Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge und Fest­stel­lungs­in­ter­es­se im Ver­wal­tungs­pro­zess

Eine Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge (§ 173 VwGO i.V.m. § 256 Abs. 2 ZPO) ist zuläs­sig, wenn ein Rechts­ver­hält­nis zwi­schen den Betei­lig­ten strei­tig ist und von der Fest­stel­lung die­ses Rechts­ver­hält­nis­ses die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che abhängt. Ein berech­tig­tes Inter­es­se im Sin­ne des § 43 Abs. 1 VwGO an der Fest­stel­lung ist inso­weit nicht erfor­der­lich 1.

Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge und Fest­stel­lungs­in­ter­es­se im Ver­wal­tungs­pro­zess

In der hier vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de hat die Klä­ge­rin vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt bean­tragt, fest­zu­stel­len, dass der beklag­te Land­kreis nicht berech­tigt gewe­sen sei, ihre Pfer­de zu ver­äu­ßern, und ihn zur Rück­gän­gig­ma­chung der Fol­gen der Ver­äu­ße­rung zu ver­ur­tei­len. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Kla­ge auf Rück­gän­gig­ma­chung der Fol­gen der Ver­stei­ge­rung abge­trennt und – bis zu einer Ent­schei­dung über die Fest­stel­lungs­kla­ge – aus­ge­setzt. Ange­sichts des­sen durf­te die Fest­stel­lungs­kla­ge nicht mit der Begrün­dung als unzu­läs­sig abge­wie­sen wer­den, es feh­le an einem Fest­stel­lungs­in­ter­es­se, weil die Klä­ge­rin die behaup­te­te Eigen­tums­ver­let­zung im Wege der vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt anhän­gi­gen – und gera­de bis zu einer Sach­ent­schei­dung über die Fest­stel­lungs­kla­ge aus­ge­setz­ten – Kla­ge auf Rück­gän­gig­ma­chung der Voll­zugs­fol­gen gel­tend machen kön­ne. Denn bei die­ser Fest­stel­lungs­kla­ge han­delt es sich um eine Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge (§ 173 VwGO i.V.m. § 256 Abs. 2 ZPO), die hier zuläs­sig ist.

Nach § 256 Abs. 2 ZPO kann bis zum Schluss der­je­ni­gen münd­li­chen Ver­hand­lung, auf die das Urteil ergeht, der Klä­ger durch Erwei­te­rung des Kla­ge­an­trags bean­tra­gen, dass ein im Lau­fe des Pro­zes­ses strei­tig gewor­de­nes Rechts­ver­hält­nis, von des­sen Bestehen oder Nicht­be­stehen die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder zum Teil abhängt, durch rich­ter­li­che Ent­schei­dung fest­ge­stellt wer­de. Zweck der Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge ist die Aus­deh­nung der Rechts­kraft auf das dem Anspruch zugrun­de lie­gen­de Rechts­ver­hält­nis, das sonst von der Rechts­kraft­wir­kung nicht erfasst wür­de 2. Sie ist ein Ersatz dafür, dass die Ele­men­te der Ent­schei­dung zum Grund der Kla­ge nicht in Rechts­kraft erwach­sen. Vor­aus­set­zung ist daher, dass die Ent­schei­dung des Rechts­streits von dem Bestehen des Rechts­ver­hält­nis­ses abhängt. Ein wei­te­res (recht­li­ches) Inter­es­se an der als­bal­di­gen Fest­stel­lung ist dage­gen nicht erfor­der­lich. Das Fest­stel­lungs­in­ter­es­se wird durch die Vor­greif­lich­keit ersetzt 3. Vor­aus­set­zung der Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge nach § 256 Abs. 2 ZPO ist damit, dass ein Rechts­ver­hält­nis zwi­schen den Betei­lig­ten strei­tig ist, und dass von der Fest­stel­lung die­ses Rechts­ver­hält­nis­ses die Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che abhängt; dabei ist uner­heb­lich, dass die Haupt­kla­ge erst im Lau­fe des Ver­fah­rens "nach­ge­scho­ben" wird 4.

Durch die Tren­nung hat sich dar­an nichts geän­dert. Ein Zwi­schen­fest­stel­lungs­an­trag, über den vor­ab ent­schie­den wird, ver­liert durch die Tren­nung nicht sei­nen unselbst­stän­di­gen Cha­rak­ter. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann über den Fest­stel­lungs­an­trag durch Teil­ur­teil vor end­gül­ti­ger Klä­rung des Haupt­an­trags ent­schie­den wer­den 5. Dies hat das Ver­wal­tungs­ge­richt hier in der Sache in Ein­klang mit § 110 VwGO getan.

Davon aus­ge­hend ist die Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge hier zuläs­sig. Das all­ge­mei­ne Rechts­schutz­in­ter­es­se für die Kla­ge liegt vor. Die­ses setzt vor­aus, dass sich die begehr­te Fest­stel­lung auf einen Gegen­stand bezieht, der über den der Rechts­kraft fähi­gen Gegen­stand des Rechts­streits hin­aus­geht. Für eine Zwi­schen­fest­stel­lungs­kla­ge ist daher kein Raum, wenn mit dem Urteil über die Haupt­kla­ge die Rechts­be­zie­hun­gen der Par­tei­en erschöp­fend gere­gelt sind 6. Inso­weit genügt indes die hier bestehen­de blo­ße Mög­lich­keit, dass das inzi­dent ohne­hin zu klä­ren­de Rechts­ver­hält­nis zwi­schen den Par­tei­en noch über den gegen­wär­ti­gen Streit­ge­gen­stand hin­aus Bedeu­tung gewin­nen kann.

Das Rechts­ver­hält­nis, des­sen Fest­stel­lung begehrt wird, ist auch vor­greif­lich für die Kla­ge auf Rück­gän­gig­ma­chung der Fol­gen der Ver­äu­ße­rung. Die Rechts­wid­rig­keit der Ver­äu­ße­rung ist eine tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zung für den gel­tend gemach­ten Anspruch auf Rück­gän­gig­ma­chung derer Fol­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Febru­ar 2011 – 7 B 49.10

  1. im Anschluss an stän­di­ge Recht­spre­chung des BGH, u.a.: BGH, Urteil vom 06.07.1989 – IX ZR 280/​88, NJW-RR 1990, 318, 320[]
  2. Ass­mann, in: Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl., § 256 Rn. 344; vgl. auch BVerwG, Urteil vom 09.12.1971 – 8 C 6.69, BVerw­GE 39, 135, 138[]
  3. BGH, Urteil vom 17.05.1977 – VI ZR 174/​74, BGHZ 69, 37, 41; BAG, Urteil vom 26.08.2009 – 4 AZR 300/​08[]
  4. BGH, Urteil vom 06.07.1989 – IX ZR 280/​88, NJW-RR 1990, 318, 320[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 21.12.1954 – I ZR 13/​54, LNR 1954, 13380; vom 27.10.1960 – III ZR 80/​58, NJW 1961, 75; und vom 17.11.2005 – IX ZR 162/​04, NJW 2006, 915; Roth, in: Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 256 Rn. 119[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 28.09.2006 – VII ZR 247/​05, NJW 2007, 82, 83[]