Von Lis­sa­bon zum Rubi­kon

"Das Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon ist mit Grund­ge­setz ver­ein­bar, nur das deut­sche Begleit­ge­setz ist ver­fas­sungs­wid­rig, soweit den Gesetz­ge­bungs­or­ga­nen kei­ne hin­rei­chen­den Betei­li­gungs­rech­te ein­ge­räumt wur­den."

Von Lis­sa­bon zum Rubi­kon

So oder ähn­lich dürf­ten gleich über­all die Mel­dun­gen über das Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts lau­ten. Ein genaue­rer Blick zeigt jedoch etwas ande­res: Das deut­sche Grund­ge­setz steht einer wei­te­ren euro­päi­schen Inte­gra­ti­on ent­ge­gen. Selbst der Ver­trag von Lis­sa­bon ist nur mit noch mit strik­ten inner­deut­schen Kom­pe­sa­ti­ons­maß­nah­men gera­de noch ver­fas­sungs­ge­mäß. Und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt reicht auch nicht der sonst übli­che Auf­trag an den bun­des­deut­schen Gesetz­ge­ber, die Auf­la­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bin­nen einer bestimm­ten Frist umzu­set­zen – Karls­ru­he hat – mit den Stim­men aller an der Ent­schei­dung betei­lig­ter Ver­fas­sungs­rich­ter – dem Bund ver­bo­ten, die Rati­fi­ka­ti­ons­ur­kun­de zum Ver­trag von Lis­sa­bon zu hin­ter­le­gen, bevor nicht alle Auf­la­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erfüllt sind. Noch grö­ßer kann das Stopp-Schild nicht mehr sein. Man könn­te auch sagen: Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat den Ver­trag von Lis­sa­bon – aus Grün­den der Staats­rä­son? – zwar noch mit star­ken Auf­la­gen pas­sie­ren las­sen, aber gleich­zei­tig eine strik­te Gren­ze gesetzt. Lis­sa­bon ist der euro­päi­sche Rubi­kon – wei­ter geht es nicht mehr, ohne den Boden des deut­schen Grund­ge­setz zu ver­las­sen.

Der Zwei­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat heu­te ent­schie­den, dass das Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar ist. Dage­gen ver­stößt das Gesetz über die Aus­wei­tung und Stär­kung der Rech­te des Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes in Ange­le­gen­hei­ten der Euro­päi­schen Uni­on inso­weit gegen Art. 38 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 23 Abs. 1 GG, als Bun­des­tag und Bun­des­rat im Rah­men von euro­päi­schen Rechts­set­zungs- und Ver­trags­än­de­rungs­ver­fah­ren kei­ne hin­rei­chen­den Betei­li­gungs­rech­te ein­ge­räumt wur­den. Die Rati­fi­ka­ti­ons­ur­kun­de der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zum Ver­trag von Lis­sa­bon darf solan­ge nicht hin­ter­legt wer­den, wie die von Ver­fas­sungs wegen erfor­der­li­che gesetz­li­che Aus­ge­stal­tung der par­la­men­ta­ri­schen Betei­li­gungs­rech­te nicht in Kraft getre­ten ist. Die Ent­schei­dung ist im Ergeb­nis ein­stim­mig, hin­sicht­lich der Grün­de mit 7:1 Stim­men ergan­gen.

Die Ver­fah­ren vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt waren sowohl Ver­fas­sungs­be­schwer­den anhän­gig, die sich gegen

  • das deut­sche Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon vom 13. Dezem­ber 2007,
  • das Gesetz zur Ände­rung des Grund­ge­set­zes sowie
  • das Gesetz über die Aus­wei­tung und Stär­kung der Rech­te des Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes in Ange­le­gen­hei­ten der Euro­päi­schen Uni­on

rich­te­ten, wie auch Anträ­ge im Organ­streit­ver­fah­ren gegen die­se Geset­ze. Die Beschwer­de­füh­rer und die Antrag­stel­ler im Organ­streit­ver­fah­ren wen­den sich gegen die Rati­fi­ka­ti­on des Ver­trags von Lis­sa­bon zur Ände­rung des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on und des Ver­trags zur Grün­dung der Euro­päi­schen Gemein­schaft.

Der Ver­trag von Lis­sa­bon erwei­tert – wie sei­ne Vor­gän­ger die Ein­heit­li­che Euro­päi­sche Akte, die Ver­trä­ge von Maas­tricht, Ams­ter­dam und Niz­za – u.a. die Zustän­dig­kei­ten der Euro­päi­schen Uni­on, dehnt die Mög­lich­kei­ten aus, im Rat mit qua­li­fi­zier­ter Mehr­heit abzu­stim­men, ver­stärkt die Betei­li­gung des Euro­päi­schen Par­la­ments im Recht­set­zungs­ver­fah­ren und löst die bis­he­ri­ge Säu­len­struk­tur auf. Gleich­zei­tig wird der Euro­päi­schen Uni­on eine eige­ne Rechts­per­sön­lich­keit ver­lie­hen. Außer­dem über­nimmt das Ver­trags­werk Rege­lun­gen des geschei­ter­ten Ver­trags über eine Ver­fas­sung für Euro­pa, wobei er aller­dings aus­drück­lich auf das Ver­fas­sungs­kon­zept und eine ent­spre­chen­de Bezeich­nung ver­zich­tet. Dane­ben sieht er eine Rei­he von Refor­men der Insti­tu­tio­nen und Ver­fah­ren der Euro­päi­schen Uni­on vor.

Das Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon und die ent­spre­chen­den Begleit­ge­set­ze durch­lie­fen im Okto­ber 2008 erfolg­reich das deut­sche Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren. Völ­ker­recht­lich ist der Ver­trag bis­her noch nicht wirk­sam, weil dies neben der Rati­fi­ka­ti­on durch alle Mit­glied­staa­ten der EU im Ein­klang mit ihren ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­schrif­ten, die Hin­ter­le­gung aller 27 Rati­fi­ka­ti­ons­ur­kun­den der Mit­glied­staa­ten in Rom/​Ita­li­en vor­aus­setzt. Der Bun­des­prä­si­dent hat, nach­dem die Antrag­stel­ler und Beschwer­de­füh­rer den Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bean­tragt hat­ten, die deut­sche Rati­fi­ka­ti­ons­ur­kun­de bis­her nicht aus­ge­fer­tigt. Zur Zeit haben 23 der 27 Mit­glied­staa­ten ihre Rati­fi­ka­ti­ons­ur­kun­den in Rom hin­ter­legt. Es feh­len die Urkun­den von Irland, Polen, der Tsche­chi­schen Repu­blik und die der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land.

Die ein­zel­nen Ver­fah­ren beleuch­ten zum Teil unter­schied­li­che Aspek­te des Ver­tra­ges von Lis­sa­bon und des­sen Aus­wir­kun­gen auf die Bun­des­re­pu­blik:

  • Der Beschwer­de­füh­rer im Ver­fas­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren 2 BvR 1010/​08 (Peter Gau­wei­ler, MdB), der gleich­zei­tig Antrag­stel­ler im Organ­streit­ver­fah­ren 2 BvE 2/​08 ist, macht mit sei­ner Ver­fas­sungs­be­schwer­de gel­tend, dass das Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon das Demo­kra­tie­prin­zip, den Grund­satz der sou­ve­rä­nen Staat­lich­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und das Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung ver­let­ze. Ins­be­son­de­re rügt er, dass die Aus­wei­tung der Zustän­dig­kei­ten der EU und die Mög­lich­keit, ver­blei­ben­de Kom­pe­tenz­lü­cken ent­we­der durch eine expan­si­ve Recht­spre­chung des EuGH oder durch die Anwen­dung der sog. Fle­xi­bi­li­täts­klau­sel selbst zu schlie­ßen, zu einer Kom­pe­tenz-Kom­pe­tenz der EU füh­ren. Außer­dem feh­le dem Euro­päi­schen Rat die demo­kra­ti­sche Legi­ti­mi­tät, weil man­geln­de Trans­pa­renz des Ent­schei­dungs­ver­fah­rens und eine zu lan­ge Ket­te von Ver­mitt­lungs­schrit­ten der Ablei­tung der Legi­ti­mi­tät von den Mit­glieds­staa­ten ent­ge­gen­stün­den. Mit der Erwei­te­rung der Kom­pe­ten­zen für inne­re Sicher­heit und Straf­ver­fol­gung drin­ge die EU ver­fas­sungs­wid­rig in Kern­ge­bie­te der Staat­lich­keit vor.Auch sei nicht mit dem Grund­ge­setz zu ver­ein­ba­ren, dass die EU zu einem Völ­ker­rechts­sub­jekt wer­de und über einen außen­po­li­ti­schen Appa­rat sowie über weit­rei­chen­de außen­po­li­ti­sche Kom­pe­ten­zen ver­fü­ge. Damit wer­de sie zu einem eige­nen Staat, was mit dem gleich­zei­ti­gen Ver­lust der sou­ve­rä­nen Staat­lich­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ver­bun­den sei. Eben­so sei durch den Ver­trag das Gewal­ten­tei­lungs­prin­zip ver­letzt, weil die Bun­des­re­gie­rung über die euro­päi­sche Ebe­ne vor allem im Rat schwer­punkt­mä­ßig Rechts­set­zungs­funk­ti­on über­neh­men kön­ne und damit als Teil des Rates höher­ran­gi­ges Recht set­ze, dass das vom Bun­des­tag erlas­se­ne Recht ver­drän­ge. Der Beschwer­de­füh­rer meint, dass die Rechts­ver­bind­lich­keit der Grund­rechts­char­ta im Ver­trag von Lis­sa­bon auch sein aus dem Grund­ge­setz resul­tie­ren­des Freiheits‑, Gleich­heits- und Jus­tiz­grund­recht beein­träch­ti­ge, weil ins­be­son­de­re die Men­schen­wür­de im Rah­men der EU nicht strikt zu beach­ten sei, son­dern der Abwä­gung mit ande­ren Rechts­gü­tern unter­wor­fen wer­de. Die Bestim­mun­gen der Begleit­ge­set­ze zum Ver­trag von Lis­sa­bon sei­en eben­falls nicht mit dem Demo­kra­tie­prin­zip des Grund­ge­set­zes ver­ein­bar.
  • Mit sei­nem Antrag im Organ­streit­ver­fah­ren (2 BvE 2/​08) als Mit­glied des Deut­schen Bun­des­ta­ges macht er eben­falls eine Ver­let­zung des Demo­kra­tie­prin­zips, sowie dar­über hin­aus eine Ver­kür­zung der Mit­wir­kungs­rech­te als Abge­ord­ne­ter des Deut­schen Bun­des­ta­ges gel­tend. Gleich­zei­tig rügt er, dass die Kom­pe­ten­zen des Bun­des­ta­ges durch die Über­tra­gung von Hoheits­rech­ten auf die EU aus­ge­höhlt wer­den.
  • Der Beschwer­de­füh­rer im Ver­fah­ren 2 BvR 1022/​08 (Dr. Klaus Buch­ner, Bun­des­vor­sit­zen­der der Öko­lo­gisch-Demo­kra­ti­schen Par­tei) macht ins­be­son­de­re gel­tend, dass die Über­tra­gung von zahl­rei­chen Zustän­dig­kei­ten auf die EU, einem "Aus­ver­kauf urei­gens­ter staat­li­cher Befug­nis­se" gleich­kom­me. Dies mani­fes­tie­re sich ins­be­son­de­re in der Auf­lö­sung der Säu­len­struk­tur und der Schaf­fung einer ein­heit­li­chen Rechts­per­sön­lich­keit der EU, wodurch sämt­li­ches euro­päi­sches Recht supra­na­tio­na­len Cha­rak­ter erhal­te. Außer­dem sei das Rechts­staats­prin­zip ver­letzt, da der Ver­trag von Lis­sa­bon kei­ne Grunds­rechts­kla­ge vor dem EuGH vor­se­he.
  • Die von 53 Mit­glie­dern des Deut­schen Bun­des­ta­ges aus­drück­lich – eben­so wie vom Beschwer­de­füh­rer im Ver­fah­ren 2 BvR 1010/​08 – als Bür­ger der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erho­be­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de (2 BvR 1259/​08), begrün­den sie u.a. damit, dass die Men­schen­wür­de nach dem Ver­trag von Lis­sa­bon zu einem abwäg­ba­ren Rechts­gut wer­de.
  • Die Bun­des­tags­frak­ti­on "Die Lin­ke" bean­tragt im Organ­streit­ver­fah­ren 2 BvE 5/​08, die Fest­stel­lung, dass das Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon den Deut­schen Bun­des­tag in sei­nen grund­recht­lich geschütz­ten Rech­ten als gesetz­ge­ben­des Organ ver­let­ze. Durch Über­tra­gung von Kom­pe­ten­zen ver­lie­re der Deut­sche Bun­des­tag u.a. die Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se über den Ein­satz der deut­schen Streit­kräf­te für den Bereich euro­päi­scher Kri­sen­in­ter­ven­ti­on. Außer­dem sei es mit dem Grund­ge­setz nicht ver­ein­bar, dass der Ver­trag mili­tä­ri­sche Kampf­ein­sät­ze außer­halb der Uni­on zur "Kon­flikt­ver­hü­tung" und zur "Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus" zulas­se.
  • Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de 2 BvR 182/​09, die von Herrn Graf von Stauf­fen­berg sowie den Pro­fes­so­ren Speth­mann, Starb­at­ty und Ker­ber ein­ge­legt wurde,richtet sich gegen das deut­sche Zustim­mungs­ge­setz, das Gesetz zur Ände­rung des Grund­ge­set­zes (Arti­kel 23, 45 und 93) und das Gesetz über die Aus­wei­tung und Stär­kung der Rech­te des Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes in Ange­le­gen­hei­ten der Euro­päi­schen Uni­on ins­ge­samt.

Zen­tra­le Gesichts­punk­te des Urteils im Über­blick

Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zu Grun­de: Das Urteil kon­zen­triert sich auf den Zusam­men­hang zwi­schen dem vom Grund­ge­setz vor­ge­schrie­be­nen demo­kra­ti­schen Sys­tem auf Bun­des­ebe­ne und dem erreich­ten Niveau selb­stän­di­ger Herr­schafts­aus­übung auf euro­päi­scher Ebe­ne. Das Struk­tur­pro­blem der Euro­päi­schen Uni­on wird in den Mit­tel­punkt der Ver­fas­sungs­prü­fung gestellt: Der Umfang poli­ti­scher Gestal­tungs­macht der Uni­on ist – nicht zuletzt durch den Ver­trag von Lis­sa­bon – ste­tig und erheb­lich gewach­sen, so dass inzwi­schen in eini­gen Poli­tik­be­rei­chen die Euro­päi­sche Uni­on einem Bun­des­staat ent­spre­chend – staats­ana­log – aus­ge­stal­tet ist. Dem­ge­gen­über blei­ben die inter­nen Ent­schei­dungs- und Ernen­nungs­ver­fah­ren über­wie­gend völ­ker­rechts­ana­log dem Mus­ter einer inter­na­tio­na­len Orga­ni­sa­ti­on ver­pflich­tet; die Euro­päi­sche Uni­on ist wei­ter­hin im Wesent­li­chen nach dem Grund­satz der Staa­ten­gleich­heit auf­ge­baut.

Solan­ge im Rah­men einer euro­päi­schen Bun­des­staats­grün­dung nicht ein ein­heit­li­ches euro­päi­sches Volk als Legi­ti­ma­ti­ons­sub­jekt sei­nen Mehr­heits­wil­len gleich­heits­ge­recht poli­tisch wirk­sam for­mu­lie­ren kann, blei­ben die in den Mit­glied­staa­ten ver­fass­ten Völ­ker der Euro­päi­schen Uni­on die maß­geb­li­chen Trä­ger der öffent­li­chen Gewalt, ein­schließ­lich der Uni­ons­ge­walt. Für den Bei­tritt zu einem euro­päi­schen Bun­des­staat wäre in Deutsch­land eine Ver­fas­sungs­neu­schöp­fung not­wen­dig, mit der ein erklär­ter Ver­zicht auf die vom Grund­ge­setz gesi­cher­te sou­ve­rä­ne Staat­lich­keit ein­her­gin­ge. Ein sol­cher Akt liegt hier nicht vor. Die Euro­päi­sche Uni­on stellt wei­ter­hin einen völ­ker­recht­lich begrün­de­ten Herr­schafts­ver­band dar, der dau­er­haft vom Ver­trags­wil­len sou­ve­rän blei­ben­der Staa­ten getra­gen wird. Die pri­mä­re Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung liegt in der Hand der für die Völ­ker han­deln­den natio­na­len Ver­fas­sungs­or­ga­ne. Bei wach­sen­den Kom­pe­ten­zen und einer wei­te­ren Ver­selb­stän­di­gung der Uni­ons­or­ga­ne sind Schritt hal­ten­de Siche­run­gen erfor­der­lich, um das tra­gen­de Prin­zip der begrenz­ten und von den Mit­glied­staa­ten kon­trol­lier­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung zu wah­ren. Auch sind eige­ne für die Ent­fal­tung der demo­kra­ti­schen Wil­lens­bil­dung wesent­li­che Gestal­tungs­räu­me der Mit­glied­staa­ten bei fort­schrei­ten­der Inte­gra­ti­on zu erhal­ten. Ins­be­son­de­re ist zu gewähr­leis­ten, dass die Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung durch die staat­li­chen Ver­tre­tungs­or­ga­ne der Völ­ker wahr­ge­nom­men wer­den kann.

Durch den Aus­bau der Kom­pe­ten­zen des Euro­päi­schen Par­la­ments kann die Lücke zwi­schen dem Umfang der Ent­schei­dungs­macht der Uni­ons­or­ga­ne und der demo­kra­ti­schen Wirk­macht der Bür­ger in den Mit­glied­staa­ten ver­rin­gert, aber nicht geschlos­sen wer­den. Das Euro­päi­sche Par­la­ment ist weder in sei­ner Zusam­men­set­zung noch im euro­päi­schen Kom­pe­tenz­ge­fü­ge dafür hin­rei­chend gerüs­tet, reprä­sen­ta­ti­ve und zure­chen­ba­re Mehr­heits­ent­schei­dun­gen als ein­heit­li­che poli­ti­sche Leit­ent­schei­dun­gen zu tref­fen. Es ist gemes­sen an staat­li­chen Demo­kra­tie­an­for­de­run­gen nicht gleich­heits­ge­recht gewählt und inner­halb des supra­na­tio­na­len Inter­es­sen­aus­gleichs zwi­schen den Staa­ten nicht zu maß­geb­li­chen poli­ti­schen Leit­ent­schei­dun­gen beru­fen. Es kann des­halb auch nicht eine par­la­men­ta­ri­sche Regie­rung tra­gen und sich im Regie­rungs-Oppo­si­ti­ons-Sche­ma par­tei­po­li­tisch so orga­ni­sie­ren, dass eine Rich­tungs­ent­schei­dung euro­päi­scher Wäh­ler poli­tisch bestim­mend zur Wir­kung gelan­gen könn­te. Ange­sichts die­ses struk­tu­rel­len, im Staa­ten­ver­bund nicht auf­lös­ba­ren Demo­kra­tie­de­fi­zits dür­fen wei­te­re Inte­gra­ti­ons­schrit­te über den bis­he­ri­gen Stand hin­aus weder die poli­ti­sche Gestal­tungs­fä­hig­keit der Staa­ten noch das Prin­zip der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung aus­höh­len.

Die Völ­ker der Mit­glied­staa­ten sind Trä­ger der ver­fas­sungs­ge­ben­den Gewalt. Das Grund­ge­setz erlaubt es den beson­de­ren Orga­nen der Gesetz­ge­bung, der voll­zie­hen­den Gewalt und Recht­spre­chung nicht, über die grund­le­gen­den Bestand­tei­le der Ver­fas­sung, also über die Ver­fas­sungs­iden­ti­tät zu ver­fü­gen (Art. 23 Abs. 1 Satz 3, Art. 79 Abs. 3 GG). Die Ver­fas­sungs­iden­ti­tät ist unver­äu­ßer­li­cher Bestand­teil der demo­kra­ti­schen Selbst­be­stim­mung eines Vol­kes. Zur Wah­rung der Wirk­sam­keit des Wahl­rechts und zur Erhal­tung der demo­kra­ti­schen Selbst­be­stim­mung ist es nötig, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Rah­men sei­ner Zustän­dig­keit dar­über wacht, dass die Gemein­schafts- oder die Uni­ons­ge­walt nicht mit ihren Hoheits­ak­ten die Ver­fas­sungs­iden­ti­tät ver­letzt und nicht ersicht­lich die ein­ge­räum­ten Kom­pe­ten­zen über­schrei­tet. Die mit dem Ver­trag von Lis­sa­bon noch ein­mal ver­stärk­te Über­tra­gung von Zustän­dig­kei­ten und die Ver­selb­stän­di­gung der Ent­schei­dungs­ver­fah­ren setzt des­halb eine wirk­sa­me Ultra-vires-Kon­trol­le und eine Iden­ti­täts­kon­trol­le von Rechts­ak­ten euro­päi­schen Ursprungs im Anwen­dungs­be­reich der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land vor­aus.

Zum Prü­fungs­maß­stab des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts

Das Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon wird vom Gericht am Maß­stab des Wahl­rechts gemes­sen. Das Wahl­recht ist als grund­rechts­glei­ches Recht mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de rüge­fä­hig (Art. 38 Abs. 1 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG). Es kon­kre­ti­siert den Anspruch auf demo­kra­ti­sche Selbst­be­stim­mung, auf freie und glei­che Teil­ha­be an der in Deutsch­land aus­ge­üb­ten Staats­ge­walt sowie auf die Ein­hal­tung des Demo­kra­tie­ge­bots ein­schließ­lich der Ach­tung der ver­fas­sungs­ge­ben­den Gewalt des Vol­kes. Die Prü­fung einer Ver­let­zung des Wahl­rechts umfasst hier auch Ein­grif­fe in die Grund­sät­ze, die Art. 79 Abs. 3 GG als Iden­ti­tät der Ver­fas­sung fest­schreibt. Das Recht der Bür­ger, in Frei­heit und Gleich­heit durch Wah­len und Abstim­mun­gen die sie betref­fen­de öffent­li­che Gewalt per­so­nell und sach­lich zu bestim­men, ist in der Wür­de des Men­schen ver­an­kert und ele­men­ta­rer Bestand­teil des Demo­kra­tie­prin­zips. Das Demo­kra­tie­prin­zip ist nicht abwä­gungs­fä­hig. Eine Ände­rung des Grund­ge­set­zes, durch wel­che die in Art. 1 und Art. 20 GG nie­der­ge­leg­ten Grund­sät­ze berührt wer­den, ist unzu­läs­sig (Art. 79 Abs. 3 GG). Mit der soge­nann­ten Ewig­keits­ga­ran­tie wird die Ver­fü­gung über die Iden­ti­tät der frei­heit­li­chen Ver­fas­sungs­ord­nung auch dem ver­fas­sungs­än­dern­den Gesetz­ge­ber aus der Hand genom­men. Die ver­fas­sungs­ge­ben­de Gewalt hat den Ver­tre­tern und Orga­nen des Vol­kes kein Man­dat erteilt, die nach Art. 79 Abs. 3 GG grund­le­gen­den Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en zu ver­än­dern.

Zugleich ist die grund­ge­setz­li­che Aus­ge­stal­tung des Demo­kra­tie­prin­zips offen für das Ziel, Deutsch­land in eine inter­na­tio­na­le und euro­päi­sche Frie­dens­ord­nung ein­zu­fü­gen. Die deut­sche Ver­fas­sung ist auf Öff­nung der staat­li­chen Herr­schafts­ord­nung für das fried­li­che Zusam­men­wir­ken der Natio­nen und die euro­päi­sche Inte­gra­ti­on gerich­tet. Weder die gleich­be­rech­tig­te Inte­gra­ti­on in die Euro­päi­sche Uni­on noch die Ein­fü­gung in frie­dens­er­hal­ten­de Sys­te­me wie die Ver­ein­ten Natio­nen füh­ren dabei not­wen­dig zu einer Ver­än­de­rung im Sys­tem öffent­li­cher Gewalt­aus­übung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Es han­delt sich viel­mehr um frei­wil­li­ge, gegen­sei­ti­ge und gleich­be­rech­tig­te Bin­dung, die den Frie­den sichert und die poli­ti­schen Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten durch gemein­sa­mes koor­di­nier­tes Han­deln stärkt. Der aus Art. 23 Abs. 1 GG und der Prä­am­bel fol­gen­de Ver­fas­sungs­auf­trag zur Ver­wirk­li­chung eines ver­ein­ten Euro­pas bedeu­tet für die deut­schen Ver­fas­sungs­or­ga­ne, dass die Betei­li­gung an der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on nicht in ihrem poli­ti­schen Belie­ben steht. Das Grund­ge­setz will eine inter­na­tio­na­le Frie­dens­ord­nung und eine euro­päi­sche Inte­gra­ti­on: Es gilt des­halb nicht nur der Grund­satz der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit, son­dern auch der Grund­satz der Euro­pa­rechts­freund­lich­keit.

Die Ermäch­ti­gung zur Über­tra­gung von Hoheits­rech­ten auf die Euro­päi­sche Uni­on nach Art. 23 Abs. 1 GG steht aller­dings unter der Bedin­gung, dass die sou­ve­rä­ne Ver­fas­sungs­staat­lich­keit auf der Grund­la­ge eines ver­ant­wort­ba­ren Inte­gra­ti­ons­pro­gramms nach dem Prin­zip der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung und unter Ach­tung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Iden­ti­tät als Mit­glied­staat gewahrt bleibt und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ihre Fähig­keit zu selbst­ver­ant­wort­li­cher poli­ti­scher und sozia­ler Gestal­tung der Lebens­ver­hält­nis­se nicht ver­liert. Art. 23 Abs. 1 GG und die Prä­am­bel sagen nichts aus über den end­gül­ti­gen Cha­rak­ter der poli­ti­schen Ver­fasst­heit Euro­pas. Das Grund­ge­setz ermäch­tigt mit Art. 23 GG zur Betei­li­gung und Ent­wick­lung einer als Staa­ten­ver­bund kon­zi­pier­ten Euro­päi­schen Uni­on. Der Begriff des Ver­bun­des erfasst eine enge, auf Dau­er ange­leg­te Ver­bin­dung sou­ve­rän blei­ben­der Staa­ten, die auf ver­trag­li­cher Grund­la­ge öffent­li­che Gewalt aus­übt, deren Grund­ord­nung jedoch allein der Ver­fü­gung der Mit­glied­staa­ten unter­liegt und in der die Völ­ker – das heißt die staats­an­ge­hö­ri­gen Bür­ger – der Mit­glied­staa­ten die Sub­jek­te demo­kra­ti­scher Legi­ti­ma­ti­on blei­ben. Die Euro­päi­sche Uni­on muss sowohl in Art und Umfang als auch in der orga­ni­sa­to­ri­schen und ver­fah­rens­recht­li­chen Aus­ge­stal­tung demo­kra­ti­schen Grund­sät­zen ent­spre­chen (Art. 23 Abs. 1, Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 79 Abs. 3 GG). Dies bedeu­tet zunächst, dass die euro­päi­sche Inte­gra­ti­on nicht zur Aus­höh­lung des demo­kra­ti­schen Herr­schafts­sys­tems in Deutsch­land füh­ren darf. Zwar müs­sen nicht eine bestimm­te Sum­me oder bestimm­te Arten von Hoheits­rech­ten in der Hand des Staa­tes blei­ben. Die euro­päi­sche Ver­ei­ni­gung auf der Grund­la­ge einer Ver­trags­uni­on sou­ve­rä­ner Staa­ten darf jedoch nicht so ver­wirk­licht wer­den, dass in den Mit­glied­staa­ten kein aus­rei­chen­der Raum zur poli­ti­schen Gestal­tung der wirt­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und sozia­len Lebens­ver­hält­nis­se mehr bleibt. Dies gilt ins­be­son­de­re für Sach­be­rei­che, die die Lebens­um­stän­de der Bür­ger, vor allem ihren von den Grund­rech­ten geschütz­ten pri­va­ten Raum der Eigen­ver­ant­wor­tung und der per­sön­li­chen und sozia­len Sicher­heit prä­gen, sowie für sol­che poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen, die in beson­de­rer Wei­se auf kul­tu­rel­le, his­to­ri­sche und sprach­li­che Vor­ver­ständ­nis­se ange­wie­sen sind, und die sich im par­tei­po­li­tisch und par­la­men­ta­risch orga­ni­sier­ten Raum einer poli­ti­schen Öffent­lich­keit dis­kur­siv ent­fal­ten. Sofern in die­sen beson­ders demo­kra­tie­be­deut­sa­men Sach­be­rei­chen eine Über­tra­gung von Hoheits­rech­ten über­haupt erlaubt ist, ist eine enge Aus­le­gung gebo­ten. Dies betrifft ins­be­son­de­re die Straf­rechts­pfle­ge, die poli­zei­li­che und mili­tä­ri­sche Ver­fü­gung über das Gewalt­mo­no­pol, fis­ka­li­sche Grund­ent­schei­dun­gen über Ein­nah­men und Aus­ga­ben, die sozi­al­po­li­ti­sche Gestal­tung von Lebens­ver­hält­nis­sen sowie kul­tu­rell bedeut­sa­me Ent­schei­dun­gen wie Erzie­hung, Bil­dung, Medi­en­ord­nung und Umgang mit Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten.

Das Grund­ge­setz ermäch­tigt die deut­schen Staats­or­ga­ne nicht, Hoheits­rech­te der­art zu über­tra­gen, dass aus ihrer Aus­übung her­aus eigen­stän­dig wei­te­re Zustän­dig­kei­ten begrün­det wer­den kön­nen. Es unter­sagt die Über­tra­gung der Kom­pe­tenz-Kom­pe­tenz. Das Prin­zip der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung ist des­halb nicht nur ein euro­pa­recht­li­cher Grund­satz (Art. 5 Abs. 1 EGV; Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on in der Fas­sung des Ver­trags von Lis­sa­bon ), son­dern nimmt – eben­so wie die Pflicht der Euro­päi­schen Uni­on, die natio­na­le Iden­ti­tät der Mit­glied­staa­ten zu ach­ten (Art. 6 Abs. 3 EUV; Art. 4 Abs. 2 Satz 1 EUV-Lis­sa­bon) – mit­glied­staat­li­che Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en auf. Das Inte­gra­ti­ons­pro­gramm der Euro­päi­schen Uni­on muss des­halb hin­rei­chend bestimmt sein. Sofern die Mit­glied­staa­ten das Ver­trags­recht so aus­ge­stal­ten, dass unter grund­sätz­li­cher Fort­gel­tung des Prin­zips der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung eine Ver­än­de­rung des Ver­trags­rechts ohne Rati­fi­ka­ti­ons­ver­fah­ren her­bei­ge­führt wer­den kann, obliegt neben der Bun­des­re­gie­rung den gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung im Rah­men der Mit­wir­kung, die in Deutsch­land inner­staat­lich den Anfor­de­run­gen des Art. 23 Abs. 1 GG genü­gen muss (Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung). Das Zustim­mungs­ge­setz zu einem euro­päi­schen Ände­rungs­ver­trag und die inner­staat­li­che Begleit­ge­setz­ge­bung müs­sen so beschaf­fen sein, dass die euro­päi­sche Inte­gra­ti­on wei­ter nach dem Prin­zip der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung erfolgt, ohne dass für die Euro­päi­sche Uni­on die Mög­lich­keit besteht, sich der Kom­pe­tenz-Kom­pe­tenz zu bemäch­ti­gen oder die inte­gra­ti­ons­fes­te Ver­fas­sungs­iden­ti­tät der Mit­glied­staa­ten, hier des Grund­ge­set­zes, zu ver­let­zen. Für Grenz­fäl­le des noch ver­fas­sungs­recht­lich Zuläs­si­gen muss der deut­sche Gesetz­ge­ber mit sei­nen die Zustim­mung beglei­ten­den Geset­zen Vor­keh­run­gen dafür tref­fen, dass die Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung der Gesetz­ge­bungs­or­ga­ne sich hin­rei­chend ent­fal­ten kann.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft, ob Rechts­ak­te der euro­päi­schen Orga­ne und Ein­rich­tun­gen sich unter Wah­rung des gemein­schafts- und uni­ons­recht­li­chen Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips (Art. 5 Abs. 2 EGV; Art. 5 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 EUV-Lis­sa­bon) in den Gren­zen der ihnen im Wege der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung ein­ge­räum­ten Hoheits­rech­te hal­ten (Ultra-vires-Kon­trol­le). Dar­über hin­aus prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, ob der unan­tast­ba­re Kern­ge­halt der Ver­fas­sungs­iden­ti­tät des Grund­ge­set­zes nach Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Art. 79 Abs. 3 GG gewahrt ist (Iden­ti­täts­kon­trol­le). Die Aus­übung die­ser ver­fas­sungs­recht­lich gefor­der­ten Prü­fungs­kom­pe­ten­zen wahrt die von Art. 4 Abs. 2 Satz 1 EUV-Lis­sa­bon aner­kann­ten grund­le­gen­den poli­ti­schen und ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Struk­tu­ren sou­ve­rä­ner Mit­glied­staa­ten auch bei fort­schrei­ten­der Inte­gra­ti­on. Sie folgt bei der kon­kre­ten Aus­übung dem Grund­satz der Euro­pa­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes.

Zur Sub­sum­ti­on durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt

Gegen das Zustim­mungs­ge­setz zum Ver­trag von Lis­sa­bon bestehen, so das BVerfG, kei­ne durch­grei­fen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken.

Die Euro­päi­sche Uni­on erreicht auch bei Inkraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon noch kei­ne Aus­ge­stal­tung, die staats­ana­log ist und des­halb dem Legi­ti­ma­ti­ons­ni­veau einer staat­lich ver­fass­ten Demo­kra­tie ent­spre­chen müss­te. Sie ist kein Bun­des­staat, son­dern bleibt ein Ver­bund sou­ve­rä­ner Staa­ten unter Gel­tung des Prin­zips der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung. Das Euro­päi­sche Par­la­ment ist kein Reprä­sen­ta­ti­ons­or­gan eines sou­ve­rä­nen euro­päi­schen Vol­kes, son­dern ein supra­na­tio­na­les Ver­tre­tungs­or­gan der Völ­ker der Mit­glied­staa­ten, so dass der allen euro­päi­schen Staa­ten gemein­sa­me Grund­satz der Wahl­gleich­heit auf das Euro­päi­sche Par­la­ment kei­ne Anwen­dung fin­det. Ande­re Rege­lun­gen des Ver­trags von Lis­sa­bon, wie die dop­pelt-qua­li­fi­zier­te Mehr­heit im Rat (Art. 16 Abs. 4 EUV-Lis­sa­bon, Art. 238 Abs. 2 des Ver­trags über die Arbeits­wei­se der Euro­päi­schen Uni­on ), die par­ti­zi­pa­ti­ven, asso­zia­ti­ven und direk­ten Demo­kra­tie­ele­men­te (Art. 11 EUV-Lis­sa­bon) sowie die insti­tu­tio­nel­le Aner­ken­nung der natio­na­len Par­la­men­te (Art. 12 EUV-Lis­sa­bon) kön­nen das – gemes­sen an staat­li­chen Demo­kra­tie­an­for­de­run­gen – bestehen­de Defi­zit der euro­päi­schen Hoheits­ge­walt nicht auf­wie­gen, das Legi­ti­ma­ti­ons­ni­veau des Staa­ten­ver­bun­des aber gleich­wohl erhö­hen.

Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land bleibt bei Inkraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon ein sou­ve­rä­ner Staat. Ins­be­son­de­re bleibt die deut­sche Staats­ge­walt in ihrer Sub­stanz geschützt. Die Ver­tei­lung und Abgren­zung der Zustän­dig­kei­ten der Euro­päi­schen Uni­on von denen der Mit­glied­staa­ten erfolgt nach dem Prin­zip der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung und wei­te­ren mate­ri­ell-recht­li­chen Schutz­me­cha­nis­men, ins­be­son­de­re Zustän­dig­keits­aus­übungs­re­geln. Die so kon­trol­lier­te und ver­ant­wort­ba­re Über­tra­gung von Hoheits­rech­ten auf die Euro­päi­sche Uni­on wird durch ein­zel­ne Vor­schrif­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon nicht in Fra­ge gestellt. Dies gilt zunächst für das ver­ein­fach­te Ände­rungs­ver­fah­ren (vgl. ins­be­son­de­re Art. 48 Abs. 6 EUV-Lis­sa­bon). Die „Zustim­mung“ der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im ver­ein­fach­ten Ände­rungs­ver­fah­ren setzt ein Gesetz im Sin­ne des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG als lex spe­cia­lis zu Art. 59 Abs. 2 GG vor­aus.

Soweit die all­ge­mei­ne Brü­cken­klau­sel des Art. 48 Abs. 7 EUV-Lis­sa­bon den Über­gang vom Ein­stim­mig­keits­prin­zip zum qua­li­fi­zier­ten Mehr­heits­prin­zip in der Beschluss­fas­sung des Rates oder den Über­gang vom beson­de­ren zum ordent­li­chen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ermög­licht, han­delt es sich eben­falls um eine nach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG zu beur­tei­len­de Ver­trags­än­de­rung. Das Ableh­nungs­recht der natio­na­len Par­la­men­te (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lis­sa­bon) ist kein aus­rei­chen­des Äqui­va­lent zum Rati­fi­ka­ti­ons­vor­be­halt. Der deut­sche Regie­rungs­ver­tre­ter im Euro­päi­schen Rat darf einer Ver­trags­än­de­rung durch Anwen­dung der all­ge­mei­nen Brü­cken­klau­sel des­halb nur zustim­men, wenn der Bun­des­tag und der Bun­des­rat inner­halb einer noch aus­zu­ge­stal­ten­den Frist, die an die Zweck­set­zung des Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lis­sa­bon ange­lehnt ist, ein Gesetz nach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG erlas­sen haben. Dies gilt eben­so für den Fall, dass von der spe­zi­el­len Brü­cken­klau­sel nach Art. 81 Abs. 3 UAbs. 2 AEUV Gebrauch gemacht wird.

Ein Gesetz im Sin­ne des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG ist nicht erfor­der­lich, soweit spe­zi­el­le Brü­cken­klau­seln sich auf Sach­be­rei­che beschrän­ken, die durch den Ver­trag von Lis­sa­bon bereits hin­rei­chend bestimmt sind, und kein Ableh­nungs­recht der natio­na­len Par­la­men­te vor­se­hen. Auch in die­sen Fäl­len obliegt es aller­dings dem Bun­des­tag und, soweit die Gesetz­ge­bungs­be­fug­nis­se der Län­der betrof­fen sind, dem Bun­des­rat, die Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung in ande­rer geeig­ne­ter Wei­se wahr­zu­neh­men. Das Veto­recht im Rat darf auch bei sach­lich in den Ver­trä­gen bereits bestimm­ten Gegen­stän­den nicht ohne Betei­li­gung der zustän­di­gen Gesetz­ge­bungs­or­ga­ne auf­ge­ge­ben wer­den. Der deut­sche Regie­rungs­ver­tre­ter im Euro­päi­schen Rat oder Rat darf des­halb einer Ände­rung des Pri­mär­rechts durch Anwen­dung einer der spe­zi­el­len Brü­cken­klau­seln nur dann für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zustim­men, wenn der Deut­sche Bun­des­tag und, soweit die Rege­lun­gen über die Gesetz­ge­bung dies erfor­dern, der Bun­des­rat inner­halb einer noch aus­zu­ge­stal­ten­den Frist, die an die Zweck­set­zung des Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lis­sa­bon ange­lehnt ist, ihre Zustim­mung zu die­sem Beschluss erteilt haben.

Auch die Fle­xi­bi­li­täts­klau­sel des Art. 352 AEUV kann in einer Wei­se aus­ge­legt wer­den, dass das in den Vor­schrif­ten in Aus­sicht genom­me­ne Inte­gra­ti­ons­pro­gramm durch die deut­schen Gesetz­ge­bungs­or­ga­ne noch vor­her­seh­bar und bestimm­bar ist. In Anbe­tracht der Unbe­stimmt­heit mög­li­cher Anwen­dungs­fäl­le setzt die Inan­spruch­nah­me der Fle­xi­bi­li­täts­klau­sel ver­fas­sungs­recht­lich die Rati­fi­ka­ti­on durch den Bun­des­tag und den Bun­des­rat auf der Grund­la­ge von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG vor­aus.

Die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Kon­troll­kom­pe­tenz des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist durch die der Schluss­ak­te zum Ver­trag von Lis­sa­bon bei­gefüg­te Erklä­rung Nr. 17 zum Vor­rang nicht berührt. Der Grund und die Gren­ze für die Gel­tung des Rechts der Euro­päi­schen Uni­on in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist der im Zustim­mungs­ge­setz ent­hal­te­ne Rechts­an­wen­dungs­be­fehl, der nur im Rah­men der gel­ten­den Ver­fas­sungs­ord­nung erteilt wer­den kann. Es ist inso­weit nicht von Bedeu­tung, ob der Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts, den das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits für das Gemein­schafts­recht im Grund­satz aner­kannt hat, in den Ver­trä­gen selbst oder in der der Schluss­ak­te zum Ver­trag von Lis­sa­bon bei­gefüg­ten Erklä­rung Nr. 17 vor­ge­se­hen ist.

Die durch den Ver­trag von Lis­sa­bon neu begrün­de­ten oder ver­tief­ten Zustän­dig­kei­ten in den Berei­chen der Jus­ti­zi­el­len Zusam­men­ar­beit in Straf­sa­chen und Zivil­sa­chen, der Außen­wirt­schafts­be­zie­hun­gen, der Gemein­sa­men Ver­tei­di­gung sowie in sozia­len Belan­gen kön­nen im Sin­ne einer zweck­ge­rech­ten Aus­le­gung des Ver­tra­ges und müs­sen zur Ver­mei­dung dro­hen­der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit von den Orga­nen der Euro­päi­schen Uni­on in einer Wei­se aus­ge­übt wer­den, dass auf mit­glied­staat­li­cher Ebe­ne sowohl im Umfang als auch in der Sub­stanz noch Auf­ga­ben von hin­rei­chen­dem Gewicht bestehen, die recht­lich und prak­tisch Vor­aus­set­zung für eine leben­di­ge Demo­kra­tie sind. Dabei ist ins­be­son­de­re Fol­gen­des zu beach­ten:

  • Wegen der beson­ders emp­find­li­chen Berüh­rung der demo­kra­ti­schen Selbst­be­stim­mung durch Straf- und Straf­ver­fah­rens­nor­men sind die ent­spre­chen­den ver­trag­li­chen Kom­pe­tenz­grund­la­gen strikt – kei­nes­falls exten­siv – aus­zu­le­gen und ihre Nut­zung bedarf beson­de­rer Recht­fer­ti­gung.
  • Die Nut­zung der dyna­mi­schen Blan­ket­ter­mäch­ti­gung nach Art. 83 Abs. 1 UAbs. 3 AEUV, „je nach Ent­wick­lung der Kri­mi­na­li­tät“ eine Aus­deh­nung des Kata­logs beson­ders schwe­rer grenz­über­schrei­ten­der Straf­ta­ten vor­zu­neh­men, ent­spricht in der Sache einer Erwei­te­rung der Zustän­dig­kei­ten der Euro­päi­schen Uni­on und unter­liegt des­halb dem Geset­zes­vor­be­halt des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG.
  • Im Bereich der Jus­ti­zi­el­len Zusam­men­ar­beit in Straf­sa­chen sind zusätz­lich beson­de­re Anfor­de­run­gen an die Rege­lun­gen zu stel­len, die einem Mit­glied­staat spe­zi­el­le Rech­te im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­räu­men (Art. 82 Abs. 3, Art. 83 Abs. 3 AEUV: soge­nann­tes Not­brem­se­ver­fah­ren). Das not­wen­di­ge Maß an demo­kra­ti­scher Legi­ti­ma­ti­on über die mit­glied­staat­li­chen Par­la­men­te lässt sich aus dem Blick­win­kel des deut­schen Ver­fas­sungs­rechts nur dadurch gewähr­leis­ten, dass der deut­sche Ver­tre­ter im Rat die in Art. 82 Abs. 3 und Art. 83 Abs. 3 AEUV genann­ten mit­glied­staat­li­chen Rech­te nur nach Wei­sung des Bun­des­ta­ges, und soweit die Rege­lun­gen über die Gesetz­ge­bung dies erfor­dern, des Bun­des­ra­tes aus­übt. – Auch bei Inkraft­tre­ten des Ver­trags von Lis­sa­bon besteht der kon­sti­tu­ti­ve Par­la­ments­vor­be­halt für den Aus­lands­ein­satz der Streit­kräf­te fort. Der Ver­trag von Lis­sa­bon über­trägt der Euro­päi­schen Uni­on kei­ne Zustän­dig­keit, auf die Streit­kräf­te der Mit­glied­staa­ten ohne Zustim­mung des jeweils betrof­fe­nen Mit­glied­staats oder sei­nes Par­la­ments zurück­zu­grei­fen. Er beschränkt auch die sozi­al­po­li­ti­schen Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten des Deut­schen Bun­des­ta­ges nicht in einem sol­chen Umfang, dass das Sozi­al­staats­prin­zip (Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Ver­bin­dung mit Art. 79 Abs. 3 GG) in ver­fas­sungs­recht­lich bedenk­li­cher Wei­se beein­träch­tigt und inso­weit not­wen­di­ge demo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­spiel­räu­me unzu­läs­sig ver­min­dert wären.

Gegen das Gesetz zur Ände­rung des Grund­ge­set­zes (Arti­kel 23, 45 und 93) bestehen eben­falls kei­ne durch­grei­fen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken. Eine Ver­let­zung demo­kra­ti­scher Grund­sät­ze nach Art. 79 Abs. 3 GG erfolgt weder durch Art. 23 Abs. 1a GG n.F., der das Recht zur Erhe­bung der Sub­si­dia­ri­täts­kla­ge als Min­der­hei­ten­recht aus­ge­stal­tet und das Quo­rum auf ein Vier­tel der Mit­glie­der fest­legt, noch durch Art. 45 Satz 3 GG n.F.

Dage­gen ver­stößt das Gesetz über die Aus­wei­tung und Stär­kung der Rech­te des Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes in Ange­le­gen­hei­ten der Euro­päi­schen Uni­on inso­weit gegen Art. 38 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 23 Abs. 1 GG, als Betei­li­gungs­rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes nicht in dem von Ver­fas­sungs wegen erfor­der­li­chen Umfang aus­ge­stal­tet wor­den sind. Gestal­ten die Mit­glied­staa­ten auf der Grund­la­ge des Prin­zips der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung das euro­päi­sche Ver­trags­recht in einer Art und Wei­se aus, dass eine Ver­än­de­rung des Ver­trags­rechts bereits ohne Rati­fi­ka­ti­ons­ver­fah­ren allein oder maß­geb­lich durch die Orga­ne der Euro­päi­schen Uni­on – wenn­gleich unter dem Ein­stim­mig­keits­er­for­der­nis im Rat – her­bei­ge­führt wer­den kann, obliegt den natio­na­len Ver­fas­sungs­or­ga­nen eine beson­de­re Ver­ant­wor­tung im Rah­men der Mit­wir­kung. Die­se Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung muss in Deutsch­land inner­staat­lich den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen ins­be­son­de­re des Art. 23 Abs. 1 GG genü­gen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 30. Juni 2009 – 2 BvE 2/​08, 2 BvE 5/​08, 2 BvR 1010/​08, 2 BvR 1022/​08, 2 BvR 1259/​08 und 2 BvR 182/​09