Meist­be­güns­ti­gung des Rechts­mit­tel­füh­rers – und das nicht statt­haf­te Rechts­mit­tel

Der Grund­satz der Meist­be­güns­ti­gung des Rechts­mit­tel­füh­rers führt nicht zu einer dem kor­rek­ten Ver­fah­ren wider­spre­chen­den Erwei­te­rung des Instan­zen­zu­ges. Die Anru­fung des Bun­des­ge­richts­hofs ist des­halb auch dann aus­ge­schlos­sen, wenn im kor­rek­ten Ver­fah­ren die Statt­haf­tig­keit der Rechts­be­schwer­de von einer posi­ti­ven Ent­schei­dung über die Zulas­sung abhän­gig gewe­sen wäre, über die sich das Beschwer­de­ge­richt des­halb kei­ne Gedan­ken gemacht hat, weil es nach der von ihm irr­tüm­lich gewähl­ten inkor­rek­ten Ver­fah­rens­art davon aus­ge­gan­gen ist, dass die Rechts­be­schwer­de schon kraft Geset­zes statt­haft sei 1.

Meist­be­güns­ti­gung des Rechts­mit­tel­füh­rers – und das nicht statt­haf­te Rechts­mit­tel

Aller­dings dür­fen die Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten dadurch, dass das Gericht sei­ne Ent­schei­dung in einer fal­schen Form erlas­sen hat, kei­nen Rechts­nach­teil erlei­den. Ihnen steht des­halb grund­sätz­lich sowohl das Rechts­mit­tel zu, das nach der Art der tat­säch­lich ergan­ge­nen Ent­schei­dung statt­haft ist, als auch das Rechts­mit­tel, das bei einer in der rich­ti­gen Form erlas­se­nen Ent­schei­dung zuläs­sig wäre. Der Grund­satz der Meist­be­güns­ti­gung fin­det in glei­cher Wei­se Anwen­dung, wenn – wie hier – das Gericht nach dem von ihm ange­wand­ten Ver­fah­rens­recht die Ent­schei­dungs­form zwar zutref­fend gewählt hat, der Feh­ler jedoch auf der Anwen­dung eines fal­schen Ver­fah­rens­rechts beruht 2.

Der Schutz­ge­dan­ke der Meist­be­güns­ti­gung gebie­tet es indes­sen nicht, dass das Rechts­mit­tel auf dem vom vor­in­stanz­li­chen Gericht ein­ge­schla­ge­nen fal­schen Weg wei­ter­ge­hen müss­te; viel­mehr hat das Rechts­mit­tel­ge­richt das Ver­fah­ren so wei­ter zu betrei­ben, wie dies im Fal­le einer for­mell rich­ti­gen Ent­schei­dung durch die Vor­in­stanz und dem danach gege­be­nen Rechts­mit­tel gesche­hen wäre. Daher kann die Meist­be­güns­ti­gung auch nicht zu einer dem kor­rek­ten Ver­fah­ren wider­spre­chen­den Erwei­te­rung des Instan­zen­zu­ges füh­ren 3. Aus dem Meist­be­güns­ti­gungs­grund­satz lässt sich inso­weit nicht her­lei­ten, dass gegen eine inkor­rek­te Ent­schei­dung auch noch dann ein ihrer äuße­ren Form ent­spre­chen­des Rechts­mit­tel – hier die zulas­sungs­freie Rechts­be­schwer­de nach § 15 Abs. 1 AVAG iVm § 574 Abs. 1 ZPO – zum Bun­des­ge­richts­hof statt­haft ist, wenn gegen eine kor­rek­te Ent­schei­dung die Anru­fung des Bun­des­ge­richts­hofs aus beson­de­ren Grün­den des jewei­li­gen Ver­fah­rens – hier wegen des Feh­lens einer posi­ti­ven Zulas­sungs­ent­schei­dung nach § 70 Abs. 1 FamFG – nicht statt­haft wäre.

Zwar hat das Beschwer­de­ge­richt ersicht­lich des­halb von einer Zulas­sungs­ent­schei­dung abge­se­hen, weil es aus­weis­lich sei­ner Ent­schei­dungs­grün­de – fol­ge­rich­tig – davon aus­ge­gan­gen ist, dass sei­ne Ent­schei­dung einer zulas­sungs­frei­en Rechts­be­schwer­de nach § 15 Abs. 1 AVAG iVm § 574 Abs. 1 Nr. 1 ZPO unter­liegt. Im fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren ver­bleibt es bei der Bin­dung des Rechts­be­schwer­de­ge­richts an die Nicht­zu­las­sung der Rechts­be­schwer­de indes­sen auch dann, wenn das Beschwer­de­ge­richt auf­grund eines Rechts­irr­tums davon aus­ge­gan­gen ist, dass eine Rechts­be­schwer­de gegen sei­ne Ent­schei­dung schon kraft Geset­zes statt­haft ist 4. Weil es nicht dar­auf ankommt, wor­auf der Rechts­irr­tum des Beschwer­de­ge­richts beruht, kann aus dem Gesichts­punkt, dass sich das Beschwer­de­ge­richt auf­grund der Anwen­dung eines unzu­tref­fen­den Ver­fah­rens­rechts kei­ne Gedan­ken über die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de machen muss­te, nicht her­ge­lei­tet wer­den, dass die bei Anwen­dung des zutref­fen­den Ver­fah­rens­rechts von einer posi­ti­ven Zulas­sungs­ent­schei­dung abhän­gi­ge Anru­fung des Bun­des­ge­richts­hofs nach dem Grund­satz der Meist­be­güns­ti­gung statt­haft sein müss­te 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2015 – XII ZB 75/​13

  1. Fort­füh­rung des BGH, Beschlus­ses vom 13.06.2012 – XII ZR 77/​10, Fam­RZ 2012, 1293[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 13.06.2012 – XII ZR 77/​10 , Fam­RZ 2012, 1293 Rn. 16 f.; und vom 29.02.2012 – XII ZB 198/​11 , Fam­RZ 2012, 783 Rn. 12 f.[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.07.2015 – XII ZB 586/​14 5; und vom 13.06.2012 – XII ZR 77/​10 , Fam­RZ 2012, 1293 Rn. 18 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 09.07.2014 – XII ZB 7/​14 , Fam­RZ 2014, 1620 Rn.20; vgl. auch BGH Beschlüs­se vom 10.05.2012 – IX ZB 295/​11 , NJW-RR 2012, 1509 Rn. 15; und vom 12.03.2009 – IX ZB 193/​08 , NJW-RR 2009, 1349 Rn. 9 f.[]
  5. vgl. auch BGH Beschluss vom 05.07.1990 – LwZR 7/​89 , NJW-RR 1990, 1483 f.[]