Kein Kopf­tuch in NRW-Schu­len

Seit dem 1. August 2006 heißt es in § 57 Abs. 4 des nord­rhein-west­fä­li­schen Schul­ge­set­zes:

Kein Kopf­tuch in NRW-Schu­len

Leh­re­rin­nen und Leh­rer dür­fen in der Schu­le kei­ne poli­ti­schen, reli­giö­sen, welt­an­schau­li­chen oder ähn­li­che äuße­re Bekun­dun­gen abge­ben, die geeig­net sind, die Neu­tra­li­tät des Lan­des gegen­über Schü­le­rin­nen und Schü­lern sowie Eltern oder den poli­ti­schen, reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stö­ren. Ins­be­son­de­re ist ein äuße­res Ver­hal­ten unzu­läs­sig, wel­ches bei Schü­le­rin­nen und Schü­lern oder den Eltern den Ein­druck her­vor­ru­fen kann, dass eine Leh­re­rin oder ein Leh­rer gegen die Men­schen­wür­de, die Gleich­be­rech­ti­gung nach Arti­kel 3 des Grund­ge­set­zes, die Frei­heits­grund­rech­te oder die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung auf­tritt. Die Wahr­neh­mung des Erzie­hungs­auf­trags nach Arti­kel 7 und 12 Abs. 6 der Ver­fas­sung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len und die ent­spre­chen­de Dar­stel­lung christ­li­cher und abend­län­di­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te oder Tra­di­tio­nen wider­spricht nicht dem Ver­hal­tens­ge­bot nach Satz 1. Das Neu­tra­li­täts­ge­bot des Sat­zes 1 gilt nicht im Reli­gi­ons­un­ter­richt und in den Bekennt­nis- und Welt­an­schau­ungs­schu­len.“

Die­se Vor­schrift recht­fer­tigt nach einem aktu­el­len Urteil des Bun­des­ar­beits­ge­richts die Kün­di­gung einer tür­kisch­stäm­mi­gen Leh­re­rin, die auch nach Abmah­nung ihr Kopf­tuch nicht abge­nom­men hat:

Die im Jahr 1977 gebo­re­ne Klä­ge­rin trat 2001 als Leh­re­rin in die Diens­te des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len. Sie ist tür­ki­scher Abstam­mung und bekennt sich zum isla­mi­schen Glau­ben. Sie erteil­te mut­ter­sprach­li­chen Unter­richt in tür­ki­scher Spra­che. Dabei han­delt es sich um ein frei­wil­li­ges Zusatz­an­ge­bot der Schu­len. Am Unter­richt nah­men aus­schließ­lich mus­li­mi­sche Schü­ler teil.Bei ihrer Bewer­bung hat­te die Klä­ge­rin ein Licht­bild ein­ge­reicht, das sie mit Kopf­tuch zeig­te. In der dar­auf fol­gen­den Zeit ver­rich­te­te sie ihren Dienst stets mit Kopf­tuch.

Im August 2006 wur­de die Klä­ge­rin von ihrem Schul­lei­ter davon in Kennt­nis gesetzt, dass das Tra­gen eines Kopf­tuchs nach isla­mi­schem Reli­gi­ons­brauch mit der Neu­fas­sung des SchulG NRW nicht mehr ver­ein­bar sei. Die Klä­ge­rin führ­te dar­auf­hin in einer schrift­li­chen Stel­lung­nah­me aus, sie tra­ge das Kopf­tuch seit ihrem 12. Lebens­jahr, und zwar aus eige­nem Wunsch und aus reli­giö­ser Über­zeu­gung. Nach einer erneu­ten Anhö­rung der Klä­ge­rin sprach das beklag­te Land Nord­rhein-West­fa­len mit Schrei­ben vom 21. Novem­ber 2006 eine Abmah­nung aus. Dar­in hielt es der Klä­ge­rin das Tra­gen des Kopf­tuchs als Pflich­ten­ver­stoß vor und kün­dig­te arbeits­recht­li­che Maß­nah­men bis hin zur Kün­di­gung an, falls sie nicht spä­tes­tens ab dem 27. Novem­ber 2006 dau­er­haft ohne Kopf­tuch in der Schu­le erschei­nen soll­te. Die Klä­ge­rin kam der Auf­for­de­rung nicht nach. Nach Zustim­mung des Per­so­nal­rats erklär­te das beklag­te Land dar­auf­hin mit Schrei­ben vom 22. Febru­ar 2007 die Kün­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses zum 30. Juni 2007.

Das Arbeits­ge­richt hat die Kün­di­gungs­schutz­kla­ge der Klä­ge­rin abge­wie­sen, das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm die Beru­fung der Klä­ge­rin zurück­ge­wie­sen 1. Die Revi­si­on der Klä­ge­rin hier­ge­gen wies das Bun­des­ar­beits­ge­richt jetzt eben­falls zurück:

Das Tra­gen des Kopf­tuchs als ver­hal­tens­be­ding­ter Kün­di­gungs­grund

Die Kün­di­gung ist aus ver­hal­tens­be­ding­ten Grün­den iSv. § 1 Abs. 2 KSchG sozi­al gerecht­fer­tigt, so das Bun­des­ar­beits­ge­richt.

Eine Kün­di­gung ist durch Grün­de im Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers bedingt, wenn der Arbeit­neh­mer mit dem ihm vor­ge­wor­fe­nen Ver­hal­ten eine Ver­trags­pflicht – in der Regel schuld­haft – erheb­lich ver­letzt hat, das Arbeits­ver­hält­nis dadurch kon­kret beein­träch­tigt wird, eine zumut­ba­re Mög­lich­keit einer ande­ren Beschäf­ti­gung nicht besteht und die Lösung des Arbeits­ver­hält­nis­ses in Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Ver­trags­tei­le bil­li­gens­wert und ange­mes­sen erscheint 2. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind gege­ben. Das beklag­te Land hat das Ver­hal­ten der Klä­ge­rin zu Recht als Pflicht­ver­let­zung gewer­tet. Die Klä­ge­rin hat gegen das Neu­tra­li­täts­ge­bot des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW ver­sto­ßen.

Nach die­ser Bestim­mung dür­fen Leh­re­rin­nen und Leh­rer in der Schu­le kei­ne reli­giö­sen Bekun­dun­gen abge­ben, die geeig­net sind, die Neu­tra­li­tät des Lan­des gegen­über Schü­lern und Eltern oder den reli­giö­sen Schul­frie­den zu gefähr­den oder zu stö­ren.

Die Klä­ge­rin hat die­ses Neu­tra­li­täts­ge­bot ver­letzt. Sie ist als Leh­re­rin im Sin­ne des § 57 Abs. 4 SchulG NRW beschäf­tigt. Die bewuss­te Wahl einer reli­gi­ös bestimm­ten Klei­dung fällt unter das Ver­bot des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW. Eine reli­giö­se Bekun­dung im Sin­ne von § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW ist die bewuss­te, an die Außen­welt gerich­te­te Kund­ga­be einer reli­giö­sen Über­zeu­gung 3. Im Streit­fall besteht – auch nach den eige­nen Erklä­run­gen der Klä­ge­rin – kein Zwei­fel, dass sie das Kopf­tuch trägt, weil sie dem von ihr als maß­geb­lich ange­se­he­nen Reli­gi­ons­brauch fol­gen will. In eben die­sem Sinn fasst auch der unbe­fan­ge­ne Beob­ach­ter das Tra­gen des Kopf­tuchs auf.

Das Ver­hal­ten der Klä­ge­rin ist geeig­net, die Neu­tra­li­tät des Lan­des gegen­über Schü­lern und Eltern und den reli­giö­sen Schul­frie­den zu gefähr­den. Das Ver­bot in § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW knüpft an einen abs­trak­ten Gefähr­dungs­tat­be­stand an. Es erfasst nicht erst Bekun­dun­gen, die die Neu­tra­li­tät des Lan­des oder den reli­giö­sen Schul­frie­den kon­kret gefähr­den oder gar stö­ren. Das Ver­bot soll schon einer abs­trak­ten Gefahr vor­beu­gen, um kon­kre­te Gefähr­dun­gen gar nicht erst auf­kom­men zu las­sen. Im Geset­zes­wort­laut kommt dies dar­in zum Aus­druck, dass reli­giö­se Bekun­dun­gen bereits dann ver­bo­ten sind, wenn sie „geeig­net“ sind, die genann­ten Schutz­gü­ter zu gefähr­den 4. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber woll­te ersicht­lich dar­auf Bedacht neh­men, dass die Schu­le ein Ort ist, an dem unter­schied­li­che poli­ti­sche und reli­giö­se Auf­fas­sun­gen unaus­weich­lich auf­ein­an­der­tref­fen, deren fried­li­ches Neben­ein­an­der der Staat zu garan­tie­ren hat. Die reli­giö­se Viel­falt in der Gesell­schaft hat zu einem ver­mehr­ten Poten­zi­al von Kon­flik­ten auch in der Schu­le geführt. In die­ser Lage ist der reli­giö­se Schul­frie­den schon durch die berech­tig­te Sor­ge der Eltern vor einer unge­woll­ten reli­giö­sen Beein­flus­sung ihrer Kin­der gefähr­det. Dazu kann das reli­gi­ös bedeu­tungs­vol­le Erschei­nungs­bild des päd­ago­gi­schen Per­so­nals Anlass geben 5.

Dass die Klä­ge­rin aus­schließ­lich mus­li­mi­sche Schü­ler unter­rich­te­te und die­se frei­wil­lig teil­nah­men, führt zu kei­ner ande­ren Bewer­tung. Viel­mehr gewinnt die reli­giö­se Neu­tra­li­tät gera­de dort Bedeu­tung, wo ihre Ver­let­zung als reli­giö­se Par­tei­nah­me gewer­tet wer­den kann. Das ist bei einem von den Anhän­gern eines Glau­bens nicht ein­hel­lig befolg­ten reli­gi­ös bestimm­ten Brauch wie dem Tra­gen eines Kopf­tuchs in beson­de­rem Maße der Fall, weil der Ein­druck ent­ste­hen kann, durch die Dul­dung des Brauchs wer­de er gewis­ser­ma­ßen offi­zi­ell als ver­bind­lich und sogar vor­bild­lich aner­kannt. Eben die­se Par­tei­nah­me soll durch das Gesetz ver­mie­den wer­den.

Die Rege­lung des § 57 Abs. 4 SchulG NRW ver­stößt nicht gegen höher­ran­gi­ges Recht.

Das Bekun­dungs­ver­bot des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW ist nicht ver­fas­sungs­wid­rig. Der Lan­des­ge­setz­ge­ber durf­te die Pflich­ten der bei ihm beschäf­tig­ten Lehr­kräf­te kon­kre­ti­sie­ren und ihnen ua. das Tra­gen von sol­cher Klei­dung oder Zei­chen in der Schu­le unter­sa­gen, die ihre Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaft erken­nen las­sen 6.

Der Lan­des­ge­setz­ge­ber war zustän­dig und berech­tigt, ein Gesetz zu erlas­sen, das einen Aus­gleich der wider­strei­ten­den Inter­es­sen und Grund­rech­te von Lehr­kräf­ten, päd­ago­gi­schem Per­so­nal, Schü­lern und Eltern sowie des Staa­tes als des Trä­gers des all­ge­mei­nen Erzie­hungs­auf­trags regelt 7.

Die Lösung des ver­fas­sungs­recht­li­chen Span­nungs­ver­hält­nis­ses durch § 57 Abs. 4 SchulG NRW ver­letzt nicht die Grund­sät­ze der prak­ti­schen Kon­kor­danz der betrof­fe­nen Grund­rechts­po­si­tio­nen. Die Rege­lung liegt im Rah­men der Gestal­tungs­frei­heit des Lan­des­ge­setz­ge­bers. Die­ser durf­te die posi­ti­ve Glau­bens­frei­heit und die Berufs­aus­übungs­frei­heit eines päd­ago­gi­schen Mit­ar­bei­ters hin­ter die staat­li­che Pflicht zur welt­an­schau­li­chen Neu­tra­li­tät, das Erzie­hungs­recht der Eltern und die nega­ti­ve Glau­bens­frei­heit der Schü­ler zurück­tre­ten las­sen, um die Neu­tra­li­tät der Schu­le und den Schul­frie­den zu sichern. Die Ver­mei­dung reli­gi­ös-welt­an­schau­li­cher Kon­flik­te in öffent­li­chen Schu­len stellt ein gewich­ti­ges Gemein­gut dar 8. Zu die­sem Zweck sind gesetz­li­che Ein­schrän­kun­gen der Glau­bens­frei­heit recht­lich zuläs­sig 3. Dabei ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, wenn die lan­des­ge­setz­li­che Rege­lung reli­giö­se Bekun­dun­gen von Leh­rern in öffent­li­chen Schu­len ohne Rück­sicht auf die Umstän­de des Ein­zel­falls unter­sagt. Der Gesetz­ge­ber darf Gefähr­dun­gen des Schul­frie­dens auch dadurch vor­beu­gen, dass er Leh­rern bereits das Tra­gen reli­gi­ös bedeut­sa­mer Klei­dungs­stü­cke oder Sym­bo­le ver­bie­tet und muss kon­flikt­ver­mei­den­de Rege­lun­gen nicht an die kon­kre­te Gefahr einer dro­hen­den Aus­ein­an­der­set­zung knüp­fen 9.

Das Neu­tra­li­täts­ge­bot des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW ver­stößt nicht gegen den Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG. Es behan­delt die ver­schie­de­nen Reli­gio­nen nicht unter­schied­lich. Die gesetz­li­che Rege­lung erfasst jede Art reli­giö­ser Bekun­dung unab­hän­gig von deren Inhalt 10. Christ­li­che Glau­bens­be­kun­dun­gen wer­den nicht bevor­zugt. Dies gilt auch mit Blick auf § 57 Abs. 4 Satz 3 SchulG NRW. Nach die­ser Bestim­mung wider­spricht die Wahr­neh­mung des Erzie­hungs­auf­trags nach Art. 7 und Art. 12 Abs. 6 Lan­des­ver­fas­sung Nord­rhein-West­fa­len und die ent­spre­chen­de Dar­stel­lung christ­li­cher und abend­län­di­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te oder Tra­di­tio­nen nicht dem Ver­hal­tens­ge­bot nach § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW. Gegen­stand der Rege­lung in Satz 3 der Vor­schrift ist die Dar­stel­lung, nicht die Bekun­dung christ­li­cher Wer­te. Bestimm­te Wer­te dar­zu­stel­len heißt, sie zu erör­tern und zum Gegen­stand einer Dis­kus­si­on zu machen. Das schließt die Mög­lich­keit der Rück­fra­ge und Kri­tik ein. Die Dar­stel­lung christ­li­cher und abend­län­di­scher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te ist nicht gleich­zu­set­zen mit der Bekun­dung eines indi­vi­du­el­len Bekennt­nis­ses. Bei ihr geht es nicht um die Kund­ga­be inne­rer Ver­bind­lich­kei­ten, die der Dar­stel­len­de für sich aner­kannt hät­te 11. Außer­dem bezeich­net der Begriff des „Christ­li­chen“ – unge­ach­tet sei­ner Her­kunft aus dem reli­giö­sen Bereich – eine von Glau­bens­in­hal­ten los­ge­lös­te, aus der Tra­di­ti­on der christ­lich-abend­län­di­schen Kul­tur her­vor­ge­gan­ge­ne Wer­te­welt, die erkenn­bar auch dem Grund­ge­setz zugrun­de liegt und unab­hän­gig von ihrer reli­giö­sen Fun­die­rung Gel­tung bean­sprucht. Der Auf­trag zur Wei­ter­ga­be christ­li­cher Bil­dungs- und Kul­tur­wer­te ver­pflich­tet und berech­tigt die Schu­le des­halb nicht zur Ver­mitt­lung bestimm­ter Glau­bens­in­hal­te, son­dern betrifft Wer­te, denen jeder Beschäf­tig­te des öffent­li­chen Diens­tes unab­hän­gig von sei­ner reli­giö­sen Über­zeu­gung vor­be­halt­los zustim­men kann 12.

Die Rege­lung des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW behan­delt die Klä­ge­rin auch nicht wegen ihres Geschlechts ungleich. Die Vor­schrift ver­bie­tet reli­giö­se Bekun­dun­gen unab­hän­gig vom Geschlecht. Sie rich­tet sich nicht etwa spe­zi­ell gegen das von Frau­en getra­ge­ne isla­mi­sche Kopf­tuch oder ent­spre­chen­de Kopf­be­de­ckun­gen 13.

Kein Ver­stoß gegen Art. 9 EMRK

Das Neu­tra­li­täts­ge­bot des § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW ver­stößt nicht gegen Art. 9 EMRK. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat ent­schie­den, dass ein Ver­bot, wäh­rend des Unter­richts an öffent­li­chen Schu­len reli­giö­se Sym­bo­le zu tra­gen, eine gem. Art. 9 Abs. 2 EMRK not­wen­di­ge Ein­schrän­kung der nach Abs. 1 der Bestim­mung gewähr­leis­te­ten Reli­gi­ons­frei­heit eines Leh­rers ist, wel­ches wegen der mög­li­chen Beein­träch­ti­gung der Grund­rech­te der Schü­ler und Eltern aus­ge­spro­chen wird, um die Neu­tra­li­tät des Unter­richts zu gewähr­leis­ten. Dabei ist den Kon­ven­ti­ons­staa­ten ein Beur­tei­lungs­spiel­raum ein­ge­räumt. Die Rege­lun­gen kön­nen ent­spre­chend den jewei­li­gen Tra­di­tio­nen und den Erfor­der­nis­sen zum Schutz der Rech­te ande­rer und zur Auf­recht­erhal­tung der öffent­li­chen Ord­nung von Staat zu Staat ver­schie­den sein. Auf die­ser Grund­la­ge hat der Gerichts­hof das Ver­bot für eine Leh­re­rin in einer Schwei­zer Grund­schu­le, wäh­rend des Unter­richts ein isla­mi­sches Kopf­tuch zu tra­gen, eben­so als mit der Reli­gi­ons­frei­heit des Art. 9 Abs. 1 EMRK ver­ein­bar ange­se­hen wie das gene­rel­le, nicht nur für Dozen­tin­nen, son­dern auch für Stu­den­tin­nen gel­ten­de Ver­bot, ein sol­ches Kopf­tuch an tür­ki­schen Hoch­schu­len zu tra­gen. Dar­in liegt kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en, wenn auch Ver­bots­maß­nah­men gegen Män­ner vor­ge­se­hen sind, falls die­se ihre reli­giö­se Über­zeu­gung unter den glei­chen Umstän­den durch das Tra­gen von Klei­dungs­stü­cken bekun­den 14.

Kein Ver­stoß gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot

§ 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW ver­letzt als lan­des­recht­li­che Vor­schrift nicht das bun­des­ge­setz­li­che Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des § 7 Abs. 1 AGG. Zwar kann das Bekun­dungs­ver­bot zu einer unmit­tel­ba­ren Benach­tei­li­gung der Lehr­kraft aus Grün­den der Reli­gi­on im Sin­ne von § 7 Abs. 1, §§ 1, 3 Abs. 1 AGG füh­ren. Eine unter­schied­li­che Behand­lung aus reli­giö­sen Grün­den zur Erfül­lung einer wesent­li­chen beruf­li­chen Anfor­de­rung ist gem. § 8 Abs. 1 AGG aber zuläs­sig, wenn der Zweck recht­mä­ßig und die Anfor­de­rung ange­mes­sen ist. Dies ist hier gege­ben. Im Streit­fall ist zwar nicht eine bestimm­te Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit oder gera­de deren Feh­len als ein in § 1 AGG genann­ter Grund Vor­aus­set­zung für die Aus­übung der frag­li­chen Tätig­keit. Gleich­wohl liegt ein Anwen­dungs­fall von § 8 Abs. 1 AGG vor. Der Klä­ge­rin gereicht eine bestimm­te Form ihrer Reli­gi­ons­aus­übung zum Nach­teil. Deren Unter­las­sung wie­der­um ist wegen der Bedin­gun­gen der Aus­übung ihrer Tätig­keit eine wesent­li­che und ent­schei­den­de beruf­li­che Anfor­de­rung. Der damit ver­folg­te Zweck ist recht­mä­ßig und die Anfor­de­rung ange­mes­sen.

Der von § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW ver­folg­te Zweck, die Neu­tra­li­tät des Lan­des und den reli­giö­sen Schul­frie­den zu garan­tie­ren, ist recht­mä­ßig.

Die gesetz­li­che Anfor­de­rung, reli­giö­se Bekun­dun­gen in der Schu­le zu unter­las­sen, ist ange­mes­sen. Sie unter­sagt eine äuße­re Kund­ga­be der eige­nen reli­giö­sen Über­zeu­gung ledig­lich wäh­rend des Auf­ent­halts im Bereich der Schu­le und besteht aus­schließ­lich um der – nega­ti­ven – Reli­gi­ons­frei­heit Ande­rer wil­len. Der Begriff der Ange­mes­sen­heit erfor­dert es nicht, das Tra­gen reli­gi­ös bedeu­tungs­vol­ler Klei­dungs­stü­cke nur mit Blick auf die kon­kre­ten Umstän­de und Ver­hält­nis­se der jewei­li­gen Schu­le zu unter­sa­gen 15. Eine lan­des­ge­setz­li­che Bestim­mung, die sich als ver­fas­sungs­ge­mä­ßer Aus­gleich wider­strei­ten­der Grund­rechts­po­si­tio­nen erweist, ist zugleich ange­mes­sen im Sin­ne der bun­des­ge­setz­li­chen Rege­lung des § 8 Abs. 1 AGG 6.

Kein Tra­ge­an­spruch wegen Voll­zugs­de­fi­zits

Die Klä­ge­rin hat auch unter dem von ihr gel­tend gemach­ten Gesichts­punkt des Voll­zugs­de­fi­zits kei­nen Anspruch dar­auf, wäh­rend des Unter­richts ein Kopf­tuch zu tra­gen. Weder ergibt sich aus der von ihr bemän­gel­ten Ver­wal­tungs­pra­xis ein Anhalts­punkt dafür, dass im Gesetz bereits eine Ungleich­be­hand­lung ange­legt wäre, noch ist die­se Ver­wal­tungs­pra­xis zu bean­stan­den. Der Umstand, dass an der West­fä­li­schen Schu­le für Blin­de und Seh­be­hin­der­te in Pader­born eine Schwes­ter in Ordens­tracht unter­rich­tet, reicht nicht aus, um auf eine ein­sei­tig gegen isla­mi­sche Bekun­dun­gen gerich­te­te, christ­li­che Bekun­dun­gen ver­scho­nen­de Ver­wal­tungs­pra­xis des beklag­ten Lan­des zu schlie­ßen. Viel­mehr han­delt es sich inso­weit um eine his­to­risch beding­te Son­der­si­tua­ti­on. Zum einen wur­de der Orden (Die Kon­gre­ga­ti­on der Schwes­tern der Christ­li­chen Lie­be) im Zusam­men­hang mit der Über­ga­be der ursprüng­lich als Pri­vat­in­sti­tut betrie­be­nen Ein­rich­tung (Schu­le für Blin­de und Seh­be­hin­der­te) an das beklag­te Land (bzw. die Pro­vin­zi­al­ver­wal­tung West­fa­len) gegrün­det. Zum ande­ren ist die Orden­schwes­ter ledig­lich im Rah­men eines Gestel­lungs­ver­trags für das beklag­te Land tätig. Bei­des spricht gegen das Vor­lie­gen einer ver­gleich­ba­ren Situa­ti­on. Dass bei dem beklag­ten Land noch wei­te­re Leh­rer beschäf­tigt wer­den, die im Unter­richt reli­giö­sen Klei­dungs­bräu­chen fol­gen, ist nicht ersicht­lich.

Kein Ver­trau­ens­schutz

Ohne Erfolg macht die Klä­ge­rin Ver­trau­ens­schutz für sich gel­tend. Ver­trau­ens­schutz gegen Geset­ze kann nur inso­weit bestehen, als die Geset­ze sich – sog. ech­te oder unech­te – Rück­wir­kung bei­mes­sen. Dar­an fehlt es hier.

Das Rechts­staats­prin­zip und die Grund­rech­te begren­zen die Befug­nis des Gesetz­ge­bers, Rechts­än­de­run­gen vor­zu­neh­men, die an Sach­ver­hal­te in der Ver­gan­gen­heit anknüp­fen. Es bedarf des­halb einer beson­de­ren Recht­fer­ti­gung, wenn der Gesetz­ge­ber die Rechts­fol­gen eines der Ver­gan­gen­heit zuge­hö­ri­gen Ver­hal­tens nach­träg­lich belas­tend ändert. Eine Rechts­norm ent­fal­tet dann (ech­te) Rück­wir­kung, wenn der Beginn ihrer zeit­li­chen Anwen­dung auf einen Zeit­punkt fest­ge­legt ist, der vor dem Zeit­punkt liegt, zu dem die Norm recht­lich exis­tent, das heißt gül­tig gewor­den ist. Dem­ge­gen­über betrifft die tat­be­stand­li­che Rück­an­knüp­fung („unech­te“ Rück­wir­kung) nicht den zeit­li­chen, son­dern den sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich einer Norm. Die Rechts­fol­gen eines Geset­zes tre­ten erst nach Ver­kün­dung der Norm ein, ihr Tat­be­stand erfasst aber Sach­ver­hal­te, die bereits vor der Ver­kün­dung „ins Werk gesetzt“ wor­den sind 16.

Im Streit­fall liegt weder eine ech­te noch eine unech­te Rück­wir­kung vor. Die zeit­li­che Anwen­dung des Geset­zes begann nicht vor sei­nem Inkraft­tre­ten am 1. August 2006. Die­ses knüpft auch nicht an reli­giö­se Bekun­dun­gen vor dem 1. August 2006 an. Dass die Klä­ge­rin Dis­po­si­tio­nen in der Erwar­tung getrof­fen hat, die Rechts­la­ge wer­de sich nicht ändern, führt nicht zu einer ihr güns­ti­ge­ren Bewer­tung. Die blo­ße Annah­me, recht­lich wer­de alles blei­ben wie es ist, genießt kei­nen recht­li­chen Schutz.

Die Klä­ge­rin ist trotz der – nach Maß­ga­be der vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen berech­tig­ten – Abmah­nung nicht bereit gewe­sen, bei der Arbeit das Kopf­tuch abzu­le­gen. Mit einer Ände­rung ihres Ver­hal­tens ist nicht zu rech­nen.

Die gem. § 1 Abs. 2 KSchG erfor­der­li­che umfas­sen­de Inter­es­sen­ab­wä­gung führt nicht zur Sozi­al­wid­rig­keit der Kün­di­gung. Danach ist eine ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung nur dann sozi­al gerecht­fer­tigt, wenn sie bei voll­stän­di­ger Wür­di­gung und Abwä­gung der Inter­es­sen bei­der Ver­trags­par­tei­en bil­li­gens­wert und ange­mes­sen erscheint 17. Von die­sen Grund­sät­zen ist das Lan­des­ar­beits­ge­richt Hamm aus­ge­gan­gen und hat sie zutref­fend ange­wandt. Dabei hat es zuguns­ten der Klä­ge­rin die Dau­er der bean­stan­dungs­frei­en Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit und die sozia­le Situa­ti­on (Unter­halts­pflich­ten) in Ansatz gebracht, ist sodann aber – was revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den ist – zu dem Schluss gekom­men, dass dem beklag­ten Land eine dau­er­haf­te Miss­ach­tung der gesetz­lich ange­ord­ne­ten Ver­hal­tens­re­ge­lun­gen iSv. § 57 Abs. 4 Satz 1 SchulG NRW gleich­wohl nicht zuge­mu­tet wer­den kön­ne.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 10. Dezem­ber 2009 – 2 AZR 55/​09

  1. LAG Hamm, Urteil vom 16.10.2008 – 11 Sa 572/​08 und 11 Sa 280/​08[]
  2. BAG 31.05.2007 – 2 AZR 200/​06, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 57 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 71[]
  3. BVerwG 16.12.2008 – 2 B 46.08, ZTR 2009, 167; BVerwG 24.06.2004 – 2 C 45.03, BVerw­GE 121, 140[][]
  4. BAG 20.08.2009 – 2 AZR 499/​08, NZA 2010, 227; für die inso­weit inhalts­glei­che Vor­schrift des § 59b Abs. 4 Brem­SchulG: BVerfG 22.02.2006 – 2 BvR 1657/​05, BVerfGK 7, 320, m.w.N.; zur gleich­lau­ten­den Vor­schrift des § 38 Abs. 2 SchulG BW: BVerwG 24.06.2004 – 2 C 45.03, BVerw­GE 121, 140[]
  5. BAG 20.08.2009 – 2 AZR 499/​08, a.a.O.; BVerwG 24.06.2004 – 2 C 45.03, a.a.O.[]
  6. BAG 20.08.2009 – 2 AZR 499/​08, NZA 2010, 227[][]
  7. BVerfG 24.09.2003 – 2 BvR 1436/​02, BVerfGE 108, 282; BVerwG 24.06.2004 – 2 C 45.03, BVerw­GE 121, 140[]
  8. BVerfG 24.09.2003 – 2 BvR 1436/​02, BVerfGE 108, 282; BVerwG 26.06.2008 – 2 C 22.07, BVerw­GE 131, 242[]
  9. BAG 20.08.2009 – 2 AZR 499/​08, NZA 2010, 227; BVerwG 16.12.2008 – 2 B 46.08, a.a.O.; BVerwG 26.06.2008 – 2 C 22.07, a.a.O.[]
  10. BAG 20.08.2009 – 2 AZR 499/​08, NZA 2010, 227; zu § 38 Abs. 2 SchulG BW: BVerwG 24.06.2004 – 2 C 45.03, BVerw­GE 121, 140[]
  11. zu § 38 Abs. 2 Satz 3 SchulG BW: VGH B‑W 14.03.2008 – 4 S 516/​07[]
  12. so BVerwG 16.12.2008 – 2 B 46.08, ZTR 2009, 167; 24.06.2004 – 2 C 45.03, a.a.O.[]
  13. BAG 20.08.2009 – 2 AZR 499/​08, NZA 2010, 227; zu § 38 SchulG BW: VGH B‑W 14.03.2008 – 4 S 516/​07[]
  14. EGMR 10.11.2005 – 44774/​98, NVwZ 2006, 1389; EGMR 15.02.2001 – 42393/​98, NJW 2001, 2871[]
  15. BVerwG 16.12.2008 – 2 B 46.08, ZTR 2009, 167; a.A. Walter/​von Ungern-Stern­berg DVBl. 2008, 880[]
  16. BVerfG 05.02.2004 – 2 BvR 2029/​01, BVerfGE 109, 133[]
  17. vgl. BAG 24.06.2004 – 2 AZR 63/​03, AP KSchG 1969 § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 49 = EzA KSchG § 1 Ver­hal­tens­be­ding­te Kün­di­gung Nr. 65; APS/​Dörner 3. Aufl. § 1 KSchG Rn. 274[]