Bera­ter­haf­tung in der Insol­venz der Emit­ten­tin – und das Mit­ver­schul­den des Anle­gers

Eine Bank, die wegen Ver­let­zung ihrer Auf­klä­rungs­pflich­ten in der Anla­ge­be­ra­tung gegen­über ihrem Kun­den scha­dens­er­satz­pflich­tig ist, kann sich auf eine Ver­let­zung der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht des Anle­gers beru­fen, weil die­ser sei­ne For­de­rung im Insol­venz­ver­fah­ren der Emit­ten­tin (oder hier: der Garan­tin in den USA) nicht ange­mel­det hat.

Bera­ter­haf­tung in der Insol­venz der Emit­ten­tin – und das Mit­ver­schul­den des Anle­gers

Für das Bestehen der aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben abge­lei­te­ten Ver­pflich­tung des Geschä­dig­ten zur Scha­dens­min­de­rung ist es – anders als die Anschluss­re­vi­si­on meint – ohne Belang, dass der dem Klä­ger durch den Bera­tungs­feh­ler der Beklag­ten zuge­füg­te Ver­mö­gens­scha­den bereits mit dem Erwerb des streit­ge­gen­ständ­li­chen Zer­ti­fi­kats im Mai 2008 ent­stan­den ist 1.

Bei der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht des Geschä­dig­ten im Sin­ne von § 254 BGB han­delt es sich um ein Ver­schul­den in eige­ner Ange­le­gen­heit, infol­ge des­sen der­je­ni­ge, der die Sorg­falt außer Acht lässt, die nach Lage der Sache erfor­der­lich erscheint, um sich selbst vor Scha­den zu bewah­ren, den Ver­lust oder die Kür­zung sei­nes eige­nen Scha­dens­er­satz­an­spru­ches in Kauf neh­men muss 2. Dass die Oblie­gen­heit des Geschä­dig­ten zur Scha­dens­min­de­rung über den Zeit­punkt der Scha­dens­ent­ste­hung hin­aus fort­be­steht, ergibt sich den­knot­wen­dig bereits dar­aus, dass nur ein bereits ent­stan­de­ner Scha­den gemin­dert wer­den kann. Eine zeit­li­che Gren­ze für die dies­be­züg­li­che Oblie­gen­heit des Geschä­dig­ten besteht nicht.

Etwas anders folgt auch nicht aus den vom Bun­des­ge­richts­hof im Urteil vom 22.01.1959 3 ent­wi­ckel­ten Recht­spre­chungs­grund­sät­zen, da die­ser Ent­schei­dung kein ver­gleich­ba­rer Sach­ver­halt zugrun­de lag. Ins­be­son­de­re hat der Bun­des­ge­richts­hof in der o.g. Ent­schei­dung die Inan­spruch­nah­me einer Bank aus einer Garan­tie mit der Begrün­dung abge­lehnt, dass es dem in § 771 BGB gere­gel­ten Schutz des Bür­gen durch die Ein­re­de der Vor­aus­kla­ge zuwi­der­lau­fe, wenn ein Geschä­dig­ter zuerst von einem Bür­gen oder einem Garan­ten Erfül­lung ver­lan­ge, um die Haupt­schuld­ner vor einer Inan­spruch­nah­me aus einem Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen Nicht­er­fül­lung zu bewah­ren 4.

Vor­lie­gend geht es dem­ge­gen­über um eine damit nicht ver­gleich­ba­re Kon­stel­la­ti­on, denn die Leh­man Bro­thers Hol­ding Inc. hat kei­nes­wegs die Erfül­lung der Scha­dens­er­satz­an­sprü­che des Klä­gers gegen die Beklag­te, son­dern die Erfül­lung der im streit­ge­gen­ständ­li­chen Zer­ti­fi­kat ver­brief­ten Rück­zah­lungs­an­sprü­che des Klä­gers gegen die Emit­ten­tin garan­tiert. Eine Inan­spruch­nah­me der Beklag­ten ist des­halb – anders als in dem der o.g. Ent­schei­dung des VIII. Zivil­se­nats zugrun­de lie­gen­den Fall – gera­de nicht vor­ran­gig im Sin­ne von § 771 BGB gegen­über einer Inan­spruch­nah­me der Garan­tin. Zudem wür­de die Erlan­gung von Zah­lun­gen aus dem Insol­venz­ver­fah­ren der Garan­tin durch den Klä­ger eben­falls anders als in dem o.g. Fall – durch­aus dazu füh­ren, dass die Beklag­te von ihrer Ver­pflich­tung zum Scha­dens­er­satz gegen­über dem Klä­ger frei wür­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Novem­ber 2014 – XI ZR 169/​13

  1. BGH, Urteil vom 08.03.2005 – XI ZR 170/​04, BGHZ 162, 306, 309 f. mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 22.01.1959 – VIII ZR 15/​58, WM 1959, 347 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 22.01.1959 – VIII ZR 15/​58, WM 1959, 347 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 22.01.1959 – VIII ZR 15/​58, WM 1959, 347, 348[]