Mes­sung der Luft­qua­li­tät – und die Mess­stand­or­te

Die natio­na­len Gerich­te sind befugt, die Wahl der Stand­or­te von Sta­tio­nen zur Mes­sung der Luft­qua­li­tät zu über­prü­fen und gegen­über der betref­fen­den natio­na­len Behör­de alle erfor­der­li­chen Maß­nah­men zu tref­fen. Bei der Beur­tei­lung, ob die Grenz­wer­te ein­ge­hal­ten wer­den, ist der Ver­schmut­zungs­grad an jeder ein­zel­nen Pro­benah­me­stel­le zu berück­sich­ti­gen.

Mes­sung der Luft­qua­li­tät – und die Mess­stand­or­te

Die­ser Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on lag ein Fall aus Brüs­sel zugrun­de: Meh­re­re Ein­woh­ner der bel­gi­schen Regi­on Brüs­sel­Haupt­stadt sowie die Umwelt­or­ga­ni­sa­ti­on Cli­en­tE­arth strei­ten vor der Neder­land­s­ta­li­ge recht­bank van eers­te aan­leg Brussel (dem nie­der­län­disch­spra­chi­gen Gericht ers­ter Instanz Brüs­sel) mit der Regi­on Brüs­sel­Haupt­stadt und dem Brüs­se­ler Insti­tut für Umwelt­ma­nage­ment dar­über, ob für das Gebiet von Brüs­sel ein aus­rei­chen­der Luft­qua­li­täts­plan erstellt wur­de.

Das nie­der­län­disch­spra­chi­ge Gericht ers­ter Instanz Brüs­sel ersuch­te dar­auf­hin den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in die­sem Kon­text um die Aus­le­gung des ein­schlä­gi­gen Uni­ons­rechts, ins­be­son­de­re der Richt­li­nie 2008/​50/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 21. Mai 2008 über Luft­qua­li­tät und sau­be­re Luft für Euro­pa 1. Es möch­te ers­tens wis­sen, inwie­weit die inner­staat­li­chen Gerich­te die Wahl der Stand­or­te von Pro­benah­me­stel­len (Mess­sta­tio­nen) über­prü­fen kön­nen, und zwei­tens, ob aus den Ergeb­nis­sen ver­schie­de­ner Mess­sta­tio­nen ein Mit­tel­wert gebil­det wer­den darf, um die Ein­hal­tung der Grenz­wer­te zu beur­tei­len.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Uni­on vor­le­gen. Der Uni­ons­ge­richts­hof ent­schei­det nicht über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt viel­mehr Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs bin­det in glei­cher Wei­se auch ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil stellt der Uni­ons­ge­richts­hof zunächst fest, dass die Richt­li­nie detail­lier­te Rege­lun­gen für die Ein­rich­tung und die Stand­or­te von Pro­benah­me­stel­len zur Mes­sung der Luft­qua­li­tät in den Gebie­ten und Bal­lungs­räu­men im Hoheits­ge­biet der Mit­glied­staa­ten ent­hält.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on führt sodann aus, dass eini­ge die­ser Rege­lun­gen kla­re, prä­zi­se und nicht an Bedin­gun­gen geknüpf­te Ver­pflich­tun­gen vor­se­hen, so dass sich Ein­zel­per­so­nen gegen­über dem Staat auf sie beru­fen kön­nen. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Ver­pflich­tung, Pro­benah­me­stel­len so ein­zu­rich­ten, dass sie Infor­ma­tio­nen über die am stärks­ten belas­te­ten Orte lie­fern, sowie die Ver­pflich­tung, eine Min­dest­zahl von Pro­benah­me­stel­len ein­zu­rich­ten. Es ist Sache der natio­na­len Gerich­te, die Ein­hal­tung die­ser Ver­pflich­tun­gen zu über­prü­fen.

Der Uni­ons­ge­richts­hof erkennt zwar an, dass die zustän­di­gen natio­na­len Behör­den bei der Fest­le­gung der kon­kre­ten Stand­or­te von Pro­benah­me­stel­len über ein Ermes­sen ver­fü­gen, hebt aber her­vor, dass die­ses Ermes­sen der gericht­li­chen Kon­trol­le nicht ent­zo­gen ist.

In die­sem Zusam­men­hang weist der Uni­ons­ge­richts­hof dar­auf hin, dass der Stand­ort der Pro­benah­me­stel­len bei dem Sys­tem zur Beur­tei­lung und Ver­bes­se­rung der Luft­qua­li­tät eine ent­schei­den­de Rol­le spielt, ins­be­son­de­re wenn der Ver­schmut­zungs­grad eine bestimm­te Schwel­le über­schrei­tet. Dar­aus folgt, dass der Zweck der Richt­li­nie gefähr­det wäre, wenn Pro­benah­me­stel­len, die sich in einem bestimm­ten Gebiet oder Bal­lungs­raum befin­den, nicht im Ein­klang mit den von ihr auf­ge­stell­ten Kri­te­ri­en ein­ge­rich­tet wür­den.

Daher müs­sen die zustän­di­gen natio­na­len Behör­den den Stand­ort der Pro­benah­me­stel­len so wäh­len, dass die Gefahr unbe­merk­ter Über­schrei­tun­gen von Grenz­wer­ten mini­miert wird. In die­sem Rah­men sind sie ver­pflich­tet, ihre Ent­schei­dun­gen auf fun­dier­te wis­sen­schaft­li­che Daten zu stüt­zen und eine voll­stän­di­ge Doku­men­ta­ti­on zu erstel­len, die die Gesichts­punk­te für die Wahl des Stand­orts jeder Mess­stel­le ent­hält. Die­se Doku­men­ta­ti­on muss regel­mä­ßig aktua­li­siert wer­den, um sicher­zu­stel­len, dass die Aus­wahl­kri­te­ri­en wei­ter­hin Gül­tig­keit haben.

Da der Ein­zel­ne das Recht hat, von einem Gericht über­prü­fen zu las­sen, ob die natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten und ihre Anwen­dung inner­halb des in der Richt­li­nie vor­ge­se­he­nen Ermes­sens­spiel­raums bei der Wahl des Stand­orts der Pro­benah­me­stel­len geblie­ben sind, ist die­ses Gericht über­dies befugt, gegen­über der betref­fen­den natio­na­len Behör­de alle erfor­der­li­chen Maß­nah­men, wie bei­spiels­wei­se Anord­nun­gen, zu ergrei­fen, um sicher­zu­stel­len, dass die­se Stel­len nach den in der Richt­li­nie fest­ge­leg­ten Kri­te­ri­en ein­ge­rich­tet wer­den.

Zu der Fra­ge, ob zur Beur­tei­lung der Ein­hal­tung der Grenz­wer­te ein Mit­tel­wert aus den Ergeb­nis­sen ver­schie­de­ner Mess­stel­len gebil­det wer­den kann, führt der Gerichts­hof aus, dass die Bestim­mung des Mit­tel­werts der Mess­ergeb­nis­se aller Pro­benah­me­stel­len in einem Gebiet oder Bal­lungs­raum kei­nen zweck­dien­li­chen Hin­weis auf die Schad­stoff­ex­po­si­ti­on der Bevöl­ke­rung lie­fert. Ins­be­son­de­re erlaubt es ein sol­cher Mit­tel­wert nicht, die Höhe der Expo­si­ti­on der Bevöl­ke­rung all­ge­mein zu bestim­men. Sie wird näm­lich mit­tels spe­zi­el­ler Pro­benah­me­stel­len gemes­sen, deren Stand­ort an die­sem Zweck aus­ge­rich­tet wur­de.

Daher stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest, dass bei der Beur­tei­lung, ob die Mit­glied­staa­ten die Grenz­wer­te ein­ge­hal­ten haben, der an jeder ein­zel­nen Pro­benah­me­stel­le gemes­se­ne Ver­schmut­zungs­grad ent­schei­dend ist. Für die Fest­stel­lung, dass ein Grenz­wert im Mit­te­lungs­zeit­raum eines Kalen­der­jahrs über­schrit­ten wur­de, genügt es daher, wenn an nur einer Pro­benah­me­stel­le ein über die­sem Wert lie­gen­der Ver­schmut­zungs­grad gemes­sen wird.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 26. Juni 2019 – C ‑723/​17

  1. ABl. 2008, L 152, S. 1, in der Fas­sung der Richt­li­nie (EU) 2015/​1480 der Kom­mis­si­on vom 28. August 2015, ABl. 2015, L 226, S. 4[]