich vor, dass die Mit­glied­staa­ten die Gesamt­men­ge der zuzu­tei­len­den Zer­ti­fi­ka­te unter Berück­sich­ti­gung u. a. der natio­na­len ener­gie­po­li­ti­schen Maß­nah­men und des natio­na­len Kli­ma­schutz­pro­gramms fest­zu­set­zen haben. Die Mit­glied­staa­ten ver­fü­gen also über einen gewis­sen Spiel­raum bei der Umset­zung der Richt­li­nie und damit auch bei der Wahl der Maß­nah­men, die sie als die geeig­nets­ten anse­hen, um das in der Richt­li­nie fest­ge­leg­te Ziel zu errei­chen.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist wei­ter dar­auf hin, dass etwai­ge Unter­schie­de bei den Daten, die Ein­gang in die natio­na­len Zutei­lungs­plä­ne fin­den, und bei den von den Mit­glied­staa­ten ein­ge­setz­ten Bewer­tungs­me­tho­den den Spiel­raum der Mit­glied­staa­ten wider­spie­geln, den die Kom­mis­si­on im Rah­men ihrer Kon­for­mi­täts­kon­trol­le zu beach­ten hat.
Die Gleich­be­hand­lung der Mit­glied­staa­ten kann die Kom­mis­si­on ange­mes­sen dadurch sicher­stel­len, dass sie die von ihnen vor­ge­leg­ten Plä­ne alle mit dem­sel­ben Maß an Sorg­falt prüft.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on weist außer­dem das Argu­ment der Kom­mis­si­on zurück, ihr sei aus ver­fah­rens­öko­no­mi­schen Grün­den die Befug­nis zur Fest­le­gung der Ober­gren­ze für die zuzu­tei­len­den Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­te ein­zu­räu­men. Näh­me man näm­lich an, dass die Kom­mis­si­on eine sol­che Ober­gren­ze fest­le­gen kann, wür­den der Kom­mis­si­on letzt­lich Befug­nis­se ver­lie­hen, die jeder recht­li­chen Grund­la­ge ent­behr­ten. Aller­dings über­schrei­tet die Kom­mis­si­on ihre Befug­nis­se nicht, wenn sie, ohne die Ober­gren­ze für die Zer­ti­fi­ka­te ver­bind­lich fest­zu­le­gen, im ver­fü­gen­den Teil einer Ent­schei­dung, mit der ein Plan abge­lehnt wird, dar­auf hin­weist, dass sie die Ände­run­gen die­ses Plans nicht zurück­wei­sen wird, solan­ge sie den Vor­schlä­gen und Emp­feh­lun­gen die­ser Ent­schei­dung ent­spre­chen. Ein sol­ches Vor­ge­hen steht mit dem Grund­satz der loya­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Mit­glied­staa­ten und der Kom­mis­si­on im Ein­klang und dient auch ver­fah­rens­öko­no­mi­schen Zie­len.

Fer­ner weist der Euro­päi­sche Gerichts­hof dar­auf hin, dass der für Ände­run­gen der Richt­li­nie allein zustän­di­ge Uni­ons­ge­setz­ge­ber es für erfor­der­lich gehal­ten hat, ihre Bestim­mun­gen zu ändern. Die­se mit der Richt­li­nie 2009/​09/​EG 6 ein­ge­führ­ten Ände­run­gen sehen die Ein­füh­rung eines stär­ker har­mo­ni­sier­ten Sys­tems vor, damit die Vor­tei­le des Emis­si­ons­han­dels bes­ser genutzt, Ver­zer­run­gen auf dem Bin­nen­markt ver­mie­den und die Ver­knüp­fung mit ande­ren Emis­si­ons­han­dels­sys­te­men erleich­tert wer­den kön­nen. So ist auch in dem mit der Richt­li­nie 2009/​09/​EG ein­ge­führ­ten Sys­tem vor­ge­se­hen, dass die uni­ons­wei­te Men­ge der Zer­ti­fi­ka­te, die ab 2013 jähr­lich ver­ge­ben wer­den, ab der Mit­te des Zeit­raums von 2008 bis 2012 line­ar ver­rin­gert wird. Die Men­ge wird um einen linea­ren Fak­tor von 1,74 %, ver­gli­chen mit der durch­schnitt­li­chen jähr­li­chen Gesamt­men­ge der Zer­ti­fi­ka­te, die von den Mit­glied­staa­ten nach Maß­ga­be der Ent­schei­dun­gen der Kom­mis­si­on über die NZP für den Zeit­raum von 2008 bis 2012 zuge­teilt wur­den, ver­rin­gert.

Da sich die von Polen und Est­land ange­foch­te­nen Bestim­mun­gen nicht von den übri­gen Bestim­mun­gen der strei­ti­gen Ent­schei­dun­gen tren­nen lie­ßen, stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on schließ­lich fest, dass das Euro­päi­sche Gericht die­se Ent­schei­dun­gen zu Recht ins­ge­samt für nich­tig erklärt hat.

Gerichts­hof der Euro­päi­sche Uni­on, Urteil vom 29. März 2012 – C‑504/​09 P [Kom­mis­si­on /​Polen] und C‑505/​09 P [Kom­mis­si­on /​Est­land]

  1. Richt­li­nie 2003/​87/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13. Okto­ber 2003 über ein Sys­tem für den Han­del mit Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten in der Gemein­schaft und zur Ände­rung der Richt­li­nie 96/​61/​EG des Rates (ABl. L 275, S. 32) in der durch die Richt­li­nie 2004/​101/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 27. Okto­ber 2004 (ABl. L 338, S. 18) geän­der­ten Fas­sung.[]
  2. EuG, Urtei­le vom 23.09.2009 – T‑183/​07 [Polen/​Kommission] und T‑263/​07 [Estland/​Kommission][]
  3. EuG – T‑194/​07 [Tsche­chi­sche Republik/​Kommission][]
  4. EuG – T‑221/​07 [Ungarn/​Kommission][]
  5. EuG – T‑483/​07 und T‑484/​07 [Rumänien/​Kommission][]
  6. Richt­li­nie 2009/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 23. April 2009 zur Ände­rung der Richt­li­nie 2003/​87/​EG zwecks Ver­bes­se­rung und Aus­wei­tung des Gemein­schafts­sys­tems für den Han­del mit Treib­haus­gas­emis­si­ons­zer­ti­fi­ka­ten, ABl. L 140, S. 63[]