Tarif­ver­trag, Betriebs­ver­ein­ba­rung oder doch nur ein ein­fa­cher schuld­recht­li­che Ver­trag zuguns­ten Drit­ter?

Im Gegen­satz zu einem Tarif­ver­trag oder einer Betriebs­ver­ein­ba­rung lässt ein Ver­trag zuguns­ten Drit­ter (§ 328 BGB) abwei­chen­de Ver­ein­ba­run­gen zu. Die Par­tei­en kön­nen eine ander­wei­ti­ge Abspra­che etwa in einem Arbeits­ver­trag tref­fen.

Tarif­ver­trag, Betriebs­ver­ein­ba­rung oder doch nur ein ein­fa­cher schuld­recht­li­che Ver­trag zuguns­ten Drit­ter?

Nach § 1 Abs. 1 TVG regelt ein Tarif­ver­trag die Rech­te und Pflich­ten der Tarif­ver­trags­par­tei­en und ent­hält Rechts­nor­men, die den Inhalt, den Abschluss und die Been­di­gung von Arbeits­ver­hält­nis­sen sowie betrieb­li­che und betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­che Fra­gen ord­nen kön­nen. Als Tarif­ver­trag im Sin­ne des TVG kann nur ein zwi­schen einer Gewerk­schaft und einem oder meh­re­ren Arbeit­ge­bern bzw. Ver­ei­ni­gun­gen von Arbeit­ge­bern abge­schlos­se­ner schrift­li­cher Ver­trag ange­se­hen wer­den, der der Fest­le­gung von Rechts­nor­men zur Rege­lung von Arbeits- und Wirt­schafts­be­din­gun­gen dient und damit tarif­li­che Rech­te und Pflich­ten der tarif­un­ter­wor­fe­nen Arbeit­neh­mer und Arbeit­ge­ber unmit­tel­bar begrün­den soll. Im Inter­es­se der Rechts­si­cher­heit und Rechts­klar­heit muss der dar­auf gerich­te­te Wil­le der Tarif­ver­trags­par­tei­en hin­rei­chend deut­lich und über­prüf­bar her­vor­tre­ten 1. Eine ver­trag­li­che Rege­lung zwi­schen Tarif­fä­hi­gen muss jedoch kein Tarif­ver­trag, son­dern kann auch ein sons­ti­ger Ver­trag oder ein Koali­ti­ons­ver­trag sein, zB ein schuld­recht­li­cher Nor­men­ver­trag oder ein schuld­recht­li­cher Nor­men­ver­trag zuguns­ten Drit­ter (§ 328 BGB). Es ist, soweit kein Typen­zwang besteht, grund­sätz­lich Sache der Ver­trags­par­tei­en zu ver­ein­ba­ren, um wel­che Art eines Ver­trags es sich bei ihrer Ver­ein­ba­rung han­deln soll 2. Die recht­li­che Bewer­tung eines Ver­trags als Tarif­ver­trag im Sin­ne des TVG setzt dazu nicht des­sen ent­spre­chen­de Benen­nung vor­aus. Auch ein nur als "Ver­ein­ba­rung" bezeich­ne­ter Ver­trag kann als Tarif­ver­trag zu bewer­ten sein, wenn er der Sache nach als sol­cher anzu­se­hen ist. Das ist jedoch dann nicht mög­lich, wenn dies dem erklär­ten Wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en wider­spricht 3. Ent­schei­dend ist, ob die Ver­trags­part­ner ihren Wil­len zur Norm­set­zung hin­rei­chend deut­lich zum Aus­druck gebracht haben. Dazu müs­sen sie durch bin­den­de, dh. nor­ma­ti­ve Rege­lun­gen die Klä­rung von Rechts­an­wen­dungs­pro­ble­men ver­bind­lich vor­weg­neh­men 4.

Ent­spre­chen­des gilt für Ver­ein­ba­run­gen der Betriebs­part­ner. Der (Gesamt-)Betriebs­rat kann neben einer Betriebs­ver­ein­ba­rung, die er wegen ihrer unmit­tel­ba­ren und zwin­gen­den Norm­wir­kung (§ 77 Abs. 4 BetrVG) in der Regel abschlie­ßen wird, mit dem Arbeit­ge­ber eben­falls eine nur schuld­recht­lich bin­den­de Rege­lungs­ab­re­de tref­fen. Eine Rege­lungs­ab­re­de begrün­det die schuld­recht­li­che Ver­pflich­tung der Betriebs­part­ner, sich ent­spre­chend der getrof­fe­nen Ver­ein­ba­rung zu ver­hal­ten 5.

Die Klä­rung, ob ein Tarif­ver­trag oder eine Betriebs­ver­ein­ba­rung abge­schlos­sen oder ob eine schuld­recht­li­che Ver­ein­ba­rung getrof­fen wur­de, rich­tet sich nach den all­ge­mei­nen Regeln über das Zustan­de­kom­men und über die Aus­le­gung schuld­recht­li­cher Ver­trä­ge gemäß §§ 133, 157 BGB. Danach ist der wirk­li­che Wil­le der Ver­trags­par­tei­en zu erfor­schen. Die Regeln über die Aus­le­gung von Tarif­ver­trä­gen und Betriebs­ver­ein­ba­run­gen sind inso­weit nicht her­an­zu­zie­hen. Sie betref­fen nur den norm­set­zen­den (nor­ma­ti­ven) Teil, nicht aber die vor­ge­schal­te­te Fra­ge, ob es sich über­haupt um einen Tarif­ver­trag oder eine Betriebs­ver­ein­ba­rung han­delt 6.

Nor­ma­ti­ve Rege­lun­gen, durch wel­che der Inhalt von Arbeits­ver­hält­nis­sen unmit­tel­bar und zwin­gend gestal­tet wer­den soll, müs­sen dem Gebot der Rechts­quel­len­klar­heit im Sin­ne einer Ein­deu­tig­keit der Nor­mur­he­ber­schaft genü­gen. Dies folgt aus den Erfor­der­nis­sen der Rechts­si­cher­heit und Zure­chen­bar­keit, die in den Schrift­form­ge­bo­ten ins­be­son­de­re des § 1 Abs. 2 TVG und des § 77 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 BetrVG ihren gesetz­li­chen Nie­der­schlag gefun­den haben. Tarif­ver­trä­ge und Betriebs­ver­ein­ba­run­gen glei­chen sich zwar in ihrer nor­ma­ti­ven Wir­kung. Gleich­wohl bestehen zwi­schen ihnen gra­vie­ren­de Unter­schie­de, die es aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit erfor­dern, den Rechts­cha­rak­ter eines kol­lek­ti­ven Nor­men­ver­trags zwei­fels­frei bestim­men zu kön­nen 7. Des­halb sind Bestim­mun­gen in Ver­ein­ba­run­gen, die von Arbeit­ge­ber, Gewerk­schaft und Betriebs­rat gemein­sam unter­zeich­net sind, unwirk­sam, wenn sich aus ihnen selbst nicht zwei­fels­frei ergibt, wer Urhe­ber der ein­zel­nen Rege­lun­gen sein soll und um wel­che Rechts­quel­le es sich jeweils han­delt 8.

Danach hat in dem hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall das Hes­si­sche Lan­des­ar­beits­ge­richt in der Vor­in­stanz die streit­ge­gen­ständ­li­che Ver­ein­ba­rung vom 05.10.2011 zutref­fend als schuld­recht­li­che Ver­ein­ba­rung ange­se­hen 9. Die Annah­me des Lan­des­ar­beits­ge­richts, die Unter­zeich­ner der Ver­ein­ba­rung hät­ten ihren Wil­len, eine schuld­recht­li­che Ver­ein­ba­rung zu schlie­ßen, dadurch zum Aus­druck gebracht, dass sie die­se ent­ge­gen der Üblich­keit im Unter­neh­men der Arbeit­ge­be­rin nicht mit einer fort­lau­fen­den Num­mer ver­se­hen als Tarif­ver­trag oder als Gesamt­be­triebs­ver­ein­ba­rung bezeich­net haben, ist revi­si­ons­recht­lich nicht zu bean­stan­den. Auch wenn grund­sätz­lich nicht schon die Bezeich­nung einer Ver­ein­ba­rung über deren Rechts­qua­li­tät ent­schei­det, las­sen hier die wei­te­ren Umstän­de der Ent­ste­hung der Ver­ein­ba­rung erkenn­bar dar­auf schlie­ßen, dass die Unter­zeich­ner kei­ne nor­ma­ti­ve Ver­ein­ba­rung tref­fen woll­ten. Die Ver­ein­ba­rung vom 05.10.2011 wur­de nach den nicht mit Ver­fah­rens­rügen ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts im Zusam­men­hang mit dem Abschluss von Tarif­ver­trä­gen geschlos­sen. Die Tarif­ver­trä­ge wur­den – wie üblich – num­me­riert, nicht jedoch die streit­ge­gen­ständ­li­che Ver­ein­ba­rung, mit der die Ver­trags­part­ner zudem "fol­gen­des Vor­ge­hen" ver­ein­bart haben. Dar­aus lässt sich ent­neh­men, dass die Ver­ein­ba­rung nur die Ver­trags­part­ner bin­den soll. Dafür spricht auch, dass die Ver­ein­ba­rung sowohl von tarif­fä­hi­gen Par­tei­en (Arbeit­ge­ber und ver.di) als auch von den Betriebs­par­tei­en (Arbeit­ge­ber und Gesamt­be­triebs­rat) unter­zeich­net wur­de. Dies steht einer unzwei­fel­haf­ten Ein­ord­nung der Ver­ein­ba­rung als Tarif­ver­trag oder Betriebs­ver­ein­ba­rung ent­ge­gen. Auch Nr. 3 der Ver­ein­ba­rung vom 05.10.2011 ist inso­weit nicht klar zuzu­ord­nen. Rege­lun­gen über die Begrün­dung von Arbeits­ver­hält­nis­sen kön­nen – jeden­falls für frü­he­re Betriebs­an­ge­hö­ri­ge, zu denen nach § 5 Abs. 1 Satz 1 BetrVG auch die zu ihrer Berufs­aus­bil­dung Beschäf­tig­ten zäh­len – mit nor­ma­ti­ver Wir­kung sowohl durch Tarif­ver­trag als auch durch Betriebs­ver­ein­ba­rung getrof­fen wer­den 10. Die­se Umstän­de spre­chen dafür, dass die Arbeit­ge­be­rin, die Ver­ein­te Dienst­leis­tungs­ge­werk­schaft (ver.di) und der Gesamt­be­triebs­rat mit der Ver­ein­ba­rung bewusst die Rechts­ka­te­go­rie einer schuld­recht­li­chen Ver­ein­ba­rung gewählt haben. Die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis ent­spricht auch dem Gebot der Rechts­quel­len­klar­heit.

Zwar hat auch ein Ver­trag zuguns­ten Drit­ter iSv. § 328 BGB rechts­ver­bind­li­chen Cha­rak­ter und kann nicht ein­sei­tig vom Arbeit­ge­ber abge­än­dert wer­den. Auf indi­vi­du­al­ver­trag­li­cher Ebe­ne sind jedoch durch rechts­ge­schäft­li­che Ver­ein­ba­run­gen der Par­tei­en des Arbeits­ver­trags davon abwei­chen­de Abspra­chen mög­lich. Dies ergibt sich dar­aus, dass ein durch einen Ver­trag zuguns­ten Drit­ter begrün­de­ter Anspruch kei­nen zwin­gen­den Cha­rak­ter hat wie ein tarif­li­cher Anspruch gemäß § 4 Abs. 1 Satz 1 TVG 11 oder wie ein Anspruch aus einer Betriebs­ver­ein­ba­rung nach § 77 Abs. 4 Satz 1 BetrVG 12.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 12. April 2017 – 7 AZR 446/​15

  1. BAG 26.01.1983 – 4 AZR 224/​80BAGE 41, 307[]
  2. BAG 14.04.2004 – 4 AZR 232/​03 – zu – II 1 c aa der Grün­de, BAGE 110, 164[]
  3. BAG 14.04.2004 – 4 AZR 232/​03 – zu – II 1 b der Grün­de, aaO[]
  4. BAG 9.02.2011 – 7 AZR 91/​10, Rn. 48; 19.05.2010 – 4 AZR 903/​08, Rn. 37, 39[]
  5. vgl. BAG 8.09.2010 – 7 ABR 73/​09, Rn. 39, BAGE 135, 264; 21.01.2003 – 1 ABR 9/​02 – zu B – II 2 c bb (2) der Grün­de[]
  6. vgl. BAG 14.04.2004 – 4 AZR 232/​03 – zu – II 1 b der Grün­de, BAGE 110, 164[]
  7. vgl. hier­zu aus­führ­lich BAG 15.04.2008 – 1 AZR 86/​07, Rn. 18 ff., BAGE 126, 251[]
  8. BAG 15.04.2008 – 1 AZR 86/​07 – aaO[]
  9. Hess. LAG, Urteil vom 27.07.2015 – 16 Sa 61/​15[]
  10. vgl. Fit­ting 28. Aufl. § 77 Rn. 128; Kreutz GK-BetrVG 10. Aufl. § 77 Rn. 220, 221[]
  11. BAG 14.04.2004 – 4 AZR 232/​03 – zu – II 2 der Grün­de, BAGE 110, 164[]
  12. BAG 28.11.1989 – 3 AZR 118/​88 – zu – I 2 b der Grün­de, BAGE 63, 267[]