Leis­tungs­be­ur­tei­lung nach dem ERA-TV

Die Ermitt­lung des Leis­tungs­er­geb­nis­ses gemäß § 18.1 ERA-TV erfolgt durch den Arbeit­ge­ber. Die Bestim­mung des Leis­tungs­ent­gel­tes gemäß § 14.1 ERA-TV ist nach bil­li­gem Ermes­sen zu tref­fen (§ 315 Abs. 1 BGB).

Leis­tungs­be­ur­tei­lung nach dem ERA-TV

Zwar erteilt auch der hier zu Grun­de lie­gen­de ERA-TV dem Arbeit­ge­ber für die Leis­tungs­be­ur­tei­lung des Arbeit­neh­mers in §§ 15 ff. detail­lier­te Vor­ga­ben 1. Gleich­wohl setzt die Bewer­tung der von den Tarif­ver­trags­par­tei­en bei­spiel­haft vor­ge­ge­be­nen Kri­te­ri­en (zB. wirk­sa­me Arbeits­aus­füh­rung, ratio­nel­le Durch­füh­rung, sorg­fäl­ti­ge Durch­füh­rung, Ide­en­viel­falt, Ziel­ori­en­tie­rung, Selbst­stän­dig­keit, Über­nah­me von Ver­ant­wor­tung, Zusam­men­ar­beit) und die ein­zel­ne Zuord­nung zu den Beur­tei­lungs­stu­fen einen Akt wer­ten­der Erkennt­nis des Beur­tei­len­den vor­aus.

Jeden­falls wenn der Arbeit­ge­ber eine Leis­tungs­be­ur­tei­lung erstellt hat, kann die­se nur dahin­ge­hend über­prüft wer­den, ob die Gren­zen des Ermes­sens ein­ge­hal­ten sind und ob nicht sach­frem­de oder will­kür­li­chem Moti­ve für die Bestim­mung maß­ge­bend gewe­sen sind 2.

Eine Leis­tungs­be­ur­tei­lung, die zunächst vom Vor­ge­setz­ten des Klä­gers erstellt wor­den ist, hat eine hohe Rich­tig­keits­ge­währ, wenn sie sowohl vom Arbeit­ge­ber als auch vom Betriebs­rat akzep­tiert wor­den ist.

Wird eine Leis­tungs­be­ur­tei­lung durch eine pari­tä­ti­sche Kom­mis­si­on vor­ge­nom­men, ist die­se im arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nur dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob sie im tarif­lich vor­ge­se­he­nen Ver­fah­ren ergan­gen ist und ob ihre wer­ten­de und beur­tei­len­de Ent­schei­dung grob unbil­lig im Sin­ne von § 319 BGB ist 3. Hät­ten die Betriebs­par­tei­en gemäß § 18.4 ERA-TV in ihrer Rah­men­ver­ein­ba­rung eine pari­tä­ti­sche Kom­mis­si­on für die Über­prü­fung der Rekla­ma­tio­nen ein­ge­setzt, könn­te des­halb deren Ergeb­nis neben Ver­fah­rens­feh­lern nur dar­auf über­prüft wer­den, ob es grob unbil­lig ist.

Auch wenn bei der Beklag­ten kei­ne pari­tä­ti­sche Kom­mis­si­on für die Über­prü­fung der Leis­tungs­be­ur­tei­lun­gen gebil­det und des­halb die Leis­tungs­be­stim­mung nicht einem Drit­ten im Sin­ne des § 317 Abs. 1 BGB über­las­sen wor­den ist, hat das Ergeb­nis des in § 3.4 Rah­men­ver­ein­ba­rung vor­ge­se­he­nen Rekla­ma­ti­ons­ver­fah­rens eine hohe Rich­tig­keits­ge­währ, wenn die Per­so­nal­ab­tei­lung der Beklag­ten und der Betriebs­rat die vom Vor­ge­setz­ten erstell­te Leis­tungs­be­ur­tei­lung bil­li­gen.

Wenn der beur­tei­len­de Vor­ge­setz­te die Arbeits­leis­tung eines Arbeit­neh­mers nach ver­schie­de­nen vor­be­stimm­ten Kri­te­ri­en zu bewer­ten hat, besteht immer die Gefahr, dass nicht nur die Arbeits­leis­tung, son­dern auch sons­ti­ge – sub­jek­ti­ve – Erwä­gun­gen die Beur­tei­lung und damit die Höhe der Leis­tungs­zu­la­ge beein­flus­sen. Wenn aber wei­te­re Per­so­nen oder Gre­mi­en des Arbeit­ge­bers und des Betriebs­rats die Leis­tungs­be­ur­tei­lung des Vor­ge­setz­ten über­prü­fen und damit ein­ver­stan­den sind, spricht viel für die Rich­tig­keit der Leis­tungs­be­ur­tei­lung. Dabei wird nicht ver­kannt, dass gemäß § 3.4 Rah­men­ver­ein­ba­rung der Vor­ge­setz­te, die Per­so­nal­ab­tei­lung und der Betriebs­rat nur eine ein­ver­nehm­li­che Lösung erar­bei­ten und kei­ne Ent­schei­dung tref­fen sol­len. Wenn in die­sem Ver­fah­ren aber die Per­so­nal­ab­tei­lung und der Betriebs­rat mit der Leis­tungs­be­ur­tei­lung des Vor­ge­setz­ten ein­ver­stan­den sind, hat die­se eine hohe Rich­tig­keits­ge­währ. Dabei ist Fol­gen­des zu berück­sich­ti­gen: Im tarif­ver­trag­lich vor­ge­ge­be­nen Ver­fah­ren zur Ermitt­lung des Leis­tungs­ent­gel­tes nach dem ERA-TV hat der Arbeit­ge­ber kein wirt­schaft­li­ches Inter­es­se an einer schlech­te­ren Beur­tei­lung des Leis­tungs­er­geb­nis­ses des Arbeit­neh­mers. Gemäß § 21.1 ERA-TV soll die Sum­me der Leis­tungs­ent­gel­te aller Arbeit­neh­mer bezo­gen auf den Betrieb 15 % der Grund­ent­gelt­sum­me erge­ben. Die­ser Pro­zent­satz kann in einem engen Kor­ri­dor zwi­schen 14 % und 16 % schwan­ken. Wenn der Arbeit­ge­ber des­halb einen Arbeit­neh­mer schlech­ter beur­teilt, spart er in der Regel kein Ent­gelt, son­dern hat nur die Mög­lich­keit, ande­re Arbeit­neh­mer bes­ser zu beur­tei­len. Es spricht also viel für die Objek­ti­vi­tät des vor­ge­ge­be­nen tarif­ver­trag­li­chen Ver­fah­rens zur Ermitt­lung des Leis­tungs­er­geb­nis­ses, wenn drit­te Per­so­nen die Beur­tei­lung des Vor­ge­setz­ten akzep­tie­ren.

Das Leis­tungs­er­geb­nis des Arbeit­neh­mers wird im Ver­hält­nis zu den Leis­tun­gen der ande­ren Arbeit­neh­mer ermit­telt und ist des­halb rela­tiv.

Wie bereits oben erwähnt, gibt der hier Anwen­dung fin­den­de Tarif­ver­trag dem Arbeit­ge­ber das Volu­men der Leis­tungs­ent­gel­te vor, das nur gering­fü­gig unter- oder über­schrit­ten wer­den darf. Auf der ande­ren Sei­te hat der Arbeit­ge­ber die Leis­tungs­be­ur­tei­lung der Arbeit­neh­mer min­des­tens ein­mal im Jahr vor­zu­neh­men. Nach den Vor­ga­ben des Tarif­ver­tra­ges (§§ 14.2 und 14.3)) soll dabei das indi­vi­du­el­le, über der tarif­li­chen Bezugs­ba­sis lie­gen­de Leis­tungs­er­geb­nis abge­gol­ten wer­den. Da die Arbeits­leis­tung eines Arbeit­neh­mers in der Regel nicht sta­tisch, son­dern Schwan­kun­gen unter­wor­fen ist (Alter, Gesund­heit, Lebens­kri­sen), geht das tarif­ver­trag­lich vor­ge­ge­be­ne Sys­tem der Leis­tungs­er­mitt­lung davon aus, dass sich das indi­vi­du­el­le Leis­tungs­ent­gelt ändern kann und und im Sin­ne einer Anreiz­funk­ti­on auch soll. Bei der tarif­ver­trag­lich vor­ge­ge­be­nen Sum­me der Leis­tungs­ent­gel­te kann das auch zu Ver­än­de­run­gen bei den­je­ni­gen Arbeit­neh­mern füh­ren, die in ihrer Leis­tung gleich geblie­ben sind. Wer­den meh­re­re Arbeit­neh­mer in ihrer Leis­tungs­be­ur­tei­lung näm­lich ange­ho­ben, hat dies Kon­se­quen­zen für die Leis­tungs­be­ur­tei­lung ande­rer Arbeit­neh­mer, weil der Arbeit­ge­ber in dem tarif­ver­trag­lich vor­ge­se­he­nen Kor­ri­dor blei­ben muss. Die indi­vi­du­el­le Leis­tung der ein­zel­nen Arbeit­neh­mer muss also in ein Rang­ver­hält­nis gebracht wer­den und ist des­halb rela­tiv. Dabei muss nicht der ein­zel­ne beur­tei­len­de Vor­ge­setz­te bei sei­nen Leis­tungs­be­ur­tei­lun­gen auf einen Durch­schnitt zwi­schen 14 % und 16 % kom­men. Viel­mehr müs­sen sich alle Beur­tei­len­den im Betrieb dahin­ge­hend abstim­men. Das geschieht bei der Beklag­ten in der Wei­se, dass sich die Vor­ge­setz­ten aller ca. 500 zu beur­tei­len­den Arbeit­neh­mer jedes Jahr in einem Abstim­mungs­pro­zess befin­den.

Die die Leis­tung gem. § 315 Abs. 1 BGB bestim­men­de Par­tei (hier der Arbeit­ge­ber) hat die ihre Leis­tungs­be­stim­mung tra­gen­den und deren Bil­lig­keit recht­fer­ti­gen­den Umstän­de dar­zu­tun und zu bewei­sen 4. Wie oben bereits aus­ge­führt, spricht viel für die Rich­tig­keit der dem Leis­tungs­ent­gelt zu Grun­de lie­gen­den Leis­tungs­be­ur­tei­lung und die Ein­hal­tung des dem Beur­tei­len­den zuste­hen­den Beur­tei­lungs­spiel­raums, wenn die Leis­tungs­be­ur­tei­lung in dem vor­ge­ge­be­nen Ver­fah­ren erstellt; und vom Arbeit­ge­ber und Betriebs­rat bestä­tigt wor­den ist. Zwar kön­nen auf die­sen Sach­ver­halt nicht die Grund­sät­ze über den Anscheins­be­weis her­an­ge­zo­gen wer­den mit der Fol­ge einer Umkehr der kon­kre­ten Beweis­füh­rungs­last. Der Anscheins­be­weis ist in der Recht­spre­chung näm­lich bei typi­schen Gesche­hens­ab­läu­fen nur zum Nach­weis des ursäch­li­chen Zusam­men­hangs und des Ver­schul­dens ent­wi­ckelt wor­den und aner­kannt 5 und nicht für rea­le Sach­ver­hal­te 6. Es spricht aller­dings eine tat­säch­li­che Ver­mu­tung für die Rich­tig­keit des Beur­tei­lungs­er­geb­nis­ses. Eine tat­säch­li­che Ver­mu­tung ist Erfah­rungs­wis­sen und im Rah­men der Beweis­wür­di­gung von gro­ßer Bedeu­tung 7.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 13. August 2013 – 8 Sa 5/​13

  1. vgl. BAG 20.02.2012 – 5 AZR 229/​11 (F) – EzA § 4 TVG Metall­in­dus­trie Nr. 146, Rn. 27[]
  2. BAG 12.10.1961 – 5 AZR 423/​60NJW 1962,268, Grün­de I. 5.a[]
  3. BAG 22.01.1997 – 10 AZR 468/​96 – AP Nr. 146 zu § 1 TVG Tarif­ver­trä­ge Metall­in­dus­trie, Rn. 51[]
  4. BGH 30.04.2003 – VIII ZR 279/​02NJW 2003, 3131, Grün­de II. 2. a[]
  5. zB. BGH 17.02.1988 – IVa ZR 277/​86[]
  6. Zöl­ler-Gre­ger ZPO 29. Aufl. vor § 284 Rn. 31[]
  7. Baumgärtel/​Laumen/​Prütting, Hand­buch der Beweis­last, § 14 Die tat­säch­li­che Ver­mu­tung, Rn. 21[]