Die feh­ler­haf­te Frist­ver­län­ge­rung

Die durch den Vor­sit­zen­den des Beru­fungs­ge­richts ver­füg­te Ver­län­ge­rung der Frist zur Begrün­dung der Beru­fung ist unwirk­sam, wenn der Antrag auf Frist­ver­län­ge­rung erst nach Frist­ab­lauf bei Gericht ein­ge­gan­gen ist.

Die feh­ler­haf­te Frist­ver­län­ge­rung

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist bei der Prü­fung der Fra­ge, ob eine feh­ler­haf­te Frist­ver­län­ge­rung wirk­sam ist, in ers­ter Linie auf den all­ge­mei­nen Grund­satz der Wirk­sam­keit ver­fah­rens­feh­ler­haf­ter gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen sowie ins­be­son­de­re auf den Gesichts­punkt des Ver­trau­ens­schut­zes abzu­stel­len. Danach darf die Pro­zess­par­tei, der eine bean­trag­te Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gewährt wor­den ist, grund­sätz­lich dar­auf ver­trau­en, dass die betref­fen­de rich­ter­li­che Ver­fü­gung wirk­sam ist. Gren­zen erge­ben sich aller­dings aus dem Gebot der Rechts­si­cher­heit und der Rechts­klar­heit. Im Hin­blick dar­auf kann eine Par­tei ein schüt­zens­wer­tes Ver­trau­en in die Wirk­sam­keit einer Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist grund­sätz­lich nicht bil­den, wenn die Ver­län­ge­rung nach Ablauf der Frist erfolgt und sie bis zu deren Ablauf kei­nen Antrag gestellt hat. Eine sol­che Ver­län­ge­rung ist unwirk­sam 1. Gegen die Bil­dung eines schüt­zens­wer­ten Ver­trau­ens in die Wirk­sam­keit der Frist­ver­län­ge­rung spricht vor­lie­gend zudem, dass der Vor­sit­zen­de des Beru­fungs­ge­richts mit der Ver­län­ge­rungs­ver­fü­gung auf das zutref­fen­de, von der Anga­be in der Beru­fungs­schrift abwei­chen­de Zustell­da­tum der erst­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung nach Akten­la­ge hin­ge­wie­sen hat.

Mit Beschluss vom 17.12.1991 2 hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass die Ver­län­ge­rung der Frist zur Begrün­dung eines Rechts­mit­tels durch den Vor­sit­zen­den des Rechts­mit­tel­ge­richts nicht wirk­sam ist, wenn im Zeit­punkt des Ein­gangs des Ver­län­ge­rungs­an­trags die Frist zur Rechts­mit­tel­be­grün­dung bereits abge­lau­fen war. Die Ent­schei­dung weicht ab von einer älte­ren Ent­schei­dung des damals IVb, heu­te XII. Zivil­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 30.09.1987 3, nach der (auch) eine rechts­wid­ri­ge Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist wirk­sam ist. Der IVb-Bun­des­ge­richts­hof hat­te zu der vom VI. Zivil­se­nat beab­sich­tig­ten Recht­spre­chungs­än­de­rung auf Anfra­ge mit­ge­teilt, dass er an sei­ner Auf­fas­sung nicht fest­hal­te. Maß­geb­lich für die Recht­spre­chungs­än­de­rung war die Erwä­gung, dass durch einen erst nach Ablauf der Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist ein­ge­hen­den Ver­län­ge­rungs­an­trag und sei­ne Statt­ga­be weder der Rechts­mit­tel­füh­rer noch der Vor­sit­zen­de des Rechts­mit­tel­ge­richts die inzwi­schen ein­ge­tre­te­ne Rechts­kraft der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung wie­der in Fra­ge stel­len kön­nen. Des­halb ist es auch uner­heb­lich, ob der Vor­sit­zen­de erkannt hat, dass die Frist bereits abge­lau­fen war. Die­se Auf­fas­sung ent­spricht seit­her der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 4 an der auch nach Über­prü­fung aus­drück­lich fest­ge­hal­ten wur­de 5. Das Schrift­tum hat sich die­ser Auf­fas­sung über­wie­gend ange­schlos­sen 6.

Die Gegen­auf­fas­sung von Rim­mels­pa­cher 7 begrün­det als ver­ein­zelt geblie­be­ne Mei­nung kei­nen Klä­rungs­be­darf. Rim­mels­pa­cher bringt auch kei­ne "neu­en Argu­men­te" vor, die den Bun­des­ge­richts­hof dazu ver­an­las­sen könn­ten, sei­ne Ansicht zu über­prü­fen. Die Auf­fas­sung von Rim­mels­pa­cher geht zurück auf sei­nen Bei­trag in der Fest­schrift für Hans Fried­helm Gaul aus dem Jahr 1997. Die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 17.12.1991 2 wur­de seit­her mehr­fach bestä­tigt 8.

Die Frist­ver­län­ge­rung durch den Vor­sit­zen­den kann auch nicht in eine Wie­der­ein­set­zung in die abge­lau­fe­ne Beru­fungs­be­grün­dungs­frist umge­deu­tet wer­den. Eine Umdeu­tung kommt nicht in Betracht, weil im Ver­fah­rens­recht zwar in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 140 BGB der Grund­satz gilt, dass eine feh­ler­haf­te Par­tei­hand­lung in eine zuläs­si­ge und wirk­sa­me Pro­zess­erklä­rung umge­deu­tet wer­den, dass das aber nur dann gilt, wenn deren Vor­aus­set­zun­gen ein­ge­hal­ten sind, die Umdeu­tung dem mut­maß­li­chen Par­tei­wil­len ent­spricht und kein schutz­wür­di­ges Inter­es­se des Geg­ners ent­ge­gen­steht 9.

Es kann dahin­ste­hen, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen im Ein­zel­nen eine Umdeu­tung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen mög­lich ist 10. Im Streit­fall lagen jeden­falls schon die for­ma­len Vor­aus­set­zun­gen für eine Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist allein auf­grund des Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags der Beklag­ten nicht vor. Zum einen war der Vor­sit­zen­de hier­für nicht zustän­dig, son­dern der Bun­des­ge­richts­hof des Beru­fungs­ge­richts (§§ 237, 522 Abs. 1, § 523 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Zum ande­ren fehl­te der für eine Wie­der­ein­set­zung erfor­der­li­che, dar­auf gerich­te­te Antrag. Eine Wie­der­ein­set­zung ist – vor­be­halt­lich der zum Zeit­punkt der Ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den nicht vor­lie­gen­den Vor­aus­set­zun­gen des § 236 Abs. 2 Satz 2 Halb­satz 2 ZPO – nur zuläs­sig, wenn ein ent­spre­chen­der Antrag (§ 233 Abs. 1 Satz 1 ZPO) gestellt wird. Die­sen hat die Beklag­te im vor­lie­gen­den Fall erst nach der Ver­län­ge­rungs­ver­fü­gung des Vor­sit­zen­den gestellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juli 2016 – II ZB 3/​16

  1. BGH, Beschluss vom 17.12.1991 – VI ZB 26/​91, BGHZ 116, 377; Beschluss vom 12.02.2009 – VII ZB 76/​07, NJW 2009, 1149 Rn. 13[]
  2. BGH, Beschluss vom 17.12.1991 – VI ZB 26/​91, BGHZ 116, 377[][]
  3. BGH, Beschluss vom 30.09.1987 – ((IVb ZR 86/​86, BGHZ 102, 37[]
  4. BGH, Urteil vom 17.01.2013 – III ZR 168/​12, NJW-RR 2013, 692 Rn. 11; Urteil vom 02.10.2012 – I ZR 82/​11, GRUR 2013, 638 Rn. 21; Beschluss vom 30.06.2011 – III ZB 6/​11 15; Beschluss vom 12.02.2009 – VII ZB 76/​07, NJW 2009, 1149 Rn. 13; Beschluss vom 09.11.2005 – XII ZB 140/​05, NJW-RR 2006, 355 Rn. 6; Beschluss vom 23.09.2004 – VII ZB 43/​03 5; Beschluss vom 17.12.1991 – VI ZB 26/​91, NJW 1992, 842[]
  5. BGH, Beschluss vom 24.01.1996 – XII ZB 184/​95, NJW-RR 1996, 513, 514[]
  6. etwa Zöller/​Heßler, ZPO, 31. Aufl., § 520 Rn. 16a; Prütting/​Gehrlein/​Lemke, ZPO, 7. Aufl., § 520 Rn. 6; Musielak/​Voit/​Ball, ZPO, 13. Aufl., § 520 Rn. 7 und 12; Beck­OK ZPO/​Wulf, Stand: 1.03.2016, ZPO § 520 Rn. 8[]
  7. Münch­Komm-ZPO/Rim­mels­pa­cher, 4. Aufl., § 520 Rn. 18[]
  8. s.o. sowie BGH, Beschluss vom 20.10.2009 – VIII ZB 97/​08, NJW-RR 2010, 998 Rn. 10[]
  9. BGH, Beschluss vom 28.04.2015 – VI ZB 36/​14, NJW 2015, 2590 Rn. 7 mwN[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 20.05.2014 – VI ZR 187/​13, NJW-RR 2014, 1118 Rn. 7; Beschluss vom 14.05.2008 – XII ZB 78/​07, NJW 2008, 2351 Rn. 23; Beschluss vom 17.12 2003 – II ZB 35/​03, Fam­RZ 2004, 530 Rn. 7; Beschluss vom 07.03.1995 – XI ZB 1/​95, NJW 1995, 1561 Rn. 7[]