Zustän­dig­keits­über­gang für das Asyl­ver­fah­ren – bei feh­len­dem Aufnahmegesuch

Art. 20 Abs. 3 Satz 1 und 2 Dub­lin III-VO, wonach die Situa­ti­on von Kin­dern eines Asyl­an­trag­stel­lers, die nach des­sen Ankunft im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten gebo­ren wer­den, untrenn­bar mit der Situa­ti­on die­ses Eltern­teils ver­bun­den ist und in die Zustän­dig­keit des­je­ni­gen Mit­glied­staats fällt, der für die Prü­fung des Antrags des Eltern­teils auf inter­na­tio­na­len Schutz zustän­dig ist, kann auf den Asyl­an­trag eines im Bun­des­ge­biet nach­ge­bo­re­nen Kin­des, des­sen Eltern zuvor bereits in einem ande­ren Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on inter­na­tio­na­len Schutz erhal­ten haben, jeden­falls nicht in der Wei­se ana­log ange­wen­det wer­den, dass es in die­ser Fall­kon­stel­la­ti­on auch nicht der Ein­lei­tung eines eige­nen Zustän­dig­keits­ver­fah­rens für das Kind gemäß Art.20 Abs. 3 Satz 2 letz­ter Halb­satz Dub­lin III-VO bedarf1.

Zustän­dig­keits­über­gang für das Asyl­ver­fah­ren – bei feh­len­dem Aufnahmegesuch

Der Mit­glied­staat, in dem ein nach­ge­bo­re­nes Kind sei­nen Asyl­an­trag gestellt hat, ist des­halb jeden­falls dann für des­sen Prü­fung zustän­dig, wenn er den Mit­glied­staat, der den Eltern inter­na­tio­na­len Schutz gewährt hat, nicht bin­nen der in Art. 21 Abs. 1 Unter­abs. 1 und 2 Dub­lin III-VO genann­ten Fris­ten um die Auf­nah­me des Kin­des ersucht hat (vgl. Art. 21 Abs. 3 Dub­lin III-VO); die blo­ße Unter­rich­tung über die Geburt des Kin­des reicht dazu nicht aus2.

In dem hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall wen­det sich die Klä­ge­rin, ein Klein­kind eri­trei­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, gegen die Ableh­nung des Asyl­an­trags als unzu­läs­sig und die Andro­hung ihrer Abschie­bung nach Ita­li­en. Das Kind wur­de im Febru­ar 2019 im Bun­des­ge­biet gebo­ren. Ihren Eltern war zuvor in Ita­li­en im Rah­men eines dort durch­ge­führ­ten Asyl­ver­fah­rens inter­na­tio­na­ler Schutz gewährt wor­den. Sie stell­ten im März 2015 in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erneut Asyl­an­trä­ge. Am 10.04.2019 wur­de dem Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bun­des­amt) die Geburt des Mäd­chens ange­zeigt. Das Bun­des­amt erach­te­te auf­grund des­sen einen Asyl­an­trag für die Klä­ge­rin gemäß § 14a Abs. 2 Satz 3 AsylG als gestellt. Mit Bescheid vom 03.07.2019 lehn­te es die­sen Asyl­an­trag gemäß § 29 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a AsylG als unzu­läs­sig ab (Zif­fer 1), stell­te fest, dass Abschie­bungs­ver­bo­te nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 Auf­en­thG nicht vor­lie­gen (Zif­fer 2), for­der­te die Klä­ge­rin auf, die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land inner­halb von 30 Tagen nach Bekannt­ga­be der Ent­schei­dung bzw. unan­fecht­ba­rem Abschluss eines etwai­gen Kla­ge­ver­fah­rens zu ver­las­sen, und droh­te für den Fall nicht frist­ge­rech­ter Aus­rei­se die Abschie­bung nach Ita­li­en bzw. in einen ande­ren Staat an, in den sie ein­rei­sen darf oder der zu ihrer Rück­über­nah­me ver­pflich­tet ist (Zif­fer 3). Das Bun­des­amt befris­te­te das gesetz­li­che Ein­rei­se- und Auf­ent­halts­ver­bot auf 30 Mona­te ab dem Tag der Abschie­bung (Zif­fer 4). Der Asyl­an­trag sei nach § 29 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a AsylG unzu­läs­sig, da nach Maß­ga­be der Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates (Dub­lin III-VO) Ita­li­en für die Prü­fung des Asyl­an­trags zustän­dig sei. Es bedür­fe nicht der Ein­lei­tung eines Zustän­dig­keits­ver­fah­rens für das nach­ge­bo­re­ne Kind, weil Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO über eine erwei­tern­de Aus­le­gung bzw. ana­log Anwen­dung fin­de. Hier­nach sei die Situa­ti­on des Kin­des untrenn­bar mit der Situa­ti­on sei­ner Eltern ver­bun­den und die Zustän­dig­keit des­je­ni­gen Mit­glied­staats gege­ben, der für die Prü­fung des Asyl­an­trags der Eltern zustän­dig sei. 

Mit Gerichts­be­scheid vom 09.08.2019 hob das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ver­wal­tungs­ge­richt den Bescheid des Bun­des­amts auf3. Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Beru­fung der Bun­des­re­pu­blik zurück­ge­wie­sen4. Die Ableh­nung des Asyl­an­trags als unzu­läs­sig sei rechts­wid­rig. Aus der Dub­lin III-VO fol­ge nicht die Zustän­dig­keit Ita­li­ens für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens der Klä­ge­rin als eines nach­ge­bo­re­nen, also in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nach Abschluss des in einem ande­ren Mit­glied­staat der EU durch­ge­führ­ten Asyl­ver­fah­rens sei­ner Eltern gebo­re­nen Kin­des. Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO begrün­de weder in direk­ter noch in erwei­tern­der Aus­le­gung bzw. ana­lo­ger Anwen­dung eine Zustän­dig­keit Ita­li­ens. Im Übri­gen wäre die Zustän­dig­keit selbst bei ana­lo­ger Anwen­dung nach Art.20 Abs. 1, Art. 21 Abs. 1 Dub­lin III-VO auf Deutsch­land über­ge­gan­gen, weil die Beklag­te es ver­säumt habe, bin­nen drei Mona­ten nach der Asyl­an­trag­stel­lung der Klä­ge­rin ein Auf­nah­me­ge­such an Ita­li­en zu rich­ten. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bestä­tig­te dies nun und wies die hier­ge­gen gerich­te Revi­si­on der Bun­des­re­pu­blik als unbe­grün­det zurück:

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Die Revi­si­on der Beklag­ten, über die das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt mit Ein­ver­ständ­nis der Betei­lig­ten ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­det (§ 101 Abs. 2 i.V.m. § 141 Satz 1 und § 125 Abs. 1 Satz 1 VwGO), hat kei­nen Erfolg. Die Vor­aus­set­zun­gen, unter denen ein Asyl­an­trag wegen ander­wei­ti­ger inter­na­tio­na­ler Zustän­dig­keit unzu­läs­sig ist, lie­gen nicht vor. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt braucht auch im Streit­fall nicht abschlie­ßend zu ent­schei­den, ob die Rechts­auf­fas­sung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts zutrifft, dass im Fal­le eines Asyl­an­trags eines im Bun­des­ge­biet nach­ge­bo­re­nen Kin­des von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen, denen bereits zuvor in einem ande­ren Mit­glied­staat inter­na­tio­na­ler Schutz zuer­kannt wor­den ist, Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO weder erwei­ternd aus­ge­legt noch ana­log ange­wen­det wer­den kann und daher für die Prü­fung des Asyl­an­trags der Klä­ge­rin Deutsch­land als der­je­ni­ge Mit­glied­staat zustän­dig ist, in dem die Klä­ge­rin ihren Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz gestellt hat (Art. 3 Abs. 2 Unter­abs. 1 Dub­lin III-VO). Im Ein­klang mit Bun­des­recht (§ 137 Abs. 1 VwGO) steht jeden­falls die das Urteil selbst­stän­dig tra­gen­de Annah­me des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, dass das Feh­len eines frist­ge­rech­ten Auf­nah­me­ge­suchs nach Art. 21 Abs. 1 Dub­lin III-VO die Rechts­wid­rig­keit der Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung nach § 29 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a AsylG zur Fol­ge hat, auf die sich die Klä­ge­rin auch beru­fen kann. Zu Recht hat das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt auch die Auf­he­bung der Fol­ge­ent­schei­dun­gen über das Nicht­be­stehen von Abschie­bungs­ver­bo­ten betref­fend Ita­li­en, die Abschie­bungs­an­dro­hung und die Befris­tung des (bei Beschei­der­lass noch gesetz­lich vor­ge­se­he­nen) gesetz­li­chen Ein­rei­se­ver­bots bestätigt.

Maß­geb­lich für die recht­li­che Beur­tei­lung des Kla­ge­be­geh­rens ist das Asyl­ge­setz in der Fas­sung der Bekannt­ma­chung vom 02.09.20085, zuletzt geän­dert durch den am 1.04.2021 in Kraft getre­te­nen Art. 5 des Zwei­ten Daten­aus­tausch­ver­bes­se­rungs­ge­set­zes vom 04.08.20196 – AsylG – sowie die Ver­ord­nung (EU) Nr. 604/​2013 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 26.06.2013 zur Fest­le­gung der Kri­te­ri­en und Ver­fah­ren zur Bestim­mung des Mit­glied­staats, der für die Prü­fung eines von einem Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staa­ten­lo­sen in einem Mit­glied­staat gestell­ten Antrags auf inter­na­tio­na­len Schutz zustän­dig ist7.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts sind Rechts­än­de­run­gen, die nach der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung des Tat­sa­chen­ge­richts ein­tre­ten, im Revi­si­ons­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen, wenn das Tat­sa­chen­ge­richt – ent­schie­de es anstel­le des Revi­si­ons­ge­richts – sie sei­ner­seits zu berück­sich­ti­gen hät­te8. Da es sich vor­lie­gend um eine asyl­recht­li­che Strei­tig­keit han­delt, bei der das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nach § 77 Abs. 1 AsylG regel­mä­ßig auf die Sach- und Rechts­la­ge im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung abzu­stel­len hat, müss­te es sei­ner Ent­schei­dung, wenn es die­se nun­mehr trä­fe, die aktu­el­le Rechts­la­ge zugrun­de legen, soweit nicht hier­von eine Abwei­chung aus Grün­den des mate­ri­el­len Rechts gebo­ten ist9.

Die Kla­ge ist, soweit sie sich gegen die Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung in Zif­fer 1 des Beschei­des des Bun­des­amts rich­tet, als Anfech­tungs­kla­ge statt­haft10 und auch im Übri­gen zulässig.

Die Kla­ge ist inso­weit auch begrün­det. Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist im Ergeb­nis zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass die Ableh­nung des Asyl­an­trags als unzu­läs­sig rechts­wid­rig ist und die Klä­ge­rin in ihren Rech­ten verletzt.

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Die Vor­aus­set­zun­gen des als Rechts­grund­la­ge her­an­ge­zo­ge­nen § 29 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a AsylG lie­gen nicht vor. Nach die­ser Vor­schrift ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer Staat nach Maß­ga­be der Dub­lin III-VO für die Durch­füh­rung des Asyl­ver­fah­rens zustän­dig ist. Das ist hier nicht der Fall; viel­mehr ist die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land für das Asyl­ver­fah­ren der Klä­ge­rin zuständig.

Mit Urteil vom 23.06.202011 hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zu einer ähn­li­chen Fall­ge­stal­tung aus­ge­führt: Es bedarf kei­ner Ent­schei­dung, ob sich die Zustän­dig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor­lie­gend schon dar­aus ergibt, dass es sich im Sin­ne der Auf­fang­norm des Art. 3 Abs. 2 Dub­lin III-VO um den ers­ten Mit­glied­staat han­delt, in dem der Antrag des Kin­des auf inter­na­tio­na­len Schutz gestellt wur­de. Dies wür­de vor­aus­set­zen, dass – wie vom Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ange­nom­men – die in Art.20 Abs. 3 Satz 1 und Satz 2 Dub­lin III-VO nor­mier­te ver­fah­rens­mä­ßi­ge Anleh­nung an die Zustän­dig­keit für das Ver­fah­ren der Eltern auf die vor­lie­gen­de Fall­kon­stel­la­ti­on schon im Ansatz weder unmit­tel­bar noch ana­log anzu­wen­den ist und dass sich auch anhand der dann in den Blick zu neh­men­den pri­mä­ren Zustän­dig­keits­kri­te­ri­en nach Kapi­tel III der Dub­lin III-VO der zustän­di­ge Mit­glied­staat nicht bestim­men lässt. Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat inso­weit zutref­fend her­aus­ge­ar­bei­tet, dass zumin­dest eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung der in Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO gere­gel­ten Ver­fah­rens­ak­zess­orie­tät auf die Klä­ge­rin aus­schei­det. Danach ist für die Zwe­cke die­ser Ver­ord­nung die Situa­ti­on eines mit dem Antrag­stel­ler ein­rei­sen­den Min­der­jäh­ri­gen, der der Defi­ni­ti­on des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ent­spricht, untrenn­bar mit der Situa­ti­on sei­nes Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­bun­den und fällt in die Zustän­dig­keit des Mit­glied­staats, der für die Prü­fung des Antrags auf inter­na­tio­na­len Schutz die­ses Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen zustän­dig ist, auch wenn der Min­der­jäh­ri­ge selbst kein Antrag­stel­ler ist, sofern dies dem Wohl des Min­der­jäh­ri­gen dient (Satz 1). Eben­so wird bei Kin­dern ver­fah­ren, die nach der Ankunft des Antrag­stel­lers im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten gebo­ren wer­den, ohne dass ein neu­es Zustän­dig­keits­ver­fah­ren für die­se ein­ge­lei­tet wer­den muss (Satz 2). Die Klä­ge­rin ist zwar nach der Ankunft ihrer Eltern im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten gebo­ren; ihre Eltern sind aber kei­ne Antrag­stel­ler (mehr), deren aktu­ell in Deutsch­land gestell­te Asyl­an­trä­ge ein Dub­lin-Ver­fah­ren in Gang gesetzt haben, in das die Klä­ge­rin ein­be­zo­gen wer­den könn­te. Denn wie sich aus Art. 23 Abs. 1 i.V.m. Art. 18 Abs. 1 Buchst. d)) Dub­lin III-VO ergibt, kann ein Mit­glied­staat einen ande­ren Mit­glied­staat im Rah­men der in die­ser Ver­ord­nung fest­ge­leg­ten Ver­fah­ren nicht wirk­sam um Wie­der­auf­nah­me eines Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen ersu­chen, der im erst­ge­nann­ten Mit­glied­staat einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz gestellt hat, nach­dem ihm durch den letzt­ge­nann­ten Mit­glied­staat inter­na­tio­na­ler Schutz gewährt wur­de12 und f)) sowie Art.20 Abs. 1 Dub­lin III-VO)). Ob das uni­ons­recht­li­che Anlie­gen einer Ver­mei­dung von Sekun­där­mi­gra­ti­on und gege­be­nen­falls der in der Dub­lin III-VO zum Aus­druck kom­men­de all­ge­mei­ne Grund­satz der Fami­li­en­ein­heit (ins­be­son­de­re Erwä­gungs­grund 16) eine ana­lo­ge Anwen­dung des Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO auf nach­ge­bo­re­ne Kin­der von inter­na­tio­nal Schutz­be­rech­tig­ten in Bezug auf die Zustän­dig­keits­be­stim­mung recht­fer­ti­gen kön­nen13, was schwer­lich ohne eine Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) bejaht wer­den könn­te, kann das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt offenlassen. 

Eine etwai­ge Zustän­dig­keit Ita­li­ens wäre jeden­falls gemäß Art. 21 Abs. 1 Unter­abs. 3 Dub­lin III-VO dadurch auf die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­ge­gan­gen, dass die Beklag­te Ita­li­en nicht inner­halb der in Art. 21 Abs. 1 Unter­abs. 1 und 2 Dub­lin III-VO genann­ten Fris­ten ein Gesuch um Auf­nah­me der Klä­ge­rin unter­brei­tet hat. Die­se selbst­stän­dig tra­gen­de Begrün­dung des Beru­fungs­ur­teils steht im Ein­klang mit Bun­des­recht. Die Son­der­re­ge­lung in Art.20 Abs. 3 Satz 2 letz­ter Halb­satz Dub­lin III-VO, wonach es der Ein­lei­tung eines „neu­en Zustän­dig­keits­ver­fah­rens“ für das Kind nicht bedarf, macht ein sol­ches Auf­nah­me­ge­such hier auch dann nicht ent­behr­lich, wenn es im Grund­satz mög­lich wäre, die Zustän­dig­keit für das nach­ge­bo­re­ne Kind wei­ter­ge­wan­der­ter schutz­be­rech­tig­ter Eltern aus einer ana­lo­gen Anwen­dung die­ser Ver­fah­rens­vor­schrift her­zu­lei­ten. Denn zumin­dest die­se Son­der­re­ge­lung ist auf die hier vor­lie­gen­de Kon­stel­la­ti­on eines Kin­des bereits schutz­be­rech­tig­ter Eltern nicht ana­log anwend­bar14

Die ana­lo­ge Anwen­dung einer Rechts­vor­schrift setzt neben einer plan­wid­ri­gen Lücke auch eine ver­gleich­ba­re Inter­es­sen­la­ge zwi­schen unter­such­tem und gere­gel­tem Fall vor­aus15. Für eine ana­lo­ge Anwen­dung des in Art.20 Abs. 3 Satz 2 Halbs. 2 Dub­lin III-VO gere­gel­ten Abse­hens von einem neu­en Zustän­dig­keits­ver­fah­ren für min­der­jäh­ri­ge Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge auch auf Asyl­an­trä­ge von Kin­dern, deren Eltern in einem ande­ren Mit­glied­staat bereits inter­na­tio­na­ler Schutz zuer­kannt wur­de, fehlt es indes an der Wer­tungs­gleich­heit bzw. Ver­gleich­bar­keit von gere­gel­tem und unge­re­gel­tem Sachverhalt. 

Bereits aus der sys­te­ma­ti­schen Stel­lung der Ver­fah­rens­ak­zess­orie­tät nach Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO als ein­lei­ten­de Vor­schrift des Kapi­tels VI der Ver­ord­nung – Auf­nah­me- und Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren – ergibt sich, dass die­se zunächst nur für noch nicht abge­schlos­se­ne Ver­fah­ren gilt. Art.20 Dub­lin III-VO regelt in Abs. 1 die Ein­lei­tung des Zustän­dig­keits­be­stim­mungs­ver­fah­rens und sieht in Abs. 3 für Min­der­jäh­ri­ge die Zustän­dig­keit des Mit­glied­staa­tes vor, der (auch) für die Prü­fung des Antra­ges auf inter­na­tio­na­len Schutz des Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen zustän­dig ist. Solan­ge ein Zustän­dig­keits­be­stim­mungs­ver­fah­ren für den Schutz­an­trag der Eltern noch nicht abge­schlos­sen ist, unter­fällt die­ser dem Anwen­dungs­be­reich der Ver­ord­nung, der (erst) mit dem Abschluss des Ver­fah­rens endet. In ein so lau­fen­des Ver­fah­ren ist der Schutz­an­trag des Kin­des ein­zu­be­zie­hen. Wird den Eltern dage­gen inter­na­tio­na­ler Schutz durch einen Mit­glied­staat gewährt, kön­nen sie nach (ille­ga­ler) Sekun­där­mi­gra­ti­on und einem erneu­ten Antrag in einem ande­ren Mit­glied­staat nicht mehr im Rah­men des Dub­lin-Regimes, son­dern nur auf ande­rer Rechts­grund­la­ge (z.B. bila­te­ra­le Rück­füh­rungs­ab­kom­men) in den Schutz gewäh­ren­den Mit­glied­staat zurück­ge­führt werden. 

Bedürf­te es in die­ser Situa­ti­on nicht der Durch­füh­rung eines Zustän­dig­keits­ver­fah­rens, wäre eine Über­stel­lung im Rah­men des Dub­lin-Sys­tems vor­ge­se­hen, ohne dass der Auf­nah­me­mit­glied­staat Kennt­nis von einer mög­li­chen Auf­nah­me­si­tua­ti­on – und sei es im Rah­men eines Auf­nah­me­ver­fah­rens in Bezug auf die Eltern – erlangt hät­te. Es ent­fie­le der Schutz durch das Fris­ten­re­gime des Auf­nah­me- bzw. Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­rens des Dub­lin-Sys­tems. Das Kind könn­te anders als jeder ande­re dem Dub­lin-Ver­fah­ren unter­wor­fe­ne Asyl­be­wer­ber ohne die dort vor­ge­se­he­nen zeit­li­chen Gren­zen an den ande­ren Mit­glied­staat über­stellt wer­den. Zudem ent­fie­le die Stu­fung zwi­schen dem Auf­nah­me- bzw. Wie­der­auf­nah­me­ver­fah­ren (Kapi­tel VI Dub­lin III-VO) und der Über­stel­lung (Kapi­tel VI Dub­lin III-VO), bei der auch zwi­schen den Mit­glied­staa­ten die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit als bereits geklärt vor­aus­ge­setzt wird. Ohne ein Auf­nah­me­ver­fah­ren bestün­de erst im Über­stel­lungs­ver­fah­ren Gele­gen­heit, für das nach­ge­bo­re­ne Kind zu klä­ren, ob der Mit­glied­staat, der den Eltern inter­na­tio­na­len Schutz gewährt hat, sei­ne Zustän­dig­keit für das Asyl­ver­fah­ren des Kin­des ana­log Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO aner­kennt und zu des­sen Auf­nah­me bereit ist. Lehnt der ersuch­te Mit­glied­staat die Auf­nah­me eines nach­ge­bo­re­nen Kin­des ab, kann der ersu­chen­de Mit­glied­staat das in Art. 37 Dub­lin III-VO gere­gel­te Schlich­tungs­ver­fah­ren in Anspruch nehmen. 

Der Ver­zicht auf die Durch­füh­rung des Auf­nah­me­ver­fah­rens wür­de dem­ge­gen­über die Gefahr einer „refu­gee in orbit“-Situation begrün­den, in der sich kein Mit­glied­staat für die sach­li­che Prü­fung des Asyl­an­trags als zustän­dig ansieht. Dies lie­fe dem zen­tra­len Anlie­gen des Dub­lin-Regimes zuwi­der, einen effek­ti­ven Zugang zu den Ver­fah­ren zur Gewähr­leis­tung inter­na­tio­na­len Schut­zes zu gewähr­leis­ten und das Ziel einer zügi­gen Bear­bei­tung der Anträ­ge auf inter­na­tio­na­len Schutz nicht zu gefähr­den (Erwä­gungs­grund 5 der Dub­lin III-VO)16. Nach alle­dem sieht das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt jeden­falls kei­nen Raum für eine ana­lo­ge Anwen­dung des Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO, die sich auch auf den Ver­zicht auf ein geson­der­tes Zustän­dig­keits­be­stim­mungs­ver­fah­ren nach Satz 2 letz­ter Halb­satz die­ser Vor­schrift erstreck­te. Auch eine Staats­pra­xis, dass dies in einem oder gar meh­re­ren ande­ren Mit­glied­staa­ten so prak­ti­ziert wer­de, ist weder vor­ge­tra­gen noch dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ersicht­lich. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt sieht in Bezug auf die uni­ons­recht­li­che Not­wen­dig­keit eines Auf­nah­me­ver­fah­rens in der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on kei­nen Anlass zu Zwei­feln und daher nach der „acte-clair“-Doktrin kei­ne Ver­an­las­sung zu einer Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Union. 

Nach den das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt bin­den­den tatrich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen (§ 137 Abs. 2 VwGO) hat die Beklag­te an Ita­li­en weder ein Auf­nah­me­ge­such gerich­tet noch Ita­li­en über die Geburt der Klä­ge­rin unter­rich­tet. Die in Art. 21 Abs. 1 Unter­abs. 1 bzw. 2 Dub­lin III-VO vor­ge­se­he­nen Fris­ten für das Auf­nah­me­ge­such sind seit lan­gem ver­stri­chen. Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat daher ohne Ver­let­zung von Bun­des­recht ange­nom­men, dass die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land selbst im Fal­le einer ursprüng­li­chen Zustän­dig­keit Ita­li­ens jeden­falls nach Art. 21 Abs. 1 Unter­abs. 3 Dub­lin III-VO für die Prü­fung des Asyl­an­trags der Klä­ge­rin zustän­dig gewor­den wäre. Auf den Ablauf die­ser Frist kann sich die Klä­ge­rin nach der Recht­spre­chung des EuGH im Rah­men ihrer hier zur Ent­schei­dung ste­hen­den Kla­ge gegen die Über­stel­lungs­ent­schei­dung auch beru­fen17

Die­se Erwä­gun­gen gel­ten im auch im vor­lie­gen­den Fall. Denn es fehlt jeden­falls an einem frist­ge­rech­ten Auf­nah­me­ge­such; eine blo­ße Geburts­mit­tei­lung, die das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aller­dings akten­wid­rig ver­neint hat, reicht nicht aus.

Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat zur Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dung im Wesent­li­chen auf sei­ne grund­le­gen­de Ent­schei­dung in dem dem Ver­fah­ren BVerwG 1 C 37.19 vor­aus­ge­gan­ge­nen Beru­fungs­ver­fah­ren Bezug genom­men, die es umfäng­lich zitiert. Die­se Bezug­nah­me umfasst ins­be­son­de­re auch die ergän­zend ange­führ­te, indes selbst­stän­dig tra­gen­de Begrün­dung, wonach der ange­foch­te­ne Bescheid „auch dann rechts­wid­rig sein dürf­te, wenn man Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO ent­spre­chend anwen­den wür­de.“ Damit ist auch die Fest­stel­lung von der Bezug­nah­me mit­er­fasst, dass die Beklag­te nach „Akten­la­ge … weder ein Auf­nah­me­ge­such für die Klä­ge­rin gestellt noch Ita­li­en über­haupt über die Geburt der Klä­ge­rin unter­rich­tet“ habe. Das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat damit zum Aus­druck gebracht, dass es die­se Tat­sa­chen auch im Ver­fah­ren der Klä­ge­rin für zutref­fend erachtet. 

In Erman­ge­lung einer zuläs­si­gen und begrün­de­ten Ver­fah­rens­rüge der Beklag­ten ist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an die­se Fest­stel­lun­gen gemäß § 137 Abs. 2 VwGO gebun­den, soweit sie nicht in offen­kun­di­gem Wider­spruch zu den bei­gezo­ge­nen; und vom Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts zum Gegen­stand des Ver­fah­rens gemach­ten Ver­wal­tungs­vor­gän­gen ste­hen. Eine der­ar­ti­ge Akten­wid­rig­keit, die vom Revi­si­ons­ge­richt auch ohne Ver­fah­rens­rüge von Amts wegen berück­sich­tigt wer­den darf und die­ses ins­be­son­de­re nicht bin­det18, zeigt die Revi­si­on aber nur hin­sicht­lich des Feh­lens einer Geburts­an­zei­ge auf. Da sich aus dem Ver­wal­tungs­vor­gang zwei­fels­frei ergibt, dass die Beklag­te mit E‑Mail vom 26.06.2019 über das Dub­li­Net der ita­lie­ni­schen Dub­lin-Stel­le die Geburt der Klä­ge­rin am 10.02.2019 in Kiel/​Deutschland ange­zeigt hat, ist die gegen­tei­li­ge Fest­stel­lung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts inso­weit akten­wid­rig. Dies lässt die Bin­dung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts an die­se Tat­sa­chen­fest­stel­lung zwar ent­fal­len. Die wei­te­re Tat­sa­chen­fest­stel­lung, dass die Beklag­te kein Auf­nah­me­ge­such für die Klä­ge­rin an Ita­li­en gestellt hat, bleibt davon jedoch unbe­rührt. Inso­weit ist für eine Akten­wid­rig­keit nichts vor­ge­tra­gen oder ersicht­lich und ist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt mit­hin an die erfolg­te Fest­stel­lung gemäß § 137 Abs. 2 VwGO gebunden. 

Die Akten­wid­rig­keit der Fest­stel­lung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, die Beklag­te habe Ita­li­en nicht über die Geburt der Klä­ge­rin unter­rich­tet, führt ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beklag­ten nicht dazu, dass die ange­grif­fe­ne Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung hier anders als im Ver­fah­ren 1 C 37.19 Bestand haben könn­te. Denn die tat­säch­lich erfolg­te Geburts­an­zei­ge kann ein Auf­nah­me­ge­such nach der Dub­lin III-Ver­ord­nung nicht ersetzen. 

Nach der Rechts­auf­fas­sung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts kommt eine ana­lo­ge Anwen­dung von Art.20 Abs. 3 Satz 1 und 2 Dub­lin III-VO auf nach­ge­bo­re­ne Kin­der hier anwe­sen­der Eltern, die in einem ande­ren Mit­glied­staat inter­na­tio­na­len Schutz genie­ßen, jeden­falls nicht in der Wei­se in Betracht, dass auch dar­auf ver­zich­tet wer­den kann, ein geson­der­tes Zustän­dig­keits­be­stim­mungs­ver­fah­ren für das Kind ein­zu­lei­ten, d.h. für die­ses inner­halb der in Art. 21 Abs. 1 Unter­abs. 1 und 2 Dub­lin III-VO genann­ten Fris­ten ein aus­drück­li­ches Auf­nah­me­ge­such an den für zustän­dig gehal­te­nen Mit­glied­staat zu stel­len19. Die blo­ße Ankün­di­gung über das Dub­li­Net, dass näher benann­te Per­so­nen in Deutsch­land ein Kind gebo­ren haben, steht einem Auf­nah­me­ge­such nicht gleich. Eine sol­che genügt ledig­lich im Rah­men der unmit­tel­ba­ren Anwen­dung des Art.20 Abs. 3 Satz 2 Dub­lin III-VO, die hier indes aus­schei­det, weil für die Eltern kein Dub­lin-Ver­fah­ren mehr anhän­gig ist, in das das Kind – gleich­sam auto­ma­tisch – ein­be­zo­gen wer­den könn­te. Wird der ande­re Mit­glied­staat – und sei es auch inner­halb der Frist des Art. 21 Abs. 1 Dub­lin III-VO – ledig­lich über die Geburt eines Kin­des unter­rich­tet, ohne dass die Beklag­te aus­drück­lich ein Auf­nah­me­ge­such nach die­ser Vor­schrift stellt, ist für jenen nicht unmiss­ver­ständ­lich ersicht­lich, dass sei­ne Auf­nah­me­ver­pflich­tung nicht ohne­hin schon unmit­tel­bar kraft Art.20 Abs. 3 Dub­lin III-VO besteht, son­dern allen­falls durch die Statt­ga­be des Auf­nah­me­ge­suchs oder eine feh­len­de Reak­ti­on auf die­ses inner­halb von zwei Mona­ten begrün­det wird (Art. 22 Abs. 1 und 7 Dub­lin III-VO). Nur durch ein aus­drück­li­ches Auf­nah­me­er­su­chen im Sin­ne von Art. 21 Dub­lin III-VO wird dem ande­ren Mit­glied­staat deut­lich vor Augen geführt, dass er (nach Auf­fas­sung des BAMF) hier­auf reagie­ren muss und sich je nach sei­ner Reak­ti­on die Rechts­fol­gen des Art. 22 Dub­lin III-VO erge­ben können. 

Zif­fer 1 des ange­foch­te­nen Beschei­des kann auch nicht als Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung nach § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG auf­recht­erhal­ten oder in eine sol­che Ent­schei­dung umge­deu­tet wer­den. Dies schei­tert jeden­falls dar­an, dass die Vor­aus­set­zun­gen des § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG nicht vor­lie­gen. Nach die­ser Vor­schrift, die Art. 33 Abs. 2 Buchst. a RL 2013/​32/​EU umsetzt, ist ein Asyl­an­trag unzu­läs­sig, wenn ein ande­rer Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on dem Aus­län­der bereits inter­na­tio­na­len Schutz im Sin­ne des § 1 Abs. 1 Nr. 2 AsylG gewährt hat. Dies ist bei der in Deutsch­land gebo­re­nen Klä­ge­rin, die im Bun­des­ge­biet erst­mals einen Asyl­an­trag gestellt hat, nicht der Fall. Nach der zutref­fen­den Rechts­auf­fas­sung des Schles­wig-Hol­stei­ni­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richts kann die Rege­lung auch nicht des­halb auf die Klä­ge­rin ana­log ange­wandt wer­den, weil ihre Eltern Begüns­tig­te inter­na­tio­na­len Schut­zes sind.Der EuGH hat im Übri­gen mehr­fach betont, dass Art. 33 Abs. 2 RL 2013/​32/​EU die Situa­tio­nen, in denen die Mit­glied­staa­ten einen Antrag auf inter­na­tio­na­len Schutz als unzu­läs­sig betrach­ten kön­nen, abschlie­ßend auf­zählt20

Da sich die Unzu­läs­sig­keits­ent­schei­dung nach dem oben Aus­ge­führ­ten als rechts­wid­rig erweist, hat das Schles­wig-Hol­stei­ni­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt zu Recht auch die Auf­he­bung der – damit eben­falls rechts­wid­ri­gen – Fol­ge­ent­schei­dun­gen über das Nicht­be­stehen von Abschie­bungs­ver­bo­ten in Bezug auf Ita­li­en, die Abschie­bungs­an­dro­hung und die Befris­tung des gesetz­li­chen Ein­rei­se­ver­bots bestä­tigt. Die Auf­he­bung der Befris­tungs­ent­schei­dung recht­fer­tigt sich jeden­falls zur Besei­ti­gung des mög­li­chen Rechts­scheins eines Einreiseverbots. 

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 25. Mai 2021 – 1 C 2.20

  1. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.06.2020 – 1 C 37.19, NVwZ 2021, 251[]
  2. Fort­füh­rung von BVerwG, Urteil vom 23.06.2020 – 1 C 37.19[]
  3. VG Schles­wig, Gerichts­be­scheid vom 09.08.2019 – VG 10 A 424/​19[]
  4. OVG Schles­wig-Hol­stein, Beschluss vom 27.01.2020 – OVG 1 LB 9/​19[]
  5. BGBl. I S. 1798[]
  6. BGBl. S. 1131[]
  7. ABl. L. 180 S. 31 – Dub­lin III-VO[]
  8. BVerwG, Urteil vom 11.09.2007 – 10 C 8.07, BVerw­GE 129, 251 Rn.19[]
  9. stRspr, vgl. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 Rn. 12[]
  10. BVerwG, Urtei­le vom 27.10.2015 – 1 C 32.14, BVerw­GE 153, 162 Rn. 13 f.; und vom 26.02.2019 – 1 C 30.17, Buch­holz 402.251 § 29 AsylG Nr. 6 Rn. 12[]
  11. BVerwG, Urteil vom 23.06.2020 – 1 C 37.19, NVwZ 2021, 251[]
  12. vgl. EuGH, Beschluss vom 05.04.2017 – C‑36/​17 [ECLI:?EU:?C:?2017:?273], Ahmed, Rn. 41; sie­he auch Art. 2 Buchst. c[]
  13. so etwa VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 14.03.2018 – A 4 S 544/​18; OVG Lüne­burg, Beschluss vom 26.02.2019 – 10 LA 218/​18; OVG Saar­land, Beschluss vom 29.11.2019 – 2 A 283/​19; VG Cott­bus, Beschluss vom 11.07.2014 – 5 L 190/14.A; VG Greifs­wald, Urteil vom 22.05.2017 – 4 A 1526/​16 As HGW; VG Lüne­burg, Urteil vom 14.02.2018 – 4 A 491/​17 – VG Ber­lin, Beschluss vom 23.08.2018 – 23 K 367.18 A; VG Schwe­rin, Urteil vom 30.04.2019 – 3 A 1851/​18 SN; VG Würz­burg, Beschluss vom 18.09.2019 – W 10 S 19.50614; im Ergeb­nis s.a. Sächs. OVG, Beschluss vom 05.08.2019 – 5 A 593/​19. A; VG Saar­lou­is, Urteil vom 29.07.2019 – 3 K 678/​18; a.A. etwa VG Lüne­burg, Urteil vom 24.05.2016 – 5 A 194/​14; VG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 02.06.2017 – 22 L 1290/17.A; VG Ham­burg, Urteil vom 20.03.2018 – 9 A 7382/​16; VG Düs­sel­dorf, Urteil vom 11.06.2018 – 28 K 1506/17.A; VG Düs­sel­dorf, Urteil vom 24.08.2018 – 12 K 16165/17.A; VG Köln, Urteil vom 31.07.2018 – 14 K 4762/18.A – VG Regens­burg, Gerichts­be­scheid vom 11.09.2018 – RN 14 K 17.33302; VG Frank­furt (Oder), Urteil vom 03.03.2020 – 2 K 538/15.A; wohl auch VG Karls­ru­he, Urteil vom 22.01.2019 – A 13 K 1357/​16; s.a. Bro­scheit. Die Unzu­läs­sig­keit von Asyl­an­trä­gen der in Deutsch­land gebo­re­nen Kin­dern im EU-Aus­land aner­kann­ter Schutz­be­rech­tig­ter, InfAuslR 2018, 41[]
  14. eben­so etwa Bro­scheit, InfAuslR 2018, 41 <44>[]
  15. vgl. EuGH, Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts Cruz Vill­alón vom 29.04.2014 – C‑399/​12, Rn. 103 m.w.N.[]
  16. BVerwG, Urtei­le vom 09.08.2016 – 1 C 6.16, BVerw­GE 156, 9 Rn. 23; und vom 27.04.2016 – 1 C 24.15, Buch­holz 451.902 Europ. Aus­län­der- und Asyl­recht Nr. 82 Rn.20[]
  17. vgl. EuGH, Urteil vom 26.07.2017 – C‑670/​16 [ECLI:?EU:?C:?2017:?587], Men­ge­ste­ab, Rn. 41 ff., 62[]
  18. vgl. etwa BVerwG, Urteil vom 29.04.1988 – 9 C 54.87, BVerw­GE 79, 291, 297 f.[]
  19. vgl. BVerwG, Urteil vom 23.06.2020 – 1 C 37.19, NVwZ 2021, 251 Rn. 16 ff.[]
  20. vgl. EuGH, Urtei­le vom 19.03.2019 – C‑297/​17 [ECLI:?EU:?C:?2019:?219], Ibra­him u.a., Rn. 76; und vom 19.03.2020 – C‑564/​18 [ECLI:?EU:?C:?2020:?218], Hiva­tal, Rn. 29 f.[]