Bar­un­ter­halts­scha­den für die Ehe­frau

Bei der Ermitt­lung des Bar­un­ter­halts­scha­dens sind die Auf­wen­dun­gen für eine Unfall­ver­si­che­rung und eine Lebens­ver­si­che­rung eines Selb­stän­di­gen nicht als „fixe Kos­ten“ zu berück­sich­ti­gen, wohl aber die Kos­ten für eine Lebens­ver­si­che­rung des unter­halts­be­rech­tig­ten Ehe­part­ners. Zu berück­sich­ti­gen bei der Höhe des Bar­un­ter­halts­scha­dens eines Eltern­teils ist des­wei­te­ren die Alters­ent­wick­lung von Kin­dern.

Bar­un­ter­halts­scha­den für die Ehe­frau

Nach § 844 Abs. 2 BGB hat bei der Tötung eines gesetz­lich zum Unter­halt Ver­pflich­te­ten die unter­halts­be­rech­tig­te Per­son Anspruch auf Ersatz des Scha­dens, der ihr durch Ent­zug des Unter­halts­rechts ent­steht [1]. Der Ersatz ist grund­sätz­lich durch Ent­rich­tung einer Geld­ren­te zu leis­ten. Dabei hat nach § 823 Abs. 1, § 844 Abs. 2 BGB der Schä­di­ger dem Geschä­dig­ten bei Vor­lie­gen der vom Beru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen inso­weit Scha­dens­er­satz zu leis­ten, als der Getö­te­te wäh­rend der mut­maß­li­chen Dau­er sei­nes Lebens zur Gewäh­rung des Unter­halts nach dem Gesetz ver­pflich­tet gewe­sen wäre. Dies zwingt den Rich­ter zu einer Pro­gno­se, wie sich die Unter­halts­be­zie­hun­gen zwi­schen dem Unter­halts­be­rech­tig­ten und dem Unter­halts­pflich­ti­gen bei Unter­stel­lung sei­nes Fort­le­bens nach dem Unfall ent­wi­ckelt hät­ten. Er muss daher gemäß § 287 ZPO eine vor­aus­schau­en­de Betrach­tung vor­neh­men, in die er alle vor­aus­seh­ba­ren Ver­än­de­run­gen der Unter­halts­be­dürf­tig­keit des Berech­tig­ten und der (hypo­the­ti­schen) Leis­tungs­fä­hig­keit des Unter­halts­pflich­ti­gen, wäre er noch am Leben, ein­zu­be­zie­hen hat. Dabei hat der Tatrich­ter bei der Fest­set­zung der Unter­halts­ren­te für die Zukunft sämt­li­che für die Bemes­sung die­ser Ren­te im Bezugs­zeit­raum zukünf­tig maß­ge­bend wer­den­den Fak­to­ren zu berück­sich­ti­gen [2].

Der Umfang der gesetz­li­chen Unter­halts­pflicht bestimmt sich nicht nach § 844 Abs. 2 BGB, son­dern nach den unter­halts­recht­li­chen Vor­schrif­ten. Den nach die­sen Nor­men geschul­de­ten Unter­halt setzt § 844 Abs. 2 BGB vor­aus [3].

Bei der Ermitt­lung des Bar­un­ter­halts­scha­dens ist zunächst von den Grund­sät­zen der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aus­zu­ge­hen [4].

Zur Berech­nung des Bar­un­ter­halts­scha­dens sind nach der Ermitt­lung des für Unter­halts­zwe­cke ver­füg­ba­ren fik­ti­ven Net­to­ein­kom­mens des Getö­te­ten in einem zwei­ten Schritt die „fixen Kos­ten“ vor­weg abzu­set­zen und – nach quo­ten­mä­ßi­ger Ver­tei­lung des ver­blei­ben­den Ein­kom­mens auf den Getö­te­ten und sei­ne unter­halts­be­rech­tig­ten Hin­ter­blie­be­nen – in vol­ler Höhe den ein­zel­nen Unter­halts­ge­schä­dig­ten antei­lig zuzu­rech­nen [5]. Unter „fixen Kos­ten“ sind jene Aus­ga­ben zu ver­ste­hen, die weit­ge­hend unab­hän­gig vom Weg­fall eines Fami­li­en­mit­glie­des als fes­te Kos­ten des Haus­halts wei­ter­lau­fen und deren Finan­zie­rung der Getö­te­te fami­li­en­recht­lich geschul­det hät­te [6].

Nicht als „fixe Kos­ten“ zu berück­sich­ti­gen snd die Auf­wen­dun­gen für die Unfall­ver­si­che­rung des Unter­halts­be­rech­tig­ten. Inso­weit ist weder dar­ge­tan noch ersicht­lich, dass der ver­stor­be­ne Ehe­mann unter­halts­recht­lich zur Zah­lung die­ser Kos­ten ver­pflich­tet gewe­sen wäre.

Auch die Prä­mi­en für die Lebens­ver­si­che­rung des ver­stor­be­nen Ehe­man­nes sind nicht als „fixe Kos­ten“ von dem Net­to­ein­kom­men abzu­set­zen sei­en. Da die­se Lebens­ver­si­che­run­gen mit dem Tod des Ehe­man­nes ende­ten, sind dar­auf kei­ne wei­te­ren Prä­mi­en mehr zu ent­rich­ten.

Dage­gen sind die Auf­wen­dun­gen für die Lebens­ver­si­che­run­gen der Ehe­frau als „fixe Kos­ten“ des Haus­halts zu berück­sich­ti­gen, und nicht in vol­lem Umfang als indi­vi­du­el­le Auf­wen­dun­gen anzu­se­hen. Im ent­schie­de­nen Fall waren die Klä­ge­rin und ihr ver­stor­be­ner Ehe­mann selb­stän­dig in ihrem Schau­stel­ler- und Imbiss­be­trieb tätig gewe­sen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sind Auf­wen­dun­gen und Rück­la­gen von Selb­stän­di­gen zur Alters­vor­sor­ge, die wäh­rend der Zeit der akti­ven beruf­li­chen Tätig­keit erbracht wür­den, jedoch als „fixe Kos­ten“ des Haus­halts zu berück­sich­ti­gen [7]. Auf­wen­dun­gen und Rück­la­gen zur Alters­vor­sor­ge kön­nen, soweit den betref­fen­den Per­so­nen kei­ne aus­rei­chen­de gesetz­li­che Alters­ren­te zur Ver­fü­gung steht, ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts nicht stets in vol­lem Umfang als Bei­trä­ge für „frei­wil­li­ge“ Ver­si­che­run­gen behan­delt wer­den. Inso­weit kann es sich viel­mehr durch­aus um „not­wen­di­ge“ und damit „fixe Kos­ten“ des Haus­halts han­deln. Da Prä­mi­en für Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen je nach Lage des Fal­les sowohl der Eigen- bzw. Alters­vor­sor­ge als auch der Absi­che­rung der Unter­halts­be­rech­tig­ten die­nen kön­nen und inso­weit eine beson­de­re Form des Unter­halts dar­stel­len, sind sie gege­be­nen­falls mit dem Anteil, der nicht der Ver­mö­gens­bil­dung dient, bei der Bemes­sung der Ren­ten­hö­he gemäß § 844 Abs. 2 BGB vom unter­halts­recht­lich rele­van­ten Net­to­ein­kom­men abzu­zie­hen [8]. Dabei unter­fällt die Höhe des als „fixe Kos­ten“ zu berück­sich­ti­gen­den Anteils regel­mä­ßig der tatrich­ter­li­chen Schät­zung gemäß § 287 ZPO [9], wobei nach Lage des Fal­les auch zu berück­sich­ti­gen sein kann, in wel­chem Maße bei­de Ehe­gat­ten zum Fami­li­en­ein­kom­men bei­getra­gen haben.

Bei der Scha­dens­schät­zung gemäß § 287 ZPO ist im Rah­men der Auf­tei­lung der „fixen Kos­ten“ auch die Alters­ent­wick­lung der Kin­der zu berück­sich­ti­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 5. Juni 2012 – VI ZR 122/​11

  1. vgl. Küp­pers­busch, Ersatz­an­sprü­che bei Per­so­nen­scha­den, 10. Aufl., Rn. 319[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 24.04.1990 – VI ZR 183/​89, VersR 1990, 907; vom 04.11.2003 – VI ZR 346/​02, VersR 2004, 75, 77 mwN; vom 27.01.2004 – VI ZR 342/​02, VersR 2004, 653 und vom 25.04.2006 – VI ZR 114/​05, VersR 2006, 1081 Rn. 8[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 04.11.2003 – VI ZR 346/​02, aaO S. 76[]
  4. vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 06.10.1987 – VI ZR 155/​86, VersR 1987, 1243 f.; vom 31.05.1988 – VI ZR 116/​87, VersR 1988, 954, 955, 957; vom 05.12.1989 – VI ZR 276/​88, VersR 1990, 317 f. und vom 02.12.1997 – VI ZR 142/​96, BGHZ 137, 237, 240; vgl. auch Jahn­ke in: van Bühren/​Lemcke/​Jahnke, Anwalts­Hand­buch Ver­kehrs­recht, 2. Aufl., Teil 4 Rn. 1352 ff.; Wenzel/​Zoll, Der Arzt­haf­tungs­pro­zess, 2012, Kap. 2 Rn. 2264 ff.; Burmann/​Heß in: Bergmann/​Pauge/​Steinmeyer, Gesam­tes Medi­zin­recht, 2012, Kap. 7 Rn. 459 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 01.10.1985 – VI ZR 36/​84, VersR 1986, 39, 40[]
  6. BGH, Urtei­le vom 11.10.1983 – VI ZR 251/​81, VersR 1984, 79, 81 und vom 31.05.1988 – VI ZR 116/​87, aaO S. 955[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.05.1954 – VI ZR 69/​53, VersR 1954, 325, 326 und vom 14.04.1964 – VI ZR 89/​63, VersR 1964, 778, 779; BGH, Urteil vom 03.12.1951 – III ZR 68/​51, VersR 1952, 97, 98[]
  8. BGH, Urteil vom 03.12.1951 – III ZR 68/​51, aaO S. 98 f.; Wenzel/​Zoll, aaO Rn. 2284[]
  9. vgl. OLG Zwei­brü­cken, VersR 1994, 613, 614 mit Nicht­an­nah­me-Beschluss des BGH vom 26.10.1993 – VI ZR 6/​93; OLG Hamm, Urteil vom 06.06.2008 – I9 U 123/​055[]