Rück­zah­lung über­höh­ter Abschlepp­kos­ten

Der Anspruch auf Rück­zah­lung über­höh­ter Abschlepp­kos­ten rich­tet sich auch dann gegen den gestör­ten Grund­stücks­be­sit­zer, wenn die­ser sei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Stö­rer an das Abschlepp­un­ter­neh­men abge­tre­ten hat.

Rück­zah­lung über­höh­ter Abschlepp­kos­ten

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall stell­te der Klä­ger sein Fahr­zeug auf einem Pri­vat­grund­stück im Bereich einer gekenn­zeich­ne­ten Feu­er­wehr­an­fahrts­zo­ne ab. Die Beklag­te ist auf­grund eines mit der Besit­ze­rin des Grund­stücks abge­schlos­se­nen Ver­tra­ges ver­pflich­tet, unbe­fugt abge­stell­te Fahr­zeu­ge von dem Grund­stück zu ent­fer­nen. Ihr sind von der Grund­stücks­be­sit­ze­rin deren Ansprü­che auf Ersatz der Abschlepp­kos­ten gegen unbe­rech­tigt Par­ken­de abge­tre­ten. Die Beklag­te setz­te das Fahr­zeug um. Des­sen Stand­ort teil­te sie dem Klä­ger erst nach Zah­lung der Abschlepp­kos­ten von 261,21 € (brut­to) mit. Der Klä­ger, der die­se Kos­ten für über­höht hält, ver­langt mit der Kla­ge die Rück­zah­lung von 130,31 €.

Sowohl das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Mit­te wie auch in der Beru­fungs­in­stanz das Land­ge­richt Ber­lin haben der Kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Mit der von dem Land­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on, deren Zurück­wei­sung der Klä­ger bean­tragt, ver­folgt die beklag­te Abschlepp­un­ter­neh­me­rin ihren Abwei­sungs­an­trag wei­ter – und erhielt vom Bun­des­ge­richts­hof Recht:

Dem Abge­schlepp­ten steht ein Berei­che­rungs­an­spruch nach § 812 Abs. 1 Satz 1 Alt. 1 BGB zu, soweit der von ihm geleis­te­te Betrag den ersatz­fä­hi­gen Scha­den über­steigt, den die Grund­stücks­be­sit­ze­rin durch das unbe­rech­tig­te Abstel­len sei­nes Fahr­zeugs erlit­ten hat 2.

Rechts­feh­ler­haft ist dage­gen die Annah­me, die­ser Anspruch rich­te sich gegen die Beklag­te. Der gestör­te Grund­stücks­be­sit­zer ist nicht nur dann Berei­che­rungs­schuld­ner, wenn das Abschlepp- bzw. Inkas­so­un­ter­neh­men blo­ße Zahl­stel­le für die Abschlepp­kos­ten ist 3, son­dern grund­sätz­lich auch in den Fäl­len, in denen er – wie hier – sei­nen Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Fahr­zeug­füh­rer (§ 823 Abs. 2 i.V.m. § 858 Abs. 1 BGB) an das Abschlepp- bzw. Inkas­so­un­ter­neh­men abge­tre­ten hat.

Nach inzwi­schen gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs fin­det, wenn der Schuld­ner nach Abtre­tung des Anspruchs an den Zes­sio­nar (Abtre­tungs­emp­fän­ger) geleis­tet hat, die berei­che­rungs­recht­li­che Rück­ab­wick­lung grund­sätz­lich nicht direkt in dem Ver­hält­nis die­ser Per­so­nen statt, son­dern zum einen zwi­schen dem Zes­sio­nar und dem Zeden­ten (Abtre­ten­der) und zum ande­ren zwi­schen die­sem und dem Schuld­ner 4. Maß­geb­li­cher Grund hier­für ist die sach­ge­rech­te Ver­tei­lung der Insol­venz­ri­si­ken, die nur gewähr­leis­tet ist, wenn die Rück­ab­wick­lung inner­halb der jewei­li­gen Kau­sal­ver­hält­nis­se erfolgt 5. Die­ser Gesichts­punkt hat auch bei einem gesetz­li­chen Schuld­ver­hält­nis, wie es infol­ge unbe­rech­tig­ten Par­kens zwi­schen dem betrof­fe­nen Grund­stücks­be­sit­zer und dem Fahr­zeug­füh­rer ent­steht, sei­ne Berech­ti­gung. Auch wenn dem Fahr­zeug­füh­rer der Grund­stücks­be­sit­zer in aller Regel unbe­kannt sein wird, ist es ihm eher zuzu­mu­ten, des­sen Insol­venz­ri­si­ko zu tra­gen als das­je­ni­ge des von die­sem beauf­trag­ten Abschlepp­un­ter­neh­mens. Wäh­rend ihm näm­lich das Par­ken auf dem frem­den Grund­stück unmit­tel­bar zuzu­rech­nen ist, hat er auf die Aus­wahl des Abschlepp­un­ter­neh­mens durch den Gestör­ten kei­ner­lei Ein­fluss. Gleich­zei­tig erscheint es bil­lig, das Insol­venz­ri­si­ko des Abschlepp- oder Inkas­so­un­ter­neh­mens dem Geschä­dig­ten als des­sen Auf­trag­ge­ber auf­zu­er­le­gen.

Außer­ge­wöhn­li­che Umstän­de, die eine Aus­nah­me von dem Grund­satz der berei­che­rungs­recht­li­chen Rück­ab­wick­lung im Ver­hält­nis zwi­schen dem Schuld­ner und dem Zeden­ten – hier also zwi­schen dem Klä­ger und der Grund­stücks­be­sit­ze­rin recht­fer­tig­ten, lie­gen nicht vor.

Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof in einem Fall, in dem der Zes­sio­nar den Schuld­ner – trotz ledig­lich vor­läu­fi­ger Berech­nung der (Werklohn-)Forderung – mit gro­ßer Inten­si­tät zu einer (Zuviel-)Zahlung gedrängt hat­te, eine Direkt­kon­dik­ti­on gegen den Zes­sio­nar zuge­las­sen 6. Maß­geb­lich dafür war aber nicht allein das Ver­hal­ten des Zes­sio­nars, son­dern die Erwä­gung, dass die­ses auf­grund der tat­säch­li­chen Umstän­de nicht der Rechts­be­zie­hung zwi­schen dem Schuld­ner und dem Zeden­ten zuge­rech­net wer­den konn­te und folg­lich auch die dar­auf beru­hen­de Zuviel­zah­lung ihre Ursa­che außer­halb des Ver­hält­nis­ses von Schuld­ner und Zeden­ten hat­te 7.

Dem­ge­gen­über ist in dem hier zu beur­tei­len­den Sach­ver­halt das Ver­hal­ten des beklag­ten Abschlepp­un­ter­neh­mens der Grund­stücks­be­sit­ze­rin ohne wei­te­res zuzu­rech­nen. Indem die Beklag­te die Bekannt­ga­be des Stand­orts des abge­schlepp­ten Fahr­zeugs von der vor­he­ri­gen Bezah­lung der Abschlepp­kos­ten abhän­gig mach­te, hat sie der Sache nach ein Zurück­be­hal­tungs­recht an dem Fahr­zeug des Klä­gers aus­ge­übt. Das ist eine im Grund­satz zuläs­si­ge und bei Abschlepp­vor­gän­gen nicht unüb­li­che Rechts­aus­übung 8, mit der die Grund­stücks­be­sit­ze­rin als Auf­trag­ge­be­rin des Abschlepp­vor­gangs rech­nen muss­te. Auch waren ihr aus dem Rah­men­ver­trag die Kos­ten bekannt, die die Beklag­te für das Umset­zen von Fahr­zeu­gen berech­ne­te. Soweit die­se Kos­ten den erstat­tungs­fä­hi­gen Scha­den der Grund­stücks­be­sit­ze­rin über­stei­gen, war eine unter dem Druck des Zurück­be­hal­tungs­rechts erfolg­te Zuviel­zah­lung des Klä­gers somit vor­her­seh­ba­re Fol­ge des Abschlepp­auf­trags; sie ist des­halb der Rechts­be­zie­hung zwi­schen die­sem und ihr als Geschä­dig­ter zuzu­rech­nen. Eine ande­re Beur­tei­lung käme nur in Betracht, wenn die Beklag­te die Bekannt­ga­be des Fahr­zeug­stand­orts von einer zusätz­li­chen, hin­ter dem Rücken der Grund­stücks­be­sit­ze­rin ver­ein­nahm­ten Zah­lung durch den Klä­ger abhän­gig gemacht hät­te. So liegt es hier jedoch nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Juli 2012 – V ZR 268/​11

  1. AG Mit­te, Urteil vom 16.03.2011 – 19 C 96/​10; LG Ber­lin, Urteil vom 25.10.2011 – 85 S 77/​11[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 05.06.2009 V ZR 144/​08, BGHZ 181, 233, 236 Rn. 11[]
  3. BGH, aaO[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 02.11.1988 – IVb ZR 102/​87, BGHZ 105, 365, 368 ff.; Urteil vom 10.03.1993 – XII ZR 253/​91, BGHZ 122, 46, 50 f.; Urteil vom 24.02.2003 – II ZR 385/​99, BGHZ 154, 88, 91; Urteil vom 19.01.2005 – VIII ZR 173/​03, NJW 2005, 1369[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 19.01.2005 – VIII ZR 173/​03, aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 08.06.1988 – IVb ZR 51/​87, NJW 1989, 161, 162[]
  7. vgl. BGH, aaO; Urteil vom 25.09.1996 – VIII ZR 76/​95, NJW 1997, 461, 464 sowie Urteil vom 26.01.2006 – I ZR 89/​03, NJW 2006, 1731, 1732[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 02.12.2011 V ZR 30/​11, NJW 2012, 528, 529 Rn. 17 f.[]