Miss­ach­tung von ele­men­ta­ren medi­zi­ni­schen Grund­re­geln

Als gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se, deren Miss­ach­tung einen Behand­lungs­feh­ler als grob erschei­nen las­sen kann, wer­den nicht nur die Erkennt­nis­se, die Ein­gang in Leit­li­ni­en, Richt­li­ni­en oder ander­wei­ti­ge aus­drück­li­che Hand­lungs­an­wei­sun­gen gefun­den haben gezählt, son­dern auch die ele­men­ta­ren medi­zi­ni­schen Grund­re­geln, die im jewei­li­gen Fach­ge­biet vor­aus­ge­setzt wer­den.

Miss­ach­tung von ele­men­ta­ren medi­zi­ni­schen Grund­re­geln

Der Bun­des­ge­richts­hof hat aktu­ell den ver­spä­te­ten Aus­tausch des 6,0‑Tubus durch einen 8,0‑Tubus und die Ver­zö­ge­rung der Bron­cho­sko­pie nicht als ein­fa­che Behand­lungs­feh­ler, son­dern als gro­be Behand­lungs­feh­ler ein­ge­stuft.

Zwar rich­tet sich die Bewer­tung eines ärzt­li­chen Fehl­ver­hal­tens als grob nach den gesam­ten Umstän­den des Ein­zel­falls, deren Wür­di­gung weit­ge­hend im tatrich­ter­li­chen Bereich liegt. Revi­si­ons­recht­lich ist jedoch sowohl nach­zu­prü­fen, ob das Beru­fungs­ge­richt den Begriff des gro­ben Behand­lungs­feh­lers ver­kannt, als auch, ob es bei der Gewich­tung die­ses Feh­lers erheb­li­chen Pro­zess­stoff außer Betracht gelas­sen oder ver­fah­rens­feh­ler­haft gewür­digt hat 1.

Ein sol­cher Rechts­feh­ler ist hier gege­ben. Das Beru­fungs­ge­richt ist zwar zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass ein Behand­lungs­feh­ler nur dann als grob zu bewer­ten ist, wenn der Arzt ein­deu­tig gegen bewähr­te ärzt­li­che Behand­lungs­re­geln oder gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se ver­sto­ßen und einen Feh­ler began­gen hat, der aus objek­ti­ver Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erscheint, weil er einem Arzt schlech­ter­dings nicht unter­lau­fen darf 2.

Soweit das Beru­fungs­ge­richt jedoch wei­ter meint, ein Ver­stoß gegen bewähr­te ärzt­li­che Behand­lungs­re­geln oder gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se kom­me nur dann in Betracht, wenn es für den kon­kre­ten Ein­zel­fall kla­re und fest­ste­hen­de Vor­ga­ben bzw. Hand­lungs­an­wei­sun­gen gebe, steht dies mit der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht im Ein­klang. Gesi­cher­te medi­zi­ni­sche Erkennt­nis­se, deren Miss­ach­tung einen Behand­lungs­feh­ler als grob erschei­nen las­sen kann, sind nicht nur die Erkennt­nis­se, die Ein­gang in Leit­li­ni­en, Richt­li­ni­en oder ander­wei­ti­ge aus­drück­li­che Hand­lungs­an­wei­sun­gen gefun­den haben. Hier­zu zäh­len viel­mehr auch die ele­men­ta­ren medi­zi­ni­schen Grund­re­geln, die im jewei­li­gen Fach­ge­biet vor­aus­ge­setzt wer­den 3. Wie die Revi­si­on unter Bezug­nah­me auf die Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen Prof. Dr. R. mit Recht gel­tend macht, gehört hier­zu auch der Grund­satz, dass ein Anäs­the­sist bei jeder sei­ner Hand­lun­gen sicher­zu­stel­len hat, dass das Sauer­stoff­an­ge­bot den Sauer­stoff­be­darf des Pati­en­ten deckt, da die obers­te Richt­schnur bei Durch­füh­rung einer Anäs­the­sie stets die opti­ma­le Sauer­stoff­ver­sor­gung des Pati­en­ten ist.

Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass das Beru­fungs­ge­richt zu einer ande­ren Beur­tei­lung des Fal­les gelangt wäre, wenn es die­se Grund­sät­ze berück­sich­tigt hät­te. Der gericht­li­che Sach­ver­stän­di­ge Prof. Dr. R. hat in sei­nem Gut­ach­ten aus­ge­führt, nach der Konio­to­mie sei es zu einer wei­te­ren sehr lang anhal­ten­den Pha­se von min­des­tens 40 Minu­ten der schwers­ten Hypo­xie gekom­men. In der für die Pati­en­tin lebens­be­droh­li­chen Situa­ti­on sei es dar­um gegan­gen, die Blut­ko­ageln, die die Atem­we­ge ver­legt hät­ten, "schnellst mög­lich" zu ent­fer­nen. Vor die­sem Hin­ter­grund hat es der Sach­ver­stän­di­ge mehr­fach als "unver­ständ­lich" bzw. "völ­lig unver­ständ­lich" bezeich­net, dass der Wech­sel auf einen grö­ße­ren Tubus erst 25 Minu­ten und die Bron­cho­sko­pie erst 45 Minu­ten nach der Konio­to­mie erfolgt sei­en. Er hat die Feh­ler in der Gesamt­be­trach­tung letzt­lich nur des­halb als "nicht voll­kom­men unver­ständ­lich" bewer­tet, weil er weder Leit­li­ni­en noch wis­sen­schaft­li­che Ver­öf­fent­li­chun­gen ken­ne, die Hand­lungs­richt­li­ni­en für einen sol­chen Sach­ver­halt ent­hiel­ten, und man den erst­mals mit einer sol­chen Situa­ti­on kon­fron­tier­ten Ärz­ten des­halb sub­jek­tiv nicht den Vor­wurf machen kön­ne, dass ihre Hand­lungs­wei­se voll­kom­men unver­ständ­lich sei. Auf die sub­jek­ti­ve Vor­werf­bar­keit kommt es aber nicht an. Die Annah­me einer Beweis­last­um­kehr nach einem gro­ben Behand­lungs­feh­ler ist kei­ne Sank­ti­on für ein beson­ders schwe­res Arzt­ver­schul­den, son­dern knüpft dar­an an, dass die Auf­klä­rung des Behand­lungs­ge­sche­hens wegen des Gewichts des Behand­lungs­feh­lers und sei­ner Bedeu­tung für die Behand­lung in beson­de­rer Wei­se erschwert wor­den ist, so dass der Arzt nach Treu und Glau­ben dem Pati­en­ten den Kau­sa­li­täts­be­weis nicht zumu­ten kann 4. Erfor­der­lich aber auch genü­gend ist des­halb ein Fehl­ver­hal­ten, das nicht aus sub­jek­ti­ven, in der Per­son des han­deln­den Arz­tes lie­gen­den Grün­den, son­dern aus objek­ti­ver ärzt­li­cher Sicht nicht mehr ver­ständ­lich erscheint 5.

Das Beru­fungs­ur­teil 6 war allein aus die­sem Grund auf­zu­he­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen, damit es die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen tref­fen kann (§ 562 Abs. 1, § 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO). Das Beru­fungs­ge­richt wird dabei Gele­gen­heit haben, sich gege­be­nen­falls auch mit den wei­te­ren Ein­wän­den der Revi­si­on – ins­be­son­de­re zur Feh­ler­haf­tig­keit der Vor­nah­me eines zwei­ten Intu­ba­ti­ons­ver­suchs – zu befas­sen und zu prü­fen, ob die Häu­fung meh­re­rer an sich nicht gro­ber Feh­ler die Behand­lung ins­ge­samt als grob feh­ler­haft erschei­nen lässt (vgl. BGH, Urtei­le vom 16.05.2000 – VI ZR 321/​98, BGHZ 144, 296, 303 f.; vom 29.05.2001 – VI ZR 120/​00, VersR 2001, 1030, 1031; BGH, Beschluss vom 09.06.2009 – VI ZR 261/​08, VersR 2009, 1406, 1407)).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. Sep­tem­ber 2011 – VI ZR 55/​09

  1. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 28.05.2002 – VI ZR 42/​01, VersR 2002, 1026, 1027; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 24; vom 16.06.2009 – VI ZR 157/​08, VersR 2009, 1267 Rn. 8[]
  2. BGH, Urtei­le vom 27.04.2004 – VI ZR 34/​03, BGHZ 159, 48, 53; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 25; vom 16.06.2009 – VI ZR 157/​08, VersR 2009, 1267 Rn. 15; Beschluss vom 22.09.2009 – VI ZR 32/​09, VersR 2010, 72 Rn. 6[]
  3. BGH,Urteile vom 03.12.1985 – VI ZR 106/​84, VersR 1986, 366, 367; vom 08.02.2000 – VI ZR 325/​98, VersR 2000, 1107, 1108; BGH, Beschlüs­se vom 09.06.2009 – VI ZR 261/​08, VersR 2009, 1406 Rn. 11 und – VI ZR 138/​08, VersR 2009, 1405 Rn. 3, 6, 8; Ger­da Mül­ler, VersR 2009, 1145, 1148; Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 6. Aufl., B Rn. 252; Steffen/​Pauge, Arzt­haf-tungs­recht, 11. Auf., Rn. 640, jeweils mwN.; Kat­zen­mei­er in Laufs/​Katzenmeier/​Lipp, Arzt­recht, 6. Aufl., XI Rn. 60[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 26.11.1991 – VI ZR 389/​90, VersR 1992, 238, 239; vom 27.03.2007 – VI ZR 55/​05, BGHZ 172, 1 Rn. 25; vom 16.06.2009 – VI ZR 157/​08, VersR 2009, 1267, 1268; vom 06.10.2009 – VI ZR 24/​09, VersR 2009, 1668, 1670; vom 16.03.2010 – VI ZR 64/​09, VersR 2010, 627 Rn. 18[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 26.11.1991 – VI ZR 389/​90, VersR 1992, 238, 239[]
  6. OLG Mün­chen, Urteil vom 22.01.2009 – 1 U 2357/​06[]