Grenz­über­schrei­ten­de Mobil­funk­ge­büh­ren in der EU

Wie jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schie­den hat, ist die von der EU erlas­se­ne Roa­ming­ver­ord­nung gül­tig. Die Gemein­schaft war berech­tigt, im Inter­es­se des Bin­nen­markts Ober­gren­zen für die Ent­gel­te vor­zu­schrei­ben, die von den Mobil­funk­be­trei­bern für Roa­ming­an­ru­fe berech­net wer­den.

Grenz­über­schrei­ten­de Mobil­funk­ge­büh­ren in der EU

Die Roa­ming­ver­ord­nung

Die Roa­ming­ver­ord­nung 1 legt Ober­gren­zen für die Ent­gel­te fest, die die Mobil­funk­be­trei­ber für Sprach­an­ru­fe berech­nen dür­fen, die ein Nut­zer außer­halb ihres Net­zes annimmt oder tätigt. Die Ver­ord­nung schreibt außer­dem eine Ober­gren­ze für Groß­kun­den­ent­gel­te vor, d. h. das Ent­gelt, das das Netz des Ver­brau­chers an das vom Ver­brau­cher genutz­te aus­län­di­sche Netz zahlt. Die Ver­ord­nung wur­de auf der Grund­la­ge von Art. 95 EG erlas­sen, wonach die Gemein­schaft Rechts­vor­schrif­ten erlas­sen kann, um das Recht der Mit­glied­staa­ten anzu­glei­chen, falls Unter­schie­de oder poten­zi­el­le Unter­schie­de bestehen, die geeig­net sind, die Errich­tung oder das Funk­tio­nie­ren des Gemein­sa­men Markts zu behin­dern.

In der ursprüng­li­chen Fas­sung der Ver­ord­nung war vor­ge­se­hen, dass sie am 30. Juni 2010 außer Kraft tritt. Im Juni 2009 wur­de die Ver­ord­nung durch eine neue Ver­ord­nung 2 geän­dert, mit der die Ent­gelt­ober­gren­zen auf SMS und die Daten­über­tra­gung aus­ge­wei­tet wur­den und die Gel­tung der Ver­ord­nung bis zum 30. Juni 2012 ver­län­gert wur­de.

Die Kla­gen gegen die Gebüh­ren­ober­gren­zen

Vier der wich­tigs­ten euro­päi­schen Mobil­funk­be­trei­ber, Voda­fone, Tele­fó­ni­ca O2, T‑Mobile und Oran­ge, haben vor dem High Court of Jus­ti­ce of Eng­land and Wales Zwei­fel an der Gül­tig­keit der Roa­ming­ver­ord­nung geäu­ßert. Dar­auf­hin hat der Hight Court of Jus­ti­ce of Eng­land and Wales den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens die Fra­ge vor­ge­legt, ob die Euro­päi­sche Gemein­schaft auf der Grund­la­ge von Art. 95 EG zum Erlass der Ver­ord­nung befugt war und ob der Gemein­schafts­ge­setz­ge­ber mit der Fest­le­gung von Ober­gren­zen für End­kun­den­ent­gel­te gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und/​oder das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip ver­sto­ßen hat.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Euro­päi­schen Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­det dabei nur über die­se Rechts­fra­ge, nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

Roa­ming­ge­büh­ren und der Bin­nen­markt

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on stellt ers­tens fest, dass die Ver­ord­nung tat­säch­lich bezweckt, die Bedin­gun­gen für das Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts zu ver­bes­sern, und auf der Grund­la­ge von Art. 95 EG erlas­sen wer­den konn­te.

In die­sem Zusam­men­hang führt der Euro­päi­sche Gerichts­hof aus, dass das Niveau der End­kun­den­ent­gel­te der Diens­te für Aus­lands­roa­ming zur Zeit des Erlas­ses die­ser Ver­ord­nung hoch und das Ver­hält­nis zwi­schen Kos­ten und Ent­gel­ten nicht so war, wie es auf Märk­ten mit wirk­sa­mem Wett­be­werb der Fall wäre. Die­ses hohe Niveau der Ent­gel­te wur­de von staat­li­chen Ein­rich­tun­gen und Ver­brau­cher­schutz­ver­bän­den gemein­schafts­weit als anhal­ten­des Pro­blem betrach­tet, und die Ver­su­che, die­ses Pro­blem inner­halb des bestehen­den Rechts­rah­mens zu lösen, hat­ten kei­ne Sen­kung der Ent­gel­te bewirkt. Außer­dem stan­den die Mit­glied­staa­ten unter dem Druck, Maß­nah­men zur Lösung des Pro­blems zu ergrei­fen. Unter die­sen Umstän­den hat­te der Gemein­schafts­ge­setz­ger­ber es kon­kret mit einer Situa­ti­on zu tun, in der der Erlass von­ein­an­der abwei­chen­der natio­na­ler Maß­nah­men zur Sen­kung des End­kun­den­ent­gelts ohne gleich­zei­ti­ge Rege­lung der Groß­kun­den­ent­gel­te wahr­schein­lich erschien. Eine sol­che Ent­wick­lung konn­te jedoch spür­ba­re Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen ver­ur­sa­chen und das ord­nungs­ge­mä­ße Funk­tio­nie­ren des Markts für gemein­schafts­wei­tes Roa­ming emp­find­lich stö­ren, was es recht­fer­tig­te, auf der Grund­la­ge von Art. 95 EG eine Ver­ord­nung zu erlas­sen, um das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts zu för­dern.

Ver­hält­nis­mä­ßig­keit

Was zwei­tens die Fra­ge angeht, ob die Ver­ord­nung ver­hält­nis­mä­ßig ist, obwohl sie nicht nur für Groß­kun­den­ent­gel­te, son­dern auch für End­kun­den­ent­gel­te Ober­gren­zen fest­setzt, stellt der EuGH fest, dass die Höchs­t­ent­gel­te auf End­kun­den­ebe­ne als zum Schutz der Ver­brau­cher gegen über­höh­te Ent­gel­te geeig­net und erfor­der­lich ange­se­hen wer­den kön­nen.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof weist dar­auf hin, dass die Kom­mis­si­on, bevor sie die Ver­ord­nung vor­schlug, eine umfas­sen­de Prü­fung der Optio­nen vor­ge­nom­men und die wirt­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der ver­schie­de­nen Arten von Regu­lie­run­gen bewer­tet hat­te. Das Niveau des durch­schnitt­li­chen Ent­gelts für einen Roa­ming­an­ruf in der Gemein­schaft war zur Zeit des Erlas­ses der Ver­ord­nung hoch (1,15 € pro Minu­te, was mehr als fünf­mal soviel war wie die tat­säch­li­chen Kos­ten der Abwick­lung des betref­fen­den Groß­kun­den­diens­tes), und das Ver­hält­nis zwi­schen Kos­ten und Ent­gel­ten war nicht so, wie es auf Märk­ten mit wirk­sa­mem Wett­be­werb der Fall gewe­sen wäre. Der in der Ver­ord­nung vor­ge­se­he­ne Tarif liegt erheb­lich unter die­sem Durch­schnitts­ent­gelt und ori­en­tiert sich an den Ober­gren­zen für Groß­kun­den­ent­gel­te, um die End­kundent­gel­te genau­er an den Kos­ten der Anbie­ter aus­zu­rich­ten.

Fer­ner konn­te der Gemein­schafts­ge­setz­ge­ber zu Recht anneh­men, dass eine Regu­lie­rung nur der Groß­kun­den­märk­te nicht das­sel­be Ergeb­nis erzielt hät­te wie die strei­ti­ge Ver­ord­nung. Eine Sen­kung der Groß­kun­den­ent­gel­te hät­te ange­sichts des man­geln­den Wett­be­werbs­drucks für die Betrei­ber nicht zwin­gend sin­ken­de Ent­kun­den­ent­gel­te garan­tiert, da das Roa­ming bei der Wahl des Betrei­bers für die meis­ten Ver­brau­cher kei­ne ent­schei­den­de Rol­le spielt. Zudem hät­te eine Regu­lie­rung nur der Groß­kun­den­ent­gel­te kei­ne unmit­tel­ba­ren und sofor­ti­gen Wir­kun­gen zuguns­ten der Ver­brau­cher her­vor­ge­ru­fen. Schließ­lich stellt der Gerichts­hof fest, dass die erlas­se­nen Maß­nah­men außer­ge­wöhn­li­chen Cha­rak­ter haben, der durch die ein­zig­ar­ti­gen Merk­ma­le der Roa­ming­märk­te gerecht­fer­tigt ist.

Unter die­sen Umstän­den steht ein Ein­griff auf einem dem Wett­be­werb unter­lie­gen­den Markt, der zeit­lich begrenzt ist und die Ver­brau­cher unver­züg­lich vor über­höh­ten Ent­gel­ten schützt, wie er hier in Rede steht, in ange­mes­se­nem Ver­hält­nis zum ver­folg­ten Ziel, selbst wenn er mög­li­cher­wei­se nega­ti­ve wirt­schaft­li­che Fol­gen für ein­zel­ne Betrei­ber hat.

Sub­si­dia­ri­tät

Drit­tens prüft der Gerichts­hof die Ver­ord­nung im Hin­blick auf das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip, wonach die Gemein­schaft nur tätig wer­den darf, wenn die Mit­glied­staa­ten das­sel­be Ziel nicht auf ange­mes­se­ne Art und Wei­se errei­chen kön­nen. Er kommt zu dem Ergeb­nis, dass der Gemein­schafts­ge­setz­ge­ber auf­grund der Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen den Groß­kun­den- und den End­kun­den­ent­gel­ten berech­tig­ter­wei­se anneh­men durf­te, dass ein gemein­sa­mer Ansatz auf Gemein­schafts­ebe­ne erfor­der­lich ist, um das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren des Bin­nen­markts sicher­zu­stel­len und es dadurch den Betrei­bern zu ermög­li­chen, in einem ein­heit­li­chen und kohä­ren­ten Rechts­rah­men tätig zu wer­den.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 8. Juni 2010 – C‑58/​08 [Voda­fone u. a. /​Secreta­ry of Sta­te for Busi­ness, Enter­pri­se and Regu­lato­ry Reform]

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 717/​2007 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 27. Juni 2007 über das Roa­ming in öffent­li­chen Mobil­funk­net­zen in der Gemein­schaft und zur Ände­rung der Richt­li­nie 2002/​21/​EG, ABl. L 171, S. 32[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 544/​2009 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 18. Juni 2009 zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 717/​2007 über das Roa­ming in öffent­li­chen Mobil­funk­net­zen in der Gemein­schaft und der Richt­li­nie 2002/​21/​EG über einen gemein­sa­men Rechts­rah­men für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­ze und –diens­te, ABl. L 167, S. 12[]