Kla­ge­er­he­bung per Tele­fax am 29.12. – und trotz­dem ver­jährt?

Das Kla­gen bei dro­hen­der Ver­jäh­rung per Tele­fax erho­ben wer­den, ist wohl Stan­dard. Das die­ses Vor­ge­hen aber durch­aus mit Risi­ken behaf­tet sein kann, zeigt ein jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­ner Fall:

Kla­ge­er­he­bung per Tele­fax am 29.12. – und trotz­dem ver­jährt?

Die Klä­ge­rin hat gegen den Beklag­ten mit auf den 29. Dezem­ber 2010 datie­ren­dem Schrift­satz wegen am 31. Dezem­ber 2010 ver­jäh­ren­der Ansprü­che Kla­ge erho­ben. Das Ori­gi­nal der elf Sei­ten umfas­sen­den Kla­ge­schrift ist beim Land­ge­richt Mün­chen I am 4. Janu­ar 2011 ein­ge­gan­gen. Am 29. Dezem­ber 2010 um 15:49 Uhr hat­te nach dem Faxein­gangs­jour­nal des Land­ge­richts der dor­ti­ge Fern­ko­pie­rer von dem Fern­mel­de­an­schluss der Pro­zess­be­voll­mäch­ti­gen der Klä­ge­rin bei einer Über­tra­gungs­dau­er von drei Minu­ten und drei Sekun­den elf Sei­ten emp­fan­gen. Laut Aus­kunft des Lei­ters der Ein­lauf­stel­le vom 14. April 2011 waren die­se Sei­ten jedoch leer. In der Akte befin­det sich an die­se Aus­kunft ange­hef­tet der Aus­druck der ers­ten Sei­te des Faxes. Die­ses Blatt ist leer, abge­se­hen von der Kopf­zei­le, die fol­gen­de Anga­ben ent­hält: "29-DEZ-2010 15:28 VON: H. RECHTSANWAELTE +49 AN: LG‑MAntrag, ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­zu­ho­len. Das Land­ge­richt Mün­chen I hat die Kla­ge abge­wie­sen [1]. Die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen durch Beschluss gemäß § 522 Abs. 2 ZPO zurück­ge­wie­sen [2]. Auf die Beschwer­de der Klä­ge­rin hob nun der Bun­des­ge­richts­hof den Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen gemäß § 544 Abs. 7 ZPO auf und ver­wies die Sache zurück an das OLG Mün­chen:

Das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen hat in sei­nem Zurück­wei­sungs­be­schluss und den vor­an­ge­gan­ge­nen Hin­weis­be­schlüs­sen aus­ge­führt, die For­de­rung der Klä­ge­rin sei ver­jährt. Der Scha­den, den sie ersetzt ver­lan­ge, sei dem Grun­de nach bereits mit der Aus­zah­lung der dem Beklag­ten zur treu­en Hand über­wie­se­nen Gel­der an die Bevoll­mäch­tig­ten der Kauf­preis­gläu­bi­ge­rin ein­ge­tre­ten. Die Dar­le­hens­rück­zah­lungs­for­de­rung sei in Erman­ge­lung der ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen Besi­che­rung und auf­grund der bestehen­den, von den Betei­lig­ten erkann­ten Boni­täts­ri­si­ken weit­ge­hend aus­ge­höhlt gewe­sen. Des­halb sei mit der wei­sungs­wid­ri­gen Aus­zah­lung der Valu­ta durch den Beklag­ten, von der die Klä­ge­rin noch im Jahr 2007 Kennt­nis erlangt habe, bereits eine Ver­mö­gens­ver­schlech­te­rung ein­ge­tre­ten. Die Ver­jäh­rungs­frist habe daher mit Ablauf des 31.12.2010 geen­det. Die Klä­ge­rin habe nicht nach­wei­sen kön­nen, dass ihre Kla­ge­schrift vor die­sem Datum beim Land­ge­richt ein­ge­gan­gen sei und daher den Ablauf der Ver­jäh­rung recht­zei­tig gehemmt habe. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs sei ein Schrift­satz per Fern­ko­pie ein­ge­gan­gen, wenn das Tele­fax­ge­rät des Gerichts die gesen­de­ten Signa­le voll­stän­dig emp­fan­gen [3] habe. Hier­zu lie­ge kein Beweis­an­ge­bot der Klä­ge­rin vor. Der von ihr vor­ge­leg­te Sen­de­be­richt mit dem "OKVer­merk" stel­le kein geeig­ne­tes Beweis­mit­tel für den Zugang der Daten dar und begrün­de auch kei­nen Anscheins­be­weis hier­für, son­dern habe allen­falls eine Indi­zwir­kung. Die­se sei aber stark durch die Stel­lung­nah­me des Lei­ters der Ein­lauf­stel­le ent­kräf­tet, wonach ledig­lich lee­re Sei­ten bei Gericht ein­ge­gan­gen sei­en.

Mit die­ser Wür­di­gung hat das Ober­lan­des­ge­richt, das nicht die Fest­stel­lung des Land­ge­richts über­nom­men hat, die Kla­ge­schrift sei nicht ord­nungs­ge­mäß unter­schrie­ben gewe­sen, nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs den Anspruch der Klä­ge­rin auf recht­li­ches Gehör in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt: Es hat den mehr­fach gestell­ten Antrag der Klä­ge­rin über­gan­gen, zum Beweis für ihre Behaup­tun­gen, die Kla­ge­schrift sei am 29.12.2010 per Fax beim Land­ge­richt ein­ge­gan­gen und die Über­tra­gung von elf lee­ren Sei­ten kön­ne rund drei Minu­ten nicht bean­sprucht haben, ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ein­zu­ho­len.

Für die Recht­zei­tig­keit des Ein­gangs eines per Fern­ko­pie über­sand­ten Schrift­sat­zes kommt es allein dar­auf an, ob die gesen­de­ten Signa­le noch vor Ablauf des letz­ten Tages der Frist vom Tele­fax­ge­rät des Gerichts voll­stän­dig emp­fan­gen (gespei­chert) wor­den sind [4]. Der Aus­druck durch das Gerät ist nicht maß­geb­lich [5]. Die durch einen "OK"Vermerk unter­leg­te ord­nungs­ge­mä­ße Absen­dung eines Schrei­bens per Tele­fax begrün­det nach der – auch jüngs­ten – Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs über ein blo­ßes Indiz hin­aus aber nicht den Anscheins­be­weis für des­sen tat­säch­li­chen Zugang bei dem Emp­fän­ger [6]. Der "OK"Vermerk belegt nur das Zustan­de­kom­men der Ver­bin­dung, nicht aber die erfolg­rei­che Über­mitt­lung der Signa­le an das Emp­fangs­ge­rät [7]. Die Klä­ge­rin hat sich jedoch nicht auf die Vor­la­ge des Sen­de­be­richts beschränkt. Viel­mehr hat sie, womit sich das Beru­fungs­ge­richt nicht befasst hat, für die Tat­sa­che, dass die Kla­ge­schrift per Fax in les­ba­rer Form am 29.12.2010 beim Land­ge­richt ein­ge­gan­gen ist, Beweis durch das Ange­bot der Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ange­tre­ten. Bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung ist der dem Beweis­an­tritt zugrun­de lie­gen­de Sach­vor­trag so zu ver­ste­hen, dass die Signa­le, in die die Kla­ge­schrift umge­wan­delt wor­den war, an die­sem Tag voll­stän­dig vom Fax­ge­rät des Land­ge­richts emp­fan­gen wur­den. Der Beweis­an­tritt bezog sich fer­ner auf die von der Klä­ge­rin behaup­te­te Indi­z­tat­sa­che, dass die – sowohl durch den Sen­de­be­richt als auch das Tele­faxEmp­fangs­jour­nal des Land­ge­richts beleg­te – Über­tra­gungs­dau­er von etwa drei Minu­ten mit der Ver­sen­dung von elf lee­ren Blät­tern unver­ein­bar sei.

Grün­de, die­sen Beweis­an­tritt zurück­zu­wei­sen, sind, jeden­falls nach dem der­zei­ti­gen Sach- und Streit­stand, nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re han­delt es sich bei dem unter Beweis gestell­ten Vor­trag nicht um, weil ohne jeg­li­che tat­säch­li­che Anhalts­punk­te auf­ge­stell­te und damit unbe­acht­li­che, Behaup­tun­gen auf das "Gera­te­wohl" oder "ins Blaue hin­ein" [8]. Viel­mehr ist aus dem Sen­de­be­richt, dem Emp­fangs­jour­nal und dem in der Akte befind­li­chen Aus­druck der ers­ten Sei­te der am 29.12.2010 vom Tele­fax­ge­rät des Land­ge­richts emp­fan­ge­nen Sen­dung ersicht­lich, dass an die­sem Tage ein Tele­fax der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin bestehend aus elf Sei­ten – der Anzahl der Sei­ten der Kla­ge­schrift – ein­ge­gan­gen ist und die Über­tra­gung rund drei Minu­ten dau­er­te. Dies ist auch unstrei­tig. Alle drei Unter­la­gen wei­sen über­ein­stim­mend das Datum, die Absen­der­num­mer der Rechts­an­wäl­te der Klä­ge­rin und die Anzahl der über­mit­tel­ten Sei­ten aus. Der Sen­de­be­richt und die aus­ge­druck­te ers­te Sei­te ent­hal­ten zudem die Kurz­form der Bezeich­nung der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin sowie über­ein­stim­mend die Zeit­an­ga­be 15:28 Uhr. Soweit der Sen­de­be­richt und das Emp­fangs­jour­nal um fünf Sekun­den diver­gie­ren­de Anga­ben zur Über­mitt­lungs­dau­er (Sen­de­be­richt 2 Minu­ten und 58 Sekun­den, Emp­fangs­jour­nal 3 Minu­ten und 3 Sekun­den) aus­wei­sen, ist dies ohne wei­te­res erklär­lich, da die Ver­sen­dung und der Emp­fang von Tele­fax­sen­dun­gen unter­schied­lich dau­ern kön­nen. Dass Sen­de­be­richt und Emp­fangs­jour­nal um 21 Minu­ten abwei­chen­de Zeit­punk­te der Ver­sen­dung und des Emp­fangs des Tele­fa­xes (Sen­de­be­richt 15:28 Uhr, Emp­fangs­jour­nal 15:49 Uhr) wie­der­ge­ben, mag unter ande­rem damit zu erklä­ren sein, dass wenigs­tens bei einem Gerät die Uhr­zeit falsch ein­ge­stellt war. Dafür, dass es sich um zwei ver­schie­de­ne Tele­fa­xe han­delt, gibt es kei­nen Anhalts­punkt. Zum einen weist die ers­te Sei­te der von dem Lei­ter der Ein­lauf­stel­le vor­ge­leg­ten, nach Anga­be des Emp­fangs­jour­nals um 15:49 Uhr ein­ge­gan­gen Sen­dung in der Kopf­zei­le – wie der Sen­de­be­richt – als Uhr­zeit 15:28 Uhr aus. Zum ande­ren ist nach dem Emp­fangs­jour­nal in dem dort mit der Uhr­zeit 15:20 bis 15:55 Uhr ange­ge­be­nen Zeit­raum kein wei­te­res Tele­fax von dem Anschluss der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin ein­ge­gan­gen.

Ange­sichts des­sen steht, jeden­falls nach dem bis­he­ri­gen Sach- und Streit­stand, nur in Fra­ge, ob die bei dem Emp­fangs­ap­pa­rat des Land­ge­richts ein­ge­gan­ge­ne Sen­dung die Signa­le der voll­stän­di­gen Kla­ge­schrift ent­hielt. Dass der Aus­druck des Geräts, von der Kopf­zei­le abge­se­hen, ledig­lich lee­re Sei­ten zeigt, kann – vor­be­halt­lich bes­se­rer Erkennt­nis­se im wei­te­ren Ver­fah­ren – einer­seits dar­an lie­gen, dass die Signa­le nicht voll­stän­dig über­mit­telt wur­den, sei es, weil ein tech­ni­scher Über­mitt­lungs­feh­ler auf­trat, sei es, weil die Kla­ge­schrift im Sen­de­ge­rät ver­kehrt her­um ein­ge­legt wur­de. Letz­te­res dürf­te aber, sofern er echt ist, auf­grund des Sen­de­be­richts aus­schei­den, weil die­ser ein Abbild der ers­ten Sei­te der Kla­ge­schrift zeigt. In Betracht kommt ande­rer­seits aber eben­so, dass das Emp­fangs­ge­rät des Land­ge­richts die Sen­de­si­gna­le zwar voll­stän­dig erhal­ten hat­te, aber bei der Spei­che­rung oder beim Aus­druck ein Feh­ler auf­trat.

Zu die­sen Fra­gen wird das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen, nach­dem es sich ent­spre­chend dem Antrag der Klä­ge­rin sach­ver­stän­dig hat bera­ten las­sen, Fest­stel­lun­gen zu tref­fen haben. Eige­ne genü­gen­de Sach­kun­de hat das Ober­lan­des­ge­richt nicht dar­ge­tan [9]. Die von ihm in Bezug genom­me­ne infor­ma­to­ri­sche Befra­gung eines Tech­ni­kers durch den Lei­ter der Ein­lauf­stel­le, deren Ergeb­nis zudem höchst vage war, war nicht geeig­net, dem Gericht den nöti­gen tech­ni­schen Sach­ver­stand zu ver­mit­teln.

Das unter Beweis gestell­te Vor­brin­gen der Klä­ge­rin ist ent­schei­dungs­er­heb­lich. Die Beschwer­de hat kei­ne zulas­sungs­re­le­van­ten Feh­ler oder klä­rungs­be­dürf­ti­gen Rechts­fra­gen auf­ge­zeigt, soweit das Beru­fungs­ge­richt davon aus­ge­gan­gen ist, die Ver­jäh­rung des gel­tend gemach­ten Anspruchs habe im Jahr 2007 begon­nen und gemäß §§ 195, 199 Abs. 1 BGB mit Ablauf des 31.12.2010 geen­det, sofern der Frist­ab­lauf nicht recht­zei­tig gehemmt wur­de (§§ 203 ff BGB).

Fazit: Aus­gang offen. Das "Fax-Risi­ko" trägt nach wie vor der Absen­der!

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Mai 2013 – III ZR 289/​12

  1. LG Mün­chen I, Urteil vom 12.01.2012 – 10 O 113/​11[]
  2. OLG Mün­chen, Beschluss vom 16.07.2012 – 20 U 592/​12[]
  3. gespei­chert[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 07.07.2011 – I ZB 62/​10, juris Rn. 3 und vom 25.04.2006 – IV ZB 20/​05, BGHZ 167, 214 Rn. 18[]
  5. BGH, Beschluss vom 25.04.2005 aaO, Rn. 17[]
  6. z.B. BGH, Beschluss vom 21.07.2011 – IX ZR 148/​10, mwN[]
  7. BGH, aaO[]
  8. sie­he hier­zu z.B. BGH, Urteil vom 11.04.2013 – III ZR 79/​12, zur Ver­öf­fent­li­chung vor­ge­se­hen; BGH, Beschluss vom 15.02.2007 – III ZR 156/​06; BGH, Urteil vom 15.05.2003 – III ZR 7/​02; BGH, Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, WM 2012, 1337 Rn. 40 jeweils mwN[]
  9. sie­he hier­zu BGH, Urteil vom 23.11.2006 – III ZR 65/​06, NJW-RR 2007, 357 Rn. 14[]