Kei­ne Gerä­te­ab­ga­be ohne Pri­vat­ko­pi­en

In einem beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on anhän­gi­gen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen über die Recht­mä­ßig­keit von Urhe­ber­rechts­ab­ga­ben auf Pri­vat­ko­pi­en hat jetzt die Gene­ral­an­wäl­tin Veri­ca Trs­ten­jak ihre Schluss­an­trä­ge vor­ge­legt. Nach Ansicht der Gene­ral­an­wäl­tin darf eine Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en nur auf Anla­gen, Gerä­te und Medi­en zur digi­ta­len Wie­der­ga­be erho­ben wer­den, die mut­maß­lich für die Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en ver­wen­det wer­den. Eine sol­che zuguns­ten von Urhe­bern, Künst­lern und Pro­du­zen­ten erho­be­ne Urhe­ber­rechts­ab­ga­be dür­fe dage­gen nicht unter­schieds­los auf Unter­neh­men und Frei­be­ruf­ler ange­wandt wer­den, die die Gerä­te und Daten­trä­ger ein­deu­tig zu ande­ren Zwe­cken erwer­ben. Das Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen erging zwar auf Vor­la­ge eines spa­ni­schen Gerichts, ist aber auch für Deutsch­land von Belang, da hier – über die ver­schie­de­nen Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten – auf diver­se Gerä­te eben­falls Urhe­ber­rechts­ab­ga­ben erho­ben wer­den.

Kei­ne Gerä­te­ab­ga­be ohne Pri­vat­ko­pi­en

Nach der Richt­li­nie über das Urhe­ber­recht und ver­wand­te Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft 1 steht das Ver­viel­fäl­ti­gungs­recht für Ton‑, Bild- und audio­vi­su­el­les Mate­ri­al den Urhe­bern, aus­üben­den Künst­lern und Pro­du­zen­ten zu. Sie erlaubt es den Mit­glied­staa­ten jedoch, das Anfer­ti­gen von Pri­vat­ko­pi­en für zuläs­sig zu erklä­ren, sofern sie dafür sor­gen, dass die Rechts­in­ha­ber einen "gerech­ten Aus­gleich" erhal­ten. Durch die­sen Aus­gleich sol­len die Rechts­in­ha­ber für die­se Nut­zung ihrer geschütz­ten Wer­ke oder sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stän­de ange­mes­sen ver­gü­tet wer­den.

Spa­ni­en hat sich dafür ent­schie­den, die Ver­viel­fäl­ti­gung bereits ver­brei­te­ter Wer­ke ohne Geneh­mi­gung des Rechts­in­ha­bers zum pri­va­ten Gebrauch zuzu­las­sen. Es hat eine pau­scha­lier­te Ver­gü­tung der Rechts­in­ha­ber vor­ge­se­hen, indem es Anla­gen, Gerä­te und Medi­en zur digi­ta­len Wie­der­ga­be unter­schieds­los mit einer Abga­be für Pri­vat­ko­pi­en belas­tet. Die­se Abga­be ist vom Her­stel­ler, Impor­teur oder Händ­ler an die Ver­wer­tungs­ge­sell­schaf­ten für Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums abzu­füh­ren.

SGAE ist eine spa­ni­sche Ver­wer­tungs­ge­sell­schaft für Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums. Sie nimmt die Fir­ma PADAWAN, die elek­tro­ni­sche Spei­cher­me­di­en unter ande­rem in Form von CD Rs, CD RWs, DVD Rs und MP3-Gerä­te ver­treibt, auf Zah­lung eines pau­scha­len Aus­gleichs für Pri­vat­ko­pi­en in Höhe von 16.759,25 € für Spei­cher­me­di­en in Anspruch, die PADAWAN zwi­schen Sep­tem­ber 2002 und Sep­tem­ber 2004 ver­trie­ben hat. Die in zwei­ter Instanz mit dem Rechts­streit befass­te Audi­en­cia Pro­vin­ci­al de Bar­ce­lo­na fragt sich, ob die spa­ni­sche Abga­ben­re­ge­lung mit der Richt­li­nie ver­ein­bar ist, und möch­te daher vom Gerichts­hof im Rah­men eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens wis­sen, wie der von der Richt­li­nie ver­lang­te „gerech­te Aus­gleich” aus­ge­stal­tet sein muss. Von der Ant­wort des Gerichts­hofs hän­ge ab, so das vor­le­gen­de Gericht, ob SGAE die Abga­be für sämt­li­che von PADAWAN ver­kauf­te Spei­cher­me­di­en ver­lan­gen kön­ne oder nur für die­je­ni­gen, die mut­maß­lich für die Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en ver­wen­det wor­den sei­en.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof ent­schei­det nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Gerichts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

Nach Ansicht von Gene­ral­an­wäl­tin Trs­ten­jak ist der in der Richt­li­nie ver­wen­de­te Begriff „gerech­ter Aus­gleich“ zwar ein auto­no­mer Begriff des Gemein­schafts­rechts, der in allen Mit­glied­staa­ten ein­heit­lich aus­zu­le­gen und von jedem Mit­glied­staat umzu­set­zen sei. Doch set­ze jeder Mit­glied­staat für sein Gebiet selbst die Kri­te­ri­en fest, die am bes­ten geeig­net sei­en, inner­halb der vom Gemein­schafts­recht und ins­be­son­de­re der Richt­li­nie gezo­ge­nen Gren­zen die Beach­tung die­ses Gemein­schafts­be­griffs zu gewähr­leis­ten.

So erken­ne die Richt­li­nie den Mit­glied­staa­ten ein wei­tes Aus­ge­stal­tungs­er­mes­sen beim Auf­bau ihrer jewei­li­gen natio­na­len Aus­gleichs­sys­te­me zu. Die Mit­glied­staa­ten sei­en jedoch unab­hän­gig von dem Sys­tem, das sie für die Bestim­mung des gerech­ten Aus­gleichs anwen­de­ten, ver­pflich­tet, zwi­schen den Betei­lig­ten – auf der einen Sei­te den Inha­bern der Rech­te des geis­ti­gen Eigen­tums, die von der Aus­nah­me für Pri­vat­ko­pi­en betrof­fen sei­en, als Gläu­bi­ger des Aus­gleichs und auf der ande­ren Sei­te den unmit­tel­bar oder mit­tel­bar zu sei­ner Zah­lung Ver­pflich­te­ten – Aus­ge­wo­gen­heit her­bei­zu­füh­ren. Der Begriff „gerech­ter Aus­gleich“ sei als Leis­tung an den Rechts­in­ha­ber zu ver­ste­hen, die unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de der zuge­las­se­nen Pri­vat­ko­pie die ange­mes­se­ne Ver­gü­tung für die Nut­zung sei­nes geschütz­ten Werks oder sons­ti­gen Schutz­ge­gen­stands dar­stel­le.

Gene­ral­an­wäl­tin Trs­ten­jak ist der Mei­nung, dass zwi­schen der Nut­zung des Rechts und dem ent­spre­chen­den finan­zi­el­len Aus­gleich für Pri­vat­ko­pi­en ein hin­rei­chend enger Zusam­men­hang bestehen muss. Ent­schei­de sich ein Mit­glied­staat, wie Spa­ni­en, für ein Aus­gleichs­sys­tem in Form einer Abga­be auf Anla­gen, Gerä­te und Medi­en zur digi­ta­len Wie­der­ga­be, kön­ne die­se Abga­be nur dann als mit der Richt­li­nie kon­for­mes Aus­gleichs­sys­tem für Pri­vat­ko­pi­en ange­se­hen wer­den, wenn die Anla­gen, Gerä­te und Medi­en mut­maß­lich zur Anfer­ti­gung von Pri­vat­ko­pi­en benutzt wür­den. Die Ver­gü­tung, die den Rechts­in­ha­bern infol­ge der unter­schieds­lo­sen Anwen­dung einer sol­chen Abga­be auf Unter­neh­men und Frei­be­ruf­ler, die erfah­rungs­ge­mäß Gerä­te und Daten­trä­ger zur digi­ta­len Wie­der­ga­be zu ande­ren Zwe­cken als dem des pri­va­ten Gebrauchs erwür­ben, zuge­spro­chen wer­de, stel­le kei­nen „gerech­ten Aus­gleich“ im Sin­ne der Richt­li­nie dar.

Die Schluss­an­trä­ge sei­nes Gene­ral­an­walts sind für den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht bin­dend. Auf­ga­be des Gene­ral­an­walts ist es, dem Gerichts­hof in völ­li­ger Unab­hän­gig­keit einen Ent­schei­dungs­vor­schlag für die betref­fen­de Rechts­sa­che zu unter­brei­ten. Die Rich­ter des Gerichts­hofs tre­ten nun­mehr in die Bera­tung ein. Das Urteil wird zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ver­kün­det.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Schluss­an­trä­ge der Gene­ral­an­wäl­tin vom 11. Mai 2010 – C‑467/​08 [Sociedad Gene­ral de Auto­res y Edi­to­res (SGAE) /​PADAWAN S. L.]

  1. Richt­li­nie 2001/​29/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 22. Mai 2001 zur Har­mo­ni­sie­rung bestimm­ter Aspek­te des Urhe­ber­rechts und der ver­wand­ten Schutz­rech­te in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft, ABl. L 167, S. 10[]