Der teils schick­sal­haf­te, teils behand­lungs­feh­ler­haf­te Gesund­heits­scha­den

Mit der Haf­tung des Arz­tes bei einem teils schick­sal­haft, teils behand­lungs­feh­ler­haft ver­ur­sach­ten Gesund­heits­scha­den hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Der teils schick­sal­haf­te, teils behand­lungs­feh­ler­haf­te Gesund­heits­scha­den

Das kla­gen­de Kind erlitt im Zusam­men­hang mit sei­ner Geburt einen schwe­ren Gesund­heits­scha­den. Des­we­gen nahm es den behan­deln­den Gynä­ko­lo­gen, die Heb­am­me, eine Kin­der­kran­ken­schwes­ter und den Trä­ger des Beleg-Kran­ken­hau­ses auf Scha­dens­er­satz in Anspruch.

Im ers­ten Teil des Ver­fah­rens erging zum Anspruchs­grund ein rechts­kräf­ti­ges Grund- und Tei­lend­ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen. In die­sem wur­de fest­ge­stellt, dass die Beklag­ten als Gesamt­schuld­ner ver­pflich­tet sind, dem Kind sämt­li­che Schä­den zu erset­zen, die ihm "anläss­lich und auf­grund der Behand­lung durch die Beklag­ten nach sei­ner Geburt" ent­stan­den sind und noch ent­ste­hen wer­den. Im vor­lie­gen­den zwei­ten Ver­fah­rens­ab­schnitt ging es um die Höhe des dem Klä­ger zuste­hen­den Scha­dens­er­sat­zes. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat inso­weit ent­schie­den, dass sich aus dem vor­an­ge­gan­ge­nen Grund­ur­teil eine Bin­dungs­wir­kung dahin erge­be, dass die Beklag­ten nur für die Schä­den haf­te­ten, die dem Kind nach sei­ner Geburt ent­stan­den sei­en. Inso­weit sei der von den Beklag­ten ver­ur­sach­te Scha­dens­an­teil auf höchs­tens 20 % zu begren­zen 1.

Die gegen die­se Begren­zung gerich­te­te Revi­si­on des Kin­des wies nun der Bun­des­ge­richts­hof zurück: In dem Grund­ur­teil ist mit Bin­dungs­wir­kung nur fest­ge­stellt wor­den, dass die Beklag­ten als Gesamt­schuld­ner für die Gesund­heits­schä­den haf­ten, die auf nach­ge­burt­li­chen Pflicht­ver­säum­nis­sen der Beklag­ten beru­hen, die für die Gesund­heits­ver­let­zung des Klä­gers mit­ur­säch­lich gewor­den sind. Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat die Haf­tung der Beklag­ten auf die­ser Grund­la­ge rechts­feh­ler­frei auf einen Haf­tungs­an­teil von 20 % begrenzt. Eine Mit­ur­säch­lich­keit steht zwar haf­tungs­recht­lich der Allein­ur­säch­lich­keit grund­sätz­lich in vol­lem Umfang gleich. Dies ist aber aus­nahms­wei­se nicht der Fall, wenn fest­steht, dass die Mit­ur­säch­lich­keit nur zu einem abgrenz­ba­ren Teil des Scha­dens geführt hat. Einen sol­chen abgrenz­ba­ren Teil des Scha­dens hat das Ober­lan­des­ge­richt fest­ge­stellt. Die Beklag­ten haben danach den Nach­weis erbracht, dass der größ­te Teil des Gesund­heits­scha­dens nicht in dem Zeit­raum ent­stan­den ist, für den sie nach dem rechts­kräf­ti­gen Grund­ur­teil scha­dens­er­satz­pflich­tig sind, son­dern zu die­sem Zeit­punkt bereits vor­han­den war.

Wäh­rend der Geburt war danach bereits ohne einen Behand­lungs­feh­ler ein irrepa­ra­bler Gesund­heits­scha­den ein­ge­tre­ten, der durch Feh­ler bei der nach­ge­burt­li­chen Betreu­ung und Behand­lung ver­stärkt wur­de. Den wäh­rend der Geburt schick­sal­haft ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den hat das Ober­lan­des­ge­richt nach sach­ver­stän­di­ger Bera­tung mit einem abgrenz­ba­ren Anteil von min­des­tens 80 % ange­nom­men und dem­ge­mäß den Haf­tungs­an­teil der Beklag­ten rechts­feh­ler­frei auf maxi­mal 20 % beschränkt. Das Ober­lan­des­ge­richt konn­te sich neben der Schät­zung der Sach­ver­stän­di­gen auf wei­te­re kon­kre­te Anhalts­punk­te zur "medi­zi­ni­schen Unter­schei­dung der Scha­dens­an­tei­le" stüt­zen. Nach den Aus­füh­run­gen der Sach­ver­stän­di­gen wäre der Klä­ger auch bei der gebo­te­nen unver­züg­li­chen Ver­le­gung nach der Geburt in die Kin­der­kli­nik auf jeden Fall ein Pfle­ge­fall gewe­sen und für den Arbeits­pro­zess nicht in Fra­ge gekom­men. Er wäre nicht in der Lage gewe­sen, ein selb­stän­di­ges Leben zu füh­ren. Die men­ta­le Beein­träch­ti­gung hät­te in jedem Fall auch bestan­den. Auf­grund die­ser Umstän­de war die Annah­me eines abgrenz­ba­ren Teils des Gesund­heits­scha­dens revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Mai 2014 – VI ZR 187/​13

  1. OLG Mün­chen, Urteil vom 28.03.2013 – 24 U 671/​11[]