Beweis­erleich­te­run­gen bei Rechts­an­walts­haf­tung und Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

In Fäl­len der Rechts- und Steu­er­be­ra­ter­haf­tung bestim­men sich die Beweis­erleich­te­run­gen für den Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen Pflicht­ver­let­zung und Scha­den nach den Grund­sät­zen des Anscheins­be­wei­ses 1.

Beweis­erleich­te­run­gen bei Rechts­an­walts­haf­tung und Steu­er­be­ra­ter­haf­tung

Lässt der Man­dant offen, für wel­che von meh­re­ren mög­li­chen Vor­ge­hens­wei­sen er sich bei pflicht­ge­mä­ßer Bera­tung ent­schie­den hät­te, ist die not­wen­di­ge Scha­dens­wahr­schein­lich­keit nur gege­ben, wenn die­se sich für alle in Betracht kom­men­den Ursa­chen­ver­läu­fe – nicht not­wen­dig in glei­cher Wei­se – ergibt; sie muss für alle die­se Ursa­chen­ver­läu­fe dar­ge­legt und bewie­sen wer­den.

Die auf die pri­mä­re Pflicht­ver­let­zung gestütz­te Scha­dens­er­satz­kla­ge hemmt die Ver­jäh­rung auch wegen des Sekun­där­an­spruchs, der nicht aus­drück­lich zum Gegen­stand der Kla­ge gemacht wor­den ist; das­sel­be gilt für die Hem­mung durch Ver­hand­lun­gen.

Die erfor­der­li­che Kau­sa­li­tät zwi­schen Pflicht­ver­let­zung und Scha­den gehört zur haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät, die grund­sätz­lich der Man­dant nach § 287 ZPO zu bewei­sen hat. Dabei kann die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs in Anla­ge­fäl­len nicht auf die Anwalts­haf­tung über­tra­gen wer­den.

Die Rechts­fra­ge, ob die in Anla­ge­fäl­len ange­nom­me­ne Beweis­last­um­kehr auch für den Fall des Regres­ses gegen Rechts­an­wäl­te (oder Steu­er­be­ra­ter) anzu­neh­men ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof in meh­re­ren dem Beru­fungs­ge­richt frei­lich noch nicht bekannt gewe­se­nen Fäl­len bereits ent­schie­den und ver­neint 2. Die auf ande­rem Gebiet ergan­ge­ne Recht­spre­chung zum auf­klä­rungs­rich­ti­gen Ver­hal­ten gibt kei­nen Anlass, die Recht­spre­chung zur Anwalts- und Steu­er­be­ra­ter­haf­tung zu ändern. Dies gilt ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die vom Beru­fungs­ge­richt allein in Bezug genom­me­ne Ent­schei­dung des XI. Zivil­se­nats vom 08.05.2012 3. Mit dem von die­ser Recht­spre­chung gewähl­ten Ansatz hat sich der Bun­des­ge­richts­hof schon wie­der­holt aus­ein­an­der­ge­setzt und für rich­tig erach­tet, dass nur die Grund­sät­ze des Anscheins­be­wei­ses zu einer ange­mes­se­nen Risi­ko­ver­tei­lung zwi­schen recht­li­chem Bera­ter und Man­dan­ten füh­ren 4. Dar­an wird fest­ge­hal­ten.

Zuguns­ten des Man­dan­ten kom­men aller­dings Beweis­erleich­te­run­gen in Betracht. Im Rah­men von Ver­trä­gen mit recht­li­chen oder steu­er­li­chen Bera­tern gilt die Ver­mu­tung, dass der Man­dant bera­tungs­ge­mäß gehan­delt hät­te, aber nur, wenn im Hin­blick auf die Inter­es­sen­la­ge oder ande­re objek­ti­ve Umstän­de eine bestimm­te Ent­schlie­ßung des zutref­fend unter­rich­te­ten Man­dan­ten mit Wahr­schein­lich­keit zu erwar­ten gewe­sen wäre. Vor­aus­set­zung sind danach tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen, die im Fal­le sach­ge­rech­ter Auf­klä­rung durch den Bera­ter aus der Sicht eines ver­nünf­tig urtei­len­den Man­dan­ten ein­deu­tig eine bestimm­te tat­säch­li­che Reak­ti­on nahe­ge­legt hät­ten 5.

Die genann­te Beweis­erleich­te­rung gilt also nicht gene­rell; sie setzt einen Tat­be­stand vor­aus, bei dem der Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen Pflicht­ver­let­zung des Bera­ters und einem bestimm­ten Ver­hal­ten sei­nes Man­dan­ten typi­scher­wei­se gege­ben ist, beruht also auf den Umstän­den, die nach der Lebens­er­fah­rung eine bestimm­te tat­säch­li­che Ver­mu­tung recht­fer­ti­gen 6. Um dies beur­tei­len zu kön­nen, müs­sen bestehen­de Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den, die nach pflicht­ge­mä­ßer Bera­tung zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten. Die Regeln des Anscheins­be­wei­ses sind unan­wend­bar, wenn unter wirt­schaft­li­chen Gesichts­punk­ten unter­schied­li­che Schrit­te in Betracht kom­men und der Bera­ter den Man­dan­ten ledig­lich die erfor­der­li­chen fach­li­chen Infor­ma­tio­nen für eine sach­ge­rech­te Ent­schei­dung zu geben hat 7.

Kom­men danach meh­re­re objek­tiv gleich ver­nünf­ti­ge Ver­hal­tens­wei­sen in Betracht, hat der Man­dant grund­sätz­lich den Weg zu bezeich­nen, für den er sich ent­schie­den hät­te 8. Lässt der Man­dant offen, für wel­che von meh­re­ren Vor­ge­hens­wei­sen er sich ent­schie­den hät­te, ist die not­wen­di­ge Scha­dens­wahr­schein­lich­keit nur gege­ben, wenn die­se sich für alle in Betracht kom­men­den Ursa­chen­ver­läu­fe – nicht not­wen­dig in glei­cher Wei­se – ergibt 9. Will der Man­dant sich in die­sem Fall nicht – auch nicht in einer durch Hilfs­vor­brin­gen gestaf­fel­ten Rei­hen­fol­ge – fest­le­gen, wel­chen Weg er bei ord­nungs­ge­mä­ßer Bera­tung gegan­gen wäre, muss er folg­lich für jede ein­zel­ne der von ihm auf­ge­zeig­ten Alter­na­ti­ven die not­wen­di­ge Scha­dens­wahr­schein­lich­keit nach­wei­sen.

Ist für die behaup­te­te Vor­ge­hens­wei­se not­wen­di­ger­wei­se die Bereit­schaft Drit­ter erfor­der­lich, den beab­sich­tig­ten Weg mit­zu­ge­hen, muss der Man­dant des­sen Bereit­schaft hier­zu im dama­li­gen maß­geb­li­chen Zeit­punkt dar­le­gen und bewei­sen 10. Dabei ist es aus­rei­chend, wenn er dar­legt und beweist, dass er jeden­falls die Vari­an­te gewählt hät­te, bei wel­cher der Drit­te nach­weis­bar mit­ge­wirkt hät­te.

Bei der Scha­dens­be­rech­nung sind alle Fol­gen des haf­tungs­be­grün­den­den Umstan­des bis zum Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung in den Tat­sa­chen­in­stan­zen ein­zu­be­zie­hen. Es geht bei dem erfor­der­li­chen Gesamt­ver­mö­gens­ver­gleich nicht um Ein­zel­po­si­tio­nen, son­dern um eine Gegen­über­stel­lung der hypo­the­ti­schen und der tat­säch­li­chen Ver­mö­gens­la­ge 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. Juli 2015 – IX ZR 197/​14

  1. Fest­hal­tung an der stän­di­gen Recht­spre­chung, zuletzt BGH, Beschluss vom 15.05.2014 – IX ZR 267/​12, WM 2014, 1379[]
  2. BGH, Beschluss vom 15.05.2014 – IX ZR 267/​12, WM 2014, 1379 Rn. 2 ff; vom 05.06.2014 – IX ZR 235/​13 nv[]
  3. XI ZR 262/​10, BGHZ 193, 159; vgl. auch Urteil vom 26.02.2013 – XI ZR 318/​10, BKR 2013, 212[]
  4. BGH, Urteil vom 30.09.1993 – IX ZR 73/​93, BGHZ 123, 311, 313 ff; Beschluss vom 15.05.2014, aaO Rn. 3 f[]
  5. BGH, Urteil vom 05.02.2009 – IX ZR 6/​06, WM 2009, 715 Rn. 9 mwN; st. Rspr.[]
  6. BGH, Urteil vom 05.02.2009, aaO mwN[]
  7. BGH, Beschluss vom 18.09.2008 – IX ZR 210/​06, nv, mwN[]
  8. BGH, Urteil vom 20.03.2008 – IX ZR 104/​05, WM 2008, 1042 Rn. 12; vom 10.05.2012 – IX ZR 125/​10, BGHZ 193, 193 Rn. 36, jeweils mwN[]
  9. BGH, Urteil vom 19.01.2006 – IX ZR 232/​01, WM 2006, 927 Rn. 29; G. Fischer in Zugehör/​G. Fischer/​Vill/​D. Fischer/​Rinkler/​Chab, Hand­buch der Anwalts­haf­tung, 3. Aufl. Rn. 1102[]
  10. BGH, Urteil vom 19.01.2006, aaO Rn. 30 mwN[]
  11. BGH, Urteil vom 19.01.2006, aaO Rn. 33; vom 07.02.2008 – IX ZR 149/​04, WM 2008, 946 Rn. 24[]