Die Kos­ten einer neu­en Behand­lungs­me­tho­de

Durch den soge­nann­ten "Niko­laus­be­schluss" des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 6. Dezem­ber 2005 1 ist die Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts, dass neue Behand­lungs­me­tho­den in der ambu­lan­ten Ver­sor­gung erst nach Aner­ken­nung durch den Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss (GBA) auf Kos­ten der Kran­ken­kas­se ange­wen­det wer­den kön­nen, für die Fäl­le für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt wor­den, in denen das Leben des Pati­en­ten auf dem Spiel steht. In den Fäl­len, in denen eine dem all­ge­mei­nen aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Stan­dard ent­spre­chen­de Behand­lungs­me­tho­de aber exis­tiert, bleibt es auch ange­sichts der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dabei, dass bei neu­en Behand­lungs­me­tho­den, die noch kei­nen Ein­gang in den ein­heit­li­chen Bewer­tungs­maß­stab (EBM) gefun­den haben und des­halb von Ver­trags­ärz­ten in der ambu­lan­ten Behand­lung nicht abge­rech­net wer­den kön­nen, im Hin­blick auf § 135 Abs. 1 S. 1 SGB V eine Leis­tungs­pflicht der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung erst dann besteht, wenn die neue Metho­de vom GBA einer Prü­fung unter­zo­gen wor­den ist und die­ser in Richt­li­ni­en nach § 92 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 SGB V bereits eine posi­ti­ve Emp­feh­lung über den dia­gnos­ti­schen und the­ra­peu­ti­schen Nut­zen der Metho­de abge­ge­ben hat.

Die Kos­ten einer neu­en Behand­lungs­me­tho­de

So die Ent­schei­dung des Sozi­al­ge­richts Frei­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Frau, die von ihrer Kran­ken­kas­se die Kos­ten einer pri­vat­ärzt­li­chen Behand­lung eines Mam­ma­car­ci­nom­re­zi­di­vs der lin­ken Brust mit­tels soge­nann­ter neu­er Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­den, näm­lich mit­tels Kryo­the­ra­pie und anschlie­ßen­der Immun­the­ra­pie, erstat­tet haben möch­te. Bei der 1963 gebo­re­nen Klä­ge­rin war wegen eines mul­ti­fo­ka­len Mam­ma­car­ci­noms der lin­ken Brust am 31.10.2007 in der Frau­en­kli­nik … eine Qua­dran­ten­re­sek­ti­on der lin­ken Mam­ma samt Ent­fer­nung meh­re­rer Sen­ti­nel-Lymph­kno­ten durch­ge­führt wor­den. Die emp­foh­le­ne Behand­lung (eine loka­le Nach­re­sek­ti­on oder – ange­sichts der Mul­ti­fo­ka­li­tät siche­rer – eine Mas­tek­to­mie, wei­ter eine Stu­di­en­teil­nah­me und/​oder eine Che­mo­the­ra­pie) sind von der Pati­en­tin sämt­lich abge­lehnt wor­den, so dass dann eine Bestrah­lung der Brust im Uni­ver­si­täts­spi­tal … geplant war, die die Klä­ge­rin aber nicht durch­füh­ren ließ. Laut radio­lo­gi­schem Befund­brief vom 26.3.2009 zeig­te eine MRT der Mam­mae dann meh­re­re anrei­chern­de Her­de in der lin­ken Brust mit dem drin­gen­den Ver­dacht auf ein mul­ti­zen­tri­sches Car­ci­nom.

Laut Arzt­brief des Dr. K. aus … vom 17.2.2010, den die Klä­ge­rin offen­bar auch auf Grund von Zei­tungs­be­rich­ten mit dem Wunsch nach einer Kryo­the­ra­pie (Ver­ei­sung der Tumor­her­de) auf­ge­sucht hat­te, war bei der Klä­ge­rin nach dem Rezi­di­vver­dacht eine soge­nann­te Chelat-The­ra­pie durch­ge­führt wor­den; Dr. K. hat­te am 16.2.2010 ein soge­nann­tes mole­ku­la­res Sta­ging mit­tels biop­sie­frei­er Aphe­re­se durch­ge­führt (dazu gab es zwei Abrech­nun­gen nach GOÄ vom 16.2.2010). Dabei stell­te er fest, bei der Klä­ge­rin fän­den sich Zel­len, die den vas­ku­lä­ren endo­the­lia­len Wachs­tums­fak­tor (VEGF) ver­mehrt expri­mier­ten, die inva­siv und pro­te­oly­tisch sei­en, bei denen Zyto­sta­ti­ka wir­kungs­los sei­en, die den Warburg’schen Gärungs­stoff­wech­sel auf­wie­sen, die den mole­ku­la­ren Selbst­mord ver­wei­ger­ten, die che­mo- und strah­len­re­sis­tent sei­en, und die das Immun­sys­tem als Kil­ler­zel­len mit­tels Indol­amin­de­oxy­ge­na­se unter­lie­fen. Als The­ra­pie schlug er der Klä­ge­rin eine soge­nann­te immu­n­ad­op­ti­ve und tar­get­spe­zi­fi­sche The­ra­pie u. a. mit acht Behand­lungs­zy­klen mit NK-Zel­len, ver­stärkt durch Tumor­schutz­imp­fung, sowie den Ver­such der Kryo­the­ra­pie vor. Die Klä­ge­rin über­sand­te Behand­lungs­un­ter­la­gen und Liqui­da­tio­nen des Dr. K. zur Prü­fung an die Geschäfts­stel­le der DAK, wel­che sie dem MDK zur Begut­ach­tung vor­leg­te. Der MDK stell­te in sei­nem Gut­ach­ten fest, es hand­le sich bei der Kryo­the­ra­pie um eine neue Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­de (NUB), die vom gemein­sa­men Bun­dessaus­schuss (GBA) nicht aner­kannt sei. Dar­auf­hin lehn­te die Beklag­te eine Kos­ten­über­nah­me für die kryo­the­ra­peu­ti­sche Behand­lung mit Bescheid vom 20.7.2010 ab. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren hat die Klä­ge­rin Kla­ge erho­ben, um die Kos­ten einer ambu­lan­ten Kryo­the­ra­pie ein­schließ­lich Immun­the­ra­pie auf Basis der Rech­nungs­stel­lung der Kli­nik Dr. K. vom 16.2. bis zum 15.4.2010 in Höhe von 22.948,84 EUR erstat­tet zu bekom­men.

Nach Auf­fas­sung des Sozi­al­ge­richts Frei­burg wür­de ein Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch der Klä­ge­rin für die bei Dr. K. durch­ge­führ­te kom­bi­nier­te Immun- und Kryo­the­ra­pie nach § 13 Abs. 2 SGB V in der hier in Fra­ge kom­men­den Alter­na­ti­ve vor­aus­set­zen, dass die Beklag­te die Gewäh­rung der Leis­tung zu Unrecht abge­lehnt hät­te und dadurch der Ver­si­cher­ten für die selbst­be­schaff­te Leis­tung Kos­ten ent­stan­den wären. Vor­aus­set­zung für einen der­ar­ti­gen Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch ist immer, dass die Kas­se vor der Inan­spruch­nah­me der Behand­lung mit dem Leis­tungs­be­geh­ren befasst wor­den sein muss, soweit dies über­haupt mög­lich war, und der Ver­si­cher­te die Ent­schei­dung der Kas­se abge­war­tet hat, und sich dann auf Grund einer nega­ti­ven Ent­schei­dung der Kas­se, die Leis­tung selbst beschafft hat 2.

Das Kla­ge­be­geh­ren der Klä­ge­rin schei­tert hier – im Gegen­satz zur Auf­fas­sung der Beklag­ten – nicht dar­an, dass die Klä­ge­rin die Kas­se nicht vor Beginn der Behand­lung mit dem Leis­tungs­be­geh­ren befasst hät­te und deren Ent­schei­dung nicht abge­war­tet hät­te. Viel­mehr ist, unter­stellt, die Anga­ben der Beklag­ten sind rich­tig, davon aus­zu­ge­hen, dass Frau L. von der Beklag­ten der Klä­ge­rin klipp und klar erklärt hat, dass eine Kos­ten­über­nah­me für die Behand­lung bei dem Pri­vat­arzt Dr. K. in M. mit­tels neu­er Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­den nicht in Fra­ge kom­me. War die Sach­la­ge so, so hat die Klä­ge­rin, die vor Beginn der Behand­lung bei Dr. K. und vor Unter­zeich­nung der Pri­vat­ho­no­rar­ver­ein­ba­rung mit Dr. K. bei Frau L. vor­ge­spro­chen hat­te, zunächst deren ein­deu­ti­ge Erklä­rung, es wür­den kei­ner­lei Kos­ten über­nom­men, abge­war­tet, und sich erst danach – auf Grund der Ableh­nung der Beklag­ten – die Leis­tung des Dr. K. selbst auf eige­ne Kos­ten beschafft. Ein Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen Leis­tungs­ab­leh­nung und Selbst­be­schaf­fung der Leis­tung bestün­de dem­nach.

War dage­gen der Sach­ver­halt so, wie ihn die Klä­ge­rin dar­ge­stellt hat, hat es sich so ver­hal­ten, dass Frau L. erklärt hat­te, die Klä­ge­rin sol­le sich ruhig ein­mal in Behand­lung des Dr. K. bege­ben, anschlie­ßend die Rech­nun­gen bei der Kas­se vor­le­gen, die dann eine Kos­ten­er­stat­tung prü­fen wer­de. Nach dem Vor­trag, den die Beklag­te hier­zu zunächst getä­tigt hat­te, ist eine sol­che Aus­kunft von Mit­ar­bei­tern am Tele­fon übri­gens häu­fi­ger der Fall. Hat Frau L. der Klä­ge­rin eine der­ar­ti­ge Aus­kunft erteilt, so kann die Beklag­te im spä­te­ren Kos­ten­er­stat­tungs­ver­fah­ren der Klä­ge­rin nicht mehr ent­ge­gen­hal­ten, es feh­le an einem Ursa­chen­zu­sam­men­hang zwi­schen einer zunächst erfor­der­li­chen Ableh­nung der Leis­tung durch die Kas­se und der anschlie­ßen­den Selbst­be­schaf­fung der Leis­tung. Dem wür­den Treu und Glau­ben bzw. die Grund­sät­ze des sozi­al­recht­li­chen Her­stel­lungs­an­spruchs ent­ge­gen­ste­hen, denen zufol­ge die Beklag­te die Klä­ge­rin so zu stel­len hät­te, wie sie bei zutref­fen­der Auf­klä­rung durch Frau Dr. L. gestan­den hät­te. Zutref­fend hät­te Frau L. dar­auf hin­wei­sen müs­sen, dass vor Beginn der Behand­lung bei Dr. K. ein Leis­tungs­an­trag an die Beklag­te zu stel­len sei, und die Ent­schei­dung der Beklag­ten dar­über abge­war­tet wer­den müs­se, ehe die Behand­lung bei dem Pri­vat­arzt auf­ge­nom­men wer­den dür­fe. Hät­te Frau L. die­se zutref­fen­de Aus­kunft erteilt, so wäre die Klä­ge­rin dem­entspre­chend ver­fah­ren und hät­te nicht – der unrich­ti­gen Aus­kunft von Frau L. ver­trau­end, sie kön­ne sich ruhig in die Behand­lung von Dr. K. bege­ben und nach­her die Rech­nun­gen bei der Kas­se zur Prü­fung ein­rei­chen, ohne jeg­li­che Kas­sen­ent­schei­dung die Behand­lung begon­nen.

Ein Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch schei­tert hier jedoch dar­an, dass die Beklag­te nicht ver­pflich­tet gewe­sen ist, eine Behand­lung der Klä­ge­rin mit­tels der von Dr. K. ver­tre­te­nen und ange­wand­ten neu­en Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­de über­neh­men.

Die stän­di­ge höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung 3 hat hin­sicht­lich neu­er Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­den, also sol­cher Metho­den, die noch kei­nen Ein­gang in den ein­heit­li­chen Bewer­tungs­maß­stab (EBM) gefun­den haben und des­halb von Ver­trags­ärz­ten in der ambu­lan­ten Behand­lung nicht abge­rech­net wer­den kön­nen 4, ent­schie­den, dass im Hin­blick auf § 135 Abs. 1 S. 1 SGB V eine Leis­tungs­pflicht der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung erst dann besteht, wenn die neue Metho­de vom Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss (GBA) einer Prü­fung unter­zo­gen wor­den ist und die­ser in Richt­li­ni­en nach § 92 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 SGB V bereits eine posi­ti­ve Emp­feh­lung über den dia­gnos­ti­schen und the­ra­peu­ti­schen Nut­zen der Metho­de abge­ge­ben hat.

Dabei ist wich­tig, dass eine neue Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­de, die in Form eines bestimm­ten umfas­sen­den Behand­lungs­kon­zepts von bestimm­ten Ärz­ten ent­wi­ckelt wor­den ist und ange­wen­det wird, immer in ihrer Gesamt­heit zu beur­tei­len ist, und nicht etwa in ein­zel­ne Behand­lungs­tei­le zer­glie­dert wer­den darf, die jeweils getrennt auf ihre Aner­ken­nung durch den GBA oder eine bis­her feh­len­de Aner­ken­nung zu prü­fen wären 5). Im vor­lie­gen­den Fall wen­det Dr. Küb­ler offen­sicht­lich die Kryo­the­ra­pie ein­ge­bet­tet in sei­ne immun­the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men an; inso­weit spricht er in den The­ra­pie­vor­schlä­gen, die er für die Klä­ge­rin ent­wi­ckelt hat­te, auch aus­drück­lich von mehr­fa­chen immun­the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men und zusätz­lich von einem Ver­such der Kryo­the­ra­pie. Das Behand­lungs­kon­zept des Dr. K. ist also in sei­ner Gesamt­heit zu wür­di­gen, und inso­weit ist zwi­schen den Betei­lig­ten unbe­strit­ten, dass eine Aner­ken­nung durch den Gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss für die­se neue Metho­de nicht vor­liegt. Dass die Klä­ge­rin einen in M. prak­ti­zie­ren­den Pri­vat­arzt auf­su­chen muss­te, um über­haupt die­se Metho­de für die Behand­lung ihrer Krank­heit bekom­men zu kön­nen, spricht im Übri­gen dafür, dass eine brei­te Anwen­dung der neu­en The­ra­pie­me­tho­de durch eine gro­ße Anzahl von Ärz­ten in Deutsch­land noch kei­nes­wegs statt­fin­det und ins­be­son­de­re auch Ver­trags­ärz­te die­se Metho­de nicht anwen­den.

Nach alle­dem stün­de im „Nor­mal­fall“ damit schon fest, dass die Beklag­te die Behand­lung der Klä­ge­rin mit­tels der von Dr. K. ange­wen­de­ten neu­en Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­de nicht schul­det.

Im vor­lie­gen­den Fall beruft sich die Klä­ge­rin aller­dings auf eine Aus­nah­me­si­tua­ti­on, wie sie im Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 06.12.2005 6 her­aus­ge­ar­bei­tet wor­den ist. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in die­sem Beschluss die damals schon ent­wi­ckel­te Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu den neu­en Unter­su­chungs- und Behand­lungs­me­tho­den für Fäl­le für ver­fas­sungs­wid­rig erklärt, in denen das Leben des Pati­en­ten auf dem Spiel steht.

Im Ein­zel­nen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­ge­führt, wenn eine lebens­be­droh­li­che Erkran­kung vor­lie­ge, für die eine ande­re Behand­lungs­me­tho­de nicht zur Ver­fü­gung ste­he, sei es unter dem Aspekt der Schutz­pflicht des Staa­tes für das mensch­li­che Leben aus Art. 2 Abs. 2 GG not­wen­dig, hin­sicht­lich der Beur­tei­lung einer noch mög­li­chen alter­na­ti­ven (sprich neu­ar­ti­gen) Behand­lung des lebens­be­droh­li­chen Krank­heits­zu­stan­des einen erwei­ter­ten Prü­fungs­maß­stab zuzu­las­sen. In der­ar­ti­gen Fäl­len müs­se es aus­rei­chen, wenn eine auf Indi­zi­en gestütz­te nicht ganz ent­fernt lie­gen­de Aus­sicht auf Hei­lung oder auf eine spür­ba­re posi­ti­ve Ein­wir­kung auf den Krank­heits­ver­lauf im kon­kre­ten Ein­zel­fall bestehe.

Ent­schei­dend für den vom Sozi­al­ge­richt Frei­burg zu beur­tei­len­den Fall der Klä­ge­rin ist, dass für ihre Brust­krebs­er­kran­kung im Sta­di­um des Jah­res 2009 (Ver­dacht auf drei neue Tumor­her­de in der lin­ken Brust) eine dem all­ge­mein aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Stan­dard ent­spre­chen­de Behand­lungs­me­tho­de in Form der radi­ka­len Brust­ope­ra­ti­on mit anschlie­ßen­der Bestrah­lung und/​oder Che­mo­the­ra­pie bestan­den hat. Das wird im Prin­zip auch von der Klä­ge­rin nicht bestrit­ten, so dass inso­weit auch ein Hin­weis des Sozi­al­ge­richts auf die Bean­tra­gung eines Gut­ach­tens nach § 109 SGG nicht gege­ben wer­den muss­te, wor­über in der münd­li­chen Ver­hand­lung auch mit der Klä­ger­sei­te Einig­keit erzielt wor­den ist. In den Fäl­len, in denen eine dem all­ge­mei­nen aner­kann­ten medi­zi­ni­schen Stan­dard ent­spre­chen­de Behand­lungs­me­tho­de aber exis­tiert, bleibt es auch ange­sichts der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 06.12.2005 dabei, dass neue Behand­lungs­me­tho­den in der ambu­lan­ten Ver­sor­gung erst nach Aner­ken­nung durch den GBA auf Kos­ten der Kran­ken­kas­se ange­wen­det wer­den kön­nen. Einen Aus­nah­me­fall woll­te das BVerfG nur für die Situa­ti­on zulas­sen, in der der Ver­si­cher­te qua­si aus­weg­los vor der Alter­na­ti­ve eines ärzt­li­chen „Nichts-mehr-Tuns“ und eines ärzt­li­chen Heil­ver­suchs oder Behand­lungs­ver­suchs mit­tels einer neu­en, noch nicht aner­kann­ten Behand­lungs­me­tho­de steht.

Vor die­ser Situa­ti­on stand die Klä­ge­rin jedoch nicht. Viel­mehr stand ihr die im Übri­gen in Deutsch­land jedes Jahr tau­send­fach ange­wen­de­te Stan­dard­me­tho­de einer Brust­ent­fer­nungs­ope­ra­ti­on wegen Mam­ma­car­ci­noms zur Ver­fü­gung. Anschlie­ßend gab es die Opti­on auf eine Bestrah­lung und/​oder eine Che­mo­the­ra­pie sowie auf die schon 2007 von den Ärz­ten in Rhein­fel­den vor­ge­schla­ge­ne hor­mo­nel­le The­ra­pie mit­tels Tam­oxi­fen, die eben­falls jedes Jahr bei Tau­sen­den von Brust­krebs­pa­ti­en­tin­nen in Deutsch­land ein­ge­lei­tet wird. Dass die­ses kon­ven­tio­nel­le Vor­ge­hen kei­ner­lei Hei­lungs­aus­sich­ten böte, macht auch die Klä­ge­rin selbst nicht gel­tend.

Aller­dings beruft sich die Klä­ge­rin dar­auf, es kön­ne ihr unter dem Aspekt des Grund­rechts­schut­zes, der gemäß Art. 2 Abs. 2 GG auch den Schutz der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit umfas­se, nicht zuge­mu­tet wer­den, auf eine all­ge­mein aner­kann­te Behand­lungs­me­tho­de mit­tels ope­ra­ti­ver Ent­fer­nung eines Kör­per­or­gans (hier der weib­li­chen Brust) ver­wie­sen zu wer­den, denn dadurch wer­de ihre kör­per­li­che Unver­sehrt­heit in erheb­li­chem Maße beein­träch­tigt. Des­halb sei die von der Kas­se und vom MDK auf­ge­zeig­te Behand­lungs­al­ter­na­ti­ve mit­tels all­ge­mein aner­kann­ter ope­ra­ti­ver Behand­lung in Wahr­heit kei­ne ech­te Opti­on für sie als betrof­fe­ne Frau.

Das Sozi­al­ge­richt Frei­burg hat die­se grund­recht­lich basier­te Argu­men­ta­ti­on der Klä­ge­rin sorg­fäl­tig geprüft und ist zu der Ansicht gelangt, dass sich die Klä­ge­rin als Kas­sen­pa­ti­en­tin hier auf die all­ge­mein übli­che Behand­lungs­me­tho­de mit­tels der Brust­ope­ra­ti­on ver­wei­sen las­sen muss. Zwar hät­te dies in ihrem Fall vor­aus­sicht­lich die Ampu­ta­ti­on zumin­dest der lin­ken Brust wegen des hoch­gra­di­gen Ver­dachts auf meh­re­re neue Tumor­her­de bedeu­tet, doch wür­de durch die Ope­ra­ti­on nicht in ein gesun­des, son­dern in ein bereits schwer geschä­dig­te Kör­per­or­gan, näm­lich die lin­ke Mam­ma, ein­ge­grif­fen. Inso­fern ist die Argu­men­ta­ti­on der Klä­ge­rin, ihr wer­de eine Beein­träch­ti­gung ihres unver­sehr­ten Kör­per­zu­stan­des zuge­mu­tet, vom Ansatz her nicht zutref­fend. Viel­mehr wird durch die Ope­ra­ti­on ein bereits vom Krebs mehr­fach befal­le­nes Organ ent­fernt. Hin­zu kommt, dass die durch die Organ­ent­fer­nung ein­tre­ten­de erheb­li­che Beein­träch­ti­gung der äuße­re Erschei­nungs­form des weib­li­chen Köpers heut­zu­ta­ge durch Maß­nah­men der anschlie­ßen­den Brust­re­kon­struk­ti­on wie­der zumin­dest vom ästhe­ti­schen Aspekt her weit­ge­hend beho­ben wer­den kann. Soweit die Klä­ge­rin in die­sem Zusam­men­hang auf den gera­de durch die Medi­en gegan­ge­nen Brust­im­plan­tat­skan­dal ver­weist, ist ihr ent­ge­gen zu hal­ten, dass wohl davon aus­zu­ge­hen sein wird, dass der Gesetz­ge­ber ent­spre­chen­de Vor­keh­run­gen schafft, damit kei­ne unfach­män­nisch her­ge­stell­ten Brust­im­plan­ta­te mehr auf den deut­schen Markt gelan­gen kön­nen. Gera­de durch den Skan­dal, der statt­ge­fun­den hat, dürf­te wohl auch davon aus­zu­ge­hen sein, dass die Brust­im­plan­ta­te ein­pflan­zen­den Kli­nik­ärz­te jetzt genü­gend sen­si­bi­li­siert sind, um ihre Implan­ta­te mit noch grö­ße­rer Sorg­falt aus­zu­wäh­len.

Im Zusam­men­hang mit der von der Klä­ge­rin ver­tre­te­nen Argu­men­ta­ti­on, es kön­ne ihr nicht zuzu­mu­ten sein, ein­fach ihre lin­ke Brust (oder gar bei­de Brüs­te, sofern dies die Ärz­te für erfor­der­li­che hiel­ten) ent­fer­nen zu las­sen, weist das Sozi­al­ge­richt auch auf die Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts vom 4. April 2006 7 hin, in wel­cher es das Gericht für ohne Wei­te­res für zumut­bar gehal­ten hat, beim männ­li­chen Pati­en­ten mit einem Pro­stata­car­ci­nom nur im Anfangs­sta­di­um und ohne Meta­stasie­rung die Pro­sta­ta als männ­li­ches Organ voll­stän­dig ope­ra­tiv zu ent­fer­nen. Durch eine der­ar­ti­ge Organ­ent­fer­nung dürf­te nach Auf­fas­sung der Kam­mer der Mann in sei­nem männ­li­chen Eigen­wert ähn­lich stark beein­träch­tigt wer­den, wie die Frau durch die Brust­ent­fer­nung, die immer­hin spä­ter ästhe­tisch durch Implan­ta­te wie­der aus­ge­gli­chen wer­den kann.

Nach alle­dem war die Kla­ge abzu­wei­sen.

Sozi­al­ge­richt Frei­burg, Urteil vom 26. Juli 2012 – S 5 KR 5749/​10

  1. 1 BvR 347/​98; BVerfGE 115, 25-51 = SozR 4 – 2500 § 27 Nr. 5 []
  2. so die stän­di­ge Recht­spre­chung des BSG, u. a. Urteil vom 20.05.2003 – B 1 KR 9/​03 R[]
  3. BSGE 81, 54, 59ff; BSGE 86, 54, 56; BSG SozR 3 – 2500 § 92 Nr. 12 S. 69; BSG, Urteil vom 04.04.2006, B 1 KR 12/​05 R, SozR 4 – 2500 § 27 Nr. 8 mit wei­te­ren Nach­wei­sen[]
  4. BSGE 81, 54, 58[]
  5. dazu ins­be­son­de­re BSG, Urteil vom 14.02.2001 – B 1 KR 29/​00 R, SGb 2001, 519 („Kozi­jav­kin II-Urteil“[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 06.12.2005 – 1 BvR 347/​98; BVerfGE 115, 25-51 = SozR 4 – 2500 § 27 Nr. 5 – „Niko­laus­be­schluss“ – []
  7. BSG vom 04.04.2006, aaO[]