Beru­fungs­ur­tei­le – und der Prü­fungs­um­fang des Bun­des­ar­beits­ge­richts

Nach § 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO unter­liegt der Beur­tei­lung des Revi­si­ons­ge­richts nur das­je­ni­ge Par­tei­vor­brin­gen, das aus dem Beru­fungs­ur­teil oder dem Sit­zungs­pro­to­koll ersicht­lich ist.

Beru­fungs­ur­tei­le – und der Prü­fungs­um­fang des Bun­des­ar­beits­ge­richts

Die Vor­schrift des § 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist zwar ein­schrän­kend dahin aus­zu­le­gen, dass in bestimm­tem Umfang auch Tat­sa­chen, die erst wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens oder nach Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz ein­ge­tre­ten sind, in die Urteils­fin­dung ein­flie­ßen kön­nen, soweit sie unstrei­tig sind oder ihr Vor­lie­gen in der Revi­si­ons­in­stanz ohne­hin von Amts wegen zu beach­ten ist und schüt­zens­wer­te Belan­ge der Gegen­sei­te nicht ent­ge­gen­ste­hen [1].

Tat­sa­chen, die bereits vor Schluss der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in der Tat­sa­chen­in­stanz ent­stan­den sind und von einer Par­tei erst wäh­rend des Revi­si­ons­ver­fah­rens vor­ge­tra­gen wer­den, kön­nen vom Revi­si­ons­ge­richt jedoch nicht berück­sich­tigt wer­den [2].

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt muss­te im hier ent­schie­de­nen Fall nicht dar­über befin­den, ob neu­es Vor­brin­gen bereits zuvor bestehen­der Tat­sa­chen in der Revi­si­on dann Berück­sich­ti­gung fin­den kann, wenn es unstrei­tig oder sei­ne Rich­tig­keit offen­kun­dig ist [3]. Die Par­tei­en haben in der Revi­si­ons­in­stanz die neu vor­ge­tra­ge­ne Gel­tung des Rah­men­ta­rif­ver­trags für ihr Arbeits­ver­hält­nis nicht unstrei­tig gestellt.

Das inso­weit neue Vor­brin­gen ist jedoch nach Rück­ver­wei­sung vom Beru­fungs­ge­richt zu berück­sich­ti­gen, wenn die Par­tei­en nach des­sen Rechts­auf­fas­sung kei­nen Anlass hat­ten, bestimm­te Tat­sa­chen vor­zu­tra­gen, auf die es aber nach der Rechts­an­sicht des Revi­si­ons­ge­richts ankommt [4]. Zu dem ergän­zen­den Vor­brin­gen ist den Par­tei­en durch die Zurück­ver­wei­sung der Sache Gele­gen­heit zu geben [5].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 24. Okto­ber 2019 – 2 AZR 168/​18

  1. vgl. BAG 24.01.2006 – 3 AZR 484/​04, Rn. 24; BGH 23.09.2014 – VI ZR 358/​13, Rn. 21, BGHZ 202, 242[]
  2. vgl. BGH 14.08.2019 – IV ZR 279/​17, Rn. 34; 2.03.2017 – I ZR 273/​14, Rn. 44; zu einer Revi­si­ons­be­grün­dung, die aus­schließ­lich auf neue Tat­sa­chen gestützt wird, die nach der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Beru­fungs­ge­richt ent­stan­den sind BAG 16.04.2015 – 6 AZR 352/​14, Rn. 15 f.[]
  3. vgl. zuletzt BAG 7.12 2016 – 4 AZR 112/​14, Rn. 32; 15.04.2014 – 3 AZR 51/​12, Rn. 51; für das Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren vgl. BAG 26.04.2005 – 1 ABR 1/​04, zu B I 1 b der Grün­de, BAGE 114, 272[]
  4. vgl. BAG 29.01.2014 – 6 AZR 345/​12, Rn. 66, BAGE 147, 172[]
  5. GMP/­Mül­ler-Glö­ge 9. Aufl. § 74 Rn. 121[]