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Hemmschwellentheorie

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13. April 2012 | Strafrecht
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Der sogenannten “Hemmschwellentheorie” bei Tötungsdelikten hat jetzt der Bundesgerichtshof den Todesstoß versetzt:

Bedingt vorsätzliches Handeln setzt nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs voraus, dass der Täter den Eintritt des tatbestandlichen Erfolges als möglich und nicht ganz fernliegend erkennt, ferner dass er ihn billigt oder sich um des erstrebten Zieles willen zumindest mit der Tatbestandsverwirklichung abfindet1. Bei äußerst gefährlichen Gewalthandlungen liegt es nahe, dass der Täter mit der Möglichkeit rechnet, das Opfer könne zu Tode kommen und – weil er mit seinem Handeln gleichwohl fortfährt – einen solchen Erfolg billigend in Kauf nimmt2. Zwar können das Wissens- oder das Willenselement des Eventualvorsatzes gleichwohl im Einzelfall fehlen, so etwa, wenn dem Täter, obwohl er alle Umstände kennt, die sein Vorgehen zu einer das Leben gefährdenden Behandlung machen, das Risiko der Tötung infolge einer psychischen Beeinträchtigung – z.B. Affekt, alkoholische Beeinflussung oder hirnorganische Schädigung3 – zur Tatzeit nicht bewusst ist (Fehlen des Wissenselements) oder wenn er trotz erkannter objektiver Gefährlichkeit der Tat ernsthaft und nicht nur vage auf ein Ausbleiben des tödlichen Erfolges vertraut (Fehlen des Willenselements). Bei der erforderlichen Gesamtschau aller objektiven und subjektiven Tatumstände4 darf der Tatrichter den Beweiswert offensichtlicher Lebensgefährlichkeit einer Handlungsweise für den Nachweis eines bedingten Tötungsvorsatzes nicht so gering veranschlagen, dass auf eine eingehende Auseinandersetzung mit diesen Beweisanzeichen verzichtet werden kann5.

Die Annahme einer Billigung liegt nahe, wenn der Täter sein Vorhaben trotz erkannter Lebensgefährlichkeit durchführt6. Hierbei sind die zum Tat-geschehen bedeutsamen Umstände – insbesondere die konkrete Angriffsweise –, die psychische Verfassung des Täters bei der Tatbegehung sowie seine Motivation in die Beweiswürdigung mit einzubeziehen7. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist das Vertrauen auf ein Ausbleiben des tödlichen Erfolgs regelmäßig dann zu verneinen, wenn der vorgestellte Ablauf des Geschehens einem tödlichen Ausgang so nahe kommt, dass nur noch ein glücklicher Zufall diesen verhindern kann8.

Eingehend befasst sich der Bundesgerichtshofs sodann mit der Bedeutung der sogenannten „Hemmschwellentheorie“ für die Beweiswürdigung:

Zunächst bemängelt der Bundesgerichtshof freilich die bloße Erwähnung dieses Schlagworts im Strafurteil als „pauschal“ bzw. „formelhaft“. Zwar hat auch der Bundesgerichtshof immer wieder auf die „für Tötungsdelikte deutlich höhere Hemmschwelle“ hingewiesen9, allerdings auch gemeint, in Fällen des Unterlassens bestünden „generell keine psychologisch vergleichbaren Hemmschwellen vor einem Tötungsvorsatz“10. Für Fälle des positiven Tuns hat er an das Postulat einer Hemmschwelle anknüpfend weiter ausgeführt, dass selbst die offen zutage tretende Lebensgefährlichkeit zugefügter Verletzungen ein zwar gewichtiges Indiz, nicht aber einen zwingenden Beweisgrund für einen (bedingten) Tötungsvorsatz des Täters bedeute, der Tatrichter vielmehr gehalten sei, in seine Beweiserwägungen alle Umstände einzubeziehen, welche die Überzeugung von einem Handeln mit (bedingtem) Tötungsvorsatz in Frage stellen könnten11; sachlich vergleichbar fordern andere Entscheidungen vom Tatrichter, immer auch die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass der Täter die Gefahr der Tötung nicht erkannt oder jedenfalls darauf vertraut habe, ein solcher Erfolg werde nicht eintreten12. Wieder andere Entscheidungen verlangen „eine eingehende Prüfung anhand aller Umstände des Einzelfalles“13.

An den rechtlichen Anforderungen ändert sich indessen nichts, wenn die zur Annahme oder Verneinung bedingten Tötungsvorsatzes führende Beweiswürdigung ohne Rückgriff auf das Postulat einer Hemmschwelle überprüft wird14.

Im Verständnis des Bundesgerichtshofs erschöpft sich die „Hemmschwellentheorie“ somit in einem Hinweis auf § 261 StPO15. Der Bundesgerichtshof hat demgemäß immer wieder hervorgehoben, dass durch sie die Wertung der hohen und offensichtlichen Lebensgefährlichkeit von Gewalthandlungen als ein gewichtiges auf Tötungsvorsatz hinweisendes Beweisanzeichen16 in der praktischen Rechtsanwendung nicht in Frage gestellt oder auch nur relativiert werden solle17, auch nicht bei Taten zum Nachteil des eigenen Kindes18. Zur Verneinung des voluntativen Vorsatzelements bedarf es vielmehr in jedem Einzelfall tragfähiger Anhaltspunkte dafür, dass der Täter ernsthaft darauf vertraut haben könnte, der Geschädigte werde nicht zu Tode kommen19.

Der Hinweis auf eine „Hemmschwellentheorie“ entbehrt somit jedes argumentativen Gewichts. Im Übrigen hätte im hier entschiedenen Fall das Schwurgericht sich – von seinem Standpunkt aus – damit auseinander setzen müssen, dass schon der festgestellte Handlungsablauf, nämlich das wuchtige und zielgerichtete Stechen eines Messers aus schnellem Lauf in den Rücken eines ahnungslosen Opfers, das Überwinden einer etwa vorhandenen Hemmschwelle voraussetzt20. Auch ist eine erhebliche Alkoholisierung (oder ein Handeln in affektiver Erregung und aufgrund spontanen Entschlusses) nach sicherer Erfahrung gerade besonders geeignet, eine etwa vorhandene Hemmschwelle auch für äußerst gefährliche Gewalthandlungen herabzusetzen21.

Bundesgerichtshof, Urteil vom 22. März 2012 – 4 StR 558/11

  1. BGH, Urteil vom 09.05.1990 – 3 StR 112/90, BGHR StGB § 15 Vorsatz, bedingter 7 m.w.N.
  2. BGH, Beschluss vom 07.07.1992 – 5 StR 300/92, NStZ 1992, 587, 588
  3. BGH, Beschluss vom 16.07.1996 – 4 StR 326/96, StV 1997, 7; Schroth NStZ 1990, 324, 325
  4. vgl. BGH, Urteile vom 04.11.1988 – 1 StR 262/88, BGHSt 36, 1, 9 f., vom 20.12.2011 – VI ZR 309/10, WM 2012, 260, 262; und vom 21.12.2011 – 1 StR 400/11
  5. BGH, Urteil vom 07.06.1994 – 4 StR 105/94, StV 1994, 654; vgl. zusammenfassend zuletzt BGH, Urteil vom 23.02.2012 – 4 StR 608/11 m.w.N.
  6. st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 28.07.2005 – 4 StR 109/05, NStZ-RR 2005, 372; Urteil vom 18.10.2007 – 3 StR 226/07, NStZ 2008, 93 f.
  7. vgl. BGH, Urteile vom 27.08.2009 – 3 StR 246/09, NStZ-RR 2009, 372; und vom 27.01.2011 – 4 StR 502/10, NStZ 2011, 699, 702
  8. BGH, Urteile vom 16.09.2004 – 1 StR 233/04, NStZ 2005, 92; vom 23.06.2009 – 1 StR 191/09, NStZ 2009, 629, 630; und vom 01.12.2011 – 5 StR 360/11
  9. vgl. nur BGH, Urteil vom 07.06.1994 – 4 StR 105/94, StV 1994, 654; abl. z.B. Brammsen JZ 1989, 71, 78; Fahl NStZ 1997, 392; Fischer, StGB, 59. Aufl., § 212 Rn. 15 f.; Geppert Jura 2001, 55, 59; SSW-StGB/Momsen § 212 Rn. 12; Paeffgen, FS für Puppe, 791, 797 Fn. 25, 798 Fn. 30; NK-StGB/Puppe, 3. Aufl., § 212 Rn. 97 ff.; Rissing-van Saan, FS für Geppert, 497, 505 f., 510; Roxin, Strafrecht AT, Bd. I, 4. Aufl., § 12 Rn. 79 ff.; Münch-KommStGB/Schneider § 212 Rn. 48 f.; SK-StGB/Sinn § 212 Rn. 35; Trück NStZ 2005, 233, 234 f.; Verrel NStZ 2004, 233 ff.; vgl. auch Altvater NStZ 2005, 22, 23
  10. BGH, Urteil vom 07.11.1991 – 4 StR 451/91, NJW 1992, 583, 584; dazu Puppe NStZ 1992, 576, 577: „Anfang vom Ende der Hemmschwellentheorie“
  11. BGH, Beschlüsse vom 03.12.1997 – 3 StR 569/97, NStZ-RR 1998, 101; vom 08.05.2001 – 1 StR 137/01, NStZ 2001, 475, 476; und vom 02.02.2010 – 3 StR 558/09, NStZ 2010, 511, 512
  12. BGH, Beschlüsse vom 8. Mai 2008 – 3 StR 142/08, NStZ 2009, 91; und vom 22.04.2009 – 5 StR 88/09, NStZ 2009, 503; Urteil vom 25.03.2010 – 4 StR 594/09 m.w.N.
  13. BGH, Urteil vom 08.03.2001 – 4 StR 477/00, StV 2001, 572; ähnlich bereits BGH, Beschluss vom 27.11.1975 – 4 StR 637/75, VRS 50, 94, 95
  14. BGH, Urteile vom 03.07.1986 – 4 StR 258/86, NStZ 1986, 549, 550; und vom 07.08.1986 – 4 StR 308/86, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vorsatz, bedingter 3 [jeweils: sorgfältige Prüfung]; sowie vom 11.12.2001 – 1 StR 408/01, NStZ 2002, 541, 542 [Ausführungen zu einer Hemmschwelle bei stark alkoholisiertem Täter ohne Motiv nicht geboten]; ebenso für Fälle affektiv erregter, alkoholisierter, ohne Motiv, spontan oder unüberlegt handelnder Täter BGH, Beschlüsse vom 21.10.1986 – 4 StR 563/86, StV 1987, 92; vom 07.07.1999 – 2 StR 177/99, NStZ 1999, 507, 508; und vom 07.11.2002 – 3 StR 216/02, NStZ 2004, 51; Urteil vom 14.11.2001 – 3 StR 276/01; Beschluss vom 02.12.2003 – 4 StR 385/03, NStZ 2004, 329, 330; Urteil vom 14.12.2004 – 4 StR 465/04; Beschluss vom 20.09.2005 – 3 StR 324/05, NStZ 2006, 169, 170; Urteile vom 30.08.2006 – 2 StR 198/06, NStZ-RR 2007, 43, 44 [zusätzlich gruppendynamischer Prozess]; vom 18.01.2007 – 4 StR 489/06, NStZ-RR 2007, 141, 142; und vom 23.06.2009 – 1 StR 191/09, NStZ 2009, 629, 630; Beschluss vom 06.12.2011 – 3 StR 398/11; vgl. auch BGH, Beschluss vom 14.01.2003 – 4 StR 526/02, NStZ 2003, 369
  15. BGH, Urteil vom 11.01.1984 – 2 StR 615/83, StV 1984, 187; Beschluss vom 27.06.1986 – 2 StR 312/86, StV 1986, 421; Urteile vom 22.11.2001 – 1 StR 369/01, NStZ 2002, 314, 315; vom 23.04.2003 – 2 StR 52/03, NStZ 2003, 603, 604; und vom 16.10.2008 – 4 StR 369/08, NStZ 2009, 210, 211: jeweils sorgfältige Prüfung; vgl. weiter BGH, Urteil vom 25.11.1987 – 3 StR 449/87, NStZ 1988, 175; Beschlüsse vom 19.07.1994 – 4 StR 348/94, NStZ 1994, 585; und vom 25.11.2010 – 3 StR 364/10, NStZ 2011, 338, 339; Urteil vom 15.12.2010 – 2 StR 531/10, NStZ 2011, 210, 211; MünchKomm-StGB/Schneider § 212 Rn. 48: „prozessuale Selbstverständlichkeit“
  16. BGH, Urteil vom 24.04.1991 – 3 StR 493/90
  17. BGH, Urteile vom 24.03.1993 – 3 StR 485/92, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vorsatz, bedingter 35; vom 12.01.1994 – 3 StR 636/93, NStE Nr. 33 zu § 212 StGB; vom 11.10.2000 – 3 StR 321/00, BGHR StGB § 212 Abs. 1 Vorsatz, bedingter 51; und vom 27.08.2009 – 3 StR 246/09, NStZ-RR 2009, 372
  18. BGH, Urteil vom 17.07.2007 – 5 StR 92/07, NStZ-RR 2007, 304, 305
  19. BGH, Urteile vom 24.03.2005 – 3 StR 402/04; vom 09.08.2005 – 5 StR 352/04, NStZ 2006, 98, 99; vom 25.05.2007 – 1 StR 126/07, NStZ 2007, 639, 640; und vom 16.10.2008 aaO; Trück aaO S. 239 f.
  20. vgl. BGH, Urteil vom 16.04.2008 – 2 StR 95/08
  21. BGH, Urteil vom 24.02.2010 – 2 StR 577/09, NStZ-RR 2010, 214, 215; NK-StGB/Puppe, 3. Aufl., § 15 Rn. 93; Rissing-van Saan, aaO, S. 515; Roxin, aaO, Rn. 81; MünchKomm-StGB/Schneider § 212 Rn. 50; Trück aaO S. 238; Verrel aaO S. 311

 

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