Com­Road und die Infor­ma­ti­ons­de­likt­haf­tung

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in zwei Ent­schei­dun­gen im Fall "Com­Road" die von ihm bereits frü­her ent­wi­ckel­ten Grund­sät­ze der Infor­ma­ti­ons­de­likts­haf­tung erneut bestä­tigt.

Com­Road und die Infor­ma­ti­ons­de­likt­haf­tung

Die Beklag­te in den bei­den jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Fäl­len ist die Com­Road AG, deren Akti­en frü­her am Neu­en Markt gehan­delt wur­den. Die bei­den Klä­ger sind Aktio­nä­re der Beklag­ten, die Scha­dens­er­satz im Zusam­men­hang mit dem Erwerb von Akti­en der Beklag­ten über die Bör­se begeh­ren.

Am 26. Novem­ber 1999 wur­den die Akti­en der Beklag­ten erst­mals zum Han­del am Neu­en Markt zuge­las­sen. In der Fol­ge stieg deren Kurs bin­nen weni­ger Wochen auf mehr als das Zehn­fa­che des Aus­ga­be­kur­ses an und erreich­te im Sep­tem­ber 2000 den his­to­ri­schen Höchst­kurs. In den Jah­ren 2000 und 2001 trat der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Beklag­ten regel­mä­ßig mit Ad-hoc-Mit­tei­lun­gen der Gesell­schaft an die Öffent­lich­keit., in denen jeweils eine ste­ti­ge Erwei­te­rung des Geschäfts­vo­lu­mens sowie eine Ver­bes­se­rung des Geschäfts­er­geb­nis­ses gemel­det wur­den. Im Früh­jahr 2002 stell­te sich her­aus, dass die­se Mit­tei­lun­gen inhalt­lich falsch waren und die ihnen zugrun­de geleg­ten Umsät­ze der Beklag­ten weit­ge­hend durch deren dama­li­gen Vor­stands­vor­sit­zen­den – die­ser ist zwi­schen­zeit­lich zu einer mehr­jäh­ri­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt wor­den – fin­giert wor­den waren. Die Klä­ger hat­ten ihre Akti­en im Zeit­raum von Sep­tem­ber 2000 bis Mai 2001 zu Kur­sen zwi­schen 61,– und 15,– EUR erwor­ben. Nach Bekannt­wer­den der Mani­pu­la­tio­nen fiel der Kurs der Aktie der Beklag­ten dau­er­haft auf deut­lich unter 1,– EUR.

Das Land­ge­richt Mün­chen I hat bei­de Kla­gen abge­wie­sen. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat nach jewei­li­ger Par­tei­ver­neh­mung der Klä­ger deren Scha­dens­er­satz­be­geh­ren im wesent­li­chen statt­ge­ge­ben und die Revi­sio­nen zuge­las­sen.

Der BGH hat sei­ne bis­he­ri­ge Recht­spre­chung bestä­tigt, dass die Akti­en­ge­sell­schaft sich nicht auf § 57 AktG (Ver­bot der Ein­la­gen­rück­ge­währ) und § 71 AktG (Beschrän­kung des Erwerbs eige­ner Akti­en) kann, wenn sie von Anle­gern wegen der durch ihren Vor­stands­vor­sit­zen­den began­ge­nen vor­sätz­li­chen sit­ten­wid­ri­gen Schä­di­gung (§§ 826, 31 BGB) in Anspruch genom­men wird.

Bean­stan­det hat der Senat die Kau­sa­li­täts­er­wä­gun­gen des ange­foch­te­nen Urteils, weil sie sei­ner gefes­tig­ten Recht­spre­chung ent­ge­gen­ste­hen, dass im Rah­men der Infor­ma­ti­ons­de­likts­haf­tung gemäß § 826 BGB der Nach­weis des kon­kre­ten Kau­sal­zu­sam­men­hangs zwi­schen einer feh­ler­haf­ten Ad-hoc-Mit­tei­lung und der indi­vi­du­el­len Anla­ge­ent­schei­dung auch dann geführt wer­den muss, wenn die Kapi­tal­markt­in­for­ma­ti­on viel­fäl­tig und extrem unse­ri­ös gewe­sen ist. Der II. Zivil­se­nat hat schon in der Ver­gan­gen­heit die von dem Beru­fungs­ge­richt der Sache nach ver­tre­te­ne US-ame­ri­ka­ni­sche fraud-on-the-mar­ket-theo­ry, die ledig­lich an das ent­täusch­te all­ge­mei­ne Anle­ger­ver­trau­en in die Inte­gri­tät der Markt­preis­bil­dung anknüpft, für das deut­sche Delikts­recht ver­wor­fen.

Wegen ver­fah­rens­feh­ler­haf­ten Über­ge­hens wei­ter­ge­hen­den Par­tei­vor­trags der Klä­ger sind die Beru­fungs­ur­tei­le auf­ge­ho­ben und die Sachen an das OLG zur erneu­ten Ver­hand­lung und ggf. Beweis­auf­nah­me zurück­ver­wie­sen wor­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 4. Juni 2007 – II ZR 147/​05 und II ZR 173/​05