Der erneu­te Besuch des Anla­ge­ver­mitt­lers

Der Annah­me, der Ver­brau­cher sei zum Abschluss eines Ver­tra­ges (hier: Bei­tritt zu einer Kapi­tal­an­la­ge­ge­sell­schaft) durch eine soge­nann­ten Haus­tür­si­tua­ti­on nach § 312 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BGB bestimmt wor­den, steht nicht ent­ge­gen, dass der Besuch des Ver­mitt­lers in der Pri­vat­woh­nung des Ver­brau­chers aus Anlass eines kur­ze Zeit vor­her bereits erklär­ten (hier: wegen Insol­venz der Gesell­schaft geschei­ter­ten) Bei­tritts des Ver­brau­chers zu einer ande­ren Anla­ge­ge­sell­schaft erfolgt ist, da es grund­sätz­lich auf den Anlass des Besuchs nicht ankommt.

Der erneu­te Besuch des Anla­ge­ver­mitt­lers

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs setzt ein Wider­rufs­recht nach § 312 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BGB [1] vor­aus, dass der Kun­de durch münd­li­che Ver­hand­lung im Bereich einer Pri­vat­woh­nung oder an sei­nem Arbeits­platz zu sei­ner Ver­trags­er­klä­rung bestimmt wor­den ist. Dabei genügt es, dass er in eine Lage gebracht wor­den ist, in der er in sei­ner Ent­schlie­ßungs­frei­heit, den ihm ange­bo­te­nen Ver­trag zu schlie­ßen oder davon Abstand zu neh­men, beein­träch­tigt war [2]. Die­se Vor­schrift fin­det auf Ver­trä­ge über den Bei­tritt zu einer Gesell­schaft, die wie die Beklag­te der Kapi­tal­an­la­ge die­nen soll, nach der vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on bestä­tig­ten [3] stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs Anwen­dung [4].

Für das Ent­ste­hen des Wider­rufs­rechts gel­ten die all­ge­mei­nen Regeln zur Ver­tei­lung der Dar­le­gungs- und Beweis­last: Der Ver­brau­cher hat alle Tat­be­stands­merk­ma­le des § 312 Abs. 1 Satz 1 BGB sowie deren Kau­sa­li­tät für den Ver­trags­schluss dar­zu­le­gen und zu bewei­sen [5]. Wur­den die Ver­trags­ver­hand­lun­gen in der Pri­vat­woh­nung geführt und kommt es sodann noch wäh­rend die­ser Zusam­men­kunft zum Abschluss des Ver­tra­ges, so kann jedoch in aller Regel davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die „Haus­tür­si­tua­ti­on“ für den Ver­trags­schluss jeden­falls mit­ur­säch­lich gewor­den ist mit der Fol­ge, dass der Ver­brau­cher die „Bestim­mung“ zum Ver­trags­schluss nicht kon­kret dar­le­gen und bewei­sen muss [6].

Der Annah­me einer „Über­rum­pe­lungs­si­tua­ti­on“ im Sin­ne des § 312 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 BGB steht nicht ent­ge­gen, dass sich der Ver­brau­cher auf­grund der Wer­bung des Ver­mitt­lers eini­ge Wochen zuvor bereits zum Bei­tritt zu einer Publi­kums-AG ent­schlos­sen hat­te. Auf den Anlass des Besuchs des Ver­mitt­lers in der Pri­vat­woh­nung des Ver­brau­chers kommt es grund­sätz­lich nicht an, wenn es dabei auf­grund von Ver­hand­lun­gen zum Abschluss eines (neu­en) Ver­trags kommt [7]. Der Bei­tritt zur AG war für den Ver­brau­cher mit der Abga­be sei­ner Bei­tritts­er­klä­rung abge­schlos­sen. Spä­ter wur­de er von dem Ver­mitt­ler des­halb erneut vor die Ent­schei­dung gestellt, sich – nun­mehr – an einem – ande­ren – Fonds zu betei­li­gen, der ihm an die­sem Tag von dem Ver­mitt­ler erst­mals „ange­bo­ten“ wur­de. Er muss­te sich – nach sei­nem Vor­trag für ihn völ­lig über­ra­schend – erneut mit der Fra­ge befas­sen, ob er einem Fonds bei­tre­ten woll­te oder nicht. Dabei unter­schied sich der Bei­tritt zu dem Fonds von dem zuvor bereits erklär­ten Bei­tritt zu der AG nicht nur dadurch, dass es sich um einen ande­ren Fonds han­del­te, son­dern die Fonds unter­schie­den sich vor allem hin­sicht­lich der haf­tungs­recht­li­chen Fol­gen für einen Anle­ger erheb­lich von­ein­an­der. Bei der ers­ten Betei­li­gung wäre der Ver­brau­cher Aktio­när ohne Haf­tungs­ri­si­ko hin­sicht­lich sei­nes Pri­vat­ver­mö­gens gewor­den, bei dem nun­mehr ange­bo­te­nen Fonds, einer GbR, haf­te­te er nach §§ 128 ff. HGB (ana­log) über sei­ne Betei­li­gung hin­aus mit sei­nem Pri­vat­ver­mö­gen unbe­schränkt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. Mai 2012 – II ZR 14/​10

  1. in der hier anzu­wen­den­den Fas­sung des Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung des Schuld­rechts vom 20.11.2001, BGBl. I S. 3138[]
  2. st. Rspr., sie­he nur BGH, Urteil vom 26.10.1993 – XI ZR 42/​93, BGHZ 123, 380, 392 f. zu § 1 Abs. 1 HWiG; Urteil vom 20.01.2004 – XI ZR 460/​02, ZIP 2004, 500, 502; Beschluss vom 22.09.2008 – II ZR 257/​07, ZIP 2008, 2359 Rn. 5; Urteil vom 15.04.2010 – III ZR 218/​09, BGHZ 185, 192 Rn. 13[]
  3. EuGH, Urteil vom 15.04.2010 – C‑215/​08, ZIP 2010, 772[]
  4. sie­he hier­zu nur BGH, Urteil vom 12.07.2010 – II ZR 292/​06, BGHZ 186, 167 Rn.12 – FRIZ II[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 16.01.1996 – XI ZR 116/​95, BGHZ 131, 385, 392 zu § 1 Abs. 1 HWiG; Beschluss vom 22.09.2008 – II ZR 257/​07, ZIP 2008, 2359 Rn. 5 m.w.N.[]
  6. soge­nann­te Indi­zwir­kung, vgl. BGH, Urteil vom 16.01.1996 – XI ZR 116/​95, BGHZ 131, 385, 392; Urteil vom 15.04.2010 – III ZR 218/​09, BGHZ 185, 192 Rn. 11[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 19.11.1998 – VII ZR 424/​97, ZIP 1999, 70, 71; s. auch Urteil vom 26.11.1991 – XI ZR 115/​90, ZIP 1992, 536, 537; Urteil vom 15.04.2010 – III ZR 218/​09, BGHZ 185, 192 Rn. 15[]