Ver­jäh­rungs­hem­mung durch Mus­ter­gü­te­an­trä­ge

Wel­che Anfor­de­run­gen sind an Güte­an­trä­ge zu stel­len, die zur Hem­mung der Ver­jäh­rung von Ansprü­chen wegen feh­ler­haf­ter Kapi­tal­an­la­ge­be­ra­tung nach § 204 Abs. 1 Nr. 4 BGB füh­ren? Mit die­ser Fra­ge hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen – und hat eine Ver­jäh­rungs­hem­mung jeden­falls für Mus­ter­gü­te­an­trä­ge ver­neint, wie sie einem brei­ten Publi­kum geschä­dig­ter Kapi­tal­an­le­ger von Rechts­an­wäl­ten zur Ver­fü­gung gestellt und in gro­ßer Zahl ver­wen­det wor­den sind.

Ver­jäh­rungs­hem­mung durch Mus­ter­gü­te­an­trä­ge

In den jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len ver­lan­gen die kla­gen­den Kapi­tal­an­le­ger von dem beklag­ten Finanz­dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men unter dem Vor­wurf der feh­ler­haf­ten Kapi­tal­an­la­ge­be­ra­tung Scha­dens­er­satz. Den Kla­gen lie­gen Betei­li­gun­gen an geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds aus den Jah­ren 1999 und 2001 zugrun­de. Die Frist für die Ver­jäh­rung der Scha­dens­er­satz­an­sprü­che betrug gemäß § 195 BGB a.F. zunächst 30 Jah­re. Seit dem 1.01.2002 gilt gemäß Art. 229 § 6 Abs. 4 Satz 1 EGBGB jedoch eine maxi­ma­le Ver­jäh­rungs­frist von 10 Jah­ren, die hier mit Ablauf des 2.01.2012 (Mon­tag) ende­te (§ 199 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BGB n.F.). Zum Zweck der Hem­mung der Ver­jäh­rung reich­ten die jewei­li­gen Klä­ger im Dezem­ber 2011 Güte­an­trä­ge bei einer Güte­stel­le in Freiburg/​Breisgau ein. Die­se im Wesent­li­chen inhalts­glei­chen Güte­an­trä­ge gehen auf vor­for­mu­lier­te Mus­ter­gü­te­an­trä­ge zurück, die Anle­gern von einer Anwalts­kanz­lei zur Ver­fü­gung gestellt wor­den waren. Dem Ver­neh­men nach haben meh­re­re tau­send Anle­ger hier­von (oder von ähn­li­chen Mus­ter­an­trä­gen) Gebrauch gemacht. Die­se Fäl­le sind Gegen­stand von lau­fen­den Zivil­pro­zes­sen in ver­schie­de­nen Gerichts­in­stan­zen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat jetzt ent­schie­den, dass Güte­an­trä­ge in Anla­ge­be­ra­tungs­fäl­len regel­mä­ßig die kon­kre­te Kapi­tal­an­la­ge zu bezeich­nen, die Zeich­nungs­sum­me sowie den (unge­fäh­ren) Bera­tungs­zeit­raum anzu­ge­ben und den Her­gang der Bera­tung min­des­tens im Gro­ben zu umrei­ßen haben; fer­ner ist das ange­streb­te Ver­fah­rens­ziel zumin­dest soweit zu umschrei­ben, dass dem Geg­ner und der Güte­stel­le ein Rück­schluss auf Art und Umfang der ver­folg­ten For­de­rung mög­lich ist. Der Güte­an­trag muss für den Geg­ner erken­nen las­sen, wel­cher Anspruch gegen ihn gel­tend gemacht wer­den soll, damit er prü­fen kann, ob eine Ver­tei­di­gung erfolg­ver­spre­chend ist und ob er in das Güte­ver­fah­ren ein­tre­ten möch­te. Fer­ner ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Güte­an­trag an die Güte­stel­le als neu­tra­len Schlich­ter und Ver­mitt­ler gerich­tet wird und die­se zur Wahr­neh­mung ihrer Funk­ti­on aus­rei­chend über den Gegen­stand des Ver­fah­rens infor­miert wer­den muss. Eine genaue Bezif­fe­rung der For­de­rung muss der Güte­an­trag sei­ner Funk­ti­on gemäß dem­ge­gen­über grund­sätz­lich nicht ent­hal­ten.

Die­sen Anfor­de­run­gen genü­gen die ver­wen­de­ten (Muster)Güteanträge nicht. Sie wei­sen kei­nen Bezug zum kon­kre­ten Bera­tungs­her­gang in dem der Güte­stel­le vor­ge­leg­ten Ein­zel­fall auf und ent­hal­ten als indi­vi­du­el­le Anga­ben ledig­lich die Namen der Klä­ger (als Anle­ger, Gläu­bi­ger und Antrag­stel­ler) sowie die Bezeich­nung des Anla­ge­fonds; sie nen­nen weder die Zeich­nungs­sum­me noch den (unge­fäh­ren) Bera­tungs­zeit­raum noch ande­re die getä­tig­te Anla­ge indi­vi­dua­li­sie­ren­de Tat­sa­chen. Auch das ange­streb­te Ver­fah­rens­ziel wird in den Güte­an­trä­gen nicht aus­rei­chend beschrie­ben. Die Grö­ßen­ord­nung des jeweils gel­tend gemach­ten Anspruchs ist für die Beklag­te (als Antrags­geg­ne­rin) nicht im Ansatz zu erken­nen gewe­sen.

Fol­ge hier­von ist, dass die Güte­an­trä­ge nicht geeig­net waren, die mit der Ein­rei­chung die­ser Anträ­ge bezweck­te Hem­mung der Ver­jäh­rung her­bei­zu­füh­ren; die ver­folg­ten Scha­dens­er­satz­for­de­run­gen sind daher mit Ablauf des 2.01.2012 und somit vor der spä­te­ren Kla­ge­er­he­bung ver­jährt und kön­nen nicht mehr durch­ge­setzt wer­den (§ 214 Abs. 1 BGB).

Damit erweist sich eine gro­ße Zahl der­zeit lau­fen­der Kla­gen von Kapi­tal­an­le­gern als unbe­grün­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 18. Juni 2015- III ZR 189/​14; III ZR 191/​14; III ZR 198/​14 und III ZR227/​14