Die Beschwer­de­ein­rei­chung beim Iudex ad quem

Reicht der Beschwer­de­füh­rer nach Bewil­li­gung von Ver­fah­rens­kos­ten­hil­fe in einem Fami­li­en­streit­ver­fah­ren mit einem Wie­der­ein­set­zungs­ge­such die von ihm unter­schrie­be­ne, mit einer Begrün­dung ver­se­he­ne und an das Amts­ge­richt adres­sier­te Beschwer­de­schrift nebst Über­stü­cken beim Beschwer­de­ge­richt ein, so ist die­ses im Zwei­fel gehal­ten, die Beschwer­de an das gemäß § 64 Abs. 1 FamFG zustän­di­ge Amts­ge­richt wei­ter­zu­lei­ten [1].

Die Beschwer­de­ein­rei­chung beim Iudex ad quem

Anders als in Fäl­len, in denen frist­ge­bun­de­ne Rechts­mit­tel­schrift­sät­ze irr­tüm­lich bei dem im vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­zug mit der Sache bereits befass­ten Gericht ein­ge­reicht wer­den, besteht zwar kei­ne gene­rel­le Für­sor­ge­pflicht des für die Rechts­mit­tel­ein­le­gung unzu­stän­di­gen Rechts­mit­tel­ge­richts, durch Hin­wei­se oder ande­re geeig­ne­te Maß­nah­men eine Frist­ver­säu­mung des Rechts­mit­tel­füh­rers zu ver­hin­dern. Etwas ande­res gilt aller­dings dann, wenn die Unzu­stän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts "ohne Wei­te­res" bzw. "leicht und ein­wand­frei" zu erken­nen ist [2].

Ergreift das ange­ru­fe­ne Gericht in die­sem Fall kei­ne fris­t­wah­ren­den Maß­nah­men, obgleich der Schrift­satz bei ihm so früh­zei­tig ein­ge­gan­gen ist, dass die frist­ge­rech­te Wei­ter­lei­tung an das zustän­di­ge Gericht im ordent­li­chen Geschäfts­gang ohne Wei­te­res hät­te erwar­tet wer­den kön­nen, wirkt sich das Ver­schul­den des Rechts­mit­tel­füh­rers oder sei­nes Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten nicht mehr aus, so dass ihm Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren ist [3].

Gemes­sen hier­an war das Beschwer­de­ge­richt gehal­ten, das Ori­gi­nal der Beschwer­de­schrift an das Amts­ge­richt wei­ter­zu­lei­ten.

Die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te der Antrags­geg­ne­rin hat in der Wie­der­ein­set­zungs­frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO einen Wie­der­ein­set­zungs­an­trag hin­sicht­lich der Ver­säu­mung der Ein­le­gungs­frist gestellt und die bereits mit einer Begrün­dung ver­se­he­ne, an das Amts­ge­richt adres­sier­te Beschwer­de­schrift schuld­haft i.S.v. § 85 Abs. 2 ZPO beim Ober­lan­des­ge­richt ein­ge­reicht. Bei ord­nungs­ge­mä­ßer Ver­fah­rens­füh­rung hät­te sie bis zum Ablauf der Wie­der­ein­set­zungs­frist von zwei Wochen einer­seits die Beschwer­de beim Amts­ge­richt ein­le­gen und ande­rer­seits beim Ober­lan­des­ge­richt Wie­der­ein­set­zung in die Beschwer­de­frist bean­tra­gen müs­sen [4]. Anschlie­ßend hät­te sie bis zum 18.01.2013 die Beschwer­de­be­grün­dung beim Ober­lan­des­ge­richt ein­rei­chen und dort zugleich Wie­der­ein­set­zung wegen Ver­säu­mung der Beschwer­de­be­grün­dungs­frist bean­tra­gen müs­sen.

Das der Antrags­geg­ne­rin zuzu­rech­nen­de Ver­schul­den ihrer Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten wirkt sich wegen der unter­blie­ben Wei­ter­lei­tung indes nicht mehr aus. Zwar mag es sein, dass sich wegen der hier bestehen­den, beson­de­ren Anfor­de­run­gen an das Ver­fah­ren sei­tens der Anwäl­te eine Übung her­aus­ge­bil­det hat, wonach die­se die bereits mit einer Begrün­dung ver­se­he­ne Beschwer­de­schrift sowohl beim Aus­gangs­ge­richt als auch beim Beschwer­de­ge­richt ein­rei­chen. Das ändert hin­ge­gen nichts dar­an, dass das Ober­lan­des­ge­richt im vor­lie­gen­den Fall gehal­ten war, die zutref­fend an das Amts­ge­richt adres­sier­te Beschwer­de­schrift im ordent­li­chen Geschäfts­gang dort­hin wei­ter­zu­lei­ten. Gegen die Annah­me des Ober­lan­des­ge­richts, wonach die bei ihm ein­ge­reich­te Beschwer­de­schrift wegen der dar­in ent­hal­te­nen Begrün­dung auch für das Rechts­mit­tel­ge­richt bestimmt gewe­sen und ein ent­spre­chen­der Schrift­satz beim Amts­ge­richt ein­ge­gan­gen sei, spricht schon der Umstand, dass die Beschwer­de nicht wie in die­sem Fall zu erwar­ten an das Ober­lan­des­ge­richt adres­siert war. Außer­dem hät­te es dann nahe­ge­le­gen, dass die Antrags­geg­ne­rin nicht nur, wie gesche­hen, Wie­der­ein­set­zung in die Ein­le­gungs­frist, son­dern auch in die am 18.12.2012 bereits abge­lau­fe­ne Begrün­dungs­frist bean­tragt hät­te.

Hät­te das Ober­lan­des­ge­richt die bei ihm am 19.12.2012 ein­ge­reich­te Beschwer­de­schrift an das Amts­ge­richt wei­ter­ge­lei­tet, wäre die­se in der erst am 2.01.2013 abge­lau­fe­nen Wie­der­ein­set­zungs­frist beim Amts­ge­richt ein­ge­gan­gen, so dass sich im vor­lie­gen­den Fall das Ver­schul­den der Bevoll­mäch­tig­ten der Antrags­geg­ne­rin im Ergeb­nis nicht aus­wirkt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Juni 2013 – XII ZB 83/​13

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 17.09.2011 – XII ZB 50/​11, FamRZ 2011, 1649[]
  2. BGH, Beschluss vom 17.08.2011 – XII ZB 50/​11, FamRZ 2011, 1649 Rn. 22 ff.[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 17.08.2011 – XII ZB 50/​11, FamRZ 2011, 1649 Rn. 22 ff.; und zum umge­kehr­ten Fall, dass das Rechts­mit­tel beim Aus­gangs­ge­richt ein­ge­legt wor­den ist: BGH, Beschluss vom 19.12.2012 – XII ZB 61/​12, FamRZ 2013, 436 Rn. 9 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.08.2011 – XII ZB 50/​11, FamRZ 2011, 1649 Rn. 15[]