Wenn Herr Dr. wis­sen­schaft­lich türkt

Ein ver­lie­he­ner Dok­tor­grad darf von der Uni­ver­si­tät wegen nach­träg­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens nicht wie­der ent­zo­gen wer­den. Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt das Ver­wal­tug­ns­ge­richt Frei­burg der Kla­ge des Phy­si­kers Schön gegen die Ent­zie­hung sei­nes Dok­tor­gra­des durch die Uni­ver­si­tät Kon­stanz statt­ge­ge­ben. Die nach­träg­li­che Unwür­dig­keit, die das Lan­des­hoch­schul­ge­setz für den Ent­zug des Dok­tor­gra­des vor­aus­set­ze, kön­ne nicht allein mit wis­sen­schaft­li­chem Fehl­ver­hal­ten nach der Pro­mo­ti­on begrün­det wer­den, so das Ver­wal­tungs­ge­richt.

Wenn Herr Dr. wis­sen­schaft­lich türkt

Hin­ter­grund die­ses Urteils sind gefälsch­te wis­sen­schaft­li­che For­schungs­ar­bei­ten eines Kon­stan­zer Natur­wis­sen­schaft­lers: Die beklag­te Uni­ver­si­tät Kon­stanz hat­te dem Klä­ger im Jahr 1997 auf­grund sei­ner Dis­ser­ta­ti­on und nach münd­li­cher Prü­fung den Grad eines Dok­tors der Natur­wis­sen­schaf­ten ver­lie­hen. Danach war der Klä­ger vier Jah­re lang in einer US-ame­ri­ka­ni­schen For­schungs­ein­rich­tung tätig. In die­ser Zeit betei­lig­te er sich an über 70 wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­tio­nen, die in der wis­sen­schaft­li­chen Öffent­lich­keit teil­wei­se als bahn­bre­chend gewür­digt wur­den. Nach Vor­wür­fen der Daten­fäl­schung setz­te die For­schungs­ein­rich­tung im Jahr 2002 eine wis­sen­schaft­li­che Unter­su­chungs­kom­mis­si­on ein, die zu dem Ergeb­nis kam, dem Klä­ger sei in 16 von 24 unter­such­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten anzu­las­ten („Beas­ley Report“). Dar­auf über­prüf­te eine Kom­mis­si­on der Uni­ver­si­tät Kon­stanz auch sei­ne dort durch­ge­führ­ten, im wesent­li­chen mit sei­ner Dis­ser­ta­ti­on zusam­men­hän­gen­den For­schungs­ar­bei­ten und stell­te zwar hand­werk­li­che Feh­ler, jedoch kein wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten im Sin­ne einer bewuss­ten Daten­ma­ni­pu­la­ti­on fest. Zugleich befass­te sich der Pro­mo­ti­ons­aus­schuss der Uni­ver­si­tät Kon­stanz mit dem Beas­ley-Report, den dort unter­such­ten Publi­ka­tio­nen und dazu erfolg­ten Stel­lung­nah­men in Fach­jour­na­len. Er gelang­te zu der Auf­fas­sung, dass dem Klä­ger Daten­ma­ni­pu­la­ti­on, Prä­sen­ta­ti­on von Daten in fal­schem Zusam­men­hang und künst­li­che Erzeu­gung von Daten zwei­fels­frei nach-gewie­sen sei­en. Ein sol­ches wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten sei in der deut­schen Wis­sen­schafts­ge­schich­te bis­her bei­spiel­los. Der Klä­ger habe sich des­halb der Füh­rung des Dok­tor­gra­des als unwür­dig erwie­sen. An der Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des hielt die beklag­te Uni­ver­si­tät auch nach Wider­spruch des Klä­gers fest und bestä­tig­te ihre Ent­schei­dung mit Wider­spruchs­be­scheid vom 19.10.2009.

Die dage­gen erho­be­ne Kla­ge des Phy­si­kers hat­te vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg Erfolg:

Eine Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des wegen nach­träg­li­cher Unwür­dig­keit kom­me aus­schließ­lich auf­grund der Spe­zi­al­re­ge­lung des § 35 Abs. 7 des Lan­des­hoch­schul­ge­set­zes in Betracht. Ein Wider­ruf des Dok­tor­gra­des nach all­ge­mei­nem Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht schei­de hier aus, weil die Wür­dig­keit des Klä­gers weder nach dem Lan­des­hoch­schul­ge­setz noch nach der Pro­mo­ti­ons­ord­nung der beklag­ten Uni­ver­si­tät Vor­aus­set­zung für die Annah­me des Klä­gers als Dok­to­rand oder die Eröff­nung sei­nes Pro­mo­ti­ons­ver­fah­rens gewe­sen sei. Auch wenn die Kam­mer die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Spe­zi­al­re­ge­lung des § 35 Abs. 7 Lan­des­hoch­schul­ge­setz unter­stel­le, kön­ne die Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des hier kei­nen Bestand haben. Die von der Uni­ver­si­tät Kon­stanz vor­ge­nom­me­ne wis­sen­schafts­be­zo­ge­ne Aus­le­gung des Begriffs der Unwür­dig­keit sei nicht zuläs­sig. Eine sol­che Aus­le­gung hät­te zur Fol­ge, dass nach­träg­li­ches wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten ohne jede straf­recht­li­che Rele­vanz den Begriff der Unwür­dig­keit erfül­len wür­de und zum Anlass genom­men wer­den könn­te, einen recht­mä­ßig erwor­be­nen Dok­tor­grad nach­träg­lich zu ent­zie­hen. Der Begriff der Unwür­dig­keit sei aber aus vier Gesichts­punk­ten restrik­tiv im Sin­ne älte­rer Recht­spre­chung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg aus­zu­le­gen, wonach Unwür­dig­keit eine von der All­ge­mein­heit beson­ders miss­bil­lig­te, ehren­rüh­ri­ge Straf­tat vor­aus­set­ze, die ein die Durch­schnitts­straf­tat über­stei­gen­des Unwert­ur­teil ent­hal­te und zu einer tief­grei­fen­den Abwer­tung der Per­sön­lich­keit füh­re. Die­se enge Aus­le­gung fol­ge ers­tens dar­aus, dass die Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des für den Titel­in­ha­ber einen schwer­wie­gen­den Grund­rechts­ein­griff in sein all­ge­mei­nes Per­sön­lich­keits­recht, sei­ne Wis­sen­schafts­frei­heit und sei­ne Berufs­frei­heit dar­stel­le. Die nach­träg­li­che Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des kön­ne auch nach einer gewis­sen Zeit­dau­er bei wie­der­erlang­ter Wür­dig­keit nicht auf­ge­ho­ben wer­den. Zum Zwei­ten erge­be sich die­se enge Aus­le­gung auch aus dem Zweck der gesetz­li­chen Rege­lung, nach der es sich bei der Ent­zie­hung des recht­mä­ßig erwor­be­nen Dok­tor­gra­des nicht um eine Sank­ti­on gegen­über dem Inha­ber han­deln dür­fe, son­dern sie nur zum Schutz gewich­ti­ger öffent­li­cher Inter­es­sen erfol­gen dür­fe. Der wis­sen­schaft­li­che Ruf der Uni­ver­si­tät kom­me hier­für nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts nicht in Betracht. Daher kön­ne das maß­geb­li­che öffent­li­che Inter­es­se nur im Schutz der All­ge­mein­heit, zu der auch die Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft gehö­re, vor dem fal­schen Schein der Lau­ter­keit eines Titel­füh­rers lie­gen. Es bestehe Einig­keit, dass die Rege­lung des § 35 Abs. 7 Lan­des­hoch­schul­ge­setz, die die Hoch­schu­le grund­sätz­lich ermäch­ti­ge, jeden von ihr ver­lie­he­nen Grad nach­träg­lich zu ent­zie­hen, nur noch auf die Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des ange­wen­det wer­den kön­ne. Denn nur dem Dok­tor­grad, wenn über­haupt, woh­ne noch ein Wür­de­ge­halt inne, der über den rei­nen, durch die fach­be­reichs­spe­zi­fi­sche Dok­tor­prü­fung erbrach­ten Leis­tungs­nach­weis hin­aus­ge­he. Dem­entspre­chend kön­ne die Wür­dig­keit nicht je nach Fach­be­reichs­zu­ge­hö­rig­keit oder auch nach dem spä­ter aus­ge­üb­ten Beruf unter­schied­lich bestimmt wer­den. Drit­tens kom­me hin­zu, dass bei der wis­sen­schafts­be­zo­ge­nen Aus­le­gung des Unwür­dig­keits­be­griffs die nach­träg­li­che Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des nur sol­che Titel­in­ha­ber tref­fen könn­te, die nach der Pro­mo­ti­on wei­ter­hin im Wis­sen­schafts­be­reich tätig sei­en. Die ande­ren, zah­len­mä­ßig weit über­wie­gen­den Titel­in­ha­ber blie­ben damit vom Anwen­dungs­be­reich der Norm ver­schont. Dies sei mit dem Gleich­heit­s­atz nicht ver­ein­bar und ent­spre­che auch nicht dem erkenn­ba­ren Zweck der Bestim­mung. Vier­tens schließ­lich tra­ge die Aus­le­gung der Beklag­ten auch den rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen an die Nor­men­klar­heit und Jus­ti­zia­bi­li­tät nicht hin-rei­chend Rech­nung. Durch die Bezug­nah­me auf gra­vie­ren­des wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten wer­de die Anwen­dung der Bestim­mung mit erheb­li­chen Unsi­cher­hei­ten belas­tet. Es blei­be in erheb­li­chem Maße unklar, wann sol­ches Fehl­ver­hal­ten vor­lie­ge. Aus der in das neue Lan­des­hoch­schul­ge­setz auf­ge­nom­me­nen Bestim­mung über wis­sen­schaft­li­che Red­lich­keit, die sich an alle an den Uni­ver­si­tä­ten wis­sen­schaft­lich Täti­gen rich­te, lie­ßen sich kei­ne ver­läss­li­che Rück­schlüs­se für die Aus­le­gung des Begriffs der Unwür­dig­keit zie­hen.

Selbst wenn man aber mit der beklag­ten Uni­ver­si­tät schwe­res und gra­vie­ren­des wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten als Unwür­dig­keits­grund akzep­tier­te und außer­dem anneh­me, der Klä­ger habe bei den strei­ti­gen Publi­ka­tio­nen vor­sätz­lich und erheb­lich gegen die Anfor­de­run­gen wis­sen­schaft­li­cher Red­lich­keit ver­sto­ßen, sei der nach­träg­li­che Ent­zug des Dok­tor­gra­des hier unver­hält­nis­mä­ßig. Die Annah­me der Beklag­ten, hier müs­se die wis­sen­schaft­li­che Gemein­schaft vor Irre­füh­rung über den Schein einer bestehen­den Wür­dig­keit geschützt wer­den, recht­fer­ti­ge den gra­vie­ren­den Ein­griff nicht. Der in der Öffent­lich­keit als Wis­sen­schafts­skan­dal behan­del­te Fall des Klä­gers sei mit Abschluss des Beas­ley-Reports in der gesam­ten Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft inter­na­tio­nal kom­mu­ni­ziert wor­den. Bereits dadurch sei die Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft, ins­be­son­de­re im Bereich der Expe­ri­men­tal­phy­sik, mit allen gegen den Klä­ger erho­be­nen Vor­wür­fen ver­traut gemacht wor­den. In der münd­li­chen Ver­hand­lung sei von Sei­ten der beklag­ten Uni­ver­si­tät deut­lich gemacht wor­den, dass die Autoren der wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen in der Phy­sik in Fach­zeit­schrif­ten neben ihrem Namen nie­mals den Dok­tor­ti­tel ange­ben und auch durch die Anga­be des Dok­tor­ti­tels kei­ne erhöh­te Ver­mu­tung für die wis­sen­schaft­li­che Red­lich­keit der publi­zier­ten Ergeb­nis­se erzeugt wer­de. Die Kam­mer ver­mö­ge daher nicht zu erken­nen, dass das Ver­fah­ren zur Ent­zie­hung des Dok­tor­gra­des, das erst im Okto­ber 2009 mit dem Wider­spruchs­be­scheid abge­schlos­sen wor­den sei, noch eine eigen­stän­di­ge Funk­ti­on hin­sicht­lich des Schut­zes der Wis­sen­schafts­ge­mein­schaft habe. Viel­mehr stel­le sich der Ent­zug des Dok­tor­gra­des hier als nach­träg­li­che Sank­ti­on des Klä­gers für sein vor­ge­wor­fe­nes Ver­hal­ten dar. Dies sei mit Sinn und Zweck der gesetz­li­chen Ermäch­ti­gung nicht zu ver­ein­ba­ren.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg, Urteil vom 27. Sep­tem­ber 2010 – 1 K 2248/​09